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Käuflicher Sex für Menschen mit Behinderung

Zärtlichkeiten, Küsse, Sex - vielen Menschen mit Handicap bleibt das verwehrt. In Nürnberg werden Prostituierte ausgebildet, um auf die Bedürfnisse von Behinderten richtig einzugehen.

Speziell ausgebildete Prostituierte helfen Menschen mit Behinderung Küsse, Zärtlichkeit und Sex zu erfahren

Speziell ausgebildete Prostituierte helfen Menschen mit Behinderung Küsse, Zärtlichkeit und Sex zu erfahren

Roland (Name geändert) ist 60 Jahre alt. Vor wenigen Monaten hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Sex. Denn Roland ist behindert. Für Menschen mit Handicap ist es oft normal, noch nie einen Kuss bekommen oder gar mit jemandem geschlafen zu haben. Helfen kann ihm nun eine Sexualbegleiterin. Die Prostituierte Karin Engel machte im vergangenen Jahr bei einem Kurs mit, den die Beratungsstellen Pro Familia und die Beratungsstelle für Prostituierte Kassandra in Nürnberg organisiert hatten. Darin lernte sie, worauf sie beim Sex mit Menschen mit Behinderung achten muss.

Am wichtigsten sei die Kommunikation mit dem Klienten, erklärt Bärbel Ahlborn, Leiterin der Beratungsstelle. In der Vergangenheit hätte sie häufig Anfragen von Alten- und Behinderteneinrichtungen bekommen, ob es nicht spezielle Angebote für Menschen mit Handicap gebe. Zu den Kursen kämen heute Teilnehmer aus ganz Deutschland, die bei Ahlborn das Zertifikat über eine Ausbildung zum Sexualbegleiter bekommen.

Verbale Hemmung größer als körperliche

Wenn Roland spricht, dann nicht mehr als einen sorgfältig überlegten Satz. Er hat nie gelernt, wie das funktioniert: Eine Frau ansprechen, mit ihr einen Kaffee trinken gehen, ihre Hand halten. Auf andere Menschen einzugehen, zuzuhören, Bedürfnisse zu erkennen und aufzugreifen - das ist ihm fremd. "Einmal in der Lebenshilfe", erinnert Roland sich, "da gab es eine Frau". Die hat ihm gefallen. Seine Frage, die erste und einzige: "Willst du mit mir Geschlechtsverkehr machen?"

"Wir sprechen viel über Kommunikation", sagt Ahlborn: "Wie kriege ich Wünsche heraus und kann auf Bedürfnisse eingehen?" Da sei es zum Beispiel wichtig, möglichst einfache Fragen zu stellen. Habe jemand einen Schlauch im Bauch, würden die Teilnehmer ermutigt, direkt zu fragen, ob es wehtäte, wenn der berührt werde. Oft seien die verbalen Hemmungen im Umgang mit Behinderten und Kranken sehr viel größer, als die körperlichen Hemmungen.

Wenigstens einmal Sex haben

Roland ist körperlich und geistig behindert. Nach dem Tod seiner Mutter vor 20 Jahren, nahm ein befreundetes Ehepaar den damals 40-Jährigen auf. Sie misshandelten ihn jedoch und ließen ihn schließlich einweisen. Das Gericht teilte ihm eine gesetzliche Betreuerin zu. Roland erfuhr zum ersten Mal in seinem Leben, wie es ist, selbstständig zu sein: zuerst im Heim, heute in seiner eigenen Wohnung. Auf einmal durfte er auch Wünsche äußern. Als die Telefonrechnung irgendwann 4000 Mark betrug, sperrte seine Betreuerin die 0190-Nummer. Aber Roland wünschte sich doch nur, wenigstens einmal Sex zu erleben. Seine Betreuer wollten ihn in ein Bordell bringen. Doch dann erfuhren sie von der Beratungsstelle in Nürnberg.

"Ich helfe Roland, sich zu entdecken"

Die Prostituierte Karin Engel, wie sie sich bei der Arbeit nennt, nahm mit drei anderen Frauen und zwei Männern an einem der Kurse im Kassandra e.V. teil. Sie lernte dabei viel über Behinderungen und Krankheiten, aber auch, wie sie Quittungen ausstellt, die Betreuer abrechnen können. Von Oktober an wird es einen zweiten solchen Kurs für Prostituierte geben. "Bei der Begegnung steht nicht der Akt an sich im Vordergrund", erklärt Engel. "Es ist ein ganz besonderer Umgang miteinander, viel achtsamer und respektvoller." Sie helfe Roland, einen Teil von sich zu entdecken, der ihm vorher verschlossen war.

Roland lernt nun, sich auf andere einzulassen. Karin Engels Besuche hätten ihn verändert, sagt seine Betreuerin. Seine Wohnung sei ordentlicher. Er achte mehr auf ein gepflegtes Auftreten. "Neulich hat er mir in die Jacke geholfen und mich gefragt, wie es mir geht. Ich dachte, ich spinne. Das hätte er früher nie gemacht." Sogar die FC-Bayern-Bettwäsche ist jetzt bei Damenbesuch tabu.

Trotz allem, was sich verändert hat, sagt Roland: "Was mir immer wieder durch den Kopf geht: Ich möchte statt der Frau Engel eine richtige Partnerin haben." Eine, mit der er reisen könnte, frühstücken gehen oder einfach ein Buch lesen.

David Ganek/DPA/DPA

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