HOME

Philosophie: Zehn Denker kompakt

Von Platon bis Wittgenstein: ein kleiner Überblick über die wichtigsten Philosophen, ihre Biografie, Kernthese und die Bedeutung für den Menschen von heute.

Von Stephan Maus

Platon (427-347 v. Chr.)

Biografie

Manchmal schneiderte die Antike ihren Helden die Tragödien passgenau auf den Leib: Als Platons großer Lehrer Sokrates vom Athener Gericht zum Tode verurteilt wurde, verlor der Philosoph auch noch den letzten Glauben an das Staatswesen. Von nun an sollte er nach den unumstößlichen Prinzipien der Gerechtigkeit suchen. So war Sokrates' Tod immerhin dazu gut, seinen Schüler zu seinem Lebensthema zu führen. Zwölf Jahre nach dem Tod seines Lehrmeisters gründete Platon in Athen eine eigene philosophische Akademie, der er fast 40 Jahre vorstand. Platon goss seine Gedanken in die Form fiktiver Dialoge, in denen Sokrates als Verkünder der platonischen Lehre auftritt.

Kernthese

Im Kern des platonischen Gedankenmassivs leuchtet das Höhlengleichnis: In einer Höhle sitzen gefesselte Menschen. In ihrem Rücken werden Gegenstände vorbeigetragen, die von einem Feuer beleuchtet werden. Die Menschen sehen nur die Schatten der Gegenstände an der Wand vor sich. Philosophieren bedeutet, die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu entdecken. Die Urbilder hinter den Erscheinungen sind die Ideen, an die wir uns erinnern. Die höchste Idee ist das "Schöne und Gute". Die unsterbliche Seele war besonders vertraut mit der Ideenwelt, bevor sie in den Körper abkommandiert wurde. Sie bleibt auch auf Erden für die Wiedererinnerung zuständig.

Was sagt uns das heute?

Niemals ähnelten die Menschen Platons Höhleninsassen mehr als heute. Wenn wir in unserer Medienkaverne sitzen und die zitternden Schatten der Wirklichkeit über die Bildschirme zucken sehen, kann es nicht schaden, wenn wir uns von Platon daran erinnern lassen, dass die Wahrheit irgendwo hinter dieser Truman-Show schlummert. Und dass es vor allem die gute alte Seele ist, die uns bei der Wahrheitsschau beste Dienste leistet.

Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Biografie

Sein Vater war Leibarzt des Königs von Makedonien, Aristoteles selbst wurde Erzieher Alexander des Großen. Nie war ein Philosoph näher an der Weltmacht. Er war Schüler des Idealisten Platon, verachtete aber nicht wie dieser die Welt der Erscheinungen: Er ließ es an Fingerringen und Haarpflege nicht fehlen und lebte eine Zeit lang mit einer Hetäre zusammen. Seine wahre Leidenschaft aber war allumfassendes Wissen: Aristoteles legte eine Bibliothek und naturwissenschaftliche Sammlungen an.

Kernthese

Dieser Sohn eines "Pillendrehers" verschreibt der Philosophie eine Extradosis Realismus. Er wendet sich gegen die abgehobene Ideenlehre seines Lehrer Platon. Für ihn ist die Wahrheit konkret in der Wirklichkeit erfahrbar. Keine Höhle, keine Schatten, sondern Fakten, Fakten, Fakten, und zwar draußen an der frischen Luft. Als Erster unterteilt er alle Erfahrung in unterschiedliche Sachgebiete. Mit 445 270 Zeilen Gesamtwerk legte er das Grundgerüst der modernen Wissenschaft - dieser Systematiker war der erste Universalgelehrte. Bei ihm hat alles ein sehr ambitioniertes Ziel: größtmögliche Glückseligkeit für alle. Im Urtext klingt das fast schon nach sehr sozialer Marktwirtschaft: "Der wahrhafte Demokrat muss darauf schauen, dass das Volk nicht gar zu arm werde. Denn dies ist die Ursache, wenn eine Demokratie schlecht wird. Man sollte den Ertrag der Staatseinkünfte an die Armen verteilen."

Was sagt uns das heute?

Laut Aristoteles erlangt der Mensch die höchste Erfüllung, wenn er sein Leben der Erkenntnis widmet. Dabei sollte er nicht nach dem Nutzen fragen. Das Denken genügt sich selbst. Wäre dieser Philosoph nicht der ideale Pate einer wirklich humanistischen Bildungspolitik? Aristoteles, diese gut frisierte Wikipedia auf zwei Beinen, würde uns sicheren Schrittes durch die nächste Pisa-Studie führen.

René Descartes (1596-1650)

Biografie

Manchmal hört auch der strengste Rationalist auf die Gaukeleien seines Unterbewusstseins: Durch drei Träume ließ sich der mathematisch hoch begabte Descartes in der Nacht des 10. November 1619 dazu inspirieren, eine radikal neue Philosophie zu wagen. Sein streng analytisches Gedankengebäude errichtete er erst nach einem bewegten Leben voller Reisen, die er zuvor unternommen und auf denen er das "Buch der Welt" studiert hatte. Kein Wunder, dass ein so unruhiger Geist nach einem verbindlichen System suchte, in das er seine vielfältigen Erfahrungen einordnen konnte: Als Mathematiker gründete Descartes die analytische Geometrie. Sein Denken fühlte sich im präzise definierten Raum des kartesischen Koordinatensystems am wohlsten. Jede Form inspirierte ihn zu Formeln.

Kernthese

Dieser Vater der modernen Philosophie nahm sich die mathematische Methode als Vorbild für sein Denken. Sein Gedankensystem sollte nur aus einfachsten Begriffen zusammengesetzt sein, die sich als klar und deutlich erweisen mussten. Der Motor dieses analytischen Denkens war der systematische Zweifel, mit dem Descartes die gesamte philosophische Tradition infrage stellte. Wenn alles in Zweifel gezogen werden kann, bleibt nur noch der Vorgang des Zweifelns selbst als letzte Gewissheit. Von nun an war nicht mehr Gott Drehund Angelpunkt aller Philosophie, sondern das denkende und zweifelnde Ich: "Ich denke, also bin ich."

Was sagt uns das heute?

Bei Descartes sieht man die unermüdlich zergliedernde Vernunft an der Arbeit. Die Lektüre seines "Berichtes über die Methode" ist eine Schule im analytischen Denken. Bewundernswert dieser Mut einer stolzen Vernunft, die alles radikal infrage stellt und noch einmal systematisch ganz von vorn anfängt. Viel- leicht ist diese Methode nicht die schlechteste für unsere Epoche voller Zweifel. Wer zweifelt, ist auf einem guten Weg.

Immanuel Kant (1724-1804)

Biografie

Kant, das ist reine Vernunft made in Germany, das ist Philosophie nach urpreußischem Reinheitsgebot. Von morgens fünf bis abends zehn dachte der Königsberger Professor wie von einer inneren Stechuhr beherrscht. Der lebenslange Single war ebenso verschroben wie gesellig: Jeden Nachmittag kam er in kleinem Freundeskreis zu Nickerchen und anschließendem Plausch zusammen. Diesem Provinzgelehrten war sein Kopf Welt genug: Seine Heimatstadt Königsberg verließ er bis zu seinem Tod kaum. So wurde der Professor zum größten deutschen Denker. All das wusste der liebe Gott schon von Anbeginn aller Zeiten und erfand am sechsten Tag, gleich nach einem Nickerchen unter Hilfsengeln, den unendlichen Schachtelsatz. Extra für Kant.

Kernthese

Kants Hauptwerk "Kritik der reinen Vernunft" gilt als kopernikanische Wende in der Philosophiegeschichte. Nicht einen einzigen Gegenstand, nicht eine Idee nimmt Kant als gegeben hin. Als Erster dringt er vor zu den Strukturen unseres Denkapparates selbst, die all unsere Erkenntnisse bedingen. Die Dinge präsentieren sich uns nicht etwa "an sich" - als Apfel, iPod oder Tod. Sondern sie sind Erscheinungen unserer Verstandesformen und werden nach unseren Anschauungskategorien zusammengesetzt: Einheit, Vielheit, Ursache, Wirkung. Kant suchte nach den unumstößlichen Gesetzen, die unser Handeln und Denken bestimmen. So fand er eine Art Grundgesetz für sämtliche philosophischen Bereiche.

Was sagt uns das heute?

Kant hat die ethische Grundausrüstung geliefert, mit der man noch heute anständig durchs Leben kommt. Viel mehr als die goldene preußische Handlungsmaxime des kategorischen Imperativs braucht man eigentlich nicht: "Handele so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

Biografie

Die Universitäten des 19. Jahrhunderts hatten es gut. Da hockte der absolute Weltgeist noch persönlich am Vorlesungspult: Mürrisch, in tiefsten Gedanken wühlend und sich stotternd und hustend in windige Höhen hoch schwäbelnd - so wird Professor Hegel beschrieben. Etwas kauzig wirkte er wohl schon in jungen Jahren. Noch während des Studiums verpasste man ihm den Spitznamen "der alte Mann". Von 1818 bis zu seinem Tod lehrte er in Berlin, wo er zum "preußischen Staatsphilosophen" ausgerufen wurde.

Kernthese

D er "alte Mann" näherte sich in geschmeidigem Dreisprung dem Göttlichen: Er suchte das Gesetz, das die Welt im Innersten zusammenhält, und fand die Dialektik - These, Antithese, Synthese. Vom kindlichen Geist bis zur göttlichen Vernunft entwickelt sich alles nach demselben Muster: Unvollkommen liegt etwas vor (These), wird mit seinem Gegenpol konfrontiert (Antithese), um schließlich auf einer höheren Stufe zu sich selbst zu finden (Synthese). Schwäbelnd und Viertele schlotzend machte sich Hegel daran, "die Gedanken Gottes vor der Schöpfung" zu denken. Hier der Dreisatz der hegelianischen Metaphysik auf einem Bierdeckel: Träumend ruht der göttliche Geist in sich selbst, entäußert sich in Natur und Ding, um sich in ihnen zu spiegeln, bis er schließlich im menschlichen Denken, in der Philosophie, ganz zu sich selbst findet.

Was sagt uns das heute?

Man darf Hegels Weltgeist ruhig als fantastisches Nachtgespenst in romantischer Tradition begreifen. Trotzdem zeigt sich in diesem Denken ein unverbrüchlicher Glaube an die Kraft des Geistes, der nichts anderes ist als Gott, der zu sich selbst findet. Als Meister der Dialektik zeigt Hegel, dass sich noch die größten Gegensätze zusammenführen lassen. Der Geist kennt keine Grenzen, er sorgt dafür, dass wir auf und davon können, auch wenn wir in der Wirklichkeit noch festsitzen.

Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Biografie

Sein einziger Freund war ein Pudel. Der Rest der Welt war ihm unerträglich. Irgendwann konnte selbst seine eigene Mutter das Geschimpfe nicht mehr ertragen. Wie ein Redneck hatte er immer eine Waffe in seinem Schlafzimmer. Niemals ging er zum Barbier, aus Angst vor dem Messer an der Kehle. Am meisten hasste Schopenhauer die Philosophieprofessoren. In Berlin hielt er seine Vorlesung zur selben Stunde wie sein Erzfeind Hegel, um ihm die Studenten abspenstig zu machen - doch Schopenhauer blieb allein. Einen wie Schopenhauer hat man lieber im Bücherregal als zum Sitznachbarn im Zugabteil.

Kernthese

Dieser Wüterich verteilt nur bittere Pillen. Alles ist Leiden. Wir leben in der schlechtesten aller möglichen Welten. Alles ist Schein. Doch was liegt dahinter? Laut Schopenhauer der Urwille. Er lässt Pflanzen und Kristalle wachsen und die Erde um die Sonne kreisen. Doch dieses ewige Prinzip ist natürlich kein guter Wille. Gut im Kern ist schließlich nur der Pudel. Alles Leiden entsteht im Wüten des zerrissenen Urwillens gegen sich selbst: Kriege, Naturkatastrophen, Paartherapie. Erst wenn der Mensch sich vom Urwillen löst, tritt er aus dem Leiden heraus. In willenloser Askese kommt er in den Genuss der reinen Anschauung. So entpuppt sich Schopenhauer als einer der ersten westlichen Buddha-Jünger.

Was sagt uns das heute?

Von Schopenhauer lernen, heißt zuallererst schimpfen lernen. Was konnte dieses Rumpelstilzchen toben! Hegels Philosophie? Ein "Zusammenschmieren sinnloser, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte". Bei der Lektüre Schopenhauers verliert man jeden Respekt vor Autoritäten. Wie erfrischend, dieser Eigensinn; und wie herrlich, wenn einer die Welt als durch und durch schlecht betrachtet. Denn so schlecht, wie Schopenhauer unsere Welt sieht, kann es keinem Leser gehen - schließlich hat er immer noch das Glück, sich an Schopenhauers brillantem, geistreichem Wüten erfreuen zu dürfen. Dieser pessimistische Meister-Stilist ist ein großer Trost in Zeiten des floskelhaften Stammtischgejammers.

Sören Kierkegaard (1813-1855)

Biografie

Kierkegaard hatte ein nervöses Gemüt und war damit ganz ein Denker der Moderne. Zum Philosophieren kam er über die unglückliche Liebe. Er verliebte sich in ein 15-jähriges Bürgermädchen und verlobte sich mit ihr. Dann kamen ihm Zweifel: Kann er wirklich offen sein? Diese scheinbar mimosenhafte Frage brachte die leistungsstärkste skandinavische Philosophiemaschine in Gang. Seine Schwermut versuchte Kierkegaard mit gesellschaftlicher Zerstreuung zu betäuben: Er kleidete sich extravagant, frequentierte Theater, Salons und Boulevards, ein echter Großstadt- Philosoph. Doch alle Zerstreuung wollte nicht fruchten, er blieb depressiv: "Ich komme jetzt eben aus einer Gesellschaft, wo ich Seele war, die Witze strömten aus meinem Munde, alle lachten, alle bewunderten mich - aber ich, ja, der Gedankenstrich müsste genauso lang sein wie die Radien der Erde - - - ging fort und wollte mich erschießen." Allein das Schreiben und Denken verschaffte ihm etwas Ruhe.

Kernthese

Niemand bringt die Existenzphilosophie Kierkegaards so genau auf den Punkt wie Humphrey Bogart in "Casablanca": "Du musst dich entscheiden, Kleines!" Kierkegaard forschte der Existenz aus radikal subjektiver Sicht nach. Bei dem Dänen fand die Moderne zum ersten Mal zu ihrer Bauchnabelperspektive. Trotz aller Verzweiflung über die Fremdheit gegenüber Welt und dem eigenen Ich definiert sich der Mensch über die Freiheit. Will er ganz zu sich selbst kommen, darf er nicht darin verharren, all die ihm offen stehenden Möglichkeiten nur zu betrachten. Er muss sich für einen Weg entscheiden.

Was sagt uns das heute?

"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" Kierkegaard gibt darüber genau Auskunft: Der Mensch ist exakt derjenige, zu dem er sich macht. Aus der modernen multiplen Persönlichkeit wird erst ein Wesen aus einem Guss, wenn sie eine Wahl trifft. Diese Existenzphilosophie ist mit ihrem messianischen Plädoyer für ein leidenschaftliches Leben ein willkommener Tritt in den Hintern unserer zaudernden Epoche.

Karl Marx (1818-1883)

Biografie

Ein windiger Geselle! Als Jurastudent ging er wegen Ruhestörung und Trunkenheit in den Karzer. Sein erster Protest gegen die Macht des Kapitals bestand in der Anhäufung von Schulden. In London verfasste er 1847 das "Kommunistische Manifest" und später sein Hauptwerk "Das Kapital". Das Kapital rächte sich stehenden Zinsfußes: Marx lebte bettelarm, seine Kleidung verstaubte im Pfandhaus.

Kernthese

Marx nimmt Hegel und stellt ihn auf den Kopf: Nicht ein mystischer Weltgeist bestimmt den Lauf der Geschichte, sondern das, was Marx am meisten bedrückte: die ökonomischen Verhältnisse. Sie sind Basis allen Daseins. Staat, Kunst und Religion sind nur ihr ideologischer Überbau. Da Marx Hegels dialektisches Denken übernahm, verstand er den Lauf der Geschichte als Kampf zwischen der besitzenden und der ausgebeuteten Klasse. Durch die kommunistische Revolution sollte der Mensch in den Genuss seines Arbeitsproduktes kommen und damit auch zu sich selbst.

Was sagt uns das heute?

Jubelte der Kapitalist über den Zusammenbruch des Kommunismus, freut sich der Kommunist jetzt über den Finanz-Crash. Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte seiner Krisen, sagte Marx und behielt recht. Ob man daraus den Kommunismus ableiten muss, ist eine andere Frage. Sicher ist: Wer die Gesellschaft verstehen will, muss die Wirtschaft neu denken. Der Rest ist mehr denn je Überbau. Das wusste schon Bill Clinton, auch Obama profitierte davon. Wahrscheinlich murmelte Marx auf dem Weg ins Londoner Pfandhaus: It's the economy, stupid!

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Biografie

Als ihm schließlich die Vernunft durchging, küsste er aus Mitleid ein misshandeltes Pferd. Der Erfinder des unbedingten Machtwillens war ein sensibler Charakter. Im Bordell spielte er den Prostituierten auf dem Klavier vor. Von seiner Schwester ließ er sich durch Intrigen beherrschen und lebte nach seinem psychischen Zusammenbruch 1889 noch bis zum Tod bei ihr.

Kernthese

Nietzsche nimmt sich die Umwertung aller Werte vor. Alle klassischen Fundamente sind ins Nichts abgesackt. "Gott ist tot", lautet der Befund. Wahrheit, Moral und Religion - nur noch provisorisch über den Abgrund gespannt. Nach seiner unerbittlichen Bestandsaufnahme erfindet Nietzsche eine lebensbejahende Philosophie. An Gottes Stelle tritt der Übermensch, der seinen Machtwillen verwirklicht.

Was sagt uns das heute?

Nachdem sich die Nazis seine nihilistische Machtphilosophie auf die Fahnen geschrieben haben, sind seine Visionen vom Übermenschen ungenießbar. Der scharfsinnige Psychologe und stilistisch brillante Aphoristiker hat eine größere Zukunft als der Machtphilosoph Nietzsche.

Ludwig Wittgenstein (1889-1951)

Biografie

Schon als Kind konstruierte er neuartige Nähmaschinen. Auch sein späteres Denken schnurrte wie eine gut geölte Mechanik. Sein Millionenvermögen schenkte der Wiener Industriellensohn hinweg, teils an Rilke und Trakl, teils an seine Geschwister. Nach dem Studium zog er auf einen einsamen Bauernhof in Norwegen. Er war Dorfschullehrer in Österreich, wo er in einem winzigen Zimmerchen wohnte; und er war Hilfsgärtner in einem Kloster, wo er in einem Geräteschuppen schlief. Selbst als Professor in Cambridge lebte er nur in einem kahlen Zimmer. Am Ende seines Lebens zog er denkend und kränkelnd durch irische Bauernhöfe und Hotels. "Wir machen uns Bilder der Tatsachen", schrieb er. Will man sich ein Bild von Wittgenstein machen, stellt man sich am besten eine präzise arbeitende Nähmaschine auf einem einfachen Stuhl im Zentrum einer gekalkten Mönchszelle vor.

Kernthese

Beherzt entrümpelt Wittgenstein die Philosophiegeschichte. Er denkt die Welt als "Gesamtheit der Tatsachen". Das soll reichen. Mit abgehobener Metaphysik hält er sich nicht auf. Die Frage, ob der Stuhl in seinem Schuppen nun die Inkarnation einer platonischen Idee ist oder gar in den Abgrund des gottlosen Nichts geworfen ist, stellt sich für ihn nicht - wie so viele Scheinprobleme: "Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig." Wittgenstein stützt sich auf präzise Sprachanalyse und traut nur klaren Kernaussagen über Sachverhalte: Die Nähmaschine ist schwarz. Punkt. Aus solchen Elementarsätzen setzt sich das Räderwerk seines Denkens zusammen. So kommt er zu dem Schluss: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Was sagt uns das heute?

Unser Lieblingsphilosoph. Nun kommt die Ära der Entrümpelung! Unser Vermögen? Investieren wir in Lehman-Zertifikate. Alles muss raus! Auch in unserer Gedankenrumpelkammer wird aufgeräumt. Nur, was sich eindeutig formulieren lässt, bleibt: Tisch, Stuhl, Bett. Wenn Heidegger heideggert "Das Nichts nichtet", nichtet uns das aus wabernden Schwarzwaldnebeln entgegen. Wir möchten mit Wittgenstein eine klare Sprache lernen. Und dabei jede Mystik aus unserem Denken ausklammern.

Mitarbeit : Otto A. Böhmer

print