VG-Wort Pixel

Ahmadinedschad-Berater Javanfekr "Der Westen sollte seine Einstellung ändern"


Im Interview mit stern.de spricht Ali Akbar Javanfekr, enger Berater von Präsident Ahmadinedschad, über die Chancen der anstehenden Atom-Verhandlungen.
Interview: Steffen Gassel

Sie sind einer der engsten Berater von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Es heißt in letzter Zeit, der Präsident sei neuen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm gegenüber positiv eingestellt. Stimmt das?
Präsident Ahmadinedschad baut in seiner Außenpolitik auf Dialog und gegenseitige Kooperation. Aber das ist noch nicht gut verstanden worden.

Kein Wunder bei seiner aggressiven Rhetorik, gerade gegenüber Israel. Die letzten Gespräche über das Atomprogramm Ihres Landes im Januar 2011 blieben ergebnislos. Erwarten Sie diesmal Fortschritte?
Der Westen sollte seine Einstellung ändern. Bisher wollten die Amerikaner und Europäer uns ihre Sicht der Dinge aufzwingen, statt mit uns zu kooperieren. Das führt von Anfang an in eine Sackgasse. Wir alle haben deswegen in der Vergangenheit Chancen verpasst.

Viele Beobachter rechnen mit einem Angriff auf den Iran für den Fall, dass die neue Verhandlungsrunde scheitert.
Wer könnte uns denn angreifen? Der Iran ist heute ein starkes Land. Wir haben große Fähigkeiten im Nuklearbereich und auf dem Gebiet der Raketentechnologie. Wir haben Satelliten ins All gebracht und Spionagedrohnen der USA abgeschossen. Lassen Sie uns bei der Realität bleiben: Einen Angriff wird es nicht geben! In Amerika gibt es viele kluge Leute, die das verhindern werden.

Glauben Sie, dieselbe Logik gilt auch für Israel?
Die Verrückten in Israel werden letztlich von den klugen Leuten in Amerika im Zaum gehalten. Israel ist doch nur eine Marionette, die die Amerikaner benutzen, um uns zu drohen.

Viele ihrer Landsleute scheinen sich trotzdem große Sorgen zu machen. Vor den Parlamentswahlen Anfang März ging in Teheran das Gerücht um, Irans Feinde würden eine Wahlbeteiligung unter 50 Prozent als Schwäche und Signal zum Angriff werten.
Das war nur Propaganda, die iranische Medien im Ausland gegen uns verbreitet haben.

Lassen Sie uns über das Wahlergebnis reden. Das wird allgemein als Niederlage der Ahmadinedschad-Fraktion gegenüber den erzkonservativen Anhängern des Revolutionsführers gewertet.
Das sehe ich anders. 70 Prozent der bisherigen Abgeordneten haben ihre Sitze verloren. Das zeigt: Die Leute waren mit dem letzten Parlament nicht zufrieden. Sie hatten die Nase voll von den alten Abgeordneten.

Von vielen dieser neu gewählten Abgeordneten ist nicht bekannt, wo sie politisch stehen. Werden viele von ihnen sich im Lauf der kommenden Monate als Anhänger der Präsidenten entpuppen?
Die neuen Abgeordneten sind Leute mit guten Absichten.

Im alten Parlament, das sich erst im Mai auflöst, stellen die erzkonservativen Anhänger von Revolutionsführer Khamenei die Mehrheit. Auf ihren Druck hin musste sich der Präsident vergangene Woche einer kritischen Befragung im Parlament stellen - ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Islamischen Republik Iran. Hat dieser Auftritt dem Image des Präsidenten geschadet?
Im Gegenteil. Präsident Ahmadinedschad ist eine populäre Figur. Er hat in den letzten sechseinhalb Jahren viel zur Entwicklung des Landes beigetragen. Wenn die Leute sehen, dass das Parlament sich gegen einen so beliebten und erfolgreichen Mann wendet, dann gehen sie auf Distanz zu den Abgeordneten, die dafür verantwortlich sind.

Wie erklären Sie diese ungebrochene Beliebtheit des Präsidenten. Er hat den Iranern doch viele schmerzliche finanzielle Einschnitte zugemutet, zum Beispiel den Abbau der staatlichen Subventionen für Benzin.
Er hat die Menschen nicht allein gelassen. Er hat Mehreinnahmen, die die Regierung durch den Abbau der Subventionen macht, an die Leute zurückgegeben. Seine Beliebtheit hat auch mit der großen Front seiner Gegner zu tun. Reformer und Erzkonservative stehen ideologisch gegeneinander. Aber um Ahmadinedschad zu schaden, arbeiten sie zusammen. Beim Volk hat ihm das zu größerer Beliebtheit verholfen.

Ähnlich wie der Präsident haben Sie zuletzt mehrfach eine gesellschaftliche Liberalisierung befürwortet. Die Folge waren zwei harte Gerichtsurteile gegen Sie, kurzzeitig waren Sie sogar in Haft.
Das stimmt so nicht. Die Redaktionsräume der Tageszeitung "Iran", deren Chefredakteur ich bin, wurden angegriffen und man wollte mich illegalerweise verhaften. Aber meine Kollegen haben das nicht zugelassen. 35 von ihnen wurden verhaftet. Aber meiner konnten die Polizisten nicht habhaft werden.

Was war der Grund?
In einer Beilage von "Iran" waren ein paar Fotos von Frauen mit locker sitzendem Schleier zu sehen. Außerdem hatten wir einen kritischen Artikel über das harte Vorgehen der Polizei gegenüber lax verschleierten Frauen veröffentlicht.

Sie finden Kampagnen der iranischen Polizei, bei denen Frauen, deren Kopftuch nicht richtig sitzt, durch die Straßen gejagt oder verhaftet werden, also nicht besonders hilfreich?
In der Mehrheit der Fälle ist das so. Die Leute wollen nicht gemaßregelt werden, wenn sie sich nicht allzu streng an die Kleidungsvorschriften halten. Ein freundlicher Rat wäre auch effektiver.

Das sehen die erzkonservativen Anhängern des Revolutionsführers und mit ihnen die iranische Justiz offenbar anders. Für die "Iran"-Beilage und für ein separates Posting auf Ihrem Weblog sind Sie zu insgesamt eineinhalb Jahren Gefängnis und mehrjährigem Berufsverbot verurteilt worden. Müssen Sie als enger Berater des Präsidenten demnächst ins Gefängnis?
Das kann passieren. Aber ich rechne nicht damit. Es wäre ein schlechtes Signal. Die Leute sollten doch in Frieden leben können.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker