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Andreas Petzold: #DasMemo: Donald Trump - ein US-Präsident verfällt dem Cäsarenwahn

Selbst im Urlaub hat stern-Herausgeber Andreas Petzold keine Ruhe vor Donald Trump. Entsetzt muss er aus der Ferne beobachten, wie das monarchische Gehabe des mächtigsten Mannes der Welt jegliche Peinlichkeitsgrenzen sprengt.

Donald Trump Kabinettssitzung

Donald Trump und seine Minister: Wer hat mehr geschafft als er? Niemand hat mehr geschafft als er.

Der Wind kräuselt kleine Schaumkronen auf die Wellen. Im Kopfhörer die Spotify-Playlist meiner Tochter, es ist später Vormittag, im Schatten bei 27 Grad, gleich werden wir vermutlich Paella bestellen. Bis dahin noch ein paar Seiten in meiner Urlaubslektüre, "Frühstück der Barbaren" von Jonas Lüscher - kann ich sehr empfehlen! Aber es geht nicht, ich komme nicht voran. Die Sätze, die ich lese, malen keine Bilder im Kopf, wie sonst immer. Sie werden verdrängt von einem Monster mit orangefarbenen Haaren und einem zu lang gebundenen roten Schlips. Trump verfolgt mich. Ich sollte mich im vielleicht besser nicht mit ihm beschäftigen. Aber man kann den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht einfach ignorieren, er löst sich nicht auf wie Kondensstreifen hinter einem Passagier-Jet. Sein Gift bleibt in der Welt.

"Ich, der erfolgreichste Präsident aller Zeiten"

Ich habe heute Morgen also auf Youtube das elfminütige Video seiner ersten Kabinettssitzung gesehen. Und obwohl ich, was Trump angeht, inzwischen hart im Nehmen bin, komme ich einfach nicht darüber hinweg: Über das Ausmaß an Unverfrorenheit dieses Mannes und über die offensichtliche Erkenntnis, dass ein pathologischer Narzisst jetzt die mächtigste Nation der Welt führt. An diesem Montag, an dem das 9. Berufungsgericht in San Francisco erneut das Einreiseverbot für sechs überwiegend muslimische Länder verhandelt und gegen Präsident Donald J. Trump und seine Regierung entscheidet, an diesem Montag versammelt er seine Minister und Staatssekretäre vor laufenden Kameras und erklärt, dass er der "erfolgreichste Präsident aller Zeiten" sei, mit wenigen Ausnahmen niemand mehr geschafft habe als er. Was sich freilich ausschließt. Entweder ist er der erfolgreichste Präsident aller Zeiten - oder es gibt Ausnahmen.


Unwichtig. Bedeutsamer ist, dass die Lücke zwischen Trumps Wahrnehmung und der Realität täglich wächst. Es ist, als ob ihm seine Fantasie fortwährend Streiche spielt: Seine Steuerreform für die oberen Zehntausend? Hängt im Kongress irgendwo fest. Der vorab von ihm bombastisch gefeierte Ersatz für die ungeliebte Gesundheitsreform Obamacare? Ausgang ungewiss. Die 3200 Kilometer lange und bis zu neun Meter hohe Mauer an der mexikanischen Grenze? Finanzierung steht in den Sternen. Stattdessen arbeitet sich Trump  morgens via Twitter erst einmal an den "Fake News Media" ab, die "noch nie so falsch und schmutzig" gewesen seien, und natürlich "absichtlich falsch" berichteten.

Dabei ist es der , der mit Unwahrheiten um sich wirft wie ein Clown mit Konfetti. Mit dem Aufzählen der Beispiele kommt man kaum noch hinterher. Nur zwei davon: In seiner Rede in Cincinnati vergangene Woche behauptet Trump, vom Rückzug eines Krankenversicherers aus Ohio seien 20.000 Landkreise (Counties) und 19.000 Menschen betroffen. Dass Ohio nur 88 Counties hat und nur 20 davon tatsächlich betroffen sind, wie die Faktenchecker der Nachrichtenagentur AP herausfanden - wen interessiert das schon?

Nicht-Verhältnis zur Wahrheit

Dann dieser Trump-Spruch, inzwischen schon ein Lügen-Klassiker: "Money is starting to pour in to Nato. Very proud of this fact" ("Jetzt strömt Geld in die Nato. Bin sehr stolz darauf"). Als hätten die Mitglieder der Verteidigungsgemeinschaft über Nacht die Kassen geöffnet, weil ihnen Trump die Ohren lang gezogen hat. Fakt ist, dass sich die Staatschefs der Nato schon 2014 darauf geeinigt hatten, nicht weiter zu sparen, sondern möglichst das Zwei-Prozent-Ausgaben-Ziel (gemessen am BIP) bis 2024 zu erreichen. Very proud of this fact? Nur, wenn man ein komplett gestörtes Verhältnis zu Wahrheit pflegt.

Auch manche seiner Minister, die sich nun am Kabinettstisch mit höfisch-anbiedernden Ergebenheitsadressen an Trump überboten haben, jonglieren nach Gutdünken mit Fakten. Umweltminister Scott Pruitt behauptete beim TV-Sender NBC allen Ernstes, Trump habe seit dem vierten Quartal 2016 bereits 50.000, in Worten fünfzigtausend, Jobs in der Kohle-Industrie geschaffen. Dass diese Branche landesweit nur auf 51.000 Jobs kommt und sich der Zuwachs auf 400 Stellen beschränkt (laut dem Büro für Arbeitsstatistik) - wen interessieren schon solche Details?

Und damit sind wir mitten im akuten Problem der Vereinigten Staaten von Amerika. Alles, was die Selbstverliebtheit des Chefs im Oval Office stören könnte, wird verdrängt. Sein narzisstisches Verlangen nach Bewunderung wird von der Regierung gestillt, wo immer es möglich ist. Alles andere könnte zu umgehendem Verlust des Arbeitsplatzes führen, wie zuletzt bei FBI-Chef James Comey. Wie verrückt ist das? Nach nicht einmal sechs Monaten im Amt betrachtet Trump seine Regierungsleistung schon als historisch unantastbar. Sein monarchisches Gehabe sprengt jegliche  Peinlichkeitsgrenzen. Die amerikanische Verfassung, hervorgegangen aus der "Virginia Declaration of Rights" von 1776, scheint in seinem cäsarischen Staatsverständnis nur eine lästige Fußfessel zu sein. Wer erklärt ihm, dass Macht in einer Demokratie kein Selbstzweck ist sondern Kontrolle braucht, auch Humanität, Gerechtigkeit, Verantwortung und bisweilen Konsens?

Die Sache könnte böse enden

Ich bin ratlos. Aber jetzt warten die letzten Seiten in Lüschers Novelle auf mich. Auch darin geht es um zügellosen Narzissmus. Um egozentrische,  durchgeknallte Banker, die beim Ausbruch der Finanzkrise in einer tunesischen Luxusoase eine exzessive Hochzeit feiern. Und es sieht ganz danach aus, dass die Sache böse endet.