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"Afghanistan my home" Die Bundesregierung und ihre Anti-Deutschland-Werbekampagne

Afghanistan Fluechtling Griechenland
Sie müssen leider draußen bleiben: Flüchtlinge aus Afghanistan an der Grenze zu Mazedonien
© Robert Atanasowski/AFP
Für Menschen aus Afghanistan ist in Mazedonien Schluss, sie gelten dort als Wirtschaftsflüchtlinge. Die Regierung in Berlin versucht, sie vor Ort an der Flucht nach Europa zu hindern - mit Videoclips, die die Heimat preisen.

Die Taliban sind wieder da. Erst vor wenigen Tagen haben die Regierungstruppen ihnen auch den Norden der Provinz Helmand überlassen. Rund ein Drittel Afghanistans ist mittlerweile in der Hand der radikalen Islamisten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet, dass Aufständische immer häufiger Jungen rekrutieren, sie an Waffen und Sprengsätzen ausbilden und sie als "Kanonenfutter" in die Schlacht werfen. Auch wenn die Taliban diese Vorwürfe zurückweisen: Das Land am Hindukusch ist sicher alles andere als ein sicherer Herkunftsort.

Aus Afghanistan kommen nur Wirtschaftsflüchtlinge

Dennoch beginnen die europäischen Staaten nun damit, afghanische Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen, weil sie nicht schutzbedürftig genug seien. So hat Kroatien 217 Migranten nach Serbien abgeschoben, die zuvor von Slowenien nach Kroatien zurückgeschickt worden waren, der größte Teil von ihnen sind Afghanen. In Mazedonien werden sie als Wirtschaftsflüchtlinge betrachtet, die ebenfalls kein Recht auf Asyl besäßen. Ende 2015 hatte das Auswärtige Amt in Berlin ein wenig hoffnungsvolles Bild von Afghanistan gezeichnet, es gebe große Sicherheitsprobleme, massive Menschenrechtsverletzungen und die Lage von Frauen und Kindern sei besonders negativ.

Zur selben Zeit hat die Bundesregierung in dem Land mit einer Kampagne begonnen, die die Menschen davon abhalten soll, nach Deutschland zu kommen. Auf Plakaten in Städten wie Kabul ist in den Landessprachen Dari und Paschtu zu lesen: "Afghanistan verlassen? Sind Sie sicher?" oder: "Afghanistan verlassen? Haben Sie das gut durchdacht?" Darunter verweist das zuständige Auswärtige Amt auf die Website "rumoursaboutgermany.info", auf der Gerüchte über Deutschland mit Fakten verglichen werden. 

Ziel der Kampagne sei Aufklärung, nicht Abschreckung, heißt es im Außenministerium. Schließlich würden die Menschen ihr Leben riskieren, weil sie von "bewusst gestreuten Falschinformationen über Deutschland" angelockt würden. Den Plakaten folgen seit drei Tagen auch Videos und TV-Clips, die vom größten Medienunternehmen des Landes, der Moby Group, produziert wurden. In den zehn halbminütigen Beiträgen wird den Afghanen eine Hochglanzversion ihres Landes verkauft. Junge Menschen berichten da von ihren Plänen und Hoffnunge: So will eine Frau als Ärztin Leben retten, eine andere möchte unbedingt Journalistin werden.

"Afghanistan, my home"

Die Idee dahinter: Den Afghanen Afghanistan schmackhaft zu machen, ihre Talente in der Heimat einzubringen, anstatt die Reise in ein fremdes, weit entferntes Land anzutreten. "Afghanistan, my home" heißt die Aktion. "Ich liebe Afghanistan und möchte meinen Teil beitragen. Lasst uns zusammen eine Bewegung des Wandels sein", sagt etwa eine Filmemacherin. An den Patriotismus der Menschen zu appellieren, mag zwar eine hübsche Idee sein, doch dass das Leben dort lebensgefährlich ist, darüber schweigen sich die Kampagnenmacher lieber aus.

Clausnitz in Sachsen: Eine grölende Menschenmenge versperrt einem Bus mit Flüchtlingen den Weg. Die verstörenden Bilder sorgen deutschlandweit für Entsetzen – und verhelfen dem Dorf im Osterzgebirge zu trauriger Berühmtheit. Doch auch die Polizei steht in der Kritik. Rabiat gehen sächsische Beamte gegen Asylsuchende vor - "verbringen" - wie es im Polizeijargon heißt – die verängstigten Menschen unter Zwang in die Flüchtlingsunterkunft. Besonders eindrücklich: Der 15-Jährige Luai Khatun wird von einem Polizisten im Schwitzkasten aus dem Bus gezerrt. stern-Reporter machen sich vor Ort ein Bild von den Geschehnissen, treffen den jungen Luai und andere Heimbewohner. Lassen sich die Erlebnisse schildern. Diese Aufnahmen entstehen kurz nach der Bus-Blockade. Sichtlich verstört kauern Heimbewohner auf dem Fußboden. Das Schluchzen einer Frau erfüllt den Raum. Es ist Forat aus Syrien. Die 43-Jährige floh mit ihren beiden Schwestern vor dem Krieg. Einer ihrer Brüder wurde vor vier Jahren von Assads Truppen gefangen genommen. "Am liebsten wären wir wieder in unserer Heimat – nur nicht hier“, sagt ihre Schwester Rana. Oder wenigstens in Wilhelmshaven, wo ein anderer Teil ihrer Familie untergebracht sei. Auch Luai filmt die pöbelnde Menschenmenge aus dem Inneren des Busses – kurz bevor anmaßende "Wir sind das Volk“-Rufe durch die Nacht schallen und der Bus gewaltsam geräumt wird. Der Junge lebt mit seinem 14-jährigen Bruder und dem Vater in der Unterkunft. Vor drei Monaten seien sie aus Tripolis im Libanon geflohen. Dem stern berichtet Luai, er habe sich hilflos gefühlte. Die rund 100 rechten Hetzer hätten ihm Angst gemacht. Vor allem aber die Polizisten. Der Leiter des Clausnitzer Flüchtlingsheim - Thomas Hetze, - wurde mittlerweile von seinem Posten entbunden. Er ist Mitglied der AfD. Seine Position verlor er angeblich "zum Schutz seiner Person“.
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Niels Kruse

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