HOME

Klimagipfel in Cancún: "Deutschland hat die Führungsrolle verloren"

Die Verhandlungen auf dem Klimagipfel in Cancún gehen in die zweite Runde. Doch die Erwartungen sind gering. Ein Folgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll wird es rechtzeitig wohl nicht mehr geben, befürchtet der Klimaökonom Reimund Schwarze im stern.de-Interview.

Herr Schwarze, vor einem Jahr schaute auf Kopenhagen die Welt. Vom Klimagipfel im mexikanischen Cancún ist in diesem Jahr kaum etwas zu hören. Interessiert sich niemand mehr fürs Klima?
Doch, das glaube ich schon. Wenn etwas nachlässt, dann eher das Interesse für die Klimapolitik, was sicher auch daran liegt, dass die Meldungen aus Cancún bis jetzt nicht gerade positiv sind.

Wer jetzt aus dem Fenster schaut und überall Schnee sieht, bekommt aber auch schnell den Eindruck. Alles nur halb so schlimm, die Winter werden wieder kälter.
Auch bei einem Klimawandel gibt es Regionen, die zunächst eine Abkühlung des Klimas erfahren. Nordeuropa ist so eine Klimainsel und war es auch bereits im vergangenen Jahr. Alle anderen Regionen haben 2010 eines der heißesten Jahre in der Klimageschichte zu verzeichnen. Die genauen regionalen Zusammenhänge sind sicher noch zu erforschen, aber im Kern gibt es keinen Grund anzunehmen, dass es den Trend einer im Durchschnitt ansteigenden Temperatur nicht gibt - nur weil das Klima in einer Region der Welt einmal extrem kalt ist.

Wie ist die erste Woche in Cancún aus Ihrer Sicht gelaufen?
Nachdem beim Klimagipfel in Kopenhagen vor einem Jahr viel Porzellan zerbrochen wurde, war es wichtig, wieder Vertrauen aufzubauen. Der mexikanischen Präsidentschaft ist das mit einem bis jetzt offenen Prozess gelungen, in den alle Länder eingebunden wurden. Allerdings gab es gleich zu Beginn einen Paukenschlag. Die Nachricht, dass Japan sich nicht auf eine Neuauflage des Kyoto-Protokolls einlassen will, hat viele hier geschockt. Ich bin mit der Erwartung nach Mexiko gekommen, dass es hier zu Notmaßnahmen am Kyoto-Protokoll kommen wird. Die Alternative zu einem neuen Weltklimaabkommen - die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls unter der Vorgabe, dass sich auch die USA und China nennenswert an der CO2-Minderung beteiligen - wird allerdings durch die Absage Japans unwahrscheinlich. So wie es aussieht, versucht man hier eher das Kyoto-Protokoll zu verlassen.

Die erste Verhandlungswoche war also wenig erfolgreich?
Der einzige wirksame Beschluss in der vergangenen Woche war eine Erklärung zum Artikel sechs der UN-Rahmenkonvention, in der sich alle Länder der Welt auf einen Ausbau der Umwelterziehung festgelegt haben. Das ist sicher wichtig, aber wenn es der einzige Erfolg von Cancún gewesen sein sollte, dass wir in den erzieherischen Maßnahmen weiterkommen, dann hat dieser Weltklimagipfel sein Ziel verfehlt. Das Beispiel zeigt: In der ersten Woche haben wir Verhandlungen auf Nebengleisen erlebt - zum Thema Waldschutz oder über finanzielle Zusagen an die Entwicklungsländer, jetzt müssen wir auf die Hauptgleise zurück.

Um über was zu verhandeln?
Es ist wichtig, das Thema Reduktion von Emissionen wieder auf die Agenda zu setzen. Ungefähr 85 Prozent des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes weltweit stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Es hilft nichts, wenn wir über die 15 Prozent reden, die die weltweite Vernichtung der Wälder zum menschengemachten Treibhauseffekt beiträgt, und den Löwenanteil aus dem Auge verlieren. Bei den Emissionen müssen wir über einen rechtlichen Rahmen für die langfristigen Kooperationen reden. Dabei muss auch darüber debattiert werden, wie wirksam die unverbindlichen Zusagen von Kopenhagen zur Finanzierung und zu den Reduktionszielen sind. Ansonsten wird dieser Gipfel uns nicht voran bringen.

Was erwarten Sie von Cancún?
Der Versuch der mexikanischen Präsidentschaft, ausgewählte Themen herauszugreifen, bei denen weitgehend Einigkeit herrscht - wie den Waldschutz oder die Finanzhilfen für Entwicklungsländer - ist gescheitert. Solche Maßnahmen der Vertrauensbildung und der kleinen Erfolge misslingen, weil alle Länder sofort auf das große Ganze schauen und einzelne Verhandlungspositionen nicht aus der Hand geben wollen. Die Chancen für ein Klimaabkommen stehen in Cancún aber eher schlecht. Es wird keinen Durchbruch geben; dafür reicht die verbleibende Zeit nicht mehr. Auch die Umweltminister, die jetzt angekommen sind, können das nicht richten. Ich würde allerdings nicht ausschließen, dass es zu interessanten Einzelergebnissen kommt, die den Weg bereiten für ein Klimaabkommen, das dann 2011 in Südafrika beschlossen werden muss.

Wie könnte das aussehen?
Ein wirksames Klimaabkommen muss alle großen Industrienationen und die Schwellenländer wie China und Indien umfassen. Dabei kann und muss es unterschiedliche Verantwortlichkeiten geben, wie wir es von der Klimakonferenz von Rio 1992 kennen. Die einzelnen Länder müssten dann in unterschiedlichem Tempo zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen - je nachdem, wie weit sie in ihrer Entwicklung auf dem Weg zur Nachhaltigkeit sind.

Besteht überhaupt Hoffnung, den Klimawandel einzudämmen, wenn die USA und China nicht mitziehen?
Eine weltweite Lösung des Klimaproblems ohne die USA und China ist nicht denkbar. Zusammen tragen die beiden Länder zu über 40 Prozent zu den globalen Emissionen bei. Auch eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls ohne ihre Einbeziehung wäre wenig hilfreich.

Ist es überhaupt noch sinnvoll, einen für alle bindenden Vertrag unter dem Dach der Vereinten Nationen anzustreben? Wären Klimaschutzpläne auf nationaler Ebene nicht die bessere Lösung?
Ich glaube, dass es zu einem Vertrag unter dem Dach der UN keine Alternative gibt. Kommen nur Teillösungen zustande, besteht die Gefahr, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten und damit auch die Emissionen in die Länder verlagern, die davon nicht betroffen sind.

Frau Merkel galt einst als Klimakanzlerin. An der Konferenz in Mexiko nimmt sie gar nicht mehr teil. Haben Deutschland und die EU die Führungsrolle abgegeben?
Die EU und Deutschland halten an der Führungsrolle fest, haben sie aber bereits in Kopenhagen im letzten Jahr verloren. Heute sind Länder wie China und Indien in einer führenden Rolle. Wir sind vielleicht ein gutes Vorbild, aber vorbildliches Verhalten wird nicht reichen, wenn es um handfeste Interessen geht, wenn wir also über die 85 Prozent und nicht die 15 Prozent Emissionsreduktion streiten.

2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus. Wird es noch rechtzeitig ein Folgeabkommen geben?
Ich befürchte nein. Dafür müssten die Teilnehmer in Cancún in dieser Woche wenigstens einen Abstimmungsmodus finden, der einen beschleunigten Ratifizierungsprozess und damit die schnelle Umsetzung in nationales Recht erlaubt. Wir können darauf nicht noch einmal acht Jahre warten wie beim Kyoto-Protokoll, das 1997 verabschiedet und erst 2005 ratifiziert wurde. Ich habe allerdings in keinem der jetzt vorliegenden Dokumente einen solchen Ansatz gefunden. Die Gefahr ist daher wirklich groß, dass wir in eine Lücke zwischen der ersten und zweiten Verpflichtungsperiode hineinlaufen.

Was würde das für die Erderwärmung und das angestrebte Ziel, diese auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, bedeuten?
Für die Erderwärmung, einen langwierigen Prozess mit historischen Dimensionen, wird das nicht zentral sein. Ich glaube nicht, dass eine katastrophale Entwicklung einsetzt, wenn ein solches Abkommen ein paar Jahre später zustande kommt. Aber für den politischen und wirtschaftlichen Prozess wäre es ein Albtraum. Wenn Unternehmen, die sich mit dem Handel von Emissionsrechten beschäftigen, den Glauben an den politischen Prozess verlieren und Institutionen aufgeben, wäre das ein schwerer Schaden für die Klimapolitik. Das Vertrauen ginge verloren, Märkte würden zusammenzubrechen.

Lea Wolz