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Illegale Einwanderer: Abschiebungen in den USA: "Jetzt kann es jeden treffen - jeden Tag"

US-Präsident Donald Trump lässt rigoros illegale Einwanderer abschieben. Darunter auch solche, die Jahrzehnte brav gelebt und Steuern gezahlt haben. Besuch in einer Stadt, in der sie sich bislang sicher fühlen konnten.

Von Andreas Albes, Austin

Fidel und Aida Pena

Fidel und Aida Pena: Wer Steuern zahlt, wird irgendwann auch Amerikaner - das dachte Fidel lange Zeit. Doch er wird wohl nie die US-Staatsbürgerschaft bekommen.

Früher glaubte Fidel Pena, wer Steuern zahlt, wird irgendwann auch Amerikaner. Oder zumindest: Wer Steuern zahlt, den wirft man nicht gleich aus dem Land, sollte eines Tages die Einwanderungsbehörde vor der Tür stehen und nach gültigen Papieren fragen. Deshalb ist Fidel Pena bei der US-Finanzbehörde IRS registriert, er hat eine Steuernummer und überwies allein im vergangenen Jahr 10.000 Dollar an den Staat. Doch seit wenigen Wochen weiß er: Sollte ihm die Stunde der Abschiebung schlagen, wird ihn das nicht retten.

Fidel hat keine Chance, Amerikaner zu werden

Es ist Donnerstagvormittag im Restaurant "Ramos" in Austin, Texas. Fidel Pena bindet sich eine Schürze um. Der gutaussehende grauhaarige Mexikaner hat wenig Zeit, gleich beginnt das Mittagsgeschäft. Er steht mit seiner Frau Aida in der Küche. Sie betreiben das "Ramos" gemeinsam. Es gibt Fajitas, Tacos, Salate. Die beiden strahlen, wenn sie von den vielen Fünf-Sterne-Bewertungen im Internet erzählen. Aber sobald die Sprache auf das Thema Abschiebung kommt, verfinstert sich ihre Miene. Dann greift Aida nach Fidels Hand, als könnte sie ihn beschützen. Aida hat einen US-Pass, weil sie mal mit einem Amerikaner verheiratet war. Fidel dagegen lebt seit 22 Jahren illegal im Land. Nach derzeitige Rechtslage hat er keine Chance, jemals eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

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"Bislang war das kein Problem", sagt er. "Ich wusste ja, ich bin geduldet. Aber seit Donald Trump ist alles anders." Vor wenigen Tagen erst hat die Immigration-Police ihren Tellerwäscher Ermelando verhaftet. Mit zwei Wagen lauerten ihm die Beamten morgens auf und nahen ihn auf dem Weg zur Arbeit fest. Der 21-Jährige ist jetzt eingesperrt in einem sogenannten Detention-Center und wartet auf seine Abschiebung. Als er mit seinen Eltern in die USA kam, war Ermelando drei. Seine Heimat Mexiko hat er nie wieder gesehen. Auch Ermelando zahlte Steuern. Doch für Donald Trump ist er ein "bad hombre", ein böser Mann, ein Krimineller, der abgeschoben gehört. Weil ihn die Polizei einmal mit Alkohol am Steuer erwischte. Fidel Pena hat keine Zweifel: "Jetzt kann es jeden treffen, jeden Tag."

Deportationswelle trifft 940.000 Menschen

Amerikas neuer Präsident versprach im Wahlkampf, elf Millionen illegale Einwanderer auszuweisen. Diese Drohung macht er nun wahr. "Cross Check" hieß die erste Großoffensive der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE im Februar. Auf einen Schlag wurden 680 Personen in elf Bundesstaaten in Abschiebehaft genommen. Austin traf es mit 51 Festnahmen besonders hart. Sogar aus Gerichtssälen wurden Leute abgeführt, noch bevor ihre Prozesse beendet waren.

Und das ist nur der Anfang. Erwartet wird, dass von Trumps erster Deportationswelle 940.000 Menschen betroffen sein werden. Die Anhänger des Präsidenten feiern ihn für seine Konsequenz. Nicht weil sie diese Menschen, die größtenteils aus Lateinamerika und Mexiko stammen, tatsächlich für Kriminelle halten. Sondern weil sie sie verantwortlich machen für die Misere der US-Wirtschaft: Niedrige Löhne und damit Wegfall attraktiver Jobs für die Arbeiterklasse.

Passamt in Austin

Schon Stunden vor der Öffnung des Passamts in Austin stehen die Menschen Schlange - zumindest ihre Kinder sollen offiziell in den USA leben dürfen,. wenn sie abgeschoben werden sollten.


Der Dienstleistungssektor und das Baugewerbe werden in den USA von illegalen Arbeitskräften dominiert. In der Landwirtschaft haben 53 Prozent der Beschäftigten keine gültigen Papiere - 2,5 Millionen Menschen. Was in Austin nach den Razzien passierte, lieferte einen Vorgeschmack darauf, was Amerika durch Trumps Abschiebungen drohen könnte. Tagelang verkrochen sich  Arbeiter in ihren Häusern; Restaurants mussten vorübergehend schließen, Baustellen standen still. Das Heer von Menschen, die bereit sind, für Löhne weit unter US-Standard zu arbeiten, hat die Struktur ganzer Wirtschaftsbereiche geprägt. Statt in Ausbildung zu investieren, stellen Unternehmen lieber viele und billige Arbeitskräfte ein. Hotelketten, Friseursalons, Baumärkte, Altenheime, Versandhäuser. Die Liste ist endlos.

Die großen US-Metropolen haben vor dieser Situation längst kapituliert. Sie werden "Sanctuary Citys" genannt - Zufluchtsstädte. In ihnen galt bislang ein ungeschriebenes Gesetz: Illegale Immigranten werden nicht verfolgt, solange sie keine schweren Straftaten begehen. Das hält die Infrastruktur aufrecht. Im Gegenzug zahlt die Mehrzahl der nicht registrierten Beschäftigten freiwillig Einkommens-, Vermögens- und Umsatzsteuer. Der American Immigration Council geht von deutlich über 50 Prozent aus und bezifferte die Gesamtsumme 2013 auf 11,6 Milliarden Dollar. Nach einer Bloomberg-Studie sind Sanctuary Citys die erfolgreichsten Wirtschaftsmetropolen des Landes. Dazu gehören New York, Los Angelas, Philadelphia, Chicago und auch Texas' Hauptstadt Austin. Dort haben von den gut 900.000 Einwohnern etwa 100.000 keine Aufenthaltserlaubnis. Unter diesen Menschen herrscht jetzt blanke Angst.

Claudia würde ihre Kinder zurücklassen

Die Schlange vor dem Passamt am Airport-Boulevard im Norden von Austin reicht bereits 200 Meter über den Parkplatz. Dabei ist es nicht mal sieben Uhr, und das Büro öffnet erst um acht. Claudia Gonzales aus El Salvador steht seit fünf Uhr an. Sie und ihr Mann kamen vor 13 Jahren mit einem Touristenvisum in die USA, dann sind sie einfach geblieben. Auf ihrem Arm schläft Tochter Greta, ihr sechsjähriger Sohn Francisco klammert sich an ihre Hüfte. Beide Kinder kamen in Austin zur Welt und sind US-Bürger. "Ich will für sie Pässe beantragen", sagt Claudia. "Damit sie in den USA bleiben können, sollten mein Mann und ich abgeschoben werden." Auch sonst hat sie alles für den Ernstfall vorbereitet. Das Wichtigste sei ein beglaubigtes Dokument für ihre Nachbarin, erklärt Claudia. Darin steht, dass sie berechtigt ist, Greta und Francisco aufzunehmen. Claudia würde ihre Kinder also wirklich zurücklassen? Die Antwort kommt ohne Zögern: "Egal was passiert: Sie haben eine bessere Zukunft in den USA."

Zwei Meter vor ihr stehen Bernardo und Chiqui Garcia. Auch sie brauchen Pässe für ihre Kinder. Bernardo stammt aus Kolumbien und ist seit zwei Jahrzehnten Amerikaner. Er zeigt Fotos von seinem Haus im Vorort Hutto. Zwei Etagen, davor ein großer Rasen wie auf einem Trump-Golfplatz. Bernardo führt seine eigene Steuerberatungsfirma, seine Frau macht die Buchhaltung. Die zwei lernten sich 2003 in Florida kennen. Doch weil Chiqui damals bereits deportiert werden sollte, hat sie trotz Ehe kein Anrecht auf die US-Staatsbürgerschaft. Bernardo lässt die Schultern hängen: "Was werden soll, wenn sie zurück nach Honduras muss? Wir wissen es nicht. Aber wir wollen auf alles vorbereitet sein." Dann gehen die Türen zur Passbehörde auf. Der Sturm auf die Schalter beginnt.

Zahl der Einwanderer sinkt kaum

20 Jahre haben die USA ihre Einwanderungsgesetze nicht geändert. Dabei hat sich der Andrang von Menschen aus Mexiko und Lateinamerika seitdem vervielfacht. Die Zahl stieg bis 2007 permanent an und ist seitdem kaum gesunken. Dreiviertel geben sowohl wirtschaftliche Probleme sowie Kriminalität als Fluchtgründe an. Menschenrechtler halten die USA für mitschuldig an der Lage. Vor allem in Zentralamerika habe Washington im Kampf um politischen Einfluss und gegen Kommunisten jahrzehntelang korrupte Autokraten unterstützt. So entwickelten sich in rechtlose Zustände, in denen die Schwachen unterdrückt werden und Wachstum unmöglich ist. Allein aus Honduras, Guatemala und El Salvador stammen fast drei Millionen der illegalen Einwanderer.

Anrecht auf Asyl haben die meisten von ihnen nicht. Deshalb tauchen sie gleich in Amerikas illegales Paralleluniversum ab, wo es einen gefälschten Führerschein für 600 Dollar gibt. Greencard und Sozialversicherungsausweis kosten ein paar Tausend Dollar. Subunternehmen haben sich darauf spezialisiert, illegale Arbeitskräfte zu vermitteln. Das Prinzip funktioniert ähnlich wie bei Zeitarbeitsagenturen. So können renommierte Firmen billige Arbeitskräfte beschäftigen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Hilda Ramirez und Sohn Ivan

Hilda Ramirez und ihr Sohn Ivan. Nach einem Jahr in Abschiebehaft, haben die beiden Kirchenasyl in Austin bekommen.


Alexandra Minnaar ist Rechtsanwältin bei der Immigranten-Hilfsorganisation Raices. Im Wartezimmer mit den kahlen Wänden ist die Luft zum Schneiden, so viele Menschen warten auf ihren Rat. Ihr Schreibtisch ist mit Akten überladen. Auch bei ihr herrscht seit Trumps Wahlsieg Andrang wie nie. "Es ist höchste Zeit für neue Gesetze", sagt Minnaar. "Das System ist total kaputt." Die meisten ihrer Klienten würden glauben, Trump hätte die Gesetze verschärft, aber das sei ein Irrtum. "Trump lässt bestehende Regeln nur konsequent umsetzen." Sie besagen, dass jeder Einwanderer ohne Papiere sofort abgeschoben werden kann, sobald er eine Straftat begangen hat. Als Straftat gilt schon fahren ohne Führerschein oder der illegale Übertritt der Landesgrenze. "Damit ist praktisch jeder betroffen." Minnaar seufzt. "Für mich ist das Schlimmste, jemandem der seit 15 Jahren rechtsschaffend bei uns gelebt hat, sagen zu müssen: Für den Traum, Amerikaner zu werden, gibt es keine Chance."

"Illegale Einwanderer sind wie Aussätzige"

Trumps Vorgänger Obama versuchte über Jahre eine Grundlage zu schaffen, um die Einwanderer ohne Dokumente einzubürgern. Er scheiterte stets am Kongress, in dem die Republikaner die Mehrheit haben. Obama ließ sogar 2,5 Millionen Immigranten deportieren - mehr als jeder seiner Vorgänger -, um die konservativen Widersacher auf seine Seite zu ziehen. Auch das änderte nichts. Zwar fordern auch die Republikaner, dass die Immigranten-Krise dringend gelöst werden muss. Aber ohne jenen, die gegen Einwanderungsgesetze verstoßen haben, den Weg zur US-Staatsbürgerschaft zu ebnen. Ihr Argument: Das würde nur noch mehr Immigranten anziehen. Stattdessen wollen die Republikaner rigoros abschieben, dafür aber den Einreiseprozess erleichtern. Das lehnen die Demokraten ab, weil die Abschiebungen Hunderttausende Familien auseinander reißen würden.

"Die illegalen Einwanderer stehen bei uns seit Jahrzehnten wie Aussätzige da", sagt Anwältin Minnaar. "Selbst wer Steuern zahlt, hat keine Rechte. Weder Versicherungsschutz, noch Anspruch auf Mindestlohn. Diese Menschen können sich nicht einmal beschweren, wenn sie um ihren Lohn betrogen werden." Minnaar befürchtet, dass sich die Situation unter Trump verschärft. "Jetzt haben sie meisten sogar dann Angst die Polizei zu rufen, wenn sie Opfer einer Gewalttat geworden sind. Aus Furcht selbst gleich im Gefängnis zu landen."

Offiziell arbeitet die Polizei mit den ICE-Beamten nicht zusammen. Aber das wissen viele Immigranten nicht. Ihr Misstrauen ist seit den jüngsten Razzien so groß, dass sie sofort die Straßenseite wechseln, wenn irgendwo eine Uniform auftaucht. Dabei herrscht in den Sanctuary Citys oft ein tiefer Konflikt zwischen Polizei und Einwanderungsbehörde. ICE-Kräfte sind Washington unterstellt, Polizisten dagegen den Kommunen. In Austin gehört Sheriff Sally Hernandez zu den profiliertesten Trump-Gegnern. Eine resolute Frau mit blondem Pagenschnitt. Hernandez erklärte, sie würde keinen Immigranten einsperren, für dessen Verhaftung es keinen richterlichen Beschluss gibt. Deshalb wurden Tellerwäscher Emeraldo und all die anderen Opfer der jüngsten Razzien in Gefängnisse nach San Antonio überstellt.

Kürzungen treffen Veteranen, Kinder, Aids-Kranke

Trump hat den Zufluchtsstädten bereits mit Strafmaßnahmen gedroht. Austin könnte die erste sein, die das zu spüren bekommt. Der von den Republikanern dominierte Texas-Senat beschloss jüngst, Austin finanzielle Zuschüsse zu streichen, sollte die Polizei bei den Abschiebungen künftig nicht kooperieren. Stadtratsmitglied Greg Casar sagt: "Wenn sie diese Gelder kürzen, trifft es Veteranen, Kinder, Aids-Kranke. Sie versuchen an uns ein Exempel zu statuieren, um zu zeigen, was einer Kommune passiert, die sich gegen Trump stellt."

Bislang ist der Widerstand in Austin gegen die Abschiebungen ungebrochen. Seit Wochen gibt es Proteste, Juristen bieten kostenlosen Rat an, zweisprachige Amerikaner helfen bei Übersetzungen, Einkaufsgemeinschaften werden gebildet, weil viele Immigranten noch immer Angst haben, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Sankt Andrews Kirche im Stadtteil Wells Branch erklärte sich sogar zur Sanctuary-Church. Pfarrer Jim Rigby nahm eine 29-jährige Mutter aus Guatemala auf, die vor drei Jahren mit ihrem Sohn in die USA geflüchtet war.

Hilda Ramirez Andreas Albes

stern-Autor Andreas Albes zu Gast bei Hilda Ramirez. Die Mutter wurde aus der Abschiebehaft entlassen unter der Bedingung, eine Fußfessel zu tragen


Hilda Ramirez und der zehnjährige Ivan verbrachten erst ein Jahr in einem Detention-Center, danach durften sie das Gefängnis verlassen, unter der Bedingung, dass die Mutter eine Fußfessel trägt. Ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung ist noch bis Sommer gültig, dann droht auch ihnen die Abschiebung. Pfarrer Rigby ließ einen Unterrichtsraum räumen, ein Stockbett hineinstellen und Vorhänge an den Fenstern anbringen. Dort leben seine Schützlinge jetzt. Sie bekommen Englischunterricht, Rigby bringt Ivan das Gitarrespielen bei.

Und wenn die Immigration-Polizei eines Tages kommt? Rigby fährt sich durch seinen weißen Bart und überlegt einen Moment. "Ich bin bestimmt kein besonders mutiger Mann", sagt er. "Aber ich würde mich wehren. Lieber lasse ich mich von denen ins Gefängnis stecken, als mich beim Blick in den Spiegel für mangelnde Zivilcourage schämen zu müssen."

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