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Afghanistan: Wahl voller Tintenflecken

Nicht ohne Ärger ist die erste freie Präsidentschafts-Wahl in der Geschichte Afghanistans zu Ende gegangen. US-Präsident Bush hatte Verständnis: "Zu technischen Problemen kommt es sogar bei Wahlen in hochentwickelten Ländern". Nun hat die Auszählung der Stimmen begonnen.

Einen Tag nach der ersten Präsidentenwahl in Afghanistan beginnt die Auszählung der Stimmen. Im ganzen Land werden dazu die Wahlurnen in acht jeweilige Auszählungs- Zentren gebracht. Mutmaßliche Taliban-Kämpfer überfielen gestern (Samstag) Abend im Süden des Landes einen Konvoi mit Wahlurnen, sie konnten die Stimmzettel aber nicht in ihre Gewalt bringen. Drei Polizisten starben bei dem Überfall, zwei wurden verletzt.

Die radikalislamischen Taliban hatten massive Anschläge zur ersten Präsidentenwahl in Afghanistan am Samstag angekündigt. Es war aber vergleichsweise ruhig geblieben. Klarer Favorit der Wahl, die von massiven Unregelmäßigkeiten und Protesten überschattet war, ist Übergangspräsident Hamid Karsai. 14 der 18 Kandidaten kündigten an, sie wollten das Wahlergebnis nicht anerkennen. Die Wahlbehörde will das Endergebnis am 30. Oktober verkünden.

US-Präsident Bush lobt Wahl

US-Präsident George W. Bush hat die erste freie Wahl in der Geschichte Afghanistans gelobt und Vorwürfe über Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe heruntergespielt.

"In Amerika rückt die Wahl immer näher, und heute ist etwas Großartiges in Afghanistan passiert", sagte Bush am Samstag auf einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Minnesota. "Die Menschen dieses Landes, die vor nur drei Jahren noch unter dem brutalen Regime der Taliban gelitten haben, sind an die Wahlurnen gegangen, um einen Präsidenten zu wählen."

Bush: "Zu technischen Problemen kommt es sogar bei Wahlen in hochentwickelten Ländern" Das US-Präsidialamt veröffentlichte eine Erklärung, in der die Wahl als Erfolg bezeichnet wurde. Zu Vorwürfen, wonach es bei der Wahl zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei, hieß es: "Zu technischen Problemen kommt es sogar bei Wahlen in hochentwickelten Ländern. Es ist nicht überraschend, dass es dazu in einem Land kommen würde, das seine erste landesweite Wahl seit Jahrzehnten abhält."

Bei der US-Präsidentenwahl vor vier Jahren hatten in einigen Wahlbezirken unsauber gestanzte Lochkarten und veraltete Lesegeräte zu wochenlangen Stimm-Nachzählungen geführt. Die nächste US-Präsidentenwahl findet in dreieinhalb Wochen statt.

Alle 15 Konkurrenten von Amtsinhaber Hamid Karsai hatten zu einem Boykott gegen die Abstimmung aufgerufen. "Die heutige Wahl ist keine legitime Wahl. Wir nehmen an der heutigen Wahl nicht teil", sagte der Kandidat Abdul Satar Serat. Die Tinte, mit der die Finger der Wähler markiert werden, die ihre Stimme abgegeben haben, könne leicht abgerieben werden, kritisierten Karsais Mitbewerber. Mit der Markierung sollte verhindert werden, dass Wähler mehrmals abstimmen. Die Wahl blieb entgegen Befürchtungen weitgehend friedlich.

Kandidaten rücken von Forderungen nach Wiederholung der Wahl ab

Die Gegenkandidaten von Übergangpräsident Hamid Karsai rpckten jedoch von ihrer Forderung nach einer Wiederholung der Wahl ab. Die 14 Bewerber forderten eine neutrale Kommission unter Teilnahme ihrer Vertreter zur Untersuchung der Unregelmäßigkeiten, sagte der Sprecher der Gruppe, Abdul Satar Sirat, am Sonntag in Kabul. Das Ergebnis der Untersuchung müsse vor dem Wahlergebnis verkündet werden. Die Kandidaten hatten zuvor erklärt, sie wollten das Wahlergebnis nicht anerkennen.

Wahl planmäßig fortgesetzt

Die Vereinten Nationen (UN) hatte die Wahl trotz der Proteste wie geplant fortgesetzt. "Die Wahl zu diesem Zeitpunkt zu stoppen, ist ungerecht und würde den Menschen ihr Wahlrecht verwehren", begründete ein Vertreter der Wahlkampfkommission die Entscheidung. Durch das Boykott von Karsais Mitbewerbern blieb der Präsident der afghanischen Übergangsregierung faktisch der einzige Kandidat im Rennen. Inwiefern die Wahlergebnisse unter diesem Umständen als gültig erachtet werden können, blieb zunächst unklar. Ein Vertreter der Wahlkampfkommission kündigte an, dass die Vorwürfe untersucht würden, was Wochen in Anspruch nehmen könne. In der Zwischenzeit würde die Auszählung der abgegebenen Stimmen fortgesetzt.

"Nur weil 15 Menschen 'Nein' sagen, können wir nicht die Stimmen von Millionen verleugnen", sagte Karsai auf einer Pressekonferenz. "Es ist zu spät für ein Boykott. Millionen haben bei Regen, Schnee und Wind ihre Stimme angegeben und wir sollten ihre Entscheidung respektieren". Karsais Gegenkandidaten signalisierten, dass sie nicht bereit seien das Wahlergebnis anzunehmen. "Jede Regierung, die als Ergebnis der heutigen Wahl an die Macht kommt, hat keine Glaubwürdigkeit, keine Gültigkeit und ist für uns unrechtmäßig", sagte Serat im Namen seiner Mitstreiter. Unklar blieb, ob sich die einzige Frau unter den Bewerbern der Abschlusserklärung angeschlossen hatte. Insgesamt bewarben sich 18 Politiker um das Präsidentenamt. Zwei hatten schon vor der Wahl ihre Kandidatur zurückgezogen, standen aber dennoch auf den Wahlzetteln.

Die Abstimmung fand unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt, da die radikal-islamischen Taliban-Miliz gedroht hatten, sie stören zu wollen. Die Wahllokale schlossen, ohne dass größere Übergriffe bekannt wurden. Trotz des Boykotts wird am Montag mit ersten Trends gerechnet. Das Endergebnis wird voraussichtlich Ende des Monats vorliegen.

Reuters, DPA