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Jugendfreundin der Clintons: "Hillary war unglaublich wütend, hat aber nie an Scheidung gedacht"

Die beste Freundin von Hillary Clinton, Ann Henry, spricht im stern über Hillary, den Hippie, Hillary, die Feministin, Hillary, die Tabubrecherin und warum sie ihren Mann Bill nach der Sex-Affäre mit Monica Lewinsky nicht zum Teufel gejagt hat.

Hillary Clinton Bill und Tochter Chelsea

Ihre schwerste Zeit: Bill und Hillary Clinton 1998 zu Besuch in China. In dem Jahr war Präsident Bill kurz davor des Amtes enthoben zu werden. Tochter Chelsea (l.) arbeitet mittlerweile als Managerin eines Hedgefonds.

Frau Henry, wählen in ihrer Familie alle Hillary, oder gibt es auch Trumpisten?

Alle meine Kinder und Enkel sind für Hillary. Meine Kinder kennen sie gut. Sie und Bill waren oft in unserem Haus. Auch Chelsea. Aber einige unserer Nachbarn wählen Trump. Es sind weiße Männer aus der Mittelschicht. Schlimm.

Hinter Ihnen im Regal steht ein Foto: Ist das Chelsea in ihrem Arm?

Ja, das war kurz nach ihrer Geburt. Hillary und Bill waren ganz verrückt nach ihr. Es hat ja auch so lange gedauert bis Hillary schwanger wurde. Chelsea blieb dann auch ihr einziges Kind.

Ann Henry Freundin von Hillary Clinton

Ann Henry und Hillary Clinton lernten sich vor über 40 Jahren in Fayetteville, Arkansas, kennen. Der stern traf Ann Henry in ihrem schönen alten Haus im Unistädtchen Fayetteville zu einem langen Gespräch


Wie lernten Sie Hillary kennen?

Vor 42 Jahren, 1974. Bill hatte sie an der Uni in Yale kennen gelernt und nach Arkansas eingeladen. Er war so verliebt. Er wollte, dass sich Hillary, das Yankee-Mädchen aus Chicago, bei uns im Süden wohl fühlt. Er sagte zu mir: Ann, lade sie ein. Sei nett zu ihr. Sie müssen wissen, Arkansas war damals sehr ländlich. Fayetteville hatte knapp 40.000 Einwohner.

Sie wurden schnell Freundinnen?

Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Ich bin zehn Jahre älter als Hillary. Damals hatte ich schon drei Kinder. Hillary war die einzige Frau weit und breit mit der ich über Politik und über die wichtigen Dinge in der Welt sprechen konnte. Als ich in Fayetteville meinen Abschluss in Jura machte, gab es nur eine Rechtsanwältin in der Stadt. Das Recht war fest in Männerhand.

Klingt wie Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit.

Ich war während des Studiums schwanger. Das war vielleicht eine Aufregung! Die Männer hatte panische Angst, ich könnte das Baby im Hörsaal zur Welt bringen. Uns jungen Frauen wurde damals gesagt: Was wollt ihr an der Uni, ihr nehmt einem Mann den Job weg, der später eine Familie ernähren muss.

Hillary Clinton schreibt in ihrer Biografie, dass ein Professor in Harvard zu ihr sagte: "Was wollt ihr Frauen hier? Geht nach Hause und lasst euch heiraten."

Diese Erfahrungen verbanden uns.

Sahen sie einander oft?

Wir hatten im Garten einen Pool und Hillary schwamm gern. Da saßen wir im Sommer stundenlang. Wir redeten über schwierige und interessante Rechtsfälle. Sie war mehr an Frauenrechten interessiert als an neusten Klatschgeschichten über Scheidungen und Hochzeiten. Hillary gründete die erste juristische Anlaufstelle für missbrauchte und vergewaltige Frauen in Arkansas. Es gab zu der Zeit bei uns viele Fälle. Eine echte Krise. Die Röcke der Frauen wurden kürzer und manche Männer sagten: "Die wollen es doch so. Selber Schuld."

Wie waren die Reaktionen auf Hillary Clintons Initiative?

Viel Zuspruch, viel Kritik. Dann begann Hillary auch noch, über sexuellen Missbrauch von Kindern in Familien öffentlich zu sprechen. Sie gab Interviews in der örtlichen Zeitung. Es war unerhört. Zum ersten Mal wurde das Problem offen angesprochen. Man wusste, dass es das gab, aber keiner wollte darüber reden. Hillary tat es.

US-Präsidentschaftskandidatin: Hillary Clinton - schon sehr früh auf Tuchfühlung mit der Macht
Hillary Clinton am Wellesley College

1965, nach der Schule, begann Hillary Rodham wie sie damals hieß, zu studieren: Politikwissenschaft und Psychologie am Wellesley College, einem Elite-College in Massachusetts

Was war das Auffälligste damals an Hillary?

Sie war ein Hippie. Die Rebellin, die Feministin aus Yale. Bunte Blusen, kurze Röcke, wilde Haare. Eine gemeinsame Freundin ließ ihre lockigen Haare zu einem Afro toupieren. Die Leute schimpften und lästerten offen über ihre Frisur. Da ging Hillary auch zum Friseur und ließ sich eine Dauerwelle mit lauter kleinen Locken machen. Aus Solidarität. Ihre Haare wuchsen rasant, es wurde schnell ein immenser Afro.

Im Clinton Museum hier in der Stadt, wird ihr Brautkleid ausgestellt. Warum?

Als ihre Mutter am Abend vor der Hochzeit erfuhr, dass Hillary in ihren Alltagsklamotten heiraten wollte, schnappte sie sich ihre Tochter und schleppte sie ins Kaufhaus Dillards'. Die kleinen, feinen Geschäfte hatten schon geschlossen. Sie kaufte ihr dort ein Brautkleid. 

Hillary heiratete Bill, behielt aber ihren Mädchennamen.

Auch so ein Streitpunkt. Bill war es egal. Vielen Leuten in Arkansas nicht.

Bill kandidierte in der Zeit als Generalstaatsanwalt und später dann als Gouverneur.

Das war ja das Problem. Viele hatten überhaupt kein Verständnis für seine emanzipierte Frau.

Aber heute trägt Hillary auch Bills Nachnamen.

Nach der ersten Amtsperiode wurde Bill 1980 als Gouverneur abgewählt. Sein politischer Gegner hatte Hillarys Nachnamen zum Wahlkampfthema gemacht - und damit gewonnen. Es störte damals viele Leute, dass sie Rodham und nicht Clinton hieß.

Was sagten Sie dazu?

Wir haben im Freundeskreis beraten, wer Hillary sagen muss, dass sie mit ihrer Sturheit Bill schadet. Ich wurde dafür ausgeguckt.

Und?

Hillary gab nach. Sie nannte sich Hillary Rodham Clinton.

Bill wurde 1980 wieder zum Governor gewählt und war es zwölf Jahre lang.

Ja. Die Leute in Arkansas verstanden das Versöhnungsangebot als Zeichen. Für Hillary war es aber eine Niederlage. Vielleicht ihre erste.

Reist man heute durch Arkansas, kann man sich vor dem Clinton-Kult kaum retten. Es gibt ein Clinton-Museum, Straßen und Plätze sind nach ihm benannt, die Clinton-Präsidentenbibliothek steht in Little Rock, an zig Gebäuden findet man Gedenktafeln und der Flughafen heißt schon zu ihren Lebzeiten "Bill and Hillary Clinton International Airport".

Die beiden haben den Menschen in Arkansas einen enormen Schub an Selbstbewusstsein gebracht. Es war eine Befreiung. Wenn Sie früher Kinder in Arkansas gefragt haben, ob sie Arzt oder Astronaut werden wollten, hörten man oft: "Ach, ich bin doch nur aus Arkansas, das schaffe ich nie." Heute sagt das keiner mehr. Das hat viel mit der Erfolgsgeschichte der Clintons zu tun.

Hillary Clinton wollte bereits 2008 Präsidentin werden. Sie verlor bei Vorwahlen gegen Barack Obama. Waren Sie überrascht, dass Hillary Clinton ein zweites Mal antrat?

Ja. Wir waren im Frühjahr 2015 in die Präsidentenbibliothek in Little Rock eingeladen. Oben auf dem Dach haben die Clintons ein großes, privates Penthouse. Hillary war aufgedreht und wollte von all ihren Freunden wissen, wie es ihnen geht, was es Neues gibt. Bill und Hillary pflegen ein riesiges Netzwerk. Sie rufen an, sie melden sich zu Geburtstagen und wenn es Krankheits- oder Todesfälle in den Familien gibt. Die Clintons sind extrem loyal. An dem Abend hatte ich das Gefühl, sie plant etwas. Aber sie sprach kein Wort über die bevorstehende Kampagne.

Es heißt, im kleinen Kreis sei Hillary Clinton warmherzig und emotional. Auf der Bühne wirkt sie dagegen kalt und sehr kontrolliert. Wie kommt das?

Hillary wird dauernd attackiert. Das begann schon in Fayetteville. Erst als junge Frau an der Uni. Als Frau mit dem eigenen Nachnamen. Dann gab es Attacken wegen ihre Klamotten, wegen ihrer Haare, wegen ihrer Brille, wegen ihrer politischen Ansichten...

Wegen einer Immobilienspekulation in Arkansas ...

Ja, wegen Whitewater...

Wegen der Affären ihres Mannes...

Die Gegner der Clintons gaben hunderte Millionen Dollar für Privatdetektive und Anwälte aus, um Bill und Hillary zu stürzen. Das ist der Grund für ihr vorsichtiges Auftreten in der Öffentlichkeit.

Sie hat ja auch Fehler gemacht, wie zuletzt mit dem E-Mail-Server im eigenen Haus, über den ihre Dienstpost als Außenministerin lief.

Lewinsky-Affäre verziehen: Wie Bill Clinton seine Hillary um den Finger wickelte

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Sprach Hillary mit Ihnen über die Affären ihres Mannes, zum Beispiel mit Monica Lewinsky, der Praktikantin im Weißen Haus? Hätte Hillary nicht zu ihm gehalten, der Skandal hätte ihn wohl das Amt gekostet.

Ich habe sie damals gefragt: Hillary, wie hältst du das aus? Sie sagte zur mir: "Ich habe warme Klamotten, eine wunderbare Tochter und einen Ehemann. Das ist mein Glück." Hillary ist sehr zäh, eine Kämpferin. Sie weiß, wer in der Sonne ist, bekommt auch mal einen Sonnenbrand. In ihrem Fall wurde sie öfter verbrannt als andere.

Dachte sie nie an Scheidung?

Sie war unglaublich wütend auf Bill. Aber Scheidung kam für sie nie in Frage. Wenn man ein Kind hat, bleibt man zusammen. Ich weiß, dass Hillary so denkt.

Lieben sich Hillary und Bill noch?

Ja, kein Zweifel. Die beiden eint eine Seelenverwandtschaft und sie haben hart an der Reparatur ihrer Ehe gearbeitet. Hillary und Bill lieben sich noch immer. Trotz alledem.

Hillary Rodham Clinton war First Lady in Arkansas, First Lady im Weißen Haus, sie war Senatorin in Washington, sie war Außenministerin. Warum kann sie nicht sagen: Es ist genug? Sie ist 69 Jahre alt.

Würden Sie das auch einen Mann fragen?

Ja.

Hillary könnte sagen: Genug erreicht! Genug gestritten! Genug gelitten! Aufhören! Es reicht!

Aber?

Nach dem Ende von Bills Präsidentschaft rechneten nicht einmal ihre engsten Freunde damit, dass sie in der Politik bleiben wird, geschweige denn für den Senat in Washington kandidieren würde. In einem Brief schrieb ich ihr damals: "Es ist dein Leben. Du wirst klug entscheiden."

Statt ein ruhigeres Leben mit Bill zu führen, statt Millionen Dollar mit Büchern und Reden zu verdienen, entschied sie sich für die Politik.

Geld ist den Clintons nicht wichtig. Ihm schon gar nicht. Es ist Mittel zum Zweck. Hillary und Bill haben nie auf großem Fuß gelebt.

In einem der ersten Clinton-Skandale ging es um ein Spekulationsgeschäft, das ein Freund (Jim Blair), für Hillary an der Terminbörse abgewickelt hatte. Es war hoch spekulativ. Aus 1000 Dollar wurden in kurzer Zeit fast 100.000 Dollar.

Sie hatte Zockerglück. Mehr nicht. Die späteren Untersuchungen kamen auch zu keinem anderen Ergebnis. Richtig ist, Hillary kümmerte sich um die Finanzen im Hause Clinton. Sie arbeitete als Anwältin, wurde später Partnerin in einer angesehenen Anwaltskanzlei in Arkansas. Sie verdient deutlich mehr als Bill, auch als er Gouverneur war. Hillary wollte finanziell unabhängig sein, nicht reich. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Hillary Rodham Clinton wäre die erste Frau im Präsidentenamt. Ist das ein Grund, warum sie kandidiert?

Ja, das ist natürlich ein Motiv. Aber da ist noch ein anderer, viel stärkerer Beweggrund: Hillary ist Methodistin.

Sie meint, ihr Glaube an Gott sei eine wichtige Triebfeder?

Ja, absolut. Mein Mann und ich sind auch Methodisten.

Ann Henry legt jetzt eine kleine Karte auf dem Tisch, darauf steht das Leitmotiv ihrer Kirche: "Do all the good you can, by all the means you can, In all the ways you can, In all places you can, As long as ever you can."

Sehen Sie, als Methodistin ist man nie am Ziel. Du bist nie fertig mit deiner Arbeit. Es geht immer weiter. Das ist exakt Hillary Clinton. So wuchs sie auf. Ihre Mutter war auch sehr gläubig. Der tiefe Glaube prägt sie bis heute.

Kann Hillary Clinton gegen Donald Trump gewinnen?

Henry: Ja, sie kann ihn besiegen. Ich glaube, ihr Schild gegen seine Angriffe wird halten.

Trump wird die alten Skandale ihres Mannes hervorkramen, um ihr zu schaden. Von Gennifer Flowers, Monica Lewinsky, Whitewater, Travelgate, Troopergate....

Sie hat eine dicke Haut.

Hillary brachte viele Opfer, damit Bill Präsident werden und bleiben konnte. Ist Hillary die Stärkere in der Beziehung?

Ganz sicher. Säße Bill jetzt hier mit uns am Tisch, er würde es zugeben. Er sagte zu mir: Sie ist schlauer als ich, sie ist mutiger als ich. Deshalb hatte Bill ja auch ein schlechtes Gewissen, als er die junge Hillary in die Provinz von Arkansas lockte. Sie ist die leidenschaftlichere, sie will die Welt verbessern. Bill ist anders.

Können Sie das genauer erklären?

Bill kommt aus Hot Springs, einer Stadt geprägt von Pferderennen, Prostitution und großen Kirchen. Da nimmt man das Leben leichter.

Bill Clinton tut zur Zeit alles, um sie zu unterstützen. Ist das seine Form der Dankbarkeit?

Sie blieb bei ihm. Sie hat ihn nicht verlassen.

Also Zahltag für Bill?

Sie hat es sich verdient.



Interview: Norbert Höfler