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Aufbruchstimmung nach der Gaddafi-Ära Libyen erfindet sich neu


Die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. Trotzdem herrscht Aufbruchstimmung in Libyen - ein Jahr nach dem Beginn des Aufstandes gegen Gaddafi erfindet sich ein Volk neu.

Wer "Libyen" hörte, dachte automatisch "Gaddafi". So war es vier Jahrzehnte lang, bis sich die Libyer im Februar 2011 gegen Oberst Muammar al Gaddafi erhoben. In dieser Woche wollen sie mit Feiern und Gedenkveranstaltungen für die Kriegsopfer an die Ereignisse von damals erinnern.

Der Blick zurück schmerzt. Viele Wunden sind noch nicht verheilt. "Nein zu den Rückkehrern", steht in der einst heftig umkämpften Hafenstadt Misrata an vielen Häuserwänden. Die Graffiti richten sich gegen die Tuareg, die bis vor einigen Monaten noch östlich von Misrata lebten. Im Krieg kämpften viele von ihnen auf der Seite der Gaddafi-Truppen. Einige von ihnen drangen in die Häuser zwischen den Palmenhainen im Osten der Stadt ein und vergewaltigten die Frauen - manchmal auch die Männer. Nach dem Ende der Kampfhandlungen flüchteten sie aus Angst vor Rache in die Anonymität der Großstädte Bengasi und Tripolis.

Auch Mustafa Abushagur (59) ist ein Rückkehrer. Als die Revolution im Osten begann kam er nach 35 Jahren im Exil zurück nach Libyen. Erst ging er via Ägypten nach Bengasi, das nach dem Eingreifen der französischen Luftwaffe zur "Hauptstadt" des "befreiten Libyens" wurde. Im September kam er nach Tripolis, wo der Spezialist für Nanotechnologie heute als Vize-Ministerpräsident in einem braungetäfelten Büro Besucher empfängt. Der grauhaarige Wissenschaftler mit den buschigen schwarzen Augenbrauen hat Jahrzehnte in den USA verbracht. Wenn er Reden auf Hocharabisch halten muss, übersetzt er seine englischen Sätze im Kopf ins Arabische.

Nachkriegszeit voller Licht und Schatten

"Wäre ich früher zurückgekommen, Gaddafi hätte mich wahrscheinlich öffentlich hinrichten lassen, weil ich der Opposition angehörte", sagt er. Abdushagur gehört der Übergangsregierung von Ministerpräsident Abderrahim al Kib an, die im Sommer aufgelöst wird. Denn die Libyer sollen im Juni zum ersten Mal wählen. Zwei Fünftel der 200 Abgeordneten der Nationalen Generalversammlung sollen aus den neu gegründeten Parteien kommen. Die restlichen Abgeordneten werden Direktkandidaten sein. Der Übergangsrat, der seit den ersten Wochen des Aufstandes alle wichtigen Entscheidungen trifft, wird dann - so ist es zumindest geplant - ebenfalls aufgelöst.

Bis heute weiß niemand genau, wie viele Menschen durch den Krieg in Libyen starben. Die Schätzungen schwanken zwischen 6000 und 30.000. Der Krieg brach aus, als Staatschef Gaddafi im Februar 2011 in den östlichen Städten Bengasi und al Baida auf Demonstranten schießen ließ, die Reformen und die Aufklärung eines Massenmordes in einem Gefängnis forderten. Die Gewalt erfasste schnell das ganze Land. Die Nato half den Rebellen, indem sie Gaddafis Truppen aus der Luft attackierte. Im Oktober endete das Drama mit einem blutigen Schlussakt, als Kämpfer der Revolutionstruppen Gaddafi in dessen Heimatstadt Sirte verletzten und dann später töteten.

Die Nachkriegszeit ist voller Licht und Schatten. Verbrecher, die während des Krieges aus den Gefängnissen entkamen, treiben in den Städten ihr Unwesen. Gelegentlich wird ein Streit zwischen rivalisierenden Milizen mit Waffen ausgetragen. Die Entwaffnung der ehemaligen Revolutionsbrigaden bereitet der Übergangsregierung großes Kopfzerbrechen.

Libyen wartet auf den Prozess gegen Saif al Islam

Doch die drei jungen Männer, die am Freitag mit obercoolen Sonnenbrillen auf dem Märtyrerplatz in Tripolis stehen und Tee mit Mandeln verkaufen, genießen ihre Freiheit. Mit ihrem Auto, das sie mit einer libyschen Revolutionsfahne und einer US-Fahne geschmückt haben, parken sie mitten auf dem Platz. Aus der Musikanlage ihres Autos dröhnt amerikanische Rockmusik. Vor einer nahe gelegenen Moschee steht eine Gruppe von Männern und Frauen mit Plakaten, auf denen sie ihre Forderungen an den Übergangsrat auflisten.

Unter Gaddafi wäre all dies nicht möglich gewesen. Ausgelassenheit war nur bei Hochzeiten und bei den Jubelfeiern für den "Bruder Führer" gestattet. Wer es wagte, den Mund aufzumachen, landete im Gefängnis. Vorsichtige Kritik an den herrschenden Verhältnissen war höchstens denjenigen erlaubt, die für die Medien von Gaddafis Sohn Saif al Islam arbeiteten - wobei die Unfehlbarkeit des Staatschefs auch dort nicht angezweifelt werden durfte.

Saif al Islam ist heute der prominenteste Gefangene Libyens. Auf den Prozess gegen ihn wartet das ganze Land mit großer Spannung. Vize-Ministerpräsident Abushagur denkt jedoch lieber über die Zukunft seines Landes nach als über die grausige Vergangenheit. "Ich will meine Landsleute ans Arbeiten kriegen", sagt er. "Wir Libyer müssen wieder ein produktives Volk werden. Ich will wieder libysche Klempner und Elektrotechniker sehen, so wie in meiner Jugend."

Von Anne-Béatrice Clasmann, dpa DPA

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