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Al Kaida: Terror nach Art eines Franchise-Systems

Bagdad, Riad, Istanbul - sie schlagen weltweit zu, doch die verschiedenen militanten Gruppen, Ableger und Imitatoren von Al Kaida, handeln meistens unabhängig voneinander. Ihre einzige Verbindung: Hass auf alles Westliche.

Die Terrorgruppen sind klein, kaum bekannt und extrem militant mit einer Ideologie, die der Osama bin Ladens Al Kaida gleicht. Sie schlagen weltweit zu - führen etwa Selbstmordanschläge in Marokko aus, entführen Zivilisten im Irak und greifen von Ausländern bewohnte Siedlungen in Saudi-Arabien an. Das Aufkommen dieser Gruppen erschwert den Kampf gegen den Terrorismus.

Anstatt sich auf einen Gegner zu konzentrieren - nämlich Al Kaida - sehen sich der Westen und seine Verbündeten vielen "Al Kaidas" gegenüber. Dabei handelt es sich um Splittergruppen, die zumeist nichts miteinander zu tun haben, die aber der gemeinsame Hass auf alles Westliche verbindet. Besonders Zielscheibe sind dabei die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sowie Israel.

"Das funktioniert so wie das Franchise-System von McDonald's", meint Dia'a Raschwan, ein ägyptischer Experte für militante Gruppen. "Sie müssen nur dem Handbuch der Muttergesellschaft folgen. Wenn sie eine Mahlzeit anrichten, konsultieren sie nicht jedes Mal die Zentrale."

"Katastrophales Risiko" durch Al-Kaida-Imitatoren

So stellt denn auch die Kommission des amerikanischen Kongresses zur Untersuchung der Terroranschläge vom 11. September 2001 in ihrem im Juli veröffentlichten Abschlussbericht fest, dass zwar Al Kaida inzwischen geschwächt sei, dessen Imitatoren aber ein "katastrophales Risiko" für die USA darstellten. Der Feind sei nicht nur der Terrorismus. Die schlimmste Bedrohung gehe vom islamischen Terrorismus aus, besonders vom Terrornetzwerk Al Kaida, seinen Ablegern und seiner Ideologie, heißt es in dem Bericht. Vor allem die Ableger von Al Kaida würden die USA noch lange nach dem Tod oder der Gefangennahme Bin Ladens und seiner Leute bedrohen.

Festnahmen mutmaßlicher Al-Kaida-Anhänger in Pakistan und Großbritannien in den letzten Wochen haben das Terrornetzwerk Bin Ladens weiter geschwächt. Dennoch lässt Al Kaida die USA immer noch erzittern, wie die jüngsten Warnungen der Regierung vor möglichen Terroranschlägen gegen renommierte Finanzinstitutionen in Washington, New York und Newark zeigen.

Die Ableger von Al Kaida operieren unter verschiedenen Namen. Die Gruppe, die für die Entführung von vier Jordaniern im Irak verantwortlich gemacht wird, nennt sich "Mudschahedin des Iraks - die Gruppe des Todes". Unter dem Namen "Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel" sind die militanten Gruppierungen in Saudi-Arabien zusammengefasst. Eine Organisation namens "Mudschahedin der siegreichen Sekten" kämpft gegen die US-Truppen in der irakischen Stadt Falludscha.

Einige Anschläge in verschiedenen Ländern werden aber auch einer einzigen Gruppe oder Person zugeschrieben. Dafür steht der Name des Jordaniers Abu Mussab al Sarkawi. Er war früher Kommandeur Bin Ladens. Al Sarkawi wird für etwa ein Dutzend schwerer Anschläge verantwortlich gemacht, darunter der Bombenanschlag auf das UN-Hauptquartier im Irak im vergangenen Jahr. Die marokkanischen Behörden sehen ihn auch hinter den Bombenanschlägen von Madrid am 11. März dieses Jahres.

Al Kaida heute "ohne zentrales Nervensystem"

In den meisten Fällen handeln die verschiedenen Gruppen nach Ansicht von Experten unabhängig voneinander. Obwohl sie sich nicht absprechen, übernehmen sie aber Taktiken anderer Gruppierungen, die sich als "erfolgreich" erwiesen haben. So wurden in den letzten Monaten mehr als 70 Ausländer im Irak von verschiedenen militanten Gruppen mit dem Ziel verschleppt, die internationalen Streitkräfte oder Unternehmen, die mit diesen zusammenarbeiten, aus dem Land zu vertreiben.

Nach Einschätzung von Experten ist das Terrornetzwerk Al Kaida heute ein anderes als noch vor den Anschlägen vom 11. September 2001. In der Vergangenheit operierte Al Kaida eher wie eine Organisation mit einem Anführer und einigen bekannten Gefolgsleuten Bin Ladens. "Heute gibt es nur noch Reststrukturen von Al Kaida", sagt Kevin Rosser, ein Analyst der in London ansässigen Organisation Control Risks Group. "Es gibt kein zentrales Nervensystem mehr. Al Kaida ist nur noch der Markenname, den wir islamischen Extremisten aller Art geben." Dabei sei es egal, ob diese Gruppen wirklich Kontakt zu Bin Laden und seinen Vertrauten hätten oder nicht, sagt Rosser.

Und der Nahost-Experte des Magazins "Jane's Sentinel Security Assessments" in London, Jeremy Binnie, verweist noch einmal auf den Schlussbericht der 9/11-Kommission. Der Bericht erkenne weitgehend an, dass Al Kaida heute tatsächlich mehr eine Bewegung als eine konkrete Organisation sei.

Abu-Nasr/AP / AP / DPA