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Afghanistan: Phantomgrippe am Hindukusch

In Afghanistan ist die Schweinegrippe großflächig ausgebrochen. Behauptet zumindest das Gesundheitsministerium. Doch den Krankenhäusern sind kaum Infizierte bekannt. Zur Bekämpfung der Phantomgrippe fordert das Land nun 125 Millionen Dollar Soforthilfe.

Von Christoph Reuter, Kabul

Am 28. Oktober gab Afghanistans Gesundheitsminister eine wenig beachtete Pressemitteilung heraus: Es gebe derzeit 58 Fälle von H1N1, landläufig Schweinegrippe genannt, in Afghanistan. Infiziert seien 50 Ausländer, acht Afghanen. Menschen sterben in Afghanistan an vielerlei, das Land hat trotz Milliardenhilfe aus dem Ausland immer noch eine der geringsten Lebenserwartungen der Welt. So kümmerte die Nachricht nur wenige.

Schweinegrippe als politisches Instrument

Doch just nachdem der zweitplatzierte Kandidat der Präsidentschaftswahl, Abdullah Abdullah, seine Kandidatur zurückgezogen hatte, da niemand von den Verantwortlichen für die massiven Wahlfälschungen des ersten Wahlgangs zur Rechenschaft gezogen wurde - da entwickelte die Schweingegrippe eine erstaunliche Eigendynamik. In dramatischen Worten beschwor Gesundheitsminister Mohammed Amin Fatemi nur wenige Tage später, am 1. November, seine Landsleute: Die Schweinegrippe habe sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet: 400 Infizierte und acht Todesfälle seien allein in Kabul zu beklagen, kurz darauf waren es schon 700 Infizierte und elf Tote. "Ich persönlich rechne mit 70.000 Toten in Afghanistan", sagte der Minister.

Vorsorglich werde er ab sofort für mindestens drei Wochen sämtliche Schulen und Universitäten sowie Hochzeitssäle schließen lassen, größere Ansammlungen seien verboten. Sorgen sollten sich Schüler und Studenten aber keine machen: Jeder, der Prüfungen versäume, habe sie per Ministerdekret automatisch bestanden.

Panikartige Stimmung in allen großen Städten

Die Schließungen sowie der stete Hinweis darauf, dass es hunderte Schweinegrippefälle unter Amerikanern in deren größter Basis Bagram gebe, 60 Kilometer nördlich von Kabul, schufen eine panikartige Stimmung vor allem in Kabul und den großen Städten: Mundschutz-Masken wurden zum Verkaufsschlager der Straßenhändler, die Preise stiegen von 5 auf bis zu 25 Afghani, umgerechnet 30 Cent. In den ersten Tagen nach Fatemis Ansprache war bald die Hälfte aller Kabulis nur mit Maske auf der Straße.

Kurz nach Abdullahs Rückzug wurde die Stichwahl abgesagt, und die "Unabhängige Wahlkomission" erklärte Hamid Karsai auch ohne zweiten Wahlgang zum neuen Präsidenten - am Tag nach Fatemis Brandrede. Proteste, gar gewalttätige Unruhen blieben aus.

Dazu mag beigetragen haben, dass die Universitäten ja ohnehin geschlossen, größere Ansammlungen verboten waren und die meisten Afghanen sich eher um ihre Gesundheit als um Demokratie sorgten. Minister Fatemi forderte in der Zwischenzeit 125 Millionen US-Dollar Soforthilfe vom Ausland: Man brauche mehrere Millionen Dosen Impfstoff.

Warten auf den Virus

Derweil räumten Kabuls große Krankenhäuser wie das Ibn Sina oder das Indira Gandhi-Hospital ganze Trakte frei. Fragten verzweifelt bei westlichen Hilfsorganisationen nach, ob man ihre Beatmungsgeräte reparieren könne. Und warteten auf den Ansturm der Patienten. Doch der kam nicht.

Als der Reporter Nastoh Naderi des respektlosen, kleinen Privatsenders Nurin TV dann in jenen Krankenhäusern recherchierte, die vom Ministerium als Behandlungsorte der Infizierten genannt worden waren, stieß er auf: leere Säle und ratlose Krankenschwestern. "Wir waren in acht öffentlichen und überdies in vier privaten Krankenhäusern", erinnert sich Naderi, "und nur im Indira Gandhi-Krankenhaus sagten die Ärzte, sie hätten neun Verdachtsfälle." Aber da sie den Virus nicht identifizieren könnten, hätten sie die Leute erstmal wieder nach Hause geschickt. Einen bestätigten Fall hatte keiner, auch von den Todesfällen wusste niemand.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Daten über Infizierte darf nur noch das Gesundheitsministerium herausgeben. Und in den Krankenhäusern weiß keiner, wo die Zahlen herkommen

"Die Pandemie ist echt!"

Das Gesundheitsministerium, um die Namen und Adressen der Gestorbenen gebeten, verweigerte jede Auskunft. Nurin TV strahlte zwei Abende hintereinander Bilder aus leeren Krankenhaussälen aus - woraufhin Gesundheitsminister Atemi ankündigte, den Sender verklagen zu wollen. Außerdem ließ er sämtlichen Krankenhäusern in Kabul untersagen, Daten über H1N1-Infizierte an Journalisten herauszugeben. Zahlen gibt nur noch das Gesundheitsministerium bekannt.

Der dortige Abteilungsleiter für Gesundheitsvorsorge, Mohammed Taufiq Mashal, nannte jüngst "779 Fälle in sieben Provinzen, vor allem in Masar-i-Sharif und Herat. Außerdem 14 Tote, der letzte davon in Herat vor zwei Tagen." Die Identität der Toten "halten wir aus Pietätsgründen geheim". Dass Journalisten von den hunderten Fällen kaum einen gefunden haben, sei "doch politisch motiviert: Die wollen dem Minister unterstellen, dass er das Versammlungsverbot nur verhängt habe, damit niemand gegen Karsais Ernennung zum Präsidenten demonstriert. Dabei ist die Pandemie echt! Wir rechnen mit bald 350.000 Fällen in Afghanistan!"

Eher eine Phantom- als Schweinegrippe

Aber auch in den anderen großen Städten des Landes scheint es sich eher um eine Phantom- als um die Schweinegrippe zu handeln: "Wir haben 1200 Ärzte, Krankenschwestern und Freiwillige mobilisiert, eine Vorsorge-Kampagne zu starten", sagt Gholam Said Raschid, der Gesundheitsverantwortliche von Herat, der größten Stadt im Westen sowie der gleichnamigen Provinz: "Aber bislang haben wir nur sechs vermutete Fälle, deren Blutproben wir nach Kabul zur Bestätigung geschickt haben." Von einem Todesfall weiß er nichts. In Masar-i-Scharif, der Metropole Nordafghanistans, "haben sich 3000 Leute bei den Krankenhäusern gemeldet", sagt Mirwais Rabi, Chef der dortigen Gesundheitsabteilung: "Aber in ganz Nordafghanistan haben wir bislang keinen einzigen Fall."

Die ganz normale Influenza grassiert wie jeden Herbst in Afghanistan, wenn die Temperaturen schlagartig sinken, und ist von den Symptomen her kaum von H1N1 zu unterscheiden. Eine genaue Diagnose des Schweinegrippe-Virus kann, da sind sich immerhin alle einig, lediglich eine einzige staatliche Stelle in Kabul liefern: das virologische Labor des Ibn-Sina-Hospitals in Kabul. Der dortige Leiter, Gholameshan Sharifi, führt etwas verunsichert durch die Laborräume, wo in der Tat sowohl der chromatographische, aber ungenaue Schnelltest durchgeführt werden kann, sowie der weit aufwändigere "Polymerase-Kettenreaktions"- sogenannte PCR-Test. Davon hätten sie 200 Test-Sets gehabt, und jetzt nochmal 200 weitere erhalten.

Isaf-Truppen sind irritiert

Wie sie dann fast 800 Infektionen diagnostizieren konnten, wenn sie nur 200 Testsets hatten? Sharifi schaut etwas betrübt und möchte einem viel lieber das Labor für die Masern-Untersuchung zeigen, dessen Klimaanlage kaputt ist. "Das wäre schön, wenn die repariert würde. Sonst können wir im Winter da gar nicht arbeiten." Aber über Ergebnisse und Infektionszahlen dürfe er nicht sprechen, "da müssen Sie sich wirklich ans Ministerium wenden, bitte". Hinter ihm allerdings hängt eine Tafel, auf der die H1N1-Untersuchungsergebnisse notiert sind seit "Ausbruch, Stand 10.11.: 540 Schnelltests und 122 PCR-Tests seien durchgeführt worden. Negativ: 44; Influenza A: 17; H1N1: 61". 61 bestätigte Infektionen, nicht knapp 800.

Obwohl das Zentrallabor im Ibn-Sina-Hospital mit dem anerkannten "Center for Diseases Control and Prevention", CDC, im amerikanischen Atlanta zusammenarbeitet und von dort mit Material unterstützt wird, wenden sich internationale Institutionen wie das UN-Krankenhaus lieber an das einzige private Labor in Kabul, das ebenfalls H1N1-Tests anbietet: das "German Medical Center", eine private deutsche Klinik. Für umgerechnet 20 US-Dollar werden hier Abstriche gemacht, der Ansturm in den vergangenen zwei Wochen war groß, "aber bislang haben wir einen einzigen Fall positiv auf H1N1 getestet", so Maria Gernbauer, eine von zwei Ärzten am German Medical Center. "Den haben wir mit einer Packung Ratiopharm nach Hause geschickt, es war ein leichter Fall, mehr konnte man ohnehin nicht tun."

Phantom-Seuche heißt "Influenza politica"

Auch innerhalb der internationalen Truppen haben die Zahlen von mehreren hundert infizierten ausländischen Soldaten für Irritation gesorgt: "Wir kennen diese Zahlen vom Gesundheitsministerium, aber von uns haben sie die nicht", so ein Isaf-Sprecher: "Wir müssen erst einmal selber klären, wie viele Fälle es bei uns gibt." Unter den Afghanen verbreitet sich anstelle des Virus langsam die Erkenntnis, dass es mit der jähen ministeriellen Panik vielleicht doch eine andere Bewandtnis haben könnte, als der reinen Sorge um die eigene Bevölkerung. Schon hat die Phantom-Seuche einen neuen Namen: "Influenza politica".