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Absturz der Präsidentenmaschine: Dieser Pilot widersetzte sich Lech Kacznyski

Grzegorz Pietruczuk ist schon einmal mit dem verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski geflogen - und verweigerte den Landebefehl. Der "Georgien-Pilot" erzählt stern.de von seiner Freundschaft zu seinem Kameraden Arkadiusz Protasiuk, dem Ungücks-Piloten.

Von Tilman Müller, Warschau

Es ist ein beklemmender Moment für Polen - auf dem Wawel, dem mythischen Krakauer Burgberg, werden Präsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria mit viel Gloria zu Grabe getragen. Furchtbar nüchtern dagegen und geradezu trostlos geht es am Checkpoint des 36. Spezialregiments zu, jener militärischen Fliegerstaffel, die für den Transport des Präsidenten verantwortlich ist; ihr Hauptquartier liegt nahe des Warschauer Airports, wo die Flugkatastrophe der TU-154 am Samstagmorgen des 10. April ihren Ausgang genommen hatte.

Vor der scharf bewachten Einfahrt zu dem Flieger-Regiment brennen nun auf einer kleinen Grünfläche Kerzen zwischen ärmlichen Blumengebinden und kleinen Schwarzweißfotos der Toten. Ganz links das Bild von Arkadiusz Protasiuk, dem Flugkapitän der verunglückten Tupolew-Maschine, daneben die Gesichter der drei Co-Piloten und der drei Stewardessen.

Grzegorz Pietruczuk, der "Georgien-Pilot"

Der wohl bekannteste Mann des 36. Regiments ist Grzegorz Pietruczuk. Die polnischen Journalisten nennen ihn mit viel Respekt nur den "Georgien-Piloten". Denn er hatte sich auf einem Kaukasus-Flug vor anderthalb Jahren standhaft geweigert, die hoch riskante Anordnung von Präsident Lech Kaczynski zu befolgen, mitten im Georgien-Krieg in Tiflis zu landen. Selbstbewusst steuerte der Elite-Pilot damals die Maschine aus der Gefahrenzone und landete sicher nahe Baku - zum Verdruss des Präsidenten, der sich danach langsam auf Landstraßen weiterbewegen musste.

Heute ist Pietruczuk ein ideales Aushängeschild für sein Regiment, das nach der Tragödie von Smolensk, bei der insgesamt 96 Menschen starben, starker Kritik ausgesetzt ist. Nur zu gerne wird da einer aus den eigenen Reihen an die PR-Front geschickt, der einmal Sicherheitsbewusstsein und Zivilcourage bewiesen hat. In Begleitung eines Regiments-Sprechers kommt Pietruczuk dann auch zum Checkpoint, um außerhalb des Militärgeländes mit uns zu sprechen. Ein kleiner, bulliger Mann mit kurz geschorenen dunkelblonden Haaren, 36 Jahre alt. Die vier Sterne an seiner Uniform-brust weisen ihn als Kapitän der polnischen Luftstreitkräfte aus, seine Antworten sind kurz und militärisch. Mit gesenkten Kopf und geschlossenen Augenlidern nimmt er das Beileid für die verunglückten Kameraden entgegen.

"Ich habe Anweisung"

"Ich habe Anweisung", sagt er beharrlich zu Boden blickend, "nicht über den Georgien-Flug zu sprechen." Auch kein Wort zu "den Spekulationen über den Absturz von Smolensk". Auf dem russischen Militärflughafen dort ist er selbst schon gelandet, den Unglücks-Piloten Arkadiusz Protasiuk kennt er wie kein anderer. Beide sind 36 Jahre alt und begegneten sich erstmals 1989 - auf der renommierten Offiziersanwärter-Flugschule im polnischen Deblin. "Ich kenne Arkadiusz sehr gut, wenn ich das nach 21-jähriger Freundschaft sagen darf", sagt er mit einem leichten Anflug von Ironie.

In der Zeit unmittelbar vor dem Absturz haben die beiden TU-154-Piloten fast täglich miteinander gesprochen. "Wer bei welchem Flug fliegt, ordnen die Chefs an", sagt Pietruczuk, "da kann jeder von uns zum Einsatz kommen." Entscheidet der Pilot immer selbst, ob in schwierigen Situationen gelandet wird oder nicht? "Ja, das sagen Vorschriften."

Auch dann, wenn der Präsident oder ein General, also Ihr Vorgesetzter, mit an Bord ist? Pietruczuk zögert etwas, sagt dann etwas leiser mit gesenktem Blick wie einer, der schon einige Befehle entgegen nehmen musste, die ihm nicht gefielen: "Ja, auch dann, so sind die Sicherheitsvorschriften jedenfalls zu interpretieren."

Der Pressemann kommt ihm zur Hilfe

War das Risiko, an jenem Samstagmorgen gegen 8.50 Uhr bei dichtem Nebel in Smolensk zu landen, nicht viel zu hoch? Als der erfahrene Pilot bei dieser Frage ausweicht und etwas ins Schleudern kommt ("Wir haben genaue Vorschriften, unter welchen Bedingungen gelandet werden darf"), kommt ihm schnell der neben ihm stehende Pressemann zur Hilfe und erklärt: "Der Flughafen von Smolensk war zu diesem Zeitpunkt ja nicht von den russischen Behörden geschlossen worden, also konnte Arkadiusz entscheiden, ob er landet oder nicht."

Gegen den Rat der russischen Fluglotsen steuerte der polnische Pilot hinunter auf das Smolensker Flugfeld. Um 8.56 prallte die Tupolew etwa 350 Meter vor Beginn der Landebahn im Nebel (sie hätte an dieser Stelle 60 Meter hoch fliegen müssen) gegen einen Baum, überschlug sich und fing sofort Feuer.

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