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Schockierende Entwicklung: Krieg in Afghanistan: Immer mehr Kinder unter den Opfern

Der Krieg in Afghanistan verändert sich rapide, das belegt der neue UN-Jahresbericht. Die Zahl der toten und verletzten Zivilisten steigt erneut - und das Leiden trifft nun auch vermehrt die Kinder.

Ein afghanisches Kind in einem Flüchtlingslager in Pakistan

Ein afghanisches Kind in einem Flüchtlingslager in Pakistan

"Es war am Tag vor Ramadan, als die Taliban ins Dorf kamen. Mein Mann entschied, dass wir sofort gehen müssen, bevor sie anfingen, die afghanische Armee anzugreifen, die in der Nähe war. Ich hatte gerade ein Baby bekommen. Wir gingen also los, Mann, Schwiegermutter, drei Kinder und ich mit dem Baby. Aber plötzlich landete eine Mörser-Granate neben uns. Ich flog auf den Boden, verletzt. Aber mein neugeborener Junge wurde von einem Splitter in die Brust getroffen. Nach ein paar Minuten war er tot."

Mit diesem Bericht einer jungen Frau aus der Provinz Farah beginnen die Vereinten Nationen einen der wichtigsten Jahresberichte zur Situation in Afghanistan. Der am Montag veröffentlichte Report zu den zivilen Opfern des afghanischen Krieges hat 111 Seiten. Er ist reich an Augenzeugenberichten, Statistiken und Kontext und illustriert so das Leiden von Kindern, Frauen und Männer, die im Kampf der islamistischen Taliban mit der afghanischen Regierung zwischen die Fronten geraten. Kurz gesagt: Das Leiden hat weiter zugenommen.

Afghanistan: Kämpfe in dicht besiedelten Gebieten

Wieder seien innerhalb eines Jahres mehr Zivilisten getötet oder verletzt worden, berichten die UN - in Zahlen: 11.418 Afghanen. Das seien drei Prozent mehr als noch 2015.   

Interessant ist der Bericht aber auch, weil er über die Schicksale der Opfer die Dynamiken eines Krieges erklärt, der sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 rapide verändert hat.

Der schockierendste Trend im neuen Bericht: Der Krieg wird zum Krieg gegen die Kinder. Um 24 Prozent sei die Zahl der getöteten oder verletzten Kinder 2016 angestiegen. Das liege unter anderem daran, dass Kämpfe sich zunehmend in dicht besiedelten Gebieten abspielten. 

Mehr Luftangriffe gegen Taliban

Ein weiterer Trend, der viel aussagt über die Natur des Konflikts: Sehr viel mehr Luftangriffe der USA und der wachsenden afghanischen Luftwaffe töten sehr viel mehr Zivilisten. Hier ist die Opferzahl um ganze 99 Prozent gestiegen, auf 250 Tote und 340 Verletzte. 

Diese Luftangriffe, sagen Experten in Kabul, seien oft das einzige Mittel, die Taliban abzuwehren - was wiederum viel verrät über die Kapazitäten der afghanischen Streitkräfte, die ihren Krieg eigentlich nun alleine ausfechten sollen. Es erklärt auch, weshalb es, anders als früher, kaum Proteste der Regierung über zivile Opfer gibt. 

Zahl der Selbstmordanschläge steigt rapide an

Und noch ein wichtiger Trend: die Zunahme der Selbstmordanschläge. Drei Viertel aller Opfer gab es in der Hauptstadt Kabul - eine Stadt, die von deutschen Politikern mitunter als sicher beschrieben wird. In 16 Anschlägen wurden 1514 Zivilisten getötet oder verletzt. Das ist ein Anstieg von 75 Prozent gegenüber 2015.

Der UN-Bericht zu den zivilen Opfern ist aber bei weitem nicht der einzige, der Alarm schlägt über den Verlauf eines Krieges, der für viele Regierungen in der Welt in die zweite Reihe gerückt ist. 

Afghanistan ist gefährlicher geworden

Erst vergangene Woche hat zum Beispiel der Spezialinspekteur des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan, John Sopko, in seinem vierteljährlichen Bericht deutlich gemacht, wie schnell die afghanische Regierung 2016 die Kontrolle über Provinzen verloren hat. Nur noch 57,2 Prozent des Territoriums seien in ihrer Gewalt - rund sechs Prozent weniger als noch im August und 15 Prozent weniger als 2015. 

In Deutschland ist es in den vergangenen Monaten oft darum gegangen, wie sicher Afghanistan ist und ob Flüchtlinge dorthin zurückgeschickt werden sollten. Der Bericht zu zivilen Opfern und der Sopko-Bericht zeigen zumindest, dass die Gefahr, durch Gewalt zu sterben, steigt.

Beeindruckende Porträts vom Afghanistan-Einsatz: Was der Krieg mit Soldaten macht
Adam Petzsch, Unterleutnant, 25

Adam Petzsch, Unterleutnant, 25

6. März, Edinburgh
Ich weiß nicht, was mich dort erwartet und eigentlich bin ich etwas zu verzagt, aber ich wollte sehen, wie es wirklich ist, also bin ich zur Armee gegangen (l.)
19. Juni, Compound 19, Nad Ali, Afghanistan
(nach einem Bombenanschlag)
Es war der erste Einsatz mit einem Todesopfer. Ich wollte den Typen eigentlich nur aus dem Weg schaffen und mich selbst in Sicherheit bringen. Richtig zum Nachdenken kommt man ja erst, wenn es passiert ist. Ich habe mich gefragt, ob das zu verhindern gewesen wäre, ob es vielleicht meine Schuld war, und wie es den anderen geht (M.)
25. Oktober, Edinburgh
Wir wurden in einen anderen Stützpunkt verlegt und konnten uns keine 200, 300 Meter bewegen, ohne beschossen zu werden. Das war vorher anders, da haben wir auf der Patrouille oft über Kilometer niemanden gesehen. Aber dennoch glaube ich, dass unsere Anwesenheit etwas bewirkt.


Straßenblockaden gefährden Leben

Aber es gibt mehr Arten zu sterben, als durch Kugeln oder Bomben. Das machen die wöchentlichen "Feldberichte" der UN-Agentur für humanitäre Hilfe (OCHA) deutlich. Ebenfalls am Montag veröffentlicht sie einen weiteren Bericht, der meldet, dass sie nach Bereinigung von Zahlen nun knapp 650.000 Konfliktvertriebene in 2016 sieht - Menschen, die mitten im Winter oft kein Dach über dem Kopf haben, wenig Essen und selten Geld. 

OCHAs Fallstudien zeigen, wie sehr auch die unblutigen Faktoren des Krieges Leben gefährden können - die vielen Straßenblockaden der Taliban zum Beispiel. Wer nicht zum Markt kann, kann sein Gemüse nicht verkaufen. Hat so kein Geld für Essen oder den Arzt. Begräbt deshalb Kinder am Ende eines Winters, wenn die Erde taut.

Frieden in Afghanistan - "unwahrscheinlich"

Der Hohe Kommissar der UN für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, sagt es zur Vorstellung des neuen Berichts zu den zivilen Opfern in Afghanistan so: "Die Konsequenzen eines jeden Akts der Gewalt erschüttern die Familien, ganze Gemeinden und hinterlassen sie gebrochen, nicht in der Lage, sich selbst zu helfen." 

Für all das scheint kein Ende in Sicht. Die UN packen es in einen dürren, kleinen Satz: "Frieden in 2017 - es ist unwahrscheinlich."

Christine-Felice Röhrs, DPA