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Abenteuer Menschheit: Südamerika

Den südlichen Teil des amerikanischen Kontinents besiedelten Menschen relativ spät. Die erste Welle kam wahrscheinlich vor etwa 13 000 Jahren aus dem Norden im Amazonasbecken an.

Dicke Schweißperlen stehen auf seiner Stirn

Vom toten Bruder ist nur noch ein Häufchen Asche übrig. Graues Pulver in einer kleinen Kalebasse, die der Schamane mit beiden Händen hält wie eine Opfergabe. "Bruder, mein Bruder", klagt schluchzend die Schwester. Ihre Wangen sind zum Zeichen der Trauer rußgeschwärzt. Neben ihr hocken mit roten und schwarzen Ornamenten bemalte Krieger um eine Schüssel voll Bananensuppe und stimmen in die Klage ein. Der Schamane öffnet das Kürbisgefäß. Er lässt die Asche in die gelbe Suppe rieseln. Mit den Händen verrührt er das Pulver, bis die Brühe grau und dickflüssig ist.

Dann springt er plötzlich hoch, zückt eine Machete und führt ein paar wuchtige Hiebe gegen imaginäre Feinde. Er lässt das Haumesser fallen und zerrt mit Händen, die sich wie Klauen verkrampfen, an etwas, das für unsere Augen unsichtbar ist, doch dumpf und schwer über der Schale zu lasten scheint. Es sind die Dämonen, die selbst noch in der Asche des Verstorbenen lauern. "Dööi, dööi, dööi", zischt der Mann. Dicke Schweißperlen stehen auf seiner Stirn: Weg mit euch! Lasst uns und den Toten in Ruhe!

Ein kurzer Wink hin zum Schwager des Verstorbenen. Der schöpft eine Hand voll Suppe aus der Schüssel und trinkt sie. Dann reicht er die Schale an die anderen Krieger weiter. Sie tun es ihm gleich, bis nichts mehr übrig ist von der grauen Flüssigkeit.

Mit der Asche haben sie sich den Toten einverleibt

Jetzt werden sie wieder ruhig schlafen können. Denn mit der Asche haben sie sich den Toten einverleibt, haben ihn endgültig den bösen Geistern entrissen. Die wohnen in den Leichen und bedrohen die Lebenden, solange nicht jede Spur der Verstorbenen beseitigt ist.

Gleich einen Tag nach seinem Tod hatte man den Mann verbrannt. Die größeren Knochen, mit denen das Feuer nicht fertig wurde, waren in einer feierlichen Zeremonie in einem Mörser zerrieben und mit der Asche vermischt worden. Am Ende des Rituals fliegt die Kalebasse, in der Knochenmehl und Asche aufbewahrt wurden, ins Feuer. Dazu das Schnupfrohr, mit dem sich der Verstorbene zu Lebzeiten die Kräuterdroge Epena durch die Nase zog. Dann seine Pfeilspitzen und sein Bogen. Nichts soll mehr an ihn erinnern. Von heute an darf sein Name nie wieder ausgesprochen werden. Nicht einmal die Gärten, in denen er seine Bananen, seinen Maniok und seinen Tabak anbaute, werden weiter genutzt. Hat er jemals existiert?

Nicht für sein Dorf. Und nicht für die bösen Geister. Sobald seine Überreste in den Lebenden aufgegangen sind, ist die Welt der Dämonen wieder im Lot. Wenigstens für den Augenblick.

Es ist eine magische Welt

Große Körbe werden mit weißen Maniok-Fladen und geräuchertem Tapir-Fleisch von den trauernden Verwandten voll gepackt. Man stellt sie vor die Hütten der übrigen Familien des "Shaponos", wie die Yanomami ihre Dörfer nennen, und vor die Hängematten der Gäste von außerhalb als Dank für die Anteilnahme. Das Dorf Sheroana - sieben Hütten, gut 40 Einwohner und fünf Stunden Fußmarsch zum nächsten Shapono - kann wieder aufatmen.

Es ist eine magische Welt, in der das Volk der Yanomami am Oberlauf des Orinoko noch heute, zu Beginn des 3. Jahrtausends, lebt. Ein Kosmos ohne Himmel und Hölle, aber bevölkert von unsichtbaren, meist widrigen Kräften. Eine Welt der Rituale und Tabus, wie wir sie aus der Steinzeit kennen. Die Parallelen kommen nicht von ungefähr: Die Yanomami sind die wohl letzte Steinzeitkultur auf dieser Erde, eine winzige Enklave aus jener Epoche, während der der Homo sapiens sich Schritt für Schritt die Erde untertan machte.

Dieses Volk von heute 25 000 Personen überdauerte ausgerechnet in Südamerika, dem Kontinent, den die Große Wanderung der Menschen als letzten erreichte. In ihrem abgelegenen Wohngebiet, dem Regenwald an der Grenze zwischen Brasilien und Venezuela, stehen die Yanomami erst jetzt an der Schwelle vom Wanderleben der Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit und von der Stein- zur Metallzeit. Sie vermitteln uns - sozusagen live - einen zeitversetzten Einblick in diese prähistorischen Umbrüche. Wir wissen nicht genau, wann die ersten Menschen in Südamerika ankamen - vor 13 000 Jahren zumindest sind sie archäologisch eindeutig nachgewiesen. Und fest steht, dass sie einen langen Weg hinter sich hatten.

Diese Erbkrankheit ist eigentlich ein genetischer Defekt

Vor 100 000 Jahren etwa war der moderne Mensch als dunkel pigmentierter Bewohner der Tropen in Afrika aufgebrochen. Dann hatte er sich um etwa 60 000 bis nach Vorderasien ausgebreitet. Im Verlauf einiger zigtausend Jahre war ein Teil der Menschheit in die Welt der nördlichen Breiten vorgestoßen, hatte gelernt, selbst klirrend kalte sibirische Winter zu überleben, und mit der Zeit Hautfarbe und Erscheinung geändert. Als der Mensch schließlich die eisfreie Beringstraße, damals eine Landbrücke, überquerte - nach Meinung einiger Wissenschaftler vor mehr als 20 000 Jahren, nach der Auffassung anderer erst vor 13 000 Jahren -, sah er schon "mongolisch" aus: mandelförmige Augen, glattes schwarzes Haar, gelblich-braune, eher helle Haut.

In der Neuen Welt durchlief der Mensch die Klimazonen umgekehrt. Aus der Kälte der Arktis drang er in die gemäßigten Regionen Nordamerikas vor, um schließlich in Südamerika wieder am Äquator zu landen, in denselben tropischen Breiten, aus denen er einst aufgebrochen war. Für die genetische Wiederanpassung an das tropische Klima war die Zeit jedoch zu kurz. So unterscheiden sich die Yanomami in Erbgut und Aussehen wenig von den Eskimo, obwohl beider Lebensraum extrem verschieden ist.

Dass Mutation und Selektion meist viel zu langsam reagieren, um mit dem Tempo des Homo sapiens Schritt zu halten, zeigt das berühmte Beispiel der Sichelzellen-Anämie. Diese Erbkrankheit ist eigentlich ein genetischer Defekt. Personen, die daran leiden, besitzen sichelartig verformte rote Blutzellen. Ihr Blutkreislauf transportiert lebenswichtigen Sauerstoff weniger effizient als normale runde Blutkörperchen. In den Tropen kann dieser Defekt zum Vorteil werden. Dort nämlich, wo die Malaria wütet.

Die Malaria kam erst mit den Sklavenschiffen nach Amerika

Denn die Malaria-Erreger sind auf optimalen Sauerstofftransport angewiesen und können sich im Blut von Menschen mit Sichelzellen-Anämie nicht richtig entwickeln. Sichelzellen-Anämie, obwohl eine ernste Krankheit, bedeutet also einen Schutz gegen Malaria. In Afrika hat die Natur im Verlauf von Jahrtausenden darauf reagiert. In den malariaverseuchten Gebieten ist heute der Anteil der Menschen mit Sichelzellen-Anämie extrem hoch. Sie sind zwar nicht gesund, aber gegen Malaria weitgehend immun.

Bei den Indianern hat sich diese Mutation nie durchgesetzt, weil es in Amerika bis in die jüngste Zeit keine Malaria gab. Erst nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus wurde auf den Sklavenschiffen aus Afrika die Seuche eingeschleppt und breitete sich rasend schnell aus. Die indianische Urbevölkerung war der Malaria schutzlos ausgeliefert. Die Menschen starben wie die Fliegen. Heute ist die Krankheit unter den Indianern am Orinoko und in Amazonien die häufigste Todesursache.

"Heiß, heiß", stöhnt die alte Frau in ihrer Hängematte aus dem Halbdunkel. Sie ist zu schwach, um zu trinken. Ein Fieberschub schüttelt ihren ausgezehrten Körper. Manchmal hustet sie Blut.

Mit Epena, der Droge, verschafft er sich Zugang zur Geisterw

Es ist früher Nachmittag in Sheroana. Um das große Rund des Dorfplatzes scharen sich die Hütten, kaum mehr als schräge Dächer aus Palmwedeln auf vier Pfosten. Die Sonne sticht. Aber die ersten Gewitterwolken ziehen bereits über der hell geäderten Felswand auf, die hinter dem Ort aufragt und ihm den Namen gegeben hat. Sheroana, "gestreifter Fels" auf Yanomami.

Jetzt schlägt die Stunde des Schamanen. Der kleine muskulöse Mann geht den Übeln auf seine Art zu Leibe. Mit Epena, der Droge, verschafft er sich Zugang zur Geisterwelt. Es ist ein schmerzlicher Einstieg. Das geschnupfte Epena brennt auf den Nasenschleimhäuten, lässt den Schamanen schnüffeln, spucken, rotzen und schließlich auch noch kotzen. Doch dann hat er sich mit triefender Nase eingeklinkt in die Welt der Dämonen. Schüttelt die Geister, springt sie an, knurrt sie an, spuckt sie an.

Er singt und stöhnt in Trance, beugt sich über die halb bewusstlose alte Frau und streift pantomimisch mit seinen Händen von ihr ab, was immer an Unheil sich auf ihr festgesetzt hat, ohne ihren Körper wirklich zu berühren. Nach einer Weile sackt er in sich zusammen, leer und erschöpft. Die alte Frau dämmert weiter vor sich hin.

Richtige Protein-Brocken sind im Dschungel schwer zu ergatte

Zwei Dutzend Augenpaare verfolgen das Tun des Schamanen mit mäßigem Interesse. Für sie ist die atemberaubende Vorstellung Routine, Alltagsarbeit eines Doktors. Fast beiläufig tauchen Männer im Lendenschurz, Pfeil und Bogen geschultert, aus dem Urwald auf, der zwei Schritte hinter dem Shapono beginnt und sich dann in jede Richtung über viele hundert Kilometer erstreckt. Heute hatten die Jäger Glück. Zwei von ihnen tragen auf den Schultern große Brocken eines zerlegten Tapirs. Das ist Fleisch, viel Fleisch für das ganze Dorf.

Im Gegensatz zu unserer naiven Vorstellung ist der Tisch im tropischen Urwald mit seinen wuchernden Pflanzen und wimmelnden Insekten für den Menschen nicht besonders reich gedeckt. Richtige Protein-Brocken, also große Tiere, sind eher rar, dazu im unübersichtlichen Dschungel schwer auszumachen und noch schwerer zu erlegen. Daher sind die Yanomami wie jede steinzeitliche Jäger-und-Sammler-Kultur hinter allem her, was irgendwie essbar ist.

Mit über zwei Meter langen, nicht mal bleistiftdicken Pfeilen schießen sie auf Fische, die meist kaum spannenlang sind. Dafür stehen die Männer regungslos in den Bächen, die Spitze des Pfeils schon im Wasser. So können sie die optische Brechung des Wassers einkalkulieren und heranschwimmende Fische genau in der Mitte durchbohren.

"Eure Füße sehen nicht"

Sie fangen die relativ seltenen, für den Menschen ungefährlichen Kaimane auf eine so einfache wie geniale Weise. Die Jäger warten, bis das etwa eineinhalb Meter lange Reptil in seinen Bau schlüpft. Dann verstopfen sie sämtliche Eingänge dieses Höhlensystems. Dem Kaiman wird die Luft knapp und knapper, er robbt mit letzter Kraft auf einen zugeschütteten Ausgang zu, kann aber nicht mehr raus und erstickt direkt am Eingang, also in bequemer Reichweite der Jäger. Krebse fangen ist hingegen Frauensache. Genauso wie Maden sammeln, Termiten ausschütteln oder Baumpilze ernten. Nebenbei ist die Aufforderung eines Mädchens an einen Mann, Krebse fangen zu gehen, so eindeutig wie einst bei uns die Frage um Mitternacht: "Soll ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen?" Bei den Yanomami findet Sex immer im Wald statt. Im Shapono mit seinen offenen, nach allen Richtungen einsehbaren Hütten gibt es kein Privatleben. Außerdem ist die schwankende Hängematte, das einzige Einrichtungsstück der Indianer, für die Liebe ungeeignet.

Traumwandlerisch sicher bewegen sich die Yanomami durch das verfilzteste Unterholz, stolpern auch auf glitschigem Boden nicht über Baumwurzeln und verhaken sich nie in den allgegenwärtigen Schlingpflanzen, selbst wenn sie schwere Lasten schleppen. "Eure Füße sehen nicht", sagen sie zu den Weißen, die unbeholfen durch den Dschungel taumeln.

Jedes Jahr brechen die Yanomami-Dörfer mindestens einmal zu einem mehrwöchigen Beutezug auf. Der Shapono steht dann leer, und viele der Parasiten, die die Menschen plagen, gehen aus Mangel an Opfern ein. Doch den größten Teil des Jahres leben die Yanomami in ihrem Dorf, sind sesshaft. Und sie beziehen ihre Nahrung vor allem aus ihren "Hikari", ihren Gärten, die sie rund herum anlegen. Sie betreiben also Landwirtschaft.

Spätestens alle sieben Jahre ziehen die Yanomami-Sippen um

Sesshaftigkeit und Landwirtschaft waren die beiden revolutionären Neuerungen der jüngeren Steinzeit. Sie befähigten den Menschen, das aufzubauen, was wir heute Zivilisation nennen. Denn sie waren die Voraussetzung für große Siedlungen und spezialisierte Berufe, ohne die keine komplexen Gemeinwesen hätten entstehen können.

Die Yanomami befinden sich heute mitten in diesem Übergang, den der überwiegende Rest der Menschheit schon vor Jahrtausenden hinter sich brachte. "Ihr Bewusstsein ist noch das archaischer Jäger", schreibt die Yanomami-Forscherin Gabriele Herzog-Schröder, "der Gartenbau hingegen ist im Brauchtum kaum betont." Die Dörfer sind klein und beherbergen überschaubare Sippen mit höchstens 200 Mitgliedern. Hierarchische Gliederung ist unüblich: Nur der Geisterheiler ragt heraus und ein Ältester, der meist der beste Jäger der Sippe ist, aber keine absolute Befehlsgewalt hat.

Auch das Dorf selbst ist noch keine feste Niederlassung. Spätestens alle sieben Jahre ziehen die Yanomami-Sippen um, zimmern sich meist in der Nähe einen neuen Shapono und lassen ihre alte Heimat samt Fäkalien und Parasiten hinter sich. Außer erbarmungswürdig abgemagerten Hunden und zahmen Papageien kennen sie keine Haus- oder Nutztiere, ihren Eiweißbedarf decken sie ausschließlich durch Jagen und Sammeln.

Die Yanomami haben einen Ruf als erbarmungslose Krieger

Der größte Teil ihrer Kalorien aber stammt aus dem Hikari: ein gerodetes Stück Urwald, das eher aussieht wie eine Lichtung, die langsam wieder zuwuchert. Was da scheinbar wild durcheinander sprießt, sind Nutzpflanzen aller Art. Süßkartoffeln, Yamwurzeln, Maniok- und Bananenstauden. Intensive Landwirtschaft sieht anders aus. Doch ein großer Schritt in Richtung Sesshaftigkeit und Eigentum ist mit den Hikari getan.

Vielleicht war er auch der entscheidende Schritt zum Krieg. Die Yanomami - so zierlich sie wirken und so freundlich sie den wenigen "nape", den Weißen, meist begegnen, die sich zu ihnen verirren - haben einen Ruf als erbarmungslose Krieger. Krieg zu führen, behaupten viele Historiker und Sozialwissenschaftler, sei eine "Errungenschaft" sesshafter Kulturen, die ihren Besitzstand wahren oder sich die Güter von Konkurrenten aneignen wollen.

Jäger-und-Sammler-Völker hingegen seien grundsätzlich friedfertig. "Die Buschmänner und die Jäger/Sammler im Allgemeinen haben das, was man mit einem modernen Ausdruck als die „Blumenkinder-Lösung" bezeichnen könnte. Du schulterst deine Habe und gehst weg. Denn du musst nicht bleiben und irgendein Stück Land oder einen festen Besitz verteidigen", so der amerikanische Anthropologe Irven DeVore.

"Jäger und Sammler brauchen sehr große Reviere“

Sind die Yanomami auf der Bruchstelle zwischen beiden Lebensformen eine aktuelle Fallstudie dafür, wie der Krieg in die Welt kam? Damals, als unsere Vorfahren in der Steinzeit anfingen, Felder zu bestellen und feste Dörfer zu bauen?

Unsinn, sagt dazu der Münchner Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Seiner Lehre zufolge ist der Krieg so alt wie die Menschen. Die Jäger und Sammler der Steinzeit waren keine Unschuldslämmer. Aggression ist dem Menschen angeboren, da machten unsere Vorfahren mit Faustkeil und Steinaxt keine Ausnahme. Auch das Argument, kriegerische Konflikte seien schon deswegen unwahrscheinlich gewesen, weil es damals noch nicht sehr viele Menschen gab, sie sich also kaum in die Quere kommen konnten, lässt Eibl-Eibesfeldt nicht gelten: "Jäger und Sammler brauchen sehr große Reviere.“

Es gibt Gebiete, die reich an Wild und Pflanzennahrung, Brennholz und günstigen Wasserstellen sind, und andere Gebiete, die weniger günstige Lebensbedingungen bieten. Es gibt nicht den geringsten Grund für die Annahme, dass unsere Vorfahren nicht um die besseren Lebensräume konkurriert haben sollen." Als Beleg für den Krieg schon zu prähistorischen Wanderzeiten führt er Untersuchungen über Knochenverletzungen an Steinzeitskeletten an. Fast bei der Hälfte der Fälle handele es sich um Schädelfrakturen. Die meisten davon seien durch Steinaxthiebe verursacht. Ein Befund, den Felszeichnungen aus der Mittleren Steinzeit zu bestätigen scheinen. Darauf sind Menschen zu erkennen, die offensichtlich einem Pfeilhagel ausgesetzt sind.

Der amerikanische Anthropologe Napoleon Chagnon zeichnete di

Weshalb aber haben sich Steinzeitmenschen die Schädel eingeschlagen, und weshalb tun die Yanomami es noch heute? Der amerikanische Anthropologe Napoleon Chagnon zeichnete 1968 die Leute vom Orinoko so animalisch und mörderisch, dass sein Buch "The Fierce People", das wilde Volk, mit vier Millionen verkauften Exemplaren zum größten anthropologischen Bestseller aller Zeiten wurde. "Ich sah ein Dutzend untersetzter, nackter, verschwitzter, abscheulicher Männer, die uns über ihre gespannten Bogen anstarrten.

Enorme Klumpen von grünem Tabak steckten ihnen zwischen Unterkiefer und Unterlippe, was sie noch abscheulicher wirken ließ, und dicke Fäden dunkelgrünen Schleims tropften oder hingen aus ihren Nasenlöchern", schrieb Chagnon über seine erste Begegnung mit den Yanomami.

Seine medienwirksame Kernthese lautete: Die Yanomami-Dörfer bekriegen sich permanent, um sich gegenseitig die Frauen wegzunehmen. Die besten Killer haben den größten Reproduktionsvorteil im Darwinschen Sinn. Chagnon wollte festgestellt haben, dass sie doppelt so viele Frauen begatten wie friedfertigere Weicheier und dreimal so viele Kinder zeugen. Wie er zu diesen statistischen Werten kam, ist unklar.

Das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn ist kein ehernes Gese

Frauenraub und blutige Auseinandersetzungen gehören tatsächlich zum Alltag der Yanomami. Doch nicht jeder Frauenraub ist eine gewalttätige Angelegenheit. In Sheroana fällt uns eine sehr junge Frau auf, ein Mädchen fast noch mit winzigen Brüsten. Sie ist erst gestern im Dorf angekommen. Zwischen ihrem dichten, glatten Haar klaffen zwei tiefe Schnitte. "Mein Mann hat mich mit der Machete auf den Kopf geschlagen, weil ich ihm nicht gehorchte", sagt sie ganz unaufgeregt. Ebenso unaufgeregt lief sie aus ihrem Heimat-Shapono fort, um bei Verwandten in Sheroana Unterschlupf zu suchen. Für die Yanomami gilt diese Zuflucht im Nachbardorf aber schon als Frauenraub, wie Gabriele Herzog-Schröder herausgefunden hat.

Ähnlich ist es mit dem angeblich so übermächtigen Killerinstinkt. Dass die Yanomami-Krieger Nebenbuhler umbringen, ist eine Tatsache. Jeder Anthropologe, der sich länger in einem Shapono aufhielt, kennt den einen oder anderen freundlichen Mann, dessen Mitbewerber um die Gunst einer Schönen etwa mit einem Pfeil im Rücken tot aufgefunden wurde. Die Tat zieht dann leicht Vergeltungsmaßnahmen von der Sippe des Ermordeten nach sich, besonders wenn der Täter aus einem anderen Dorf stammt.

Doch das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn ist kein ehernes Gesetz. Der amerikanische Journalist Patrick Tierney, der in seinem Buch "Darkness in El Dorado" die Killer-Theorie Chagnons heftig angreift, schildert einen typischen Kriegszug: Ein angesehener alter Mann stirbt plötzlich. Sein Dorf macht die Hexerei eines weit entfernten Shaponos für seinen Tod verantwortlich. Falls man ihn nicht räche, würde der Geist des Toten als riesiger Jaguar jede Nacht sein Gebrüll ausstoßen und das ganze Dorf krank machen. Die Männer ziehen aus, laufen zehn Tage durch den Urwald. Doch sie finden den schuldigen Shapono in der Weite des Dschungels nicht. Unverrichteter Dinge kehren sie nach Hause zurück.

Erfolglos nach Hause zurückkehren ist keine Schande

"Nur etwa einer von vier Kriegszügen erreicht bei den Yanomami überhaupt sein Ziel, und es ist keine Schande zurückzukehren, ohne einen Pfeil abgeschos- sen zu haben", schreibt Tierney. "Schon die aufgeregte Stimmung der versammelten Krieger, die im Kreis marschierten, ihre Waffen schwenkten und ihre todbringenden Absichten herausschrien - zusammen mit dem erfolglosen, aber langen Marsch -, hatte den rituellen Hauptzweck erfüllt: Der erzürnte Geist des Toten hörte auf zu brüllen. Es kehrte wieder Friede ein in den Shaponos."

Die Einstimmung auf den Krieg und die zur Schau gestellte Drohgebärde, die das Selbstwertgefühl der Krieger hebt, scheint für die Yanomami fast denselben Stellenwert zu haben wie der Kampf selbst. Unterstützt werden sie dabei von ihren Frauen. Sie flehen ihre Männer keineswegs an, sich doch nicht in Gefahr zu begeben. Sie fordern sie vielmehr auf, bloß keine Schlappschwänze zu sein und auf den Kriegspfad zu gehen. Aber selbst wenn sie erfolglos nach Hause zurückkehren, nehmen ihre Frauen sie in Gnaden wieder auf. Manchmal prügeln sich die Männer nach der Heimkehr von einem ergebnislosen Rachefeldzug untereinander, bis ein bisschen Blut fließt, um "unseren Frauen zu beweisen, dass wir keine Feiglinge sind".

Krieg als aktive biologische Auslese, so wie der amerikanische Anthropologe Chagnon ihn darstellte, hat es in der Yanomami-Gesellschaft nicht gegeben. So hat wohl auch keine andere archaische Gesellschaft je funktioniert. Der wichtigste Grund für die blutigen Auseinandersetzungen der Yanomami, da sind sich heute die meisten Anthropologen einig, ist nicht das Begehren nach des Nächsten Weib, sondern nach dessen Hab und Gut. Ein Hab und Gut ganz spezieller Art, das auch gegen Ende der Steinzeit eine ungeheuere Faszination hatte und eine neue Ära prägte: Metall.

Doch was tun, wenn kein Nape, kein Weißer in Sicht ist?

Abend in Sheroana. Erwartung liegt in der feuchtheißen Luft. Die weißen Besucher werden ihre Gastgeschenke überreichen. Geschenke bedeuten neben Glasperlen und Kattun-Bahnen vor allem Gegenstände aus Metall, die das Leben so viel leichter machen: Näh- und Sicherheitsnadeln, Scheren, Angelhaken, Messer, Kochtöpfe aller Größen und natürlich Äxte und Macheten. Gerätschaften sind bis vor kurzem aus Holz, aus Stein, aus Knochen hergestellt worden. Gefäße wurden geflochten oder aus Ton gebrannt. Seit sie Berührung mit den Weißen haben, wissen die Yanomami diesen neuen, harten, dauerhaften Werkstoff zu schätzen. Heute brodelt bei ihnen die Bananensuppe in Töpfen aus Aluminium, fällen die Männer Baumstämme mit Eisenäxten und schlagen sich ihren Weg durch den Dschungel mit dem Stahlblatt der Machete frei.

Zufrieden holt sich jede Familie ihren Anteil ab. Doch was tun, wenn kein Nape, kein Weißer, sich mit den begehrten Gütern blicken lässt? Der amerikanische Anthropologe Marvin Harris ist überzeugt, die meisten Yanomami-Kriege seien auf den erbitterten Konkurrenzkampf um Werkzeuge aus Stahl zurückzuführen. Und ein italienischer Wissenschaftler merkte vor 50 Jahren an, dass die Männer eines Yanomami-Dorfs ihre Nachbarn überfielen, "allein wegen des Gerüchts, dass diese Macheten und Messer besitzen".

Unsere Vorfahren hatten Jahrtausende Zeit, um den Übergang von der Steinzeit zur Eisenzeit zu bewältigen und die Folgen dieses Umbruchs zu verdauen. Dem isolierten Volk der Yanomami gab die Geschichte gerade einmal 50 Jahre für diesen Riesenschritt. Und stellte diese letzten Steinzeitmenschen vor eine noch viel größere Herausforderung: Heute fliegt jede Nacht der Linien-Jet von Caracas nach Manaus hoch über die Köpfe der Menschen von Sheroana hinweg, die sich an ihren Holzfeuern wärmen und den Geist eines Toten als Jaguar brüllen hören. Heute tragen manche der rot bemalten Krieger eine Armbanduhr am Gelenk, deren Batterie längst leer ist.

In den Siedlungen nahe am Fluss plärren inzwischen Transistorradios die neuesten Hits und sogar die Börsenkurse der Wall Street über den Dorfplatz. Die Mütter, die ihre Kinder bis zum vierten Lebensjahr stillen, wissen mittlerweile, dass ein kleines weißes Plättchen namens Aspirin manchmal mehr gegen das Fieber zustande bringt als die Magie ihres Schamanen. Doch sie sind auch fest davon überzeugt, dass ihre Babys vom Fotografieren Durchfall kriegen. In den Missionsstationen am Orinoko hören die Yanomami Funkgeräte krächzen und sehen staunend Sportmaschinen auf der Graspiste landen. Noch führt keine Straße durch den Dschungel in ihre Welt der Geister und Gemüsegärten. Aber sie glauben zu wissen, was ein Auto ist: "Ein Flugzeug ohne Flügel." Für eines der letzten Steinzeitvölker auf unserem Globus hat die Zukunft, die sein Ende bedeuten wird, schon längst begonnen.

Von Teja Fiedler und Matthias Ziegler (Fotos)

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Gabriele Herzog-Schröder

Teja Fiedler / print