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Afghanistan: "Dann schreien wir alle 'Peng! Peng!'"

Der Fallschirmjäger Achim Wohlgethan beschreibt die Leiden seiner Kameraden und seine eigenen Erlebnisse als deutscher Soldat in Afghanistan. Eine Anklage.

Von Uli Rauss und Achim Wohlgethan

Nahe Kundus, 28. August 2008. In der Dunkelheit zwischen drei und vier Uhr morgens nähert sich ein Fahrzeug mit hohem Tempo ihrem Checkpoint. Die Soldaten geben Lichtsignale, es hält nicht an. Sie feuern, das Fahrzeug schlingert und kommt zum Stehen. Sie gehen auf das Fahrzeug zu, die Waffe im Anschlag. Sie finden eine Frau und ihre zwei Kinder – alle tot.

Für die Soldaten bricht eine Welt zusammen. Noch vor Sekunden waren sie sicher, einen Anschlag verhindert zu haben. Tage zuvor haben sie erneut Kameraden verloren und bei deren Rückführung nach Deutschland Spalier gestanden. Viele sind selbst junge Väter. Und jetzt das.

In Afghanistan herrscht bei solchen Fällen deutsches Recht. Dass es zu einer Untersuchung kommt, ist richtig. Dass der Soldat, der in einer Sekundenentscheidung die tödlichen Schüsse abgab, sich seinen Rechtsanwalt selbst besorgen und ihn bezahlen sollte, ist ein Skandal. Erst auf Druck der Heimatpresse stellte die Bundeswehr ihm einen Anwalt an die Seite. Weder Politik noch die Militärführung waren darauf gekommen.

Fast täglich werden Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Extremsituationen konfrontiert. Selbst Sanitätskräfte werden beschossen, wenn sie ihren sterbenden Kameraden helfen wollen. Die Soldaten in Afghanistan frustriert es zunehmend, dass der Öffentlichkeit eine extrem geschönte Sicht der Dinge mitgeteilt wird, während sie ihr Leben riskieren. Zumal immer wieder die gleichen Fehler gemacht werden, wie ich es selbst bei zwei Einsätzen in Afghanistan erlebt habe. Immer ist die Führungsebene vor Ort aufgebläht, stets verhindert ein schwerfälliger Beamtenapparat zügigen Nachschub. Mehrfach wurden Warnungen über die Sicherheit ihrer Lager in den Wind geschlagen – solange, bis etwas passierte.

Waffen und Munition getrennt transportieren

5. November 2003. Gegen sechs Uhr hatten wir den Luftstützpunkt der Bundeswehr in Termez, Usbekistan, verlassen - 15 Soldaten vom Spezialzug der Division Spezielle Operationen (DSO) aus Varel auf dem Weg ins Ungewisse. In Kundus waren schon 27 Soldaten des deutschen Vorauskommandos. Bald sollten 230 deutsche Soldaten von diesem Stützpunkt aus den Wiederaufbau des Landes unterstützen.

Obwohl die Sicherheitslage am Behelfsflughafen völlig unklar war, sollten wir ohne Waffen anlanden. Vorgesetzte begründeten das mit dem Luftverkehrsgesetz. Solange nicht offiziell Krieg ist, fliegt die Bundeswehr nach zivilen Vorschriften: Waffen und Munition werden getrennt voneinander transportiert. Selbst Taschenmesser müssen abgegeben werden. Wir saßen in einem Flieger der Bundeswehr, flogen in offizieller Mission in einen vom deutschen Bundestag mandatierten Einsatz, und durften keine Waffen dabei haben?

15 Minuten vor der Landung gingen wir nach hinten zur Laderampe und öffneten eigenmächtig den Waffencontainer. Auch ohne Munition - mit den Waffen am Mann sahen zumindest so aus wie richtige Soldaten. Auf dem Rollfeld nahmen wir Sicherungspositionen ein, zwischen zerschossenen Panzern und Flugzeugen tummelten sich bewaffnete Afghanen. Wenn jetzt was passiert, dachte ich, schreien wir alle peng, peng! Eine absurde und dumme Situation war das.

300 Schuss füs G-36K-Gewehr

Später bekam jeder von uns 300 Schuss Munition fürs G-36K-Gewehr und 100 Schuss für die P-8-Pistole. Das reichte im Ernstfall gerade mal für ein paar Minuten. Munition für unsere schweren Waffen gab es gar nicht. Zwar hatten wir Granatpistolen, adaptierbar unter unserem Sturmgewehr, aber nicht einen einzigen Schuss dafür. Die abziehenden Amerikaner gaben uns wenigstens harmlose Markierungsmunition, so dass niemand erkennen konnte, dass das Rohr unserer Waffen leer war.

Am schlimmsten war die Fahrzeuglage. Wir bekamen keine Bundeswehr-Jeeps, weil in Kundus nur Transportmaschinen mit eingeschränkter Kapazität landen konnte. Wir bekamen zivile Toyota Landcruiser, angemietet für 1500 Dollar pro Stück und Monat beim örtlichen Autohändler. 80 Prozent der Jeeps waren eigentlich fahruntüchtig. Wenig Stauraum, keine Panzerung, keine Schneeketten, Rechtslenker, Schaltgetriebe – alles gefährliche Nachteile. Halterungen für Handgranaten bastelten wir aus Cola-Dosen. Bei einem der Unfälle kullerten die Granaten im Wagen umher – ohne zu zünden.

ISAF-Nation schmuggelt Prostituierte

Eine Geheimdienst-Operation in Kabul 2002 kam mir wieder in den Sinn. Auch da ging es ums Totschweigen. Damals machten Gerüchte über Bordelle westlicher Militärs in Kabul die Runde. Angehörige unserer Abteilung 2 bestätigten deren Existenz. Wer hatte die Prostitituierten, vor allem Frauen aus Osteuropa, ins Land gebracht? Der deutsche General Schlenker ordnete eine Überprüfung unter Federführung des MAD an.

An der Seite deutscher Fernspäher observierte ich am Flughafen, wie mehrere Frauen aus einer gelandeten Frachtmaschine kamen und in Militärfahrzeuge auf dem Rollfeld stiegen. General Schlenker legte dann in einer Lagebesprechung unsere Beweisfotos auf den Tisch. Dass eine ISAF-Nation die Frauen ins Land schmuggelte und ein eigenes Bordell betrieb, war organisierte Kriminalität. Zu einer strafrechtlichen Verfolgung kam es nicht. (Anm. d. Red.: Nach Recherchen des stern kamen die Prostuierten an Bord eines türkischen Militär-Flugzeugs nach Kabul).

Schon nach knapp vier Monaten wurde unser Spezialzug nach Hause geschickt. Es hatte Streitereien untereinander gegeben, die am Ende eskalierten und das Klima im ganzen Camp vergifteten. Zuhause fiel ich dann in ein tiefes Loch. Alle Versuche, mit meiner Freundin Anja und deren kleiner Tochter ein normales Leben zu führen, scheiterten. Später trennten wir uns.

Nach dem Tipp eines Kameraden verschaffte mir ein Stabsarzt ein Bett im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus. In der Neurologie waren Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörung, oft nach lebensbedrohlichen Erfahrungen im Auslandseinsatz. Männer mit Burnout-Syndrom, quer durch alle Dienstgruppen, Drogenabhängige: Medikamente, Akohol, harte Drogen – alles dabei. Im Kasernenalltag waren psychische Probleme absolut tabu. Die Bundeswehr steht vor dem Dilemma, sich als Friedensarmee zu verkaufen, aber immer mehr psychische Wracks zu produzieren.