HOME

Afghanistan: Hintergrund der Entführung unklar

Der 42-jährige Schreiner Harald K. aus der Oberpfalz ist am Sonntag in der afghanischen Provinz Herat von Bewaffneten überfallen und verschleppt worden. Eine politische Erpressung gilt diesmal als unwahrscheinlich: Seine mitreisende Familie wurde verschont.

Gut 24 Stunden nach der Entführung eines 42 Jahre alten Deutschen in Afghanistan prüft das Lagezentrum im Auswärtigen Amt (AA) intensiv die bisher verfügbaren Hinweise. "Wir bemühen uns um Aufklärung", sagte eine AA-Sprecherin am späten Montagabend in Berlin. Es gebe aber "noch nichts Neues" zu dem Fall. Eine offizielle Bestätigung der Verschleppung des aus Amberg in Bayern stammenden Harald Kleber in der afghanischen Provinz Herat stand weiterhin aus. Ein Krisenstab im AA wurde zunächst nicht gebildet. Der Schreinermeister aus Amberg (Oberpfalz) ist zum Islam übergetreten und lebt seit vier Jahren in Afghanistan. In Deutschland wird Kleber wegen der Veruntreuung von Hilfsgeldern per Haftbefehl gesucht.

Fünfte Entführung eines Deutschen

Zum fünften Mal in diesem Jahr war am Sonntagabend in Afghanistan ein deutscher Staatsbürger entführt worden. Seit Anfang Juli wurden damit insgesamt fünf Deutsche in Afghanistan verschleppt. Der deutsche Ingenieur Rüdiger D. wurde von seinen Entführern erschossen. Alle anderen deutschen Entführungsopfer kamen wieder frei, wenn auch zum Teil erst nach längerer Geiselhaft.

Herats Polizeichef Mohammad Juma Azim sagte, Bewaffnete hätten das Auto mit dem Deutschen gestoppt und Kleber aus dem Wagen gezerrt. Seine afghanische Ehefrau und sein Schwager, die ebenfalls in dem Fahrzeug saßen, blieben verschont. Möglicherweise hat der Fall einen privaten Hintergrund: Nach Angaben des Polizeichefs der Provinz Herat, Juma Khan Adeel, heiratete Kleber vor zwei Jahren eine afghanische Frau, die sich zuvor von ihrem Cousin getrennt hatte. Dadurch sei es zu einem Zerwürfnis in der Familie gekommen, das letztendlich zu der Verschleppung geführt habe. "Aus meiner Sicht ist es eine persönliche Auseinandersetzung wegen der Vergangenheit seiner Frau, deren erster Ehemann ihr Cousin war", erklärte Adeel. "Wir wissen nicht genau, ob sie von ihm geschieden ist oder nicht."

Angebliche Veruntreuung von Hilfsgeldern

Kleber hatte von 2003 bis 2005 für die Hilfsorganisation Grünhelme von Rupert Neudeck gearbeitet und war am Bau von 26 Schulen beteiligt. Inzwischen hat die Organisation nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr zu ihm. Kleber wollte 2003 für die Grünen in den bayerischen Landtag einziehen. Nach Angaben der Partei zog er die Kandidatur kurz vor der Wahl zurück und siedelte nach Afghanistan über. Grund sei ein laufendes Strafverfahren gewesen.

Der afghanische Handels- und Industrieminister Amin Farhang sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er sei von dem Fall persönlich "sehr tief betroffen". Er habe das Opfer im Zusammenhang mit einem Hilfsprojekt in Herat mehrfach getroffen und schätzen gelernt. Klebers Rechtsanwalt Georg Seidenschwand bestätigte, dass gegen seinen Mandanten in Deutschland ein Haftbefehl besteht. "Man tut ihm aber sicher Unrecht, wenn man sagt, der ist Afghanistan geblieben, um hier einer Strafe zu entgehen", betonte der Anwalt.

"Zu vieles auf die leichte Schulter genommen"

Kleber habe sogar damals die Erlaubnis des Gerichts gehabt, für ein paar Monate für sein Grünhelm-Engagement nach Afghanistan zu reisen. "Erst als er unten geblieben ist, kam es zum Haftbefehl." Möglicherweise sei Kleber bei seiner Entführung eine Charaktereigenschaft zum Verhängnis geworden: "Er hat oft zu vieles auf die leichte Schulter genommen", sagt der Anwalt. Dies sei auch der Hauptgrund gewesen, warum der Schreiner mit seinen Geschäften in Deutschland mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei.

Die "Berliner Zeitung" berichtete, die Hilfsorganisation Grünehelme habe bereits 2006 gegen K. Anzeige wegen Untreue erstattet. Darin werde K. vorgeworfen, beim Bau einer Schule in Afghanistan insgesamt 87.300 Euro unterschlagen zu haben. Es werde vermutet, dass Kleber dieses Geld in einen privaten Hausbau investiert habe, berichtet die Zeitung. Der Bonner Oberstaatsanwalt Fred Apostel bestätigte am Montagabend, dass gegen eine Person gleichen Namens von der Hilfsorganisation eine Anzeige vorliege. Weil sein Aufenthaltsort nicht festzustellen gewesen sei, habe man das Verfahren vorläufig eingestellt.

Die Staatsanwaltschaft Bonn bestätigte, dass immer noch ein Ermittlungsverfahren anhängig ist. "Es gibt eine Strafanzeige, und dann müssen wir ja ermitteln", sagte Oberstaatsanwalt Fred Apostel. Laut "Berliner Zeitung" (Dienstag) geht es um den Vorwurf, dass Kleber als Aufbauhelfer beim Bau einer Schule 87.300 Euro unterschlagen haben soll.

AP/DPA / AP / DPA