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Historisches Treffen: Absage mit Ansage - warum Donald Trump den Gipfel mit Kim streicht

Die US-Regierung sagt den historischen Gipfel mit Kim Jong Un ab - wenig überraschend, das Aus hatte sich angedeutet. Denn Donald Trump will kein schlechter Verlierer sein und bei dem Deal gab es für ihn nicht viel zu gewinnen.

US-Präsident Donald Trump (l.) und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un

Donald Trump (l.) und Kim Jong Un treffen sich nun doch nicht

AFP

Manchmal wirkt Donald Trump, als würde er sein Verhältnis zu Nordkorea mit Hilfe von Gänseblümchen ordnen. "Kim ist nicht doof, Kim ist doof" - so geht das Blütenblatt um Blütenblatt seit Ewigkeiten. Früher schimpfte er darüber, dass die Diktatur die USA seit Jahren an der Nase herumführe, bis vor wenigen Tagen aber freute er sich wie Bolle über das anstehende Gipfeltreffen. Nun haben Gänseblümchen allerdings 34 Blütenblätter und die Mathematik will es, dass das Liebesorakel bei "Kim ist doof" endet. Anders gesagt: Das Weiße Haus hat das mit Spannung erwartete Treffen des US-Präsidenten mit Nordkoreas Machthaber abgesagt. Grund: Feindseligkeit.

Aufschwung in Nordkorea

Es ist nicht besonders überraschend, dass sich Nordkorea gegenüber den USA feindselig verhält - die isolierte Diktatur betrachtet die Vereinigten Staaten traditionell als: Erzfeind. Genaugenommen ist die gefühlte Bedrohung durch die Amerikaner der Grund, warum Nordkorea die Atombombe entwickelt hat. Das Regime ist dem Westen im Allgemeinen und Washington im Besonderen in Fragen der Abrüstung immer nur dann entgegengekommen, wenn es etwas brauchte: Reis zum Beispiel. Doch die Zeiten sind vorbei.

Trotz aller Schwierigkeiten hat das Land den Hunger größtenteils besiegt. Mehr noch: Seit einiger Zeit entsteht so etwas wie eine (korrupte) Mittelschicht in dem bettelarmen Land. Diesen Schwung wollte Kim Jong Un ausnutzen, um mit Trumps Hilfe die eine oder andere Sanktion loszuwerden. Was Kim, im Gegensatz zum US-Präsidenten, aber nie wollte: seine Atomwaffen abschaffen. Dieser Zielkonflikt sorgt zuletzt wieder für giftige Töne zwischen den Parteien und die Frage, die schon vorher niemand so richtig beantworten wollte und konnte, poppte wieder auf: Was genau soll so ein Gipfel eigentlich bringen?


Spitzentreffen auf diesem Niveau und mit dieser Wucht und diesen Megathemen werden üblicherweise von Regierungsmitarbeitern monate- oder jahrelang vorbereitet. Anders der Termin am 12. Juni in Singapur. Doch das mit Aussicht auf einen Abrüstungsdeal verbundene Prestige war offenbar so riesig, dass beide Seiten freudestrahlend spontan einschlugen. Ein Erfolg am Verhandlungstisch ausgerechnet mit dem nordkoreanischen Diktator hätte Trumps Image innerhalb kürzester Zeit aus den Miesen geholt. Doch die US-Regierung musste einsehen, dass sie gegenüber Kim die schlechteren Karten hatte.

Im Grunde konnte Donald Trump nur verlieren

  • Es ist der US-Präsident (und der Westen), der eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel will. Kim Jong Un war nur bereit, auf den Einsatz seiner Bomben zu verzichten. Für Nordkorea würden sich die Dinge vielleicht nicht verbessern, aber auch nicht verschlechtern. Kim kann mit dem Status quo besser leben als der Westen.
  • Für den Fall der Denuklearisierung wollte Trump Nordkorea "umfassende Sicherheitsgarantien" aussprechen. Vermutlich meint es der US-Präsident damit Ernst, doch seit dem US-Ausstieg aus dem Iran-Atom-Deal hat die US-Regierung ein massives Vertrauensproblem – wie soll sich Kim jetzt noch auf Zusagen aus Washington verlassen? Und wenn doch: zu welchem Preis? 

 

Möglicherweise waren es solche Überlegungen, die Trump dazu brachten, sowohl den Termin als auch den Gipfel zuletzt immer offener in Frage zu stellen. Und die US-Vizepräsident Mike Pence veranlassten, offen zu drohen: "Falls Kim Jong Un keinen Deal macht, wird sein Land wie das Libyen-Modell enden", hatte er gesagt und damit auf den Abrüstungswillen und Sturz des früheren libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi angespielt. "Ignorant und dumm", pestete die nordkoreanische Führung zurück. Da war also der Eklat, an dem das Treffen scheitern konnte. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Nordkorea sein Nukleartestgebiet Punggye Ri öffentlichkeitswirksam in Schutt und Asche legte, was Trump vor kurzem noch als "Geste, die wir zu schätzen wissen" preiste.

Die Absage erfolgte in einem beinahe zärtlichen Brief von Trump an Kim. "Ich habe mich sehr auf das Treffen gefreut", schrieb er. Leider habe Nordkorea jedoch in seinen letzten Statements "enormen Ärger und offene Feindschaft" erkennen lassen, er halte deswegen ein Treffen zum jetzigen Zeitpunkt für unangemessen. "Ich habe gespürt, dass ein wunderbarer Dialog zwischen Ihnen und mir zustande kommt, und letztlich ist das der einzige Dialog, der zählt. Ich freue mich sehr darauf, Sie eines Tages zu treffen", so der US-Präsident weiter. Das alles, um später hinterherzuschieben, den "maximalen Druck" auf das Land beizubehalten.

Offenbar hat Trump sich ein neues Gänseblümchen besorgt und schon wieder angefangen, die Blütenblätter abzuzupfen.