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Seele & Sexualität: Sucht

Alkohol, Nikotin, Medikamente - Millionen Deutsche sind abhängig. Forscher beginnen zu verstehen, wie Sucht die Funktion des Gehirns verändert und warum manche Menschen gefährdeter sind als andere.

Sucht wird in der Gesellschaft noch immer stigmatisiert

Der Tag war zum Verrückt werden: Schon wieder hat der Kunde gemeckert, dass das Konzept für das Großprojekt noch nicht steht. Zu Hause herrscht seit Wochen dicke Luft, weil es in letzter Zeit im Büro oft später wird. Jetzt erst einmal ein kühles Bier trinken und in Ruhe eine Zigarrette schmauchen - danach sieht die Welt schon besser aus!

Alkohol, Nikotin, Tabletten - wir haben uns daran gewöhnt, chemische Substanzen einzusetzen, um unsere Laune zu heben, um Ärger, Frust und kleine Beschwerden zu vertreiben. Keine Party ohne Zigaretten, Sekt, Wein, Bier oder Champagner. Bei vielen Jugendlichen gehören auch Haschisch und Ecstasy ganz selbstverständlich zum Feiern und Ausspannen. In manchen Kreisen gar Kokain. Und wer macht sich schon Gedanken, wenn er in Zeiten der Anspannung zu Kopfschmerzmitteln und Schlummerhilfen greift?

Doch was dem einen den Alltag angenehmer macht, kann dem anderen zum Verhängnis werden. Mit der Zeit wird bei ihm das Verlangen nach der nächsten Zigarette, dem nächsten Schluck Alkohol, nach der nächsten Pille so stark, dass es die Gedanken beherrscht. Dass weder Arbeit noch Entspannung ohne die Droge möglich scheinen und schließlich der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen wird - mit je nach Suchtstoff unterschiedlichen Folgen. Millionen Menschen in Deutschland sind keine Genießer oder Gelegenheitsnutzer, sondern Abhängige: Allein 5,8 Millionen gelten als süchtige Raucher. 1,4 Millionen sind abhängig von Medikamenten, über 150000 von harten Drogen wie Heroin oder Kokain. Vom Alkohol, der Volksdroge Nummer eins unter den bewusstseinsverändernden Mitteln, sind 1,6 Millionen abhängig, weitere 2,7 Millionen trinken so viel, dass sie als stark gefährdet gelten.

Trotzdem "wird Sucht in unserer Gesellschaft noch immer stigmatisiert und tabuisiert", klagt der Psychiater und Neurologe Karl Mann von der Universität Heidelberg, der den bislang einzigen Lehrstuhl für Suchtforschung in Deutschland innehat. Während der Gebrauch vieler Drogen weithin akzeptiert ist, gilt die Sucht als Problem bestimmter sozialer Schichten, als Zeichen einer haltlosen Persönlichkeit, als Beleg für Willensschwäche und mangelnde Disziplin. Kein Wunder, dass viele der Betroffenen sich ihre Abhängigkeit lange nicht eingestehen mögen.

Forscher wissen, dass Süchtige entgegen den Klischees in allen Gesellschaftsschichten vorkommen. Aber ob Maurer oder Professor: Nicht jeder, der etwa mit Alkohol häufig in Berührung kommt, entwickelt eine Abhängigkeit. Wie kommt es, dass mancher sein Leben lang gedankenlos Bordeauxwein trinken kann und ein anderer dem Stoff verfällt? Warum fällt es manchen Menschen leicht, von heute auf morgen mit dem Rauchen aufzuhören, während andere sich jahrzehntelang damit quälen? Selbst Experten haben darauf noch keine erschöpfenden Antworten. Doch inzwischen fügen sich immer mehr Puzzleteile zum Bild.

Erbanlagen und Kindheitserfahrungen spielen eine große Rolle bei der Suchtentwicklung

Forscher schätzen, dass für die Entstehung von Abhängigkeiten die Erbanlagen etwa zur Hälfte verantwortlich sind. So zeigen Studien, dass das Risiko eines eineiigen Zwillings, alkoholkrank zu werden, um das Zehnfache erhöht ist, wenn der andere Zwilling abhängig ist. Welche Gene dafür verantwortlich sein könnten, ist noch nicht abschließend geklärt. Experimente an der Duke University in North Carolina haben allerdings gezeigt, dass Gene, die den Stoffwechsel des Botenstoffs Serotonin beeinflussen, hier eine Rolle spielen könnten: Nach einer winzigen Manipulation an den entsprechenden Stellen der Erbsubstanz zeigten Mäuse schon von Geburt an ein starkes Suchtverhalten - und zwar sowohl für Alkohol als auch für Kokain.

Wie groß der Einfluss der Erbanlagen sein kann, erschließt sich auch beim Vergleich verschiedener Populationen. So bauen viele Asiaten Alkohol wesentlich langsamer ab als die meisten Europäer. Schon von ein paar Schluck Bier oder Wein bekommen sie einen roten Kopf und beginnen heftig zu schwitzen. Der krasse Effekt scheint sie vor Schlimmerem zu schützen: Alkoholabhängigkeit kommt in Japan viel seltener vor als hierzulande.

Umgekehrt deuten mehrere Untersuchungen darauf hin, dass Menschen, die besonders viel Alkohol vertragen, nicht etwa besonders gut vor Trunksucht gefeit sind. Im Gegenteil: Wer "jeden unter den Tisch trinken kann", weil er nur wenige unangenehme Auswirkungen des Alkohols verspürt, ist in Wirklichkeit besonders gefährdet, abhängig zu werden. Denn diesen Menschen fehlt ein natürliches Warnsignal, das sie vor Trinkexzessen und der Entwicklung einer Abhängigkeit bewahrt.

Neben den Erbanlagen scheinen Erfahrungen aus Kindheit und Jugend eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung von Abhängigkeit zu spielen. Tierversuche haben etwa gezeigt, dass Rhesusaffen, die ohne Mütter aufwachsen, als erwachsene Tiere exzessiv Alkohol trinken, wenn er ihnen in Experimenten angeboten wird. Vor der Pubertät sind sie eher ängstlich und angespannt. Danach wirken vor allem die männlichen Tiere aggressiv und gereizt. Die Erklärung liegt für Karl Mann auf der Hand: "Soziale Isolation ist einer der wichtigsten Stressfaktoren bei Menschen und anderen Primaten." Wie die Forscher herausfanden, war bei den mutterlosen Affen der Hirnstoffwechsel dauerhaft gestört.

Andere Studien haben gezeigt, dass Menschen, die in ihrer frühen Kindheit körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt waren, als Erwachsene häufig unmäßig viel Alkohol konsumieren und ein erhöhtes Risiko haben, abhängig zu werden.

Natürlich hängt es auch ganz wesentlich von der Droge selbst ab, wie schnell ein Mensch süchtig wird. Sie greift auf zweifache Weise in den Hirnstoffwechsel ein: Zum einen setzt sie so genannte Endorphine frei, zum anderen aktiviert sie das "Belohnungssystem" im Kopf. Die Endorphine sind körpereigene Opium-Verwandte, die euphorisierend und schmerzstillend wirken, aber auch Ängste und Hemmungen lösen können. Das "Belohnungssystem" verknüpft mit Hilfe des Botenstoffs Dopamin die Wirkung der Endorphine mit der Droge. Ist die Verknüpfung zwischen der Droge und dem Wohlgefühl einmal etabliert, kann kaum etwas diesen Zusammenhang wieder aus dem Gedächtnis löschen.

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Kein Mensch wird von einem einzigen Mal Ausprobieren abhängig

Bei Menschen mit einem niedrigen Serotonin-Spiegel scheint diese Verbindung besonders schnell hergestellt zu werden. Die Droge verspricht fortan Belohnung - und zwar stärker und schneller, als sie anderweitig zu erlangen wäre. Der Preis für das gute Gefühl ist, dass sich das empfindliche Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn dauerhaft verschiebt. Fehlt die Droge, kommt es zu Entzugserscheinungen. Der Abhängige braucht seinen Suchtstoff, um sich wieder "normal" zu fühlen.

Je schneller die Substanz ins Gehirn gelangt und je heftiger der Kick ausfällt, desto größer ist auch das Abhängigkeitspotenzial. Beispiel Heroin: Das aus dem Saft der Schlafmohnkapsel hergestellte Opiat flutet nicht nur Sekunden nach der Injektion in die maßgeblichen Hirnareale. Es ist auch um ein Vielfaches stärker und besitzt ein noch wesentlich höheres Abhängigkeitspotenzial als das nah verwandte Morphin. Kokain kann schon in seiner üblichen Darreichungsform binnen kurzer Zeit vor allem psychisch abhängig machen. Noch weitaus gefährlicher als der darin enthaltene Wirkstoff Kokainhydrochlorid ist jedoch die durch Kochen in einer Backpulverlösung gewonnene Kokainbase "Crack". Bereits nach dem ersten Mal Crack-Rauchen entstehen Entzugssymptome.

Dennoch: Kein Mensch wird schon von einem einzigen Mal Ausprobieren abhängig - nicht einmal von Heroin. "Dieses Schreckgespenst, das vor allem im Zusammenhang mit illegalen Drogen immer wieder gezeichnet wird, basiert auf einem längst widerlegten Märchen", sagt der Neurobiologe Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). Schließlich wird den meisten Menschen, die Opiate zum ersten Mal nehmen, erst einmal schlecht. "Ohne einen gewissen Gruppendruck würden viele nach diesem Erlebnis kaum weitermachen."

Je nach Suchtstoff kann die Entwicklung einer Abhängigkeit Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern - und genau deshalb wird sie oft erst spät wahrgenommen. So beginnt der Weg in den Alkoholismus womöglich mit einer Lebenssituation, in der sich häufiges Trinken "einfach ergibt": viele Einladungen und Feste, der Umgang mit Freunden oder Kollegen, für die Alkohol ganz selbstverständlich zur Geselligkeit gehört. Vielleicht wird aus dem entspannten gelegentlichen Feierabendbier zu Hause auch die Gewohnheit, jeden Tag mit einem Pils ausklingen zu lassen. Oder mit zweien oder dreien.

Wenn jemand aufgrund seiner Veranlagung oder seiner sozialen Prägung besonders gefährdet ist, wenn womöglich noch psychische Belastungen wie Partnerschaftskonflikte und Probleme im Beruf oder Ängste und Minderwertigkeitsgefühle hinzukommen, kann der Stein ins Rollen geraten: Nach und nach nimmt das Trinken zu, wird unkontrollierbar. Man gönnt sich schon am Nachmittag einen Drink, obwohl man erst nach 18 Uhr beginnen wollte. Es gibt keinen Tag mehr, an dem kein Alkohol getrunken wird. Und obwohl man sich fest vorgenommen hat, auf einer Party nur zwei Flaschen Bier zu trinken, werden es doch wieder fünf bis sechs, weil man einfach nicht mehr aufhören kann. Auch regelrechte Exzesse nehmen zu: Es kommt wiederholt zu Alkoholvergiftungen, die Gedächtnisstörungen - den berüchtigten "Filmriss" - zur Folge haben.

Der Weg aus der Abhängigkeit bedarf meistens professioneller Hilfe

Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Körper meist bereits so weit an die Droge gewöhnt, dass immer größere Mengen Alkohol nötig sind, um die beabsichtigte Wirkung zu spüren - ein Effekt, den Experten Toleranzentwicklung nennen. Schließlich ruft schon die Unterbrechung der Alkoholzufuhr durch den Schlaf in der Nacht Entzugssymptome hervor, bei denen der Körper regelrecht nach der Droge "schreit": Hände, Zunge und Augenlider zittern, es kommt zu Bewusstseinsstörungen, im schlimmsten Fall sogar zu Hirnkrämpfen.

Bei längerem Entzug kann es zu massiven Störungen der Nervenfunktionen kommen, die nicht nur Schmerzen, sondern auch Angstattacken und Halluzinationen hervorrufen; sie können sogar zu lebensgefährlichen Kreislaufzusammenbrüchen führen. Um solche Horrortrips zu vermeiden, greifen die meisten Alkoholiker schließlich schon morgens zum ersten Glas.

Hat die Sucht erst einmal vom ganzen Menschen Besitz ergriffen, ist der Weg aus der Abhängigkeit meist nur noch mit professioneller Hilfe zu schaffen. Diese muss für viele Betroffene mit einer körperlichen Entgiftung beginnen. Medikamente können dabei helfen, die Gier zu dämpfen. Doch um auf Dauer abstinent zu bleiben, braucht es mehr: eine engmaschige Betreuung durch Psychotherapeuten und Sozialarbeiter, die den Patienten helfen, ihren Alltag auch auf Dauer ohne Drogen zu meistern. Dann haben selbst schwer alkoholkranke Patienten eine Chance von 50 bis 65 Prozent, auch noch Jahre nach der Behandlung abstinent zu bleiben.

Das setzt allerdings voraus, dass Therapeuten und Angehörige auch in Krisensituationen richtig reagieren, betont die Neurologin Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. "Noch immer halten zum Beispiel selbst manche Ärzte einen Rückfall für eine Bagatellerscheinung." Ein gravierender Irrtum, wie Untersuchungen der Suchtforscherin zeigen. "Ein Rückfall ist ein Notfall, bei dem die Therapeuten sofort eingreifen müssen. Sonst dreht sich die Spirale sofort wieder nach unten."

Am vernünftigsten ist es freilich, eine Sucht erst gar nicht aufkommen zu lassen. Und da nur wenige Menschen von vornherein wissen, ob sie besonders gefährdet sind, stellen Wachsamkeit und Maßhalten den besten Schutz dar: Trinken Sie nicht, wenn Sie ein dringendes Bedürfnis nach Alkohol haben. Sonst bekommen Wodka oder Wein eine gefährliche Rolle als Seelentröster.

Um Schäden zu vermeiden, sollte man sich an die von Suchtexperten empfohlenen Grenzwerte für einen risikoarmen Konsum halten: bis zu 20 Gramm reiner Alkohol pro Tag für Frauen, bis zu 30 Gramm pro Tag für Männer. Das entspricht in etwa zwei beziehungsweise drei Gläsern Wein oder Bier. Hilfreich sind auch regelmäßige Mini-Abstinenz-Phasen, zum Beispiel zwei Tage Trinkverzicht pro Woche.

Wer bereits an solchen kleinen Übungen scheitert, sollte aufmerksam werden, denn womöglich ist er bereits auf dem Weg in die Sucht. Wer gar 50 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nimmt, gilt definitiv als Risikokandidat und sollte deshalb möglichst schnell versuchen, seinen Lebensstil zu ändern - wenn nötig mit professioneller Hilfe. Denn wie für jede andere Krankheit gilt auch für die Abhängigkeit: Je früher sie bekämpft wird, desto größer sind die Chancen, sie in den Griff zu bekommen.

Von Cornelia Stolze