Afghanistan-Einsatz Nato vermisst den "Einer-für-alle-Geist"


Bei der Nato hängt der Haussegen schief. Pünktlich zum Treffen in Vilinius bemängeln einige Mitgliedsländer immer offener die mangelnde Unterstützung ihrer kämpfenden Truppen in Afghanistan. Sogar von einer Spaltung des Bündnisses ist mittlerweile die Rede.

Nichts ist in Ordnung. Die Verbündeten ziehen nicht an einem Strang. Und nun der Streit über einen Bundeswehr-Einsatz im umkämpften Süden Afghanistans, der das Bündnis zu spalten droht. Zumindest fürchten das einige der kämpfenden Nato-Mitglieder. Sie fühlen sich von den Verbündeten im Kampf gegen die radikalislamischen Taliban in den gefährlichen Teilen des Landes nicht ausreichend unterstützt.

Sorgen, dass sich das Bündnis zu einer zweigeteilten Allianz entwickelt

"Ich mache mir große Sorgen, dass sich das Bündnis zu einer zweigeteilten Allianz entwickelt, in der einige Verbündete für den Schutz der Sicherheit von Menschen zum Kämpfen und Sterben bereit sind und andere nicht", hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates vor seinem Abflug nach zum Nato-Treffen nach Vilnius. Sein kanadischer Kollege Peter Mackay unterstützte diese Warnung in der litauischen Hauptstadt: "Wir wollen keine zweigeteilte Nato. Wir möchten mehr von dem "Einer-für-alle-Geist" sehen. Und das bedeutet natürlich eine Teilung der Lasten im Süden." Kanada hat angesichts von etwa 80 Gefallenen in Afghanistan mit dem Abzug seiner knapp 2500 Soldaten aus der Provinz Kandahar gedroht, falls die Verbündeten nicht mindestens 1000 zusätzliche Soldaten schickten.

Auf die Frage, ob ein Riss im Bündnis drohe, sagte Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU): "Nein, das denke ich nicht. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, und die werden wir gemeinsam wahrnehmen." Die regionale Aufteilung des Afghanistan-Einsatzes sei "klug". Sie weist den maximal 3500 deutschen Soldaten die Verantwortung für den vergleichsweise ruhigen Norden des Landes zu. Auch der Norden sei im vergangenen Jahr gefährlicher geworden. "Ich denke, dass wir unseren Beitrag in Afghanistan voll und ganz leisten", sagte Jung. Die von Gates geforderten deutschen Kampftruppen im Süden lehnt die Bundesregierung ab.

"Ehrlich, nein, das glaube ich nicht"

Auch De Hoop Scheffer widersprach der Auffassung, der Allianz drohe die Spaltung. "Ehrlich, nein, das glaube ich nicht", sagte er. "Wir sind 26 in Afghanistan." Ausdrücklich lobte er das Engagement der rund 3200 deutschen Soldaten: "Ich glaube, die Deutschen machen sehr gute Arbeit in Afghanistan." Er wolle, dass die Nato in Afghanistan möglichst flexibel operieren könne. "Ich bin Realist. Ich weiß, dass der Deutsche Bundestag einige Beschränkungen möchte." Anders die deutsche Seite hören viele Mitstreiter zwischen diesen Zeilen heraus, dass der Nato-Chef nicht nur realistisch, sondern auch enttäuscht und unzufrieden über den deutschen Weg ist.

Dass der Ton zwischen den Militärpartnern strenger wird, war an US-Verteidigungsminister Gates zu hören: Er hatte die im Süden Afghanistans tätigen Verbündeten ausdrücklich gelobt und dies in Washington mit Kritik an anderen Alliierten verbunden: "Die Kanadier, die Briten, die Australier, die Niederländer und die Dänen sind wirklich da draußen und kämpfen. Aber es gibt eine Menge andere, die das nicht tun." Namen aber nannte er nicht, doch es war klar, dass er auch Deutschland meinte.

Merkels Antwort an Gates

Gates harsche Worte folgte prompt eine Antwort aus Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nun, sie halte nichts davon, die Afghanistan-Einsätze in Gefährdungskategorien einzuteilen. "Ich finde, dass Deutschland auch eine große Verantwortung in Afghanistan übernommen hat." Es sei nicht sinnvoll, dauernd zwischen verschiedenen Regionen in Afghanistan hin und her zu eilen.

Der Streit in der Bundesrepublik um die schnelle Eingreiftruppe, die Jung in den Norden Landes schicken will, sei "völlig überzogen", heißt es bei der Nato. Wenn die neue Aufgabe nicht notwendigerweise weitere deutsche Opfer bedeuten muss, so beinhaltet sie nach Ansicht einiger Kommandeure, dass Bundeswehr-Soldaten sich darauf einstellen sollten, Menschen töten zu müssen. "Wenn es notwendig ist, müssen sie darauf vorbereitet sein, Leben zu nehmen", sagt ein norwegischer Oberstleutnant jüngst zu stern.de.

Bis heute, mehr als sechs Jahre nach Beginn des Militäreinsatzes, ist allerdings kein einziger Fall öffentlich geworden, in dem deutsche Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf einen Afghanen auch nur in Selbstverteidigung erschossen hätten, geschweige denn bei einem Angriff.

Seltsame Diskussion in Deutschland

Dass die Frage, ob es sich beim deutschen Afghanistan-Engagement um einen Kampfeinsatz handelt, bei den Deutschen überhaupt debattiert wird, verwundert Angehörige anderer Truppenstellernationen - ebenso wie die Diskussion um die Möglichkeit, Soldaten könnten töten oder sterben. "Natürlich sind wir hier nicht auf einer Mission, um zu töten", sagt ein Nato-Offizier. "Aber ich finde es sonderbar, dass sich die deutsche Öffentlichkeit so sehr auf den Fakt konzentriert, dass Soldaten riskieren, Leben zu nehmen und Kameraden zu verlieren. Das ist eine Tatsache, die Soldaten, Politiker und die Öffentlichkeit im Kopf haben sollten, und ein Risiko, dessen sich alle bewusst sein sollten, wenn Soldaten an Orte wie Afghanistan geschickt werden."

nik mit DPA/AP/Reuters/AFP AP Reuters

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