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ARGENTINIEN: »Wir haben Hunger«

Vier Jahre Rezession, steigende Arbeitslosigkeit und die rigorose Sparpolitik der Regierung haben viele Argentinier in Armut und Verzweiflung getrieben. Das Land droht nun im Chaos zu versinken.

Die Plaza de Mayo vor der »Casa Rosada«, dem rosafarbenen Präsidentenpalast, ist seit jeher das politische Herz der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Tausende Argentinier hatten sich dort am Donnerstag kurz nach Mitternacht versammelt, um friedlich gegen den soeben von Präsident Fernando de la Rúa verhängten Ausnahmezustand zu demonstrieren. Plötzlich schoss die Polizei Tränengasschwaden in die Menge. Polizisten gingen aus allen Richtungen auf die Demonstranten los, die flüchteten. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren greift damit ein argentinischer Präsident auf dieses Mittel zurück, um der Lage im Lande Herr zu werden.

Die Szenen auf der Plaza de Mayo bildeten den Abschluss eines Protesttages, wie ihn Argentinien seit langem lange nicht mehr erlebt hatte. Am Mittwoch war es in Buenos Aires und verschiedenen Provinzen den ganzen Tag über zu gewalttätigen Protesten gegen die Sparpolitik De la Rúas gekommen. Vor allem Bewohner von Armenvierteln stürmten Supermärkte und Geschäfte und nahmen mit, was sie zu fassen bekamen. Plündernd und randalierend zogen sie durch die Straßen. »Daran ist nur die Regierung schuld«, schimpft Demetrio Martinez. »Die Menschen tun dies aus Hunger.« Ladenbesitzer Xuan Chou Ho brach in Tränen aus, als 300 Plünderer seine Ladenregale mit den Vorräten an Fleisch, Pasta, Eiern und Milch auseinander nahmen.

Mindestens zehn Tote bei Auseinandersetzungen

Mindestens zehn Menschen kamen bei Zusammenstößen mit der Polizei oder Ladeninhabern ums Leben. Als Folge der Proteste trat Wirtschaftsminister Domingo Cavallo, der einstige Polit-Star, zurück, und auch die übrigen Minister stellten ihre Ämter zur Disposition.

Wirtschaft seit 1998 in der Rezession

Die Lage eines großen Teils der 36 Millionen Argentinier hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert. Weil die Wirtschaft schon seit Ende 1998 in einer Rezession steckt, gingen immer mehr Betriebe pleite und setzten ihre einstigen Mitarbeiter auf die Straße. In Buenos Aires, das als sehr teure Stadt gilt, müssen Boutiquenbesitzer längst mit drastischen Rabatten um Kunden werben. Auch viele Argentinier, die noch Arbeit haben, müssen den Gürtel enger schnallen. So hatte Cavallo die Gehälter der Staatsbediensteten um 13 Prozent gesenkt, um sein Ziel eines Null-Defizits zu erreichen.

Um den Ausgleich des defizitären Staatshaushaltes kommt die Regierung De la Rúa nicht herum, da das Land seine Kreditwürdigkeit verspielt hat und kein Anleger mehr argentinische Staatsanleihen zeichnen möchte. Die Regierung kann auch kein zusätzliches Geld drucken, da die Landeswährung im Verhältnis eins zu eins an den US- Dollar gebunden ist und jeder Peso von einem Dollar aus den Devisenreserven gedeckt sein muss.

Funktionäre kassieren fürstliche Gehälter

Dem mittellosen Teil der argentinischen Bevölkerung stößt es sauer auf, wenn sie sehen, dass Regierungsfunktionäre trotz der Not im Land fürstliche Gehälter kassieren oder diese gar durch krumme Geschäfte noch zusätzlich aufbessern.

»Das ist eine Schande«, wettert Hos Nachbar Enrique: »Dieser Mann hat doch nichts mit den Politikern zu tun, die an dieser Misere schuld sind.« Argentiniens Arbeitslosenrate ist auf das Rekordhoch von mehr als 18 Prozent gestiegen. Experten schätzen, dass täglich 2.000 Menschen unter die Armutsgrenze rutschen und zu den Familien gehören, die monatlich mit weniger als umgerechnet 1.000 Mark auskommen müssen.

Drei Wirtschaftsminister in einem Jahr verschlissen

Die andauernde Krise hat allein in diesem Jahr auch drei Wirtschaftsminister den Job gekostet. Im März trat Jose Luis Machinea wegen der Rezession zurück, sein Nachfolger Ricardo Lopez Murphy gab bereits nach zwei Wochen auf. Dann ruhten die Hoffnungen auf Domingo Cavallo, der sich bereits bei der Bewältigung der Finanzkrisen in Russland und Ecuador einen Namen gemacht hatte.

»Wir wollen De la Rua nicht«

»Es ist gut, dass Cavallo geht«, kommentiert die Schauspielerin Elena Sicilia die Entwicklung. Auch sie zählte zu den Demonstranten vor dem Regierungssitz in Buenos Aires, die immer wieder »Cavallo ?raus« riefen. »Die müssen alle gehen, wir wollen De la Rua nicht«, sagt Sicilia mit Blick auf die Regierung. »Wenn sie nicht gehen, werden die Leute sie rausschmeißen«, fügt die 75-jährige Ärztin Ana Arce hinzu.

Wie es nach den Ministerrücktritten in Argentinien weitergehen sollte, war zunächst unklar. Die Provinzgouverneure und die Chefs der Parlamentsfraktionen seien in den Präsidentenpalast eingeladen worden, um über die Lage nach den Ausschreitungen zu beraten, hieß es in einem knappen Regierungskommuniqué.