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Attentatsopfer Giffords atmet wieder eigenständig Das Wunder von Tucson


Seit Tagen kämpfen die Ärzte um das Leben der US-Politikerin Gabrielle Giffords. Nun scheint klar: Sie wird den Kopfschuss überleben. Das grenzt an ein Wunder.
Von Lea Wolz

Die Kugel der Neun-Millimeter-Pistole durchschlug die linke Seite ihres Schädels von hinten. Vorne, oberhalb des linken Auges trat sie wieder aus. Dass die US-Politikerin Gabrielle Giffords, die am vergangenen Samstag in Tucson im US-Bundesstaat Arizona Opfer eines Attentäters wurde, noch lebt, grenzt an ein Wunder - darin sind sich nicht nur ihre behandelnden Ärzte einig. Die Mediziner zeigten sich nun sogar überaus zuversichtlich: Die US-Politikerin werde "zu hundert Prozent überleben", zitiert das Onlinemagazin "Politico" den behandelnden Arzt und Traumaspezialisten Peter Rhee. "Hoffentlich wird sie 95 Jahre alt", fügte er demnach an.

"Als Chirurg sollte man mit hundertprozentigen Aussagen vorsichtig sein", sagt Rolf Staffensky, Oberfeldarzt am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Ein Rückschlag sei immer noch möglich, auch eine Infektion der Wunde nicht ausgeschlossen. "Doch so wie es aussieht, ist die Frau zum größten Teil über dem Berg."

Damit hat die US-Politikerin Glück im Unglück. Denn die Überlebensrate nach einem Kopfschuss ist äußerst gering. 88 bis 90 Prozent der so verletzten Menschen sterben dem Neurochirurgen Alex Valadka von der American Academy of Neurosurgery zufolge bereits am Unglücksort. Von denen, die die Attacke überleben, erliege später gut die Hälfte ihren Verletzungen im Operationssaal. "Ein Kopfschuss ist in den meisten Fällen tödlich", sagt auch Oberfeldarzt Staffensky. "Bei Militärwaffen mit ihren Hochgeschwindigkeits-Projektilen liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit sogar deutlich unter fünf Prozent."

Schnell und professionell versorgt

Giffords hingegen überlebte den Anschlag nicht nur, sie überraschte ihre behandelnden Ärzte sogar mit Handzeichen. Sie reagierte auf Anweisungen der Mediziner, hob zwei Finger, drückte eine Hand, bewegte ihre Zehen. Diese einfachen Tests gehören zum Standard-Testrepertoire nach Kopfverletzungen. Ermutigt waren die Ärzte in Giffords Fall, da ihre Reaktionen zeigten, dass die maßgeblichen Schaltkreise im Gehirn noch funktionieren.

"Wenn sie Anweisungen folgen kann, ist dies ein großartiger und großer Schritt in Richtung Genesung", zitiert die New York Times den Neurochirurgen Eugene Flamm. Auch der behandelnde Arzt und Chef der Neurochirurgie am Universitätsklinikum in Tucson, Michael Lemole, versichert: "Solche einfachen Anweisungen nehmen wir als selbstverständlich, doch sie setzen ein großes Maß an Funktionsfähigkeit im Gehirn voraus." Am Abend konnte Lemole sogar mitteilen, dass Giffords wieder eigenständig atmen kann. Es sei erstaunlich, dass es ihr unter den gegebenen Umständen derart gut gehe.

Dass Giffords den brutalen Anschlag, bei dem sechs Menschen getötet wurden, überhaupt überlebte - dafür dürften Medizinern zufolge zwei Dinge maßgeblich sein. Zum einen verletzte die Kugel nicht beide Hirnhälften. Zum anderen verlief medizinisch sehr vieles richtig, kurz nachdem die Schüsse fielen: Die verletzte US-Politikerin wurde schnell und professionell versorgt.

Zügig nach dem Attentat war Giffords ins University Medical Center in Tucson gebracht worden, wo Spezialisten schon 38 Minuten nach ihrer Ankunft mit der Operation begannen. Zwei Stunden dauerte die Operation, an der auch der erfahrene Traumaspezialist Rhee beteiligt war. Mit der Behandlung von Schussverletzungen am Kopf hat der Mediziner, der als einer der ersten Traumachirurgen im Camp Rhino in Afghanistan arbeitete, Erfahrung.

Schädeldecke wurde entfernt

Bei Giffords entfernten die Spezialisten Trümmer, die der Gewehrschuss hinterlassen hatte, totes Hirngewebe und Teile ihrer Schädeldecke. "Letzteres passiert, um dem Gehirn mehr Raum zu geben", sagt Bundswehrarzt Staffensky. "Denn jede Hirnverletzung zieht als weiteren Schaden eine Schwellung des überwiegend gesunden Hirngewebes nach sich." Diese stelle eine Gefahr dar, da es zu weiteren, dauerhaften Gehirnschäden kommen könne, wenn der Druck steige. "Die entfernte Schädeldecke wird tiefgekühlt und kann nach ungefähr einem Monat wieder eingepflanzt werden", sagt Staffensky.

Anlass zur Hoffnung gibt den Medizinern auch die Art, wie die Kugel das Gehirn von Giffords durchschlagen hat. Denn, so makaber das auch klingen mag, auch das ist wichtig. Den behandelnden Ärzten zufolge hat die Kugel bei der US-Politikerin nicht die Linie überschritten, welche die rechte von der linken Hemisphäre des Hirns trennt. "Das ist sehr gut, da Geschosse, die beide Hemisphären schädigen, zu einer viel größeren Sterblichkeit führen, denn die Schwellung betrifft in diesem Fall beide Seiten", sagte Neurochirurg Flamm laut New York Times. "Bei einem queren Durchschuss von einer Schläfe zur anderen werden mehr Hirnareale geschädigt", sagt auch Staffensky. Zudem hat der Schusskanal der Kugel den behandelnden Ärzten zufolge nur wenig Gewebe zerstört. An besonders kritischen Strukturen im Zentrum des Gehirns flog das Geschoss, das die linke Hemisphäre glatt und relativ hoch durchquerte, vorbei.

Warnung vor zuviel Euphorie

Bei Giffords verletzte der Schuss die linke Hirnhälfte, die bei den meisten Menschen für Sprachproduktion und Sprachverstehen verantwortlich ist. Ihr Sprachzentrum könnte daher geschädigt sein. Zudem werden die Bewegungen der rechten Körperseite von der linken Hemisphäre gesteuert. Giffords Ärzten zufolge ist der Zustand ihrer Patientin stabil. Sie sei ansprechbar, reagiere weiterhin auf Anweisungen und eine neue Schwellung des Gehirns sei nicht zu beobachten, sagte Neurochirurg Lemole.

Auch wenn die ersten Resultate positiv sind, warnt Staffensky vor zuviel Euphorie. "Wie sich die Betroffenen erholen und ob sie sogar eines Tages wieder an ihr altes Leben anknüpfen können, hängt stark vom weiteren Verlauf der Rehabilitation ab", sagt der Hamburger Mediziner. "Je jünger der Mensch ist, desto besser kann das Gehirn kompensieren." Durch intensives Training könnten andere Bereiche im Gehirn die Aufgaben der geschädigten Areale übernehmen.

Bis das vollständige Ausmaß der Verletzung klar wird, kann es dem Mediziner zufolge allerdings noch Monate bis Jahre dauern. Auch die Persönlichkeit der Betroffenen könne sich verändern, wenn es zum Beispiel Schäden am Frontallappen oder im Sprachverständnis-Zentrum gekommen sei. "Wir erleben immer wieder, dass Familien berichten, dass es nicht mehr der Mensch sei, den sie kannten", sagt Staffensky. "Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn die Betroffenen nach der Therapie wieder laufen können und selbstständig ihr Leben meistern."


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