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Varoufakis-Rücktritt: Minister Mittelfinger ergreift die Flucht

War da was? Ein Mittelfinger, ein schönes Penthouse und jede Menge Pöbeleien. Nach nur fünf Monaten räumt Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis sein Amt. Die Europäer atmen erleichtert auf. Porträt eines Berufsprovokateurs.

Von Niels Kruse

Varoufakis flieht vor Fotografen

Nichts wie weg: Nach seinem Abschied als Finanzminister nimmt Varoufakis vor Fotografen Reissaus

Kurz vor dem Referendum feuerte er noch eine seiner berüchtigten Salven ab: "Was man mit Griechenland macht, hat einen Namen: Terrorismus." Am Abend nach dem Referendum äußerte er sich derartig zuversichtlich, dass man das auch als Drohung hätte verstehen können: "Ab morgen fangen wir an, unsere Wunden zu heilen." Doch am Tag nach dem Referendum teilte er beinahe feierlich über Twitter und seinen Blog mit: "Nicht mehr Minister." Nach 162 Tagen macht Yanis Varoufakis Schluss. Es war vermutlich seine bislang weiseste Entscheidung in den letzten fünf Monaten, selbst sein Chef Alexis Tsipras nannte den Rücktritt "hilfreich".


Immer cool und immer umgeben von einer Aura von Allwissenheit zeigte er sich der Öffentlichkeit. Was er sagte, wirkte klug und durchdacht - nur leider war es nie das, was die Geldgeber hören wollten. Wenn er sagte, Griechenland sei pleite, dann war das vielleicht die bittere Wahrheit, aber leider eine, die nicht ins Rettungskonzept von Internationalen Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und Eurogruppe passte. Wenn er für einen Schuldenschnitt stritt, dann ahnten viele Beobachter vielleicht, dass daran langfristig kaum ein Weg vorbeiführen würde, aber wie hätten die Gläubiger mit solchen Aussichten viele weitere Milliarden für Griechenland lockermachen sollen?

Varoufakis sitzt im Athener Parlament

Der ewige studentische Gestus: Varoufakis lauscht einer Parlamentsrede auf dem Boden sitzend

Und auch sonst wurde Varoufakis, der linke und laute Eliteprofessor, nie müde, gepflegte Beleidigungen in Richtung "Troika" auszustoßen. Von Politik verstehe er nichts, hatte er einmal gesagt, die sei ihm zu komplex, und genau so verhielt er sich auch. Von Anfang an verstieg er sich darauf, den Besserwisser-Rebellen zu geben - um mit dieser überheblichen Attitüde jeden vor den Kopf zu stoßen, und sei er ein noch so großer Griechenland-Versteher. Mit endlosen, hochtrabenden Vorträgen über Gott und die Welt, den Euro und die Krise, Solidarität und Erpressung zermürbte er regelmäßig die Teilnehmer der Eurogruppen-Treffen. Als der slowakische Finanzminister Peter Kazimir einmal gefragt wurde, was er von seinem griechischen Kollegen erwarte, antwortete der entnervt: "Dasselbe wie immer - Belehrungen."

Ein kleiner Überblick:

Varoufakis mit Mittelfinger

Der berühmteste Mittelfinger des Jahres 2015: Yannis Varoufakis. Für seine Satire "#Varoufake" ist Jan Böhmermann mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.

Auch später noch bestritt er, seinen Mittelfinger in die Kamera gehalten zu haben – postete aber über Twitter das Originalvideo, in er die Geste macht. Das hat nun auch wieder niemand verstanden, weshalb er am Ende mal wieder als überheblicher Wirrkopf dastand. Diese Minianekdote passt in das Gesamtbild des Mannes, der nichts, was er anfasste, zu Gold machen konnte. In den ersten Monaten seiner Amtszeit wurde ihm seine Weigerung, Krawatten zu tragen, oder sein Motorradfahren (was in Athen ungefähr so originell ist, wie in Münster aufs Fahrrad zu steigen) noch als Gestus des Unangepassten ausgelegt, ja sogar als willkommenes Antidot zum Brüsseler Bürokrateneinerlei.

Das Leben ist schön unter der Akropolis

Doch leider ist ihm sein Heldentum schnell zu Kopf gestiegen. Als er im März seine exquisite Wohnung in Sichtweite zur Akropolis für ein Reporterteam des französischem Magazins "Paris Match" geöffnet hatte, präsentierte er sich nebst eleganter Gattin Danae Stratou im großbürgerlichen Ambiente an reichhaltig gedecktem Tisch - während das gemeine Volk kaum noch in der Lage ist, das immer teurer werdende Leben von immer spärlicher werdenden Einkünften zu bestreiten. Es war mal wieder keine Sternstunde des Ministers, weswegen er sie öffentlich auch schnell wieder bereute.



Über seine Zukunft aber wird sich Varoufakis kaum ernsthafte Sorgen machen müssen. Durch seine Forschung und Lehre an fast jedem Ort der Welt (Sydney, Austin/Texas, Glasgow) ist er viel herumgekommen, war bei einer Reihe von TV-Stationen willkommener Wirtschaftsexperte - und spätestens jetzt kennt ihn auch der Rest der Welt. Enthoben aller Restzwänge, die öffentliche Ämter mit sich bringen, könnte er nun vielleicht erst recht loslegen. Zumindest lässt sich sein letzter Satz in seinem Rücktrittspost auch als entsprechende Drohung verstehen: "Das mutige Nein der Griechen, das sie der ganzen Welt entgegenschleuderten, ist er erst der Anfang."