HOME

Präsidentenwahl im Iran: "Von einem Diktator kann man keine Demokratie erwarten"

Irans Wahlsieger Ruhani verspricht Reformen und eine Annäherung zum Westen. Der in Deutschland im Exil lebende Musiker Shahin Najafi glaubt nicht an eine Kehrtwende. Auch Ruhani sei Teil des Systems.

Shahin Najafi, viele Ihrer Songs sind Kult bei der iranischen Oppositionsbewegung. Zum Beispiel der über die 2009 erschossene junge Frau Neda. Nun hat diese Bewegung Hassan Ruhani zum neuen Präsidenten gekürt. Hätten Sie ihn auch gewählt, wenn sie gekonnt hätten?
Nein! Ich hätte überhaupt nicht gewählt. Die iranische Regierung, das ganze islamische System im Iran – da wird Demokratie nur vorgespielt. Das ist keine Demokratie.

In Teheran haben am Wochenende Hunderttausende Menschen auf den Straßen den Sieg Ruhanis gefeiert. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die Bilder sehen?
Das ist sehr schwierig zu beschreiben. Die Menschen im Iran haben in den letzten Jahren extrem unter diesem totalitären Regime gelitten. Auf der einen Seite freue ich mich, wenn ich sie seit Langem mal wieder lachen und feiern sehe. Auf der anderen Seite hat das Land so unglaublich große Probleme, und die Menschen hatten lediglich die Wahl zwischen einer schlechten und einer noch schlechteren Alternative. Ich wünsche mir für den Iran zwar, dass es mit Ruhani richtige Reformen gibt, vor allem bei den Menschenrechten. Aber ich befürchte, dass dieses totalitäre Regime sich mit diesem Schachzug eher Luft verschafft, um mit ihrem religiösen Fanatismus der letzten 34 Jahre weitermachen zu können.

Was hören Sie aus dem Iran?
Die Oppositionellen sind in zwei Lager aufgespalten. Viele haben Ruhani gewählt. Die anderen sind wie ich: Sie haben kein Vertrauen in dieses System und haben die Wahl boykottiert. Wir sagen: Wir machen nicht mit, wenn hier Demokratie vorgegaukelt wird. Für viele junge Leute, war es wahrscheinlich einfach befreiend, zwei Tage auf der Straße zu tanzen und zu feiern. Das ist verständlich. Aber schon bald wird wieder alles so sein wie vorher. Ich befürchte, nach spätestens einem Jahr werden das alle erkennen.

Sind die Feiern in Teheran nur ein Ausdruck der Verzweiflung?
Wenn ein Land keine Hoffnung mehr hat, dann klammert man sich an jemanden wie Ruhani. Für mich gibt es innerhalb des bestehenden Systems keine Hoffnung. Der Ansatz ist für mich falsch. Von einem Diktator kann man keine Demokratie erwarten. Das ist eine Lüge. Ob Haschemi Rafsanjani, Mohammed Chatami, Mahmud Ahmadinedschad oder Hassan Ruhani – sie alle glauben an dieses System und fühlen sich verpflichtet, es noch lange am Leben zu halten. In Politiker, die hinter dem Regime und dem System stehen, kann ich kein Vertrauen haben.

Dann braucht der Iran nicht Reformen, sondern eine Revolution?
Wenn Reform bedeuten kann, dass dieses System seine Struktur total verändert, sodass es keinen religiösen Führer mehr gibt, sondern echte Demokratie, dann reicht auch eine Reform. Revolution bedeutet für mich hingegen Gewalt, die ich ablehne.

Sehen Sie für sich noch eine Zukunft im Iran?
Ich wünsche es mir. Wir kämpfen dafür. Viele Künstler sind im Exil gestorben, und das kann mir auch passieren. Aber es wäre schön, wenn ich nach Teheran zurück und dort ein Konzert geben könnte. Allerdings nicht um jeden Preis. Ich würde erst wieder dort auftreten, wenn der Iran frei ist.

Im Iran sind öffentliche Konzerte verboten und es gibt auch keine Klubs. Sie sind lange Teil der Untergrund-Musikszene gewesen. Wo kann man als Musiker überhaupt auftreten?
Es werden zwar Konzerte veranstaltet, aber eben nur unter der Federführung des Ministeriums für Kultur. Und was das bedeutet, kann man sich vorstellen. Die verbotenen Konzerte werden als Privatpartys organisiert. Per E-Mail und SMS wird der Freundes- und Bekanntenkreis eingeladen. Diese Partys, die es für alle Musikrichtungen gibt, sind zwar verboten, aber die Strafe ist nicht so hoch; Geld oder ein paar Tage Gefängnis. Auch die Musik wird im Untergrund produziert und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Man kann als Künstler nur dann ohne Probleme leben, wenn man die Themen Politik, Religion und die Gesellschaftsprobleme nicht antastet. Die sind tabu.

Was hat zu ihrer Flucht aus dem Iran geführt?
Mein Song "Ich habe einen Bart" hat dem Geheimdienst nicht gefallen. Ich wurde zu drei Jahren Gefängnis und 100 Peitschenhieben verurteilt, konnte aber vorher fliehen. Seit 2005 lebe ich in Köln.

Wie erreichen Sie ihre Fans, wenn ihre CDs im Iran verboten sind?
Im Iran kann man meine Musik kostenlos im Internet herunterladen. Mein Song "Hey Naghi", der Anlass für die Fatwa gegen mich war, wurde über eine Million Mal auf YouTube angesehen, seit er vor einem Jahr veröffentlicht wurde. Wir haben schon unsere Kanäle im Iran, um unsere Songs unter die Menschen zu bringen. Diese jungen Leute, die in Iran Leben und mit denen wir zusammenarbeiten, riskieren einiges. Sie sind für mich die wahren Helden.

Sie sprechen die Todesfatwa an, die ein iranischer Großayatollah vor einem Jahr gegen Sie verhängt hat. Auf Sie ist zudem ein Kopfgeld von 100.000 US-Dollar ausgesetzt. Ihr Leben war zeitweise sehr schwierig, sie standen unter Polizeischutz, mussten bei Günter Wallraff untertauchen. Wie ist ihre Situation jetzt?
Die Fatwa gilt weiterhin. Das wird sich auch nicht ändern. Aber die Lage hat sich etwas beruhigt. Ich gebe wieder Konzerte. Ich war gerade in Deutschland unterwegs, nächste Woche fliege ich nach Kanada und in die USA. Mein nächstes Album kommt Ende September heraus.

Wie war denn die Wohngemeinschaft mit Wallraff?
Sehr gut. Wir sind Freunde geworden. Die Monate mit ihm, die praktische und moralische Unterstützung waren unheimlich aufbauend. Günter ist ein Vorbild für mich.

Wie würden Sie sich den Iran wünschen?
Ich wünsche mir einfach nur, dass das iranische Volk in Freiheit und Gerechtigkeit leben kann, so wie es in vielen anderen Ländern auch möglich ist. Aber ich glaube, es braucht noch seine Zeit.

Silke Mertins