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750. Stadtgeburtstag: Kaliningrad feiert Königsberg

Bei den Feiern zum 750-jährigen Geburtstag Kaliningrads, einst Königsberg, will der Kreml seine Macht demonstrieren - und politische Misstöne vermeiden. Doch mit der historischen Genauigkeit sehen es die Russen nicht so eng.

In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, sind die Menschen zufrieden: Endlich können die Feierlichkeiten zum 750. Stadtgeburtstag beginnen. Die Leninstatue auf dem Platz des Sieges ist gerade noch rechtzeitig vor dem Eintreffen der Besucher weggekarrt worden. Die goldenen Kuppeln der Kathedralen und die Fassaden der Innenstadt glänzen. Ein Geruch von frischer Farbe durchweht die Straßen der ehemaligen Ostpreußenmetropole und so mancher Kaliningrader lässt es sich bei einem Jubiläumspils "Königsberg 750" gut gehen. Kaum etwas erinnert an den Baustress der letzten acht Monate. Auch die politischen Misstöne sind verstummt - zumindest vorerst.

In den Monaten vor dem Stadtgeburtstag war in der Stadt, die im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, ein heftiger Streit darüber entbrannt, welches Jubiläum vom 1. bis 3. Juli eigentlich gefeiert wird. 750 Jahre Königsberg? Oder 690 Jahre Königsberg und 60 Jahre Kaliningrad? Die erste Variante lehnte die russische Regierung prompt ab, über die andere wurde lange und ergebnislos diskutiert. Verworfen wurde selbst der Kompromissvorschlag "750 Jahre unsere Stadt". Per Erlass ließ der russische Präsident Wladimir Putin schließlich - Widerspruch unerwünscht - das Gezerre beenden. Jetzt wird in diesem Jahr ganz offiziell "750 Jahre Kaliningrad" gefeiert. Das 60-jährige Bestehen des "Kaliningrader Gebietes" soll dann 2006 begangen werden.

Putins "Potemkinisches Dorf"

Zu dem Jubiläum wird viel politische Prominenz nach Kaliningrad reisen. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac haben Wladimir Putin ihr Kommen zugesagt. Für Schröder könnte es einer der letzten Amtsbesuche in Russland sein, da will ihm der russische Staatschef "Potemkinische Dörfer" präsentieren. Das Haus der Räte, seit 20 Jahren eine die Stadt überragende graue Bauruine, erhielt einen weißen Anstrich und Fenster.

Selbst über die deutsche diplomatische Vetretung, seit einem Jahr ohne offizielles Botschaftsgebäude, soll gesprochen werden. Kaliningrader, die nach Deutschland reisen möchten, müssen sich bis heute persönlich in die Botschaft im 1.200 Kilometer entfernten Moskau bemühen. Die Frage, wann das Konsulat in Kaliningrad seine Arbeit aufnehmen werde, pflegte der deutsche Chefdiplomat Cornelius Sommer mit Zynismus zu beantworten: "Da müssen Sie im Kreml anrufen." Neue Misstöne zwischen deutscher und russischer Seite - auch um Enteignungen in der Stadt - will Wladimir Putin vermeiden, so lange die Welt nach Kaliningrad blickt.

Auf den Trümmern des zerstörten Königsberg erbaut, steht Kaliningrad in Russland als Symbol für den Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland. Als Geburtsstunde der russischen Epoche gilt der "Schturm Kenigsberga" im April 1945. Zum Namensgeber Kaliningrads wurde mit Michail Iwanowitsch Kalinin ein stalinistischer Schreibtischtäter. Zusammen mit anderen Politbüro-Mitgliedern verantwortete das 1946 verstorbene, nominell erste Staatsoberhaupt der UdSSR das Massaker der sowjetischen Geheimpolizei an polnischen Offizieren in Katyn 1941 sowie das Gulag-System unter Stalin.

Stadt mit deutscher Vergangenheit

Mit der historischen Genauigkeit sehen es die russischen Organisatoren der 750-Jahr-Feier nicht so eng. Zwar wollen sie zeigen das Kaliningrad mehr ist als eine gesichtslose Stadt sowjetischen Typs. Die Verbindungslinien zu fast sieben Jahrhunderten deutscher Geschichte aber werden in den Hintergrund gerückt. Die Königsberger Burg sei auf Rat des böhmischen Königs Ottokar gegründet worden, so ihre Darstellung. In Wirklichkeit wurde sie im zwölften Jahrhundert für den deutschen Kaiser Barbarossa errichtet. Zum offiziellen Symbol des Festwochenendes erkoren die Organisatoren das am östlichen Stadtrand auf einer Verkehrsinsel gelegene Königstor. Der gotische Königsberger Dom, das Wahrzeichen des alten Königsbergs, fand keine Beachtung - gegen den Willen der Bevölkerung. Die orthodoxe Christus-Erlöser-Kathedrale hingegen, zu Jahresbeginn noch ein Rohbau, wuchs in kürzester Zeit zu einem fast 70 Meter hohen marmorweißen Kirchenbau mit goldenen Kuppeln heran - sie soll die russische Präsenz in allen Lebensbereichen verdeutlichen.

Für die Kaliningrader selbst ist die deutsche Vergangenheit ihrer Stadt längst Teil gelebter Alltagskultur, und so bereiten sie das Jubiläum vor. Die Stadt ist voller Plakate mit zeitgenössischen Fotografien der alten Ostpreußenmetropole. Auf dem Flaschenetikett des Jubiläumspils steht nicht ein einziger kyrillischer Buchstabe, stattdessen das Reinheitsgebot auf Deutsch. Für Touristen haben viele Restaurants auch die altdeutsche Spezialität "Königsberger Klopse" auf die Speisekarte genommen. Sehr begehrt sind die Wohnungen im gut erhaltenen deutschen Villenviertel "Amlienau". Im Museum für Stadtgeschichte hat die Leitung deutsche Kulturgüter ausgestellt - von der Speisekarte des Weinlokals "Blutgericht" bis zu Briefen an die Reichseierstelle.

"Es haben sich noch nie so viele Leute für die Geschichte interessiert wie heute", beschreibt die Direktorin des Kaliningrader Zentralarchivs, Alla Federowa die Lage. Auch deshalb, "weil zu Sowjetzeiten die Kaliningrader Geschichte vor 1945 an Schulen nicht behandelt wurde." Krönen soll den Stadtgeburtstag nun ein großer Festumzug, bei dem kostümierte Darsteller den Spagat über den Riss in der Stadtgeschichte wagen wollen - historische Aufklärung in Trippelschritten.

Nils Schmidt