"Weltmacht Wasser" Die Revolution der Durstigen


Eigentlich müsste in Ägypten kein Wassermangel herrschen. Aber durch Verschwendung und Missmanagement fehlt es an allen Ecken und Enden. Nun nehmen einige Ägypter die Versorgung selbst in die Hand - mit Erfolg. Nebenbei erfinden sie das Land neu.
Von Jürgen Stryjak

Die Schlagzeilen waren schnell formuliert. Vom "Wasseraufstand" und von der "Revolution der Durstigen" schrieb die ägyptische Presse, als 2007 und 2008 Tausende Menschen im ganzen Land für Wasser auf die Straße gingen. Der überregionale Fernsehsender al Dschasira zeigte Bäuerinnen des Dorfes Burullus im Nildelta, die schwere Wasserkanister kilometerweit tragen. Bilder, wie sie die Welt vor allem aus schwarzafrikanischen Dürregebieten kennt - immer öfter kommen sie auch aus Ägypten. "Bei Gott, wir können nachts nicht schlafen", klagte ein greiser Bauer, "so durstig sind wir." Dutzende Menschen waren zu sehen, wie sie sich an einer dreckigen Wasserlache bücken und ihre Kanister füllen. "Tote Hunde und Esel werden hier reingeworfen", lamentierte eine Frau, "aber wir benutzen das Wasser zum Kochen und Abwaschen!"

In al Borg im nördlichen Gouvernement Kafr al Sheikh blockierten im Frühsommer 2007 Hunderte Menschen mit kleinen Fischerbooten die Fernverkehrsstraße, die den Ort mit dem Norden und dem Süden des Landes verbindet. Zwölf Stunden lang demonstrierten sie gegen die Wasserknappheit. In al Beshbesh, einem anderen Dorf im Nildelta, forderten die Bewohner in den Straßen Trinkwasser. Und am Rand von Kairo protestierten mehr als 7000 Menschen aus der Siedlung Ezbet al Nasr gegen den Wassermangel und blockierten die Stadtautobahn mit Benzinkanistern.

Wassermangel ist Folge von Missmanagement

Dabei müsste es Szenen dieser Art nicht geben, denn es herrscht derzeit in Ägypten kein Mangel an der Ressource Wasser. Dass die Wasserhähne in verschiedenen Landesteilen trocken bleiben, ist die Folge von Missmanagement. Das könnte man mit etwas gutem Willen als gute Nachricht verstehen, aber die Betroffenen haben kein Vertrauen darin, dass Regierung und Behörden ihre Verwaltungsfähigkeiten verbessern werden.

Nach den Protesten wurden rasch einzelne neue Wasserstationen eingeweiht. Der Siedlungsminister kündigte den Bau weiterer 107 großer und kleiner Wasserwerke für insgesamt 100 Millionen Euro an, und das Kabinett genehmigte gar 2,4 Milliarden Euro für den Ausbau des Wasserverteilungssystems. Aber Ägypter machen oft schlechte Erfahrungen mit vollmundigen Versprechungen, von denen später nie wieder die Rede ist. Sie befürchten, dass der in der Zukunft drohende Wassernotstand durch eine Verwaltungskrise nur noch verstärkt wird.

Verglichen mit der Situation in anderen Ländern der Region klagen die Ägypter auf hohem Niveau. Noch. Die arabische Welt gehört zu den trockensten Landstrichen der Erde. Über 250 Millionen Menschen leben an den Meeresküsten sowie in wenigen dicht bewohnten Flusstälern. Sie belasten die Wasserressourcen enorm. Die ausgedehnten Wüsten und Gebirgsregionen sind nur dünn besiedelt. 45 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In manche Dörfer, etwa in Algerien, kommt der Wasserwagen nur einmal pro Woche. Ein Wasseranschluss, aus dem für zwei, drei Stunden täglich ein dünnes Rinnsal Trinkwasser fließt, gilt nicht selten bereits als Luxus. Ägypten hingegen soll amtlichen Angaben zufolge über 95 Prozent seiner Bewohner mehr oder weniger stetig mit Trinkwasser versorgen können. In den nächsten Jahren soll die Hundert-Prozent-Marke erreicht werden. (...)

Wasser aus privaten Brunnen ist teuer

(...) Derzeit reicht die Wassermenge zur Versorgung noch aus, aber in wenigen Jahren könnte sich das drastisch ändern. Bis 2025 werden voraussichtlich rund 100 Millionen statt wie bislang 80 Millionen Menschen in Ägypten leben. Ein Ende des Bevölkerungswachstums ist nicht in Sicht. Das Mittelmeer könnte wertvolles Deltaland verschlingen, wenn sein Wasserspiegel wie prognostiziert durch die Erderwärmung steigt. Die Region wird zudem aufgrund des Treibhauseffektes vermutlich noch trockener werden, als sie es jetzt schon ist. Dramatische Interessenkonflikte könnten entstehen. Denn die rasant knapper werdende Ressource Wasser muss immer mehr Menschen versorgen, gleichzeitig müssen immer mehr Äcker gewonnen und bestellt werden, um die Leute zu ernähren. Fachleute schreiben, Mitte des Jahrhunderts würde Ägypten eigentlich einen zweiten Nil benötigen. Doch den wird es nicht geben. (...)

(...) "Nach der Schule muss ich meine Kinder mit Kanistern losschicken ", sagt der 46-jährige Gemüsehändler Mahmoud Saleh aus Saft al-Laban, "um bei Verwandten und Bekannten in anderen Vierteln Wasser zu holen." Wasser aus privat gebohrten Brunnen kann er sich nicht leisten. Das ist für die Brunnenbetreiber ein zu gutes Geschäft, als dass sie das Wasser billig oder gar kostenlos abgeben würden. Trotzdem sieht man hier und da in Saft al Laban lange Schlangen von Frauen mit Krügen, die sich vor diesen Quellen bilden. Ein Bild wie aus einem Geschichtsbuch.

Missstände werden schön geredet

Behördenvertreter haben den Bau von Notleitungen versprochen, mit denen Saft al-Laban provisorisch an Netze von Nachbarvierteln angeschlossen werden soll. Aber die Bewohner glauben nicht, dass das wie angekündigt vor Ablauf des Jahres 2009 tatsächlich geschehen wird. Der Behördenalltag ist von Korruption, Bürokratie und Geldmangel bestimmt. Und von Propaganda, mit der die Missstände schöngeredet werden, statt beseitigt. So ist es vielen ein Rätsel, wie die Regierung behaupten kann, dass für fünfundneunzig Prozent aller Ägypter Trinkwasser bereitstünde. Die Realität erscheint ihnen anders, und auch das unabhängige Landeszentrum für Menschenrechte schätzt, dass fast jeder dritte Ägypter kein sauberes Wasser zur Verfügung hat. (...)

(...) Die Kairoer versuchen, sich mit den Wasserproblemen im Alltag zu arrangieren, besonders im heißen und trockenen Sommer. Manche lassen nachts oder frühmorgens Badewannen, Schüsseln und Wasserflaschen volllaufen, solange noch Wasser aus den Hähnen kommt. Sie installieren Vorratsbehälter auf dem Dach oder Wasserpumpen, weil der Leitungsdruck nicht ausreicht, um das Trinkwasser in obere Etagen zu pumpen. Der Druck kann nicht erhöht werden, weil die maroden Rohre dann noch häufiger platzen würden. Ohnehin sind die Rohre oft in einem so schlechten Zustand, dass ein großer Teil des Wassers entweicht und versickert.

Während die Deutschen statistisch gesehen pro Kopf und Tag 115 Liter Wasser verbrauchen, sind es in Ägypten zwischen 350 und 400 Liter. Fachleute vermuten, dass der Verbrauch der Ägypter real nicht höher ist als der der Deutschen, sondern dass es sich bei der Differenz um genau jene Menge handelt, die beim Transport durch die Rohre verloren geht. Auch in den Häusern und Wohnungen sind Verluste alltäglich, weil beispielsweise Toilettenspülungen ständig laufen oder Wasserhähne tropfen. (...)

Lesen Sie auf der nächsten Seite: In Ägypten kostet der Zehn-Tages-Bedarf an Wasser soviel wie ein Zigarette - in Deutschland soviel ein bis zwei Schachteln

Wasser zum Schnäppchenpreis

(...) Die Kernfrage lautet: Wird das Regime angesichts einer zukünftigen Wasserkrise unvorstellbaren Ausmaßes in der Lage sein, Wasserverbrauch, -bereitstellung sowie den Umgang mit der überlebenswichtigen Ressource zu verwalten und elementare Bewusstseinsänderungen herbeizuführen? (...) "Wenn man so weitermacht wie bisher", sagt Hans-Werner Theisen, "dann sieht es nicht gut aus, weder in der Landwirtschaft noch beim Wasserressourcenmanagement oder bei der Abwasserentsorgung und beim Trinkwasser.

"Im Auftrag der GTZ berät der deutsche Wasserexperte die ägyptische Holding Company for Water und Wastewater. Eine Schlüsselfrage ist dabei für ihn der Wasserpreis. Ägypter erhalten ihr Trinkwasser, wenn sie denn an die Versorgung angeschlossen sind, nahezu geschenkt. Pro Kubikmeter Trinkwasser zahlen sie umgerechnet drei Eurocent und für den Kubikmeter entsorgtes Abwasser noch einmal einen Cent. In Deutschland werden dafür zusammen durchschnittlich sechs Euro berechnet, aber auch in der arabischen Welt sind diese Dienstleistungen in keinem Land billiger. In den Palästinensergebieten, sagt Hans-Werner Theisen, kosteten sie beispielsweise umgerechnet einen Euro.

Wasser zu einem Schnäppchenpreis, der die Kosten nicht annähernd deckt, das ist eine politische Entscheidung. Das Regime, das um Machterhalt kämpft und angesichts des Elends im Lande mit immer größerem Unmut konfrontiert ist, will sozialen Sprengstoff um jeden Preis vermeiden. Aber Hans-Werner Theisen glaubt, dass die Menschen Verständnis hätten: "Drei Cent, das ist der Preis einer Zigarette. Wenn ein Ägypter eine Zigarette raucht, bezahlt er genauso viel wie für einen Kubikmeter Wasser, von dem er bis zu zehn Tagen trinken könnte. Ich denke, dass die Bevölkerung eine Preiserhöhung mittragen würde." (...)

Seit Jahrhunderten ist das System unverändert

(...) Seit Jahrhunderten hat sich in Ägypten das System der Wasserwirtschaft praktisch nicht verändert. Lediglich ein enormer Verwaltungsaufwand ist in den letzten Jahrzehnten hinzugekommen. Denn das Bewässerungsministerium in Kairo reguliert mit über 100.000 Beamten nicht nur alles, sondern baut auch Kanäle und Klärwerke, verlegt Abwasserrohre und wartet das komplette System. Es verteilt das gesamte zur Verfügung stehende Wasser und bringt es bis an die Felder. Die Grundidee der Reform ist deshalb Dezentralisierung. Zukünftig sollen die Menschen in den Kommunen vor Ort all diese Aufgaben übernehmen. Denn sie haben das größte Interesse daran, dass alles reibungslos funktioniert. (...)

(...) Der Umbau verläuft nicht ohne Probleme, aber die Beteiligten sind zuversichtlich. "Was wir wirklich brauchen, sind gesetzliche Befugnisse", sagt die Kleinbäuerin Nawal Khamis vom Waterboard eines kleinen oberägyptischen Dorfes. "Wir wollen einen offiziellen Status, um gegen Leute vorgehen zu können, die die Regeln verletzen." Weit holt sie mit ihren Händen aus, als sie an einem Kanal unweit ihrer Siedlung das Bewässerungssystem erläutert. Die Männer vom Waterboard nicken der Frau mit dem schwarzen Kopftuch zu. Die resolute Bäuerin in den Sechzigern war ein Landleben lang den Vorgaben der Zentralverwaltung ausgeliefert, jetzt ist ihr der Schwung anzusehen, mit dem sie die Abläufe mitgestalten möchte.

Bauern müssen alte Gewohnheiten aufgeben

Ägypter beklagen oft, dass sie sich von den gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen fühlen. Neu ist nicht, dass die Kleinbäuerin Nawal Khamis mehr Rechte und Teilhabe einfordert, sondern dass die Behörden sie ausdrücklich dazu ermuntern. Eine besondere Rolle spielen dabei die Frauen in den Kommunen. "Sie nehmen wichtige Aufgaben in den Waterboards wahr", betont Nawal Khamis, "wir ermutigen sie dazu, Entscheidungen zu beeinflussen. Männer sollten ihre Meinung vertreten, aber Frauen ebenfalls." Denn anders als Männer können Frauen direkt zu den Dorfbewohnern in die Häuser gehen. Dort überzeugen sie die Leute etwa von den Gefahren, die Bewässerungskanäle für die Kinder darstellen und, weil sie oft verschmutzt sind, für die Gesundheit aller mit sich bringen. Fathia al Gohary vom Verein der Wassernutzer des al-Fadly-Kanals sagt: "Meine Aufgabe ist es, den Frauen klarzumachen, dass sie auf keinen Fall Müll in die Kanäle werfen dürfen, denn der blockiert das Wasser und staut es. Und wir sind damit erfolgreich. Es ist uns gelungen, den Müll in den Kanälen um achtzig Prozent zu verringern." (...)

(...)Zum Beispiel gilt es, die Bauern zu bewegen, alte Gewohnheiten und Traditionen aufzugeben, bei denen Wasser verschwendet wird. "Das ist eine der schwierigsten Aufgaben", sagt GTZ-Wasserexperte Paul Weber, der in Kairo unter anderem das Landwirtschaftsministerium berät. "Denn das betrifft die Verhaltensweisen von Menschen, die fünftausend Jahre Bewässerungserfahrung haben. Das kann ein großer Nachteil sein, aber auch ein Vorteil." Bislang war es so, dass die Bauern einer Kommune nacheinander Wasser für ihre Felder erhielten. War ein Bauer an der Reihe, leitete er alles Wasser, das er bekommen konnte, vom Kanal auf seine Äcker, bis sie geflutet waren. Eine ungeheure Verschwendung. Nach und nach soll nun das System der kontinuierlichen Bewässerung eingeführt werden, in der Hoffnung, dass die Bauern, wenn ihnen Wasser ständig zur Verfügung steht, nur so viel davon nehmen, wie ihr Ackerland tatsächlich benötigt. (...)

Größte Wasserverschwender ist Zuckerrohr

(...)"Der größte Wasserverschwender ist Zuckerrohr", sagt Paul Weber. An seinem Anbau werde allerdings aus ideologischen Gründen festgehalten, weil das Regime die nationale Hoheit bei der Herstellung eines so wichtigen Lebensmittels wie Zucker behalten möchte. Viel Wasser lässt sich also vor allem dann sparen, wenn Politik und Verwaltung vernünftige, richtungsweisende Entscheidungen treffen und wenn Verbraucher zum Umdenken bewogen werden können. Dass die Maßnahmen zur Vermeidung der Wasserkrise der Zukunft mehr modernes Denken als moderne Technologie erfordern, hat zwei entscheidende Vorteile: Bewusstseinsprozesse sind billiger als teure technologische Investitionen, und mit ihnen lässt sich wesentlich mehr Wasser effizient verwerten und einsparen. Es gibt aber auch einen wesentlichen Nachteil: Modernes Denken in diesem alle Lebenssphären erfassenden Bereich setzt voraus, dass sich die ägyptische Gesellschaft über weite Strecken neu erfindet. Sollte das nicht gelingen, wird ein hoher Preis fällig. Dann steht die Stabilität des gesamten Landes in den nächsten Jahrzehnten auf dem Spiel.

Jürgen Stryjak ist Mitglied des Auslandskorrespondentennetzes Weltreporter.net


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