Krebsforschung Aus ideologischem Anbau


Obst und Gemüse sind gesund, aber schützen sie vor Krebs? Viele Studien zu diesem Thema enthielten bislang zwei starke Wirkstoffe: Marketing und - Glauben.
Von Alexandra Rigos

Wie sieht es aus, das ideale Anti-Krebs-Menü? Glaubt man den Schlagzeilen der Publikumspresse, müsste der Speisezettel etwa so lauten: Viel Tomatensoße, schließlich enthält die rote Frucht den Stoff Lycopin, der die gefürchteten freien Radikale unschädlich macht. Ein Muss ist auch Brokkoli, ebenfalls reich an potenten Pflanzeninhaltsstoffen. Im Duett zeigen sich beide Gemüse einer Studie der Universität von Illinois zufolge sogar wirksamer als ein Krebsmedikament - bei Ratten jedenfalls. Etwas Tofu kann nicht schaden, soll doch Soja vor Brust- und Prostatakrebs schützen. Die Mixtur würze man pikant mit Curry und Knoblauch und belege damit eine Pizza. Das Pharmakologische Institut in Mailand hat nämlich herausgefunden, dass Pizzaesser seltener an Darm- und Speiseröhrenkrebs erkranken. Und dazu genehmige man sich eine gute Tasse Tee, grünen natürlich. Er enthält einen Stoff mit dem befremdlichen Namen Epigallocatechin-3-Gallat, der in Zellkulturen die Krebsentstehung hemmt. Aber Kaffee tut es auch: Eine japanische Studie hat gezeigt, dass regelmäßiger Kaffeegenuss das Risiko, an Leberkrebs zu erkranken, um die Hälfte senkt.

Guten Appetit? Nun, schaden wird das Mahl der Gesundheit mit Sicherheit nicht, allenfalls den Geschmacksnerven. Ob jedoch Tomate, Brokkoli oder andere Lebensmittel wirklich so effektiv Krebs vorbeugen, wie es manche Laborversuche hoffen machen, ist weniger sicher. Eine Reihe neuer, groß angelegter Studien hat im vergangenen Jahr viele vermeintliche Gewissheiten über den Zusammenhang von Krebs und Ernährung über den Haufen geworfen.

So ergab ein achtjähriges Experiment mit 49 000 US-Amerikanerinnen, dass fettarme Kost die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, überhaupt nicht und das Brustkrebsrisiko nicht signifikant senkte. Übrigens bewahrte die Light-Diät die Probandinnen ebenso wenig vor Schlaganfall und Herzinfarkt, sie half ihnen nicht einmal, schlank zu werden: Das Körpergewicht der Teilnehmerinnen entwickelte sich unabhängig vom Fettgehalt ihrer Ernährung. Eigentlich hatten die Forscher mit ihrer ungeheuer aufwendigen Untersuchung, der "Women's Health Initiative", genau das Gegenteil all dieser Erkenntnisse beweisen wollen. Kurz zuvor war im angesehenen "Journal of the American Medical Association" (JAMA) eine Überblicksstudie erschienen, nach der die viel gerühmten Omega-3-Fettsäuren mitnichten vor Tumoren schützen.

Weniger schlagkräftig als erhofft

Auch die Wunderwaffen aus der Obst- und Gemüsetheke zeigen sich neuen Erkenntnissen zufolge weniger schlagkräftig als erhofft: Zumindest den Volkskrankheiten Brust- und Prostatakrebs beugt das Grünzeug nicht vor, ebenso wenig dem Eierstockkrebs. Geht es um Lungenkarzinome, profitieren allein Raucher, aber nur von Obst und dass bloß ein bisschen. Diese Entdeckung mag wissenschaftlich interessant sein, für den Hausgebrauch taugt sie wenig: Ein Raucher, der dem Lungenkrebs entgehen will, sollte tunlichst von der Zigarette lassen, statt ein paar Äpfel zu knabbern.

Den Schutzeffekt von Obst und Gemüse relativiert hat das europäische Forschungsprojekt EPIC ("European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition"), bei dem Wissenschaftler aus zehn Ländern an 519 000 Probanden den Einfluss des Speisezettels auf die Krebsrate untersuchen. Hierzulande sind das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg und das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke beteiligt. "Nach der jetzigen Datenlage ist das krebspräventive Potenzial von Obst und Gemüse geringer als bislang angenommen und auf wenige Krebsarten beschränkt", sagt Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE.

Wie kann das angehen? Hatten nicht frühere Untersuchungen nahegelegt, dass eifrige Grünzeug-Esser seltener an Krebs erkranken? Haben nicht Molekularbiologen in ihren Labors mehr und mehr darüber herausgefunden, wie allerlei Pflanzeninhaltsstoffe freie Radikale meucheln, das Erbgut vor chemischen Attacken bewahren oder das Wachstum von Tumorzellen hemmen? Der Glaube an die Macht der Diät, des kontrollierten Essens, ist seit Jahrtausenden in der Medizin, gleich welcher Spielart, verankert, sei es die indische Ayurveda-Lehre oder die antike Heilkunde. Vom griechischen Arzt Hippokrates stammt die Empfehlung: "Lass deine Nahrung Medizin sein und Medizin deine Nahrung." Ein Satz, den auch heute viele unterschreiben würden.

Augenmerk auf die Ernährung durch Kulturvergleiche

Kulturvergleiche scheinen die Annahme zu bestätigen, etwa die Beobachtung, dass Brust- und Prostatakrebs in Japan seltener vorkommen, Magenkarzinome hingegen häufiger. Diese Unterschiede verschwinden bei Auswanderern spätestens in der zweiten Generation: Kinder japanischer Migranten in den USA leiden unter denselben Krebserkrankungen wie andere Amerikaner auch. Die Erklärung in den Lebensgewohnheiten zu suchen drängt sich auf, und zuallererst richtete sich das Augenmerk der Wissenschaftler auf die Ernährung. Schätzwerte geisterten durch die Literatur, nach denen sich zwischen 20 und 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch bessere Kost vermeiden ließen.

So gesehen ist es den Experten kaum zu verdenken, dass sie fleißig Empfehlungen in die Welt gesetzt haben, die einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Seit Jahren bläut ein eigens gegründeter PR-Verein der deutschen Öffentlichkeit ein, man müsse mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich zu sich nehmen, um gesund zu bleiben. Das entspricht etwa 650 Gramm. Wer kein eingefleischter Vegetarier ist, muss sich schon anstrengen, diese Hürde zu nehmen. Interessanterweise empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO lediglich 400 Gramm täglich. Da liegt es nahe, einen Einfluss der Obst- und Gemüselobby auf die deutsche Kampagne zu vermuten, schließlich gehören dem Verein "5 am Tag" neben Krankenkassen und Krebsgesellschaften auch Dutzende Firmen aus der Branche an.

Nachdem die EPIC- Resultate bekannt wur- den, zog zumindest die Deutsche Krebsgesellschaft Konsequenzen: "Wir müssen offensichtlich umdenken und unsere Arbeitsschwerpunkte im Bereich Krebs und Ernährung neu setzen", erklärt Hans Konrad Biesalski, für das Thema zuständiger Sprecher der Organisation.

Glaubenssätze geraten ins Wanken

Noch suchen die Ernährungsspezialisten nach Erklärungen, warum plötzlich einige ihrer Glaubenssätze ins Wanken geraten sind. Als möglich gilt, dass frühere Forschungsarbeiten schlicht in die Irre führten. Sie beruhten zumeist auf sogenannten Fall-Kontroll-Studien, bei denen man gesunde und an Krebs erkrankte Menschen befragt, wie sie sich in der Vergangenheit ernährt haben. Dabei entsteht unter Umständen ein verzerrtes Bild: Zum einen mag die Erinnerung trügen; zum anderen neigen Krebsopfer dazu, sich Antworten auf die bohrende Frage "Warum ich?" zurechtzuzimmern - und ihre Lebensgewohnheiten nachträglich schlechtzureden. Moderne, "prospektive" Studien hingegen gehen von einer Gruppe kerngesunder Teilnehmer aus, zeichnen deren Lebensstil auf und begleiten die Probanden über viele Jahre hinweg. EPIC beispielsweise läuft seit 1992.

Der Perspektivwechsel hat eine Nebenwirkung: "Wir haben mit unseren Studien eine Generation übersprungen", sagt Heiner Boeing, Leiter des Potsdamer EPIC-Projekts. Ältere Forschungsarbeiten hätten die einstigen Kriegskinder betrachtet, in deren Jugend das Essen vor allem satt machen sollte. Obst und Gemüse lagen, zumal im Winter, selten auf dem Teller. Heute hingegen steht in jeder Kantine ein Salatbüffet, gibt es Erdbeeren und Spargel rund ums Jahr. Es sei denkbar, so Boeing, dass der mitteleuropäische Normalverbraucher mittlerweile genug frische Pflanzenkost verspeise - und dass ein paar Karotten mehr das Krebsrisiko nicht weiter drückten.

Einzelne Ergebnisse der EPIC-Studie legen nahe, dass es so etwas wie Schwellenwerte für den Obst- und Gemüseverzehr gibt: Bis zu einer Menge von 300 Gramm pro Tag senkte er bei einigen Tumorarten der oberen Verdauungswege wie Mund- und Speiseröhrenkrebs tatsächlich das Erkrankungsrisiko. "Man sollte deshalb besonders Menschen mit einem sehr niedrigen Obst- und Gemüsekonsum dazu ermutigen, ihre tägliche Verzehrmenge zu erhöhen", sagt Boeing. Größere Portionen aber brachten keinen weiteren Nutzen. Es spielt auch keine Rolle, welche Knollen, Früchte oder Blätter verspeist werden. 300 Gramm entsprechen ungefähr zwei mittelgroßen Äpfeln - und zugleich ebenjener Menge, die jeder Bundesbürger statistisch betrachtet am Tag zu sich nimmt.

Theorie und Ernährungspraxis liegen weit auseinander

Irritierend bleibt, warum all die Lycopine, Flavonoide und wie sie alle heißen im Laborversuch Tumorzellen sichtlich eins auswischen, im realen Leben jedoch so wenig ausrichten. Ein Grund liegt vermutlich in der Dosierung. Um etwa den im Tierversuch beobachteten Anti-Krebs-Effekt von Brokkoli auf den Menschen zu übertragen, müsste man schon jeden Tag mehr als ein Pfund davon essen. Das aber dürfte nicht nur Zeitgenossen mit empfindlicher Verdauung schwerfallen.

Könnte man nicht die Wirkstoffe aus dem Kohl isolieren und in Tablettenform verabreichen? So einfach ist es nicht - sie könnten in größerer Dosis mit der Erbsubstanz reagieren und dann womöglich selbst Krebs erregen. Die alte Weisheit des Paracelsus, nach der die Dosis das Gift macht, gilt eben auch für Brokkoli. Ein Blick auf den Wirkmechanismus seiner Inhaltsstoffe zeigt, warum das so ist: Wie alle Kohlgewächse enthält Brokkoli Glucosinolate, auch Senfölglykoside genannt. Das sind natürliche Pflanzenschutzmittel, die gefräßige Insekten abwehren sollen und Kohl, Rettich und Senf den beißenden Geschmack verleihen.

Beim Brokkoli-Verzehr bildet sich daraus die Substanz Sulforaphan, die wiederum die körpereigene Entgiftungsmaschinerie in Gang setzt: Bestimmte Gene werden angeschaltet, und die Zelle bildet spezielle Enzyme, deren Job es ist, Giftstoffe aus dem Körper herauszuschleusen. Die sogenannten Phase-II-Enzyme schnappen sich dann vermutlich nicht nur das Sulforaphan, sondern auch andere, potenziell krebserregende Stoffe, die sonst ungehindert ihrem Zerstörungswerk hätten nachgehen können. Sulforaphan tut dem Körper also nicht direkt gut, sondern ist sogar ein Giftstoff, der glücklicherweise die zelleigenen Räumkommandos auf den Plan ruft.

Das Bild ist nicht vollständig

Inzwischen haben Molekularbiologen etliche Mechanismen entdeckt, mit denen Pflanzeninhaltsstoffe den Stoffwechsel des menschlichen Körpers beeinflussen. Die Ergebnisse gleichen Puzzleteilchen, die sich allerdings noch nicht zu einem vollständigen Bild fügen. Zu komplex ist das Geschehen in der Zelle, zu viele Substanzen sind beteiligt. Überdies verhält sich eine Chemikalie im Körper keineswegs immer so wie im Reagenzglas.

Das gilt zum Beispiel für viele sogenannte Antioxidantien wie das Vitamin E, die in Laborversuchen freie Radikale ausschalten, als Abfangjäger in vivo jedoch kläglich versagen. Um die einstigen Hoffnungsträger ist es daher in Fachkreisen still geworden: "Antioxidantien haben nicht gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat", sagt Regina Brigelius-Flohé, die am DIfE Nahrungsinhaltsstoffe erforscht. Freilich bringt das die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln nicht davon ab, weiter hoch dosiertes Vitamin E und andere Antioxidantien als gesundheitsfördernd anzupreisen.

Niemand will bestreiten, dass der Konsum von Obst und Gemüse den Körper mit wichtigen Nährstoffen versorgt, Herz und Gefäße schützt; doch die Empfehlung, gezielt mit bestimmten Lebensmitteln gegen den Krebs anzuessen, ist - einen vernünftigen Mindestkonsum von Obst und Gemüse vorausgesetzt - wissenschaftlich nicht haltbar.

Zuviel Fleisch ist ungesund

Also essen, was schmeckt? Ganz so nun auch nicht. So bestätigen Studien wie die EPIC die Vermutung, dass das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller alles andere ist als "ein Stück Lebenskraft": Pro 100 Gramm Tagesration steigt das Darmkrebsrisiko um 49 Prozent, bei derselben Menge Wurstwaren sogar um 70 Prozent. Kritisch ist allerdings nur "rotes" Fleisch - Rind, Schwein, Kalb und Lamm -, nicht aber Geflügel und Fisch.

Als wahrscheinlicher Grund gilt das im "roten" Fleisch reichlich enthaltene Eisen, das die Bildung krebserregender Nitroso-Verbindungen im Körper fördert. Überdies scheint die Zubereitung eine Rolle zu spielen: Stark gesalzene, geräucherte oder gepökelte Fleischwaren wie Kasseler sowie scharf gebratenes oder gegrilltes Fleisch gelten als besonders bedenklich, denn bei diesen Konservierungs- und Garmethoden entstehen ebenfalls kanzerogene Schadstoffe.

Der wohl am besten belegte Einfluss der Ernährung auf das Krebsrisiko ist gleichwohl ein anderer: Mehr als darauf, was wir essen, kommt es darauf an, wie viel wir essen. Genauer gesagt: Wie viel von unseren Mahlzeiten als Speck an der Taille hängen bleibt.

Übergewicht steigert das Krebsrisiko

Übergewicht trägt erwiesenermaßen zur Entstehung so verschiedener Karzinome wie Brust-, Prostata-, Gebärmutter-, Dickdarm-, Speiseröhren- und Nierenkrebs bei. Denn Fettzellen bilden Hormone wie Leptin oder Adiponectin, die sich in den internen Signalverkehr des Körpers einschalten und im Stoffwechsel verschiedene, mitunter verhängnisvolle Weichen stellen. So liegt es nahe, dass sich Fettpolster vor allem bei Tumorarten ungünstig auswirken, deren Wachstum eng mit dem Hormonhaushalt zusammenhängt, wie zum Beispiel Brustkrebs.

Allerdings hängt dies sehr davon ab, wo das Fett sitzt: Schädlich sind nach einer EPIC-Erhebung in erster Linie Rettungsringe um die Taille. Offenbar verhält sich Bauchfett im Stoffwechsel besonders aktiv, während die frauentypischen Polster an Oberschenkeln und Hüften wenig Schaden anrichten.

So gesehen können große Mengen von Obst und Gemüse dann doch vorteilhaft auf das Krebsrisiko wirken, auf Umwegen: Wer sich den Bauch mit Früchten statt mit Schweinshaxe und Sachertorte vollschlägt, nimmt ab - und vermindert somit die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken.

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