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Barack Obama im Wahlkampf Der einstige Heilsbringer ist müde


Ein US-Präsident unter Dauerbeschuss. Seine Augen, seine Haare, seine Körpersprache zeigen: Barack Obama ist ausgelaugt. Und nun könnte ein Gericht auch noch das Kernstück seiner Amtszeit kassieren.
Von Nora Schmitt-Sausen

Sein Gesicht ist eingefallen. Er hat oft tiefe Ränder unter den Augen. Das unbeschwerte Strahlen, einst sein Markenzeichen, blitzt nur noch selten auf. Die Haare des 50-Jährigen sind sichtbar ergraut. Schon jetzt, am Anfang des Marathon-Wahlkampfes, ist Obamas Stimme bei Reden bisweilen kratzig, wirkt kraftlos. Der Barack Obama des Jahres 2012 hat nicht mehr viel gemein mit dem Mann, der im Jahr 2008 die politische Bühne der USA im Sturm erobert hat. Gegen Charisma, Charme und Elan des jungen Senators aus Illinois war damals kein Kraut gewachsen. Weder Hillary Clinton noch John McCain hatten Obama etwas entgegenzusetzen.

Obama wurde zum großen Hoffnungsträger des Landes, den "neuen Kennedy" nannten ihn viele. Doch vier Jahre später zeigt sich, wie schwer die Bürde des Amtes auch auf den Schultern eines Obamas lastet. Der Demokrat hat nicht nur sein Strahlen eingebüßt. Auch seine Überzeugungskraft hat sich abgenutzt. Der Visionär macht nur noch Trippelschritte. Gekommen als Versöhner, ist das Land unter ihm gespalten wie nie.

"Hoffnung", "Glaube", "Wandel" - als Obama die Politbühne der USA betritt, liegt in seiner Stimme so viel Überzeugungskraft, dass er die Menschen mit seinen Worten zu Tränen rührt. Die Amerikaner hängen hoffnungsvoll an seinen Lippen, als er die Einheit des Landes beschwört: "Es gibt weder ein linksliberales, noch ein konservatives Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika." Nach der Bush-Ära lechzt das Land nach Veränderung. Obama, der besonnene, emotionale Intellektuelle packt Amerika bei seiner Seele. Er wird mit seinem "Yes we can"-Mantra zum Mann der Stunde. Bei Obamas Amtseinführung im Januar 2009 säumen bei klirrender Kälte zwei Millionen Menschen die Straßen Washingtons. Ein solches Spektakel hat die Hauptstadt noch nie erlebt.

Demütig den Friedensnobelpreis angenommen

In das Präsidentenamt startet Obama mit viel Rückenwind aus dem fulminanten Wahlkampf: Ein gigantisches Stimuluspaket für die US-Wirtschaft, Finanzmarktreform, eine Versöhnungsrede an die Muslime, die Vision einer atomwaffenfreien Welt - mit Obamas Startbilanz kann sich kaum ein Vorgänger messen. Der Stern des Demokraten strahlt bis nach Oslo. Ende 2009 erhält Obama den Friedensnobelpreis. Eine Entscheidung, die viele als vorschnell kritisieren. Obama empfängt die Auszeichnung mit Demut: "Verglichen mit manchen Giganten der Geschichte, die diesen Preis vor mir erhalten haben, sind meine Leistungen gering." Auch für diese Art der Klarheit und seine Bescheidenheit verehren ihn seine Anhänger.

Wie anders dagegen der Obama von heute: Er wirkt ausgelaugt und abgekämpft. Aus seinen Augen ist der Glanz gewichen, wenn er zum x-ten Mal die immer selben Erklärungen zum schwierigen amerikanischen Politalltag abgeben muss. Auch seine Botschaften haben sich abgenutzt. "Forward" ist Obamas Kernparole für das Wahljahr 2012. Das klingt mehr nach einem müden "weiter so", denn nach einer kraftvollen Zukunftsvision für die geschundene Weltmacht. Arbeitsmarkt, Staatsschulden, nicht gehaltene Wahlversprechen: Obama ist seit Monaten in der Defensive. Fast scheint es so, als habe er überdreht. Als gehe ihm jetzt, wo es drauf ankommt, die Puste aus.

Oder sie wird ihm genommen. Von außen, vom Obersten Gerichtshof der USA etwa. Der wird nun über die Verfassungsmäßigkeit seiner Gesundheitsreform urteilen, ein schier endloser Kraftakt, die ihm noch mehr graue Haare beschert haben dürfte. Eine Krankenversicherung für alle Amerikaner war Obamas Ziel. Was von monatelangem Gezerre, von Anfeindungen und Widerstand übrig geblieben ist, hat zwar nicht mehr viel mit den ursprünglichen Plänen zu tun, doch die Gesundheitsreform ist und bleibt Obamas größter Erfolg und Kernstück seiner Amtszeit. Kassieren die Richter das Werk, steht der einstige Strahlemann plötzlich mit leeren Händen da.

Selbst Romney reißt mittlerweile mehr mit

Bei einer groß angekündigten Rede zur wirtschaftlichen Lage der USA in Cleveland vor einigen Tagen, spult Obama sein Programm mit ernster Miene nahezu emotionslos runter. Fast eine Stunde lang prangert er die Fehler der Regierung Bush an. Dessen Politik sei für die desaströse Lage der USA verantwortlich. Obama betont das in seinen ausufernden Ausführungen immer wieder. Selbst das ihm wohl gesonnene Publikum zeigt sich mit der Zeit ermüdet. Ihre Versuche, Obamas Rede durch Zwischenrufe aufzulockern, tut der Präsident fast schon unwirsch ab. An guten Tagen vermochte der Präsident mit dem Publikum zu spielen. Welch ein Kontrast: Kontrahent Mitt Romney, lange als fad und blass verpönt, hatte kurz zuvor mit einer mitreißenden Rede nationale Aufmerksamkeit erregt. Fast scheint es so, als hätte die Leichtigkeit in diesem Wahljahr die Seite gewechselt.

Die Kommentare zur Cleveland-Rede sind ernüchternd: "farblos", "langweilig", "alles schon mal da gewesen". Vor vier Jahren verglichen die US-Medien Obamas Rhetorik noch mit der Brillanz des großen Redners Ronald Reagan und des Bürgerrechtlers Martin Luther King, der mit der Kraft seiner Worte Hunderttausende bewegte. Selbst aus den eigenen Reihen kommt inzwischen Kritik: Obama müsse aufhören, Bush die Schuld in die Schuhe zu schieben und sich mehr um das Hier und Jetzt der leidenden US-Bürger kümmern, fordern die renommierten Politstrategen James Carville und Stan Greenberg. Der Heiland Obama ist längst nicht mehr unantastbar.

Obama ist selbst vor Fehlern nicht gefeit

Und noch etwas ist neu an Obama 2012: Der Präsident macht Fehler. Lange eilte dem Demokraten der Ruf voraus, stets bestens vorbereitet sein. In diesen Tagen wirkt Obama oft fahrig und unkonzentriert. "Der Privatwirtschaft geht es gut" - mit diesem Satz servierte der Präsident den Republikanern eine Steilvorlage für ihre Anti-Obama-Kampagne. Der ungewohnte Lapsus passierte ausgerechnet bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Getrieben von der Häme der Konservativen und dem unnachgiebigen US-Medienbetrieb, der solche Aussetzer über Tage hoch- und runteranalysiert, sah sich der Präsident gezwungen, nur wenige Stunden später zurückzurudern: "Es ist natürlich ganz klar, dass es der Privatwirtschaft nicht gut geht", sagt ein sichtlich müder und entnervter Obama im Oval Office. "Das ist der Grund, warum ich gestern, vorgestern, die vergangene Woche, den vergangenen Monat, das vergangene Jahr darüber gesprochen habe, wie wir die Wirtschaft stärken können."

Vier Jahre im Amt haben Obama aufgerieben. Die großen Probleme der strauchelnden Weltmacht und eine sture Blockadehaltung der Republikaner haben den Magier entzaubert. Schon vergleichen ihn die Konservativen genüsslich mit einem seiner Amtsvorgänger: Jimmy Carter. Der Demokrat wurde 1981 nach nur einer Amtszeit abgewählt. Bis heute steht sein Name als Synonym für "gescheiterter Präsident".


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