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Konflikt im Kaukasus Erzfeinde Armenien und Aserbaidschanschießen wieder aufeinander – Moskau soll Waffenruhe vermittelt haben

Armeniens Präsidente Nikol Paschinjan und Kreml-Chef Wladimir Putin.
Russland gilt als Schutzmacht Armeniens. Das Foto zeigt den armenischen Präsidenten Nikol Paschinjan mit Kreml-Chef Wladimir Putin beim Eastern Economic Forum vergangene Woche in Wladiwostok.
© Imago / Itar-Tass / Imago Images
Im Schatten des Ukraine-Kriegs ist der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan neu aufgeflammt. Eriwan meldet Dutzende getötete Soldaten. Moskau soll jetzt eine Waffenruhe vermittelt haben.

Zwischen Armenien und Aserbaidschan flammt ein jahrzehntelanger Konflikt auf. Bei Kämpfen im Grenzgebiet zwischen den verfeindeten Staaten im Kaukasus wurden nach Angaben des armenischen Regierungschefs Nikol Paschinjan mindestens 49 armenische Soldaten getötet. Die Zahl der Opfer werde vermutlich noch steigen, sagte Paschinjan am Dienstagmorgen im Parlament in der Hauptstadt Eriwan. Beide Konfliktparteien hatten in der Nacht schwere Kämpfe im Grenzgebiet gemeldet.

Dem Verteidigungsministerium in Eriwan zufolge versuchten aserbaidschanische Truppen, auf armenisches Gebiet vorzustoßen. Die aserbaidschanische Armee setze Artillerie und Drohnen gegen militärische und zivile Ziele nahe der Grenze ein. Aserbaidschan warf Armenien hingegen "großangelegte subversive Handlungen" in Grenznähe und Beschuss seiner Militärstellungen vor.

Am späten Vormittag meldeten Nachrichtenagenturen, Russland habe eine Waffenruhe zwischen den beiden Kriegsparteien vermittelt. Moskaus Außenministerium teilte mit, man erwarte, dass sich beide Seiten an die um 8 Uhr MESZ in Kraft getretenen Abmachung hielten. Moskau sei "extrem besorgt" über die Lage im Grenzgebiet. 

Russland dringt auf Stabilisierung der Lage in Armenien

Paschinjan hatte zuvor nach Angaben seines Büros in Telefonaten mit US-Außenminister Antony Blinken, Russlands Staatschef Wladimir Putin und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine "angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft" auf das Vorgehen Aserbaidschans gefordert. In einem Telefongespräch hätten Armeniens Verteidigungsminister Suren Papikjan und der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu beschlossen, die "notwendigen Maßnahmen zur Stabilisierung der Lage" zu ergreifen, erklärte die Regierung in Eriwan.

Die türkische Regierung wiederum rief Armenien auf, seine "Provokationen" gegen Aserbaidschan einzustellen und "sich auf Friedensverhandlungen und Zusammenarbeit" mit Baku zu konzentrieren. Die Türkei gilt als Verbündeter Aserbaidschans. Eriwan solle sich auf Friedensverhandlungen mit Baku konzentrieren, schrieb der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf Twitter. Warum genau der Konflikt gerade jetzt wieder aufflammte, geht aus den bisherigen Meldungen zu den Kampfhandlungen nicht hervor.

Armenien und Aserbaidschan sind beides frühere Sowjetrepubliken, seit Jahrzehnten sind die Nachbarländer im Kaukasus wegen des Gebiets Berg-Karabach verfeindet. Allerdings wurde nach armenischen Angaben diesmal nicht die Exklave angegriffen, die Attacken trafen demnach Stellungen bei den Städten Goris, Sotk und Dschermuk. Diese liegen auf dem Gebiet Armeniens.

Jahrzehntelanger Konflikt um Enklave Berg-Karabach

Das zwischen den ändern umstrittene Berg-Karabach gehört zu Aserbaidschan, wird aber von Armeniern bewohnt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sicherten sich armenische Kräfte in einem Krieg von 1992 bis 1994 die Kontrolle über das Gebiet und besetzten weite Teile Aserbaidschans. 2020 gewann Aserbaidschan seine Gebiete zurück und eroberte strategisch wichtige Stellen in Berg-Karabach. Den nach vier Monaten vereinbarten Waffenstillstand überwacht Russland, die Schutzmacht der christlichen Armenier. Auch die Europäische Union unternahm seitdem viele Anstrengungen, den Konflikt zu lösen.

Nach einem ersten Krieg in den 90er Jahren hatten sich Armenien und Aserbaidschan im Herbst 2020 erneut einen Krieg um Berg-Karabach geliefert. Bei den sechswöchigen Gefechten wurden etwa 6500 Menschen getötet, bis die Kämpfe durch ein von Russland vermitteltes Waffenstillstandsabkommen beendet wurden. Dabei musste Armenien große Gebiete aufgeben. Anfang August war die Gewalt erneut aufgeflammt.

Das Auswärtige Amt mahnte Deutsche in der Region zur Vorsicht, eine Ausweitung der Kämpfe sei nicht ausgeschlossen. Wer in einem von Kampfhandlungen betroffenen Gebiet sei, solle sich an einen geschützten Ort begeben und dort warten, bis man ihn sicher verlassen könne. Gerade Dschermuk ist bei ausländischen Touristen beliebt, dort befindet sich ein bekanntes Mineralbad.

anb AFP DPA

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