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Anschläge in New York: Die Gesichter des 11. September

Sie sind die Gesichter des 11. September 2001: Fünf Menschen, deren Erzählungen über ihr Leben nach dem Inferno alles bergen, was Amerika seither prägt: Trauer, Wut, Angst, Entschlossenheit. Der stern hat sie besucht.

Von Jan C. Wiechmann

Marcy Borders, 33, arbeitslos

Ihr Bild als "Staubfrau" ging um die Welt. Sie war aus dem 81. Stock des Nordturms geflohen. Dort erwischte sie die Staubwolke des einstürzenden Südturms. Bis heute ist sie von Ängsten gelähmt. Auch für das stern-Foto hat sie ihre Wohnung nicht verlassen wollen Marcy Borders sitzt auf einem alten Sofa in ihrer kleinen Sozialwohnung in Bayonne, New Jersey. Auf dem Teppich Brandflecken, an der Wand ein einsames Jesus-Bild. Sie hat sich fein gemacht fürs Interview. Immer wieder ersticken Tränen ihre Stimme.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das Foto von damals sehen?

Ich schaue es mir nie an. Und dennoch kriege ich es nicht aus meinem Kopf, vor allem nachts.

Sie träumen vom 11. September?

Ständig. Ich bin in Gebäuden gefangen. Oder ich stecke in Afghanistan und fliehe vor Bomben. Ich habe schrecklich Angst.

Wovor?

Ich glaube, die Terroristen wollen mich töten, weil ich ihnen beim ersten Mal entkommen bin. Deswegen verlasse ich meine Wohnung lieber gar nicht erst.

Sie gehen nie raus?

Ganz selten. Ich nehme keinen Bus, keine U-Bahn, ich gehe nicht in große Gebäude. Verrückt, nicht wahr?

Wie kommen Sie zur Arbeit?

Ich arbeite nicht. Ich habe seit dem 11. September nie wieder gearbeitet. An dem Tag, an dem ich wieder anfange, schnappen mich die Terroristen. Sie verfolgen mich.

Aber müssen Sie nicht mal auf ein Amt gehen? Bekommen Sie Sozialhilfe?

Nein. Nicht einen Cent. Ich traue mich in kein öffentliches Gebäude.

Waren Sie je an Ground Zero?

Ich war nicht mal in New York.

Aber die Stadt ist nur 20 Minuten entfernt.

Ich kann nicht. Ich habe Angst.

Sie bleiben den ganzen Tag in dieser engen Wohnung?

Hier ist es am sichersten. Aber ganz sicher auch nicht. Hören Sie die Flugzeuge? Ich höre sie ständig. Dann ducke ich mich. Ich denke, jede Minute könnte eines hier über meinem Kopf explodieren, ich mache mich total verrückt.

Warum sollten die Terroristen es ausgerechnet auf Sie abgesehen haben?

Ich glaube an Schicksal. Sie wollten mich ja schon beim ersten Mal töten, im Nordturm.

Wo waren Sie genau?

In der 81. Etage, am Kopiergerät. Ich arbeitete für eine Bank. Es war ein unfassbar lauter Knall. Das ganze Gebäude wackelte. Ich sah umherfliegende Stühle und Leichen. Das ist Krieg, dachte ich. Dann rannte ich runter.

81 Stockwerke?

81 Stockwerke. Als ich unten war, stürzte der Südturm ein. Ich torkelte nur noch, ich atmete den Staub ein und übergab mich. Da wurde das Foto gemacht. Wie kann einer in dieser Not ein Foto machen? Verrückt.

Empfinden Sie Wut, dass die Terroristen Ihr Leben zerstörten?

Nein, ich bete für sie. Ich würde mit ihnen gern Brot brechen. Ich glaube, so komme ich in den Himmel. Ich möchte unbedingt in den Himmel. Gott wird sie schon schrecklich bestrafen.

Haben Sie auch mal daran gedacht, die Region New York zu verlassen?

Ja, ich habe Verwandte in Florida, aber dort gibt es Hurrikane. In den Südstaaten sind zu viele Militärbasen, auch Anschlagsziele. Jetzt wollen sie hier in Bayonne einen neuen Frachtterminal bauen. Wieder ein Ziel für Terroristen.

Sie glauben, die Terroristen könnten es auf einen Frachtterminal abgesehen haben?

Ja, und auf die Bayonne Bridge, gleich um die Ecke. Ich lebe gefährlich. Aber ich habe kein Geld, um zu fliehen.

Wovon leben Sie?

Alle Rechnungen für mich und meine 13-jährige Tochter zahlt meine Mutter. Sie ist Lehrerin. Ich liege ihr auf der Tasche. Ich glaube, ich bin eine große Enttäuschung für meine Mutter.

Haben Sie je eine Therapie gemacht?

Nein, sie wird mir nicht bezahlt.

Aber es gab viel psychologische Hilfe für traumatisierte Opfer des 11. September.

Ich bewege mich hier nicht weg. Ich hätte sterben müssen, um etwas Hilfe zu bekommen. So sehe ich das.

Haben Sie Ihr Kleid noch, das Sie damals trugen?

Ja, irgendwo ganz unten in einer Kiste. Ich will es verkaufen, auf Ebay. Ich brauche dringend Geld. Ich will meiner Tochter etwas hinterlassen. Ich frage mich, ob nicht einer das Outfit der Staubfrau kaufen will. Es gibt genug Verrückte da draußen.

Bob Beckwith, 74, pensionierter Feuerwehrmann

Er geht einkaufen, in der Nachbarschaft, und wird um Autogramme gebeten. Er wird eingeladen, zu Gedenkveranstaltungen, um Reden zu halten über den 11. September. Man nennt ihn dann eine historische Figur. Einen Helden. "Ich bin kein Held", sagt Beckwith. "Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Er war auf Ground Zero, auf den Trümmern, am 14. September, in der Hand eine Schaufel, er suchte nach Überlebenden. Da kam Karl Rove, der Berater des Präsidenten, und sagte, dass gleich ein wichtiger Mann zu ihm komme. Er solle hin und her springen, um die Trittfestigkeit der Trümmer zu testen. Da sprang Beckwith für Rove, und Rove war zufrieden.

Dann kam der wichtige Mann. Er war zum ersten Mal auf Ground Zero, drei Tage nach der Katastrophe. Er trug eine Fliegerjacke und in der Hand ein Megafon. Er wollte ein Mann aus dem Volk sein. Er legte den Arm um Beckwith und schrie so laut in das Megafon, "dass ich fast taub wurde", erinnert sich Beckwith. Er rief den Feuerwehrleuten zu: "Ich höre euch, der Rest der Welt hört euch, und die Kerle, die diese Gebäude zu Fall brachten, werden von uns allen hören."

"Es waren große Worte des Präsidenten", schwärmt Beckwith, "perfekte Worte." Es war die erste Ankündigung jener Kriege, die bald folgen würden.

Seitdem ist Beckwiths Leben nie wieder das alte gewesen. Er ging in Dutzende TV-Shows und wurde eingeladen, in der ganzen Welt. Er war an jenem 14. September nichts als Staffage gewesen, ein Ornament, die Schulter des kleinen Mannes für den Arm des Präsidenten. Danach war er ein Kämpfer, die Hoffnung, Amerikas Held. Er wurde ins Weiße Haus gebeten. Der Präsident sagte zu den anwesenden Journalisten: "Hier ist der Mann, der mich berühmt machte."

Beckwith sitzt in seinem kleinen Haus auf Long Island mit Frau und Tochter. Er hat die Geschichte Hunderte Male erzählt, und erzählt sie immer noch gern. Aber jetzt, fünf Jahre nach den Anschlägen, fügt er noch etwas hinzu. Er hat lange nachgedacht über 9/11 und den Irak-Krieg. Er sagt: "Ich hasse es, dies einem Deutschen sagen zu müssen. Aber ihr hattet damals einen Mann namens Hitler, und wir haben ihn gestoppt. Und hier gab es einen neuen Hitler, Saddam Hussein, und wir mussten ihn stoppen. Und dafür gab es keinen Besseren als George Bush, einen echten Kerl, der zu seinem Wort steht. Und das sage ich als Mitglied der Demokraten. Ich bin mir sicher, der Präsident wurde von Gott eingesetzt."

Ob er selbst auch von Gott eingesetzt wurde, an jenem 14. September 2001, will Beckwith nicht beurteilen. Aber seine Tochter flüstert: "Das glauben wir alle. Gott konnte keinen Besseren an die Seite des Präsidenten platzieren. Mein Vater hat so viele Menschen berührt, so viel Hoffnung ausgestrahlt. Da brachte Gott zwei Menschen zusammen, um der Welt zu zeigen, aus welchem Holz Amerika geschnitzt ist."

Dominic Guadagnoli, 37, US-Marshall Donna Spera, 41, berufsunfähig

Eine Geschichte für die Leinwand. Er war zufällig am Tatort. Er arbeitete in der Nähe als US-Marshall. Sie war im 100. Stock des Südturms. Sie arbeitete als Verwaltungsangestellte. Als die erste Maschine in den Nordturm flog, rannte er hin. Er war beim ersten World-Trade-Center-Attentat 1993 in Florenz gewesen und fühlte sich schuldig, seinem Land nicht geholfen zu haben. Er dachte: "Diesmal hole ich die Leute raus." Sie rannte die Stufen hinunter, bis in den 78. Stock. Sie dachte: "Ich muss hier raus. Auch wenn die Behörden uns bestätigen, in Sicherheit zu sein."

Dann traf die zweite Maschine den Südturm, und er dachte: "Das ist Krieg." Sie befand sich im Stockwerk des Aufpralls und dachte: "Das ist mein Ende." Sie wurde gegen eine Wand geschleudert. Sie erwachte zwischen Trümmern. Das Kerosin floss, die Flammen wüteten. Sie stieg über die Leiche ihrer besten Freundin und machte sich schwer verletzt auf den Weg durchs Treppenhaus nach unten. Er stand am Fuß der Türme, in einem Tunnel, und half den Menschen heraus, die sich ihren Weg ins Erdgeschoss erkämpft hatten. Dann trafen sie sich. Sie brach blutüberströmt zusammen, einige Knochen gebrochen, die Arme verbrannt. Sie sagt, sie hätte es keinen Meter weiter geschafft. Er sagt, es tat gut, retten zu können. Er trug sie aus dem Tunnel zu einem Krankenwagen. Er hörte, wie sie ihren Namen nannte, und vergaß ihn nicht mehr. Dann ging er zurück und half anderen aus den Türmen.

Der erste Turm fiel. Er wurde weggeschleudert und glaubte zu sterben. Doch er stand wieder auf und kehrte zurück, um weiter zu helfen. Dann fiel der zweite Tower, und wieder konnte er fliehen.

Er kannte ihren Namen, er suchte nach ihr und fand sie. Sie trafen sich in New Jersey, wo sie wohnt. "Es war, als kannten wir uns ewig", sagt er. Sie wurden zu einer großen Geschichte, einer Geschichte der Hoffnung und Nächstenliebe in jenen dunklen Tagen im September. Sie traten gemeinsam im Fernsehen auf, er bekam Auszeichnungen. Doch dann ging das Leben weiter. Sie brach zusammen und fand ihren Weg nicht mehr zurück in den Alltag. Er machte eine Therapie und zog weg aus New York. Sie telefonieren. Sie schicken sich E-Mails. Er schenkt ihr Blumen an jedem 11. September.

Sie glauben: Gott war im Spiel, zwei Beine, die kapitulierten, zwei Hände, die trugen, zwei Menschen, die sich gegenseitig brauchten, an einem Ort. Ein Paar wurden sie nicht.

Rachel Uchitel, 31, Angestellte eines Nachtclubs

Sie suchte tagelang nach ihrem Verlobten Andy O'Grady. Sie klapperte Krankenhäuser ab und zappte durchs Fernsehen. Sie hatte noch mit ihm telefoniert, nachdem das erste Flugzeug in den Nordturm gekracht war. "Ich muss raus hier", waren seine letzten Worte.

Andys Leiche fand man erst nach dreieinhalb Monaten, am Neujahrstag 2002.

Rachel Uchitel betäubte ihre Trauer, stürzte sich in Arbeit. Sie war Producerin bei Bloomberg TV. Doch bald hatte sie das Gefühl, dass alle Freunde ihn vergessen hatten, ihren Andy, von dem sie sagt, dass er die Liebe ihres Lebens war. Rachel erlitt einen Nervenzusammenbruch, machte eine Therapie, flog nach Brasilien, ging in einen Ashramtempel. Sie begriff, dass sie nicht weiterleben konnte mit dieser "Was wäre, wenn Andy noch am Leben wäre?"-Haltung.

Auf einer Halloweenparty 2003 traf sie den Investmentbanker Steven Ehrenkranz wieder, den besten Freund ihres einstigen Liebhabers Jason Strauss. Steven selbst war am 11. September im World Trade Center bei einem Bewerbungsgespräch gewesen, hatte den Nordturm aber rechtzeitig verlassen. "Das machte es mir leichter, mit ihm zusammen zu sein." Sie heirateten in New Yorks noblem Event-Center "Cipriani". Aber während der Zeremonie dachte Rachel an Andy. "Ich merkte, dass sein Geist anwesend war", sagte sie in einem Interview.

Die Ehe hielt nicht lange. Rachel floh nach Las Vegas, wo ihr Ex-Lover Jason Strauss einen Nachtclub führt. Er stellte sie ein. Sie stürzte sich wieder in die Arbeit, und die beiden wurden erneut ein Paar. Ein Happy End? Das sagt sie nicht. Sie will nicht mehr über den 11. September und die Folgen sprechen.

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