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Analyse

Twitter-Tiraden: Häme, Hass und Hetze – bei Donald Trump brechen die letzten Dämme

Donald Trump hat in den letzten Jahren viele Grenzen verschoben. In der Ukraine-Affäre brechen beim US-Präsidenten jedoch alle Dämme. Nun bezeichnet er Mitt Romney via Twitter als "aufgeblasenen Arsch" – was tief blicken lässt.

Donald Trump

Donald Trump ist nicht dafür bekannt, sich um die üblichen Konventionen des Politikbetriebes zu scheren. Was der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika aber in den vergangenen Tagen und vor allem in den letzten Stunden über Twitter in die Welt geblasen hat, erreicht selbst für seine Verhältnisse eine neue Dimension. Er pöbelt und poltert, verbreitet wilde Verschwörungstheorien und macht sich über seine politischen Kontrahenten lustig. Er unterstellt den Medien nicht mehr nur, absichtlich falsch zu berichten, er nennt sie offen korrupt. Er teilt abstruse Pinocchio-Comics, macht unverhohlen Werbung für ein Buch, das "Hexenjagd" heißt und beleidigt einen ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten als "aufgeblasenen Arsch". Und das alles in einer Frequenz, die selbst für ihn ein neues Level erreicht. Allein in den vergangenen 20 Stunden (Stand: Samstagabend, deutsche Zeit) hat Trump sage und schreibe 44 (!) Tweets herausgejagt.

Die letzten Tage haben gezeigt: Donald Trump ist massiv unter Druck. So sehr er auch öffentlich immer wieder von seinem "perfekten Anruf" mit dem ukrainischen Präsidenten fabuliert, er scheint zu wissen, dass es dieses Mal wirklich ernst werden könnte. Die Demokraten wollen ihn per Impeachment aus dem Amt jagen, und auch wenn Verfahren und Ergebnis noch in weiter Ferne liegen, die Vorermittlungen werden jetzt schon unangenehm. Es wurden bereits unter Strafandrohung Dokumente aus dem Weißen Haus verlangt, belastende Textnachrichten von Trumps Vertrauten sind aufgetaucht, mit dem Telefonatsprotokoll hat Trump ein schwer belastende Dokument skurrilerweise selbst veröffentlicht, weil er meint, es würde ihn entlasten. Im Kern hat es jedoch die Vorwürfe des Whistleblowers bestätigt, auch wenn (zumindest in dem Protokoll) keine direkte Gegenleistung für Ermittlungen gegen die Bidens versprochen wurde.

Trump, der angeschlagene Boxer

Wäre das ganze ein Boxkampf: Donald Trump wäre gerade kurz angezählt worden und will jetzt mit aller Macht einen Niederschlag erzwingen. Dafür scheut er sich auch nicht, unter der Gürtellinie zuzuschlagen. Sein neuestes Opfer dabei: der republikanische Senator Mitt Romney – immerhin 2012 der Spitzenkandidat, der gegen Barack Obama die Wahl verlor. Dieser hatte via Twitter Trumps Bemühungen in Richtung Ukraine und China, Ermittlungen gegen die Bidens zu erwirken, als "schamlos", "falsch" und "beängstigend" bezeichnet. Trump twitterte nun: "Mitt Romney wusste nie, wie man gewinnt. Er ist ein aufgeblasener Arsch (engl. "pompous ass"), der mich von Anfang an bekämpft hat, außer, als er mich anbettelte, seine Senatswahl zu unterstützen (was ich tat) und als er mich anbettelte, Außenminister zu werden (wozu ich ihn nicht machte). Er ist so schlecht für die Republikaner."

Auch in Bezug auf den Demokraten Adam Schiff kennt Trump kein Halten mehr. Er twittert Pinocchio-Comics mit dem Kopf des angeblich "durchtriebenen" (engl. shifty) "Lügners" Schiff. Auch an der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, lässt er kaum ein gutes Haar, wirft ihr ständig Lug und Betrug vor. 

Und auch, wenn das für Trump nicht wirklich etwas neues ist, seien noch so stillose Kommentare erwähnt, wie der hier: Einen Bericht darüber, dass der Umfragen-Vorsprung von Demokrat Joe Biden zu seinen innerparteilichen Konkurrenten von 26 auf zwei Prozent gesunken ist, teilt Trump und schreibt dazu schlicht "So ein Pech!". 

Trumps Twitter-Tiraden wirken nur auf den ersten Blick wild und planlos. Zwar jagt er dutzende Nachrichten in kürzester Zeit in die Welt hinaus. Doch dabei gibt es klare Muster. Trump ist zum einen ein klassischer Bully. Er macht sich lustig, beleidigt und verleumdet. Aber zum anderen verfolgt er einen Plan. Er will sich als Opfer einer Verschwörung inszenieren und die Demokraten als korrupt und bösartig hinstellen. Die gesamte Ukraine-Affäre nannte er schon mehrfach einen "Betrug am amerikanischen Volk". Er kämpfe stets für die Bürger und setze sich für sie ein, weswegen die Demokraten ihn stoppen wollten. Alles wollten diese verbieten und den Bürgern wegnehmen, so Trumps Botschaft. Er nennt das drohende Amtsenthebungsverfahren wahrheitswidrig einem "Putsch" und will die Leute gegen die Demokraten aufhetzen. 

Ich? Nein, die Demokraten!

Außerdem habe nicht er sein Amt missbraucht, sondern Joe Biden, damals als Vizepräsident, weil er seinem Sohn einen Job in der Ukraine besorgt und ihn später vor Strafverfolgung geschützt habe. Belege für seine Behauptungen und Verschwörungstheorien liefert er nicht, er wiederholt sie nur gebetsmühlenartig, immer und immer wieder. Und nicht nur er.

Zwar schimpfte Trump zuletzt vermehrt über Fox News, weil sein einstiger Lieblingssender auch Journalisten beschäftigt, die hinterfragen, was der Mann im Weißen Haus sagt und macht. Allerdings sind dort noch immer eine Vielzahl von präsidentiellen Hofberichterstattern beschäftigt: Sean Hannity, Tucker Carlson und Co. springen ihrem Präsidenten bei, übernehmen seine Lesart der Dinge und attackieren die Demokraten und alle Medien, die zu kritisch berichten. 

In den letzten Tagen hat Trump überdurchschnittlich viele Videobeiträge von solchen Fox-News-Sendungen geteilt, getreu dem Motto: Wenn ich und meine Unterstützer es nur oft genug sagen, dann werden es die Leute schon glauben. Außerdem bewirbt Trump das Buch "Hexenjagd" eines Mannes, der wiederum bei Fox News auftreten und dort lang und breit seine Pro-Trump-Thesen vertreten darf – ein in sich geschlossenes kleines Propaganda-System. 

  

Donald Trump hat mal gesagt, dass er mitten in New York jemanden erschießen könnte, und die Leute würden ihn trotzdem wählen. Und viele sahen seine überspitze These bestätigt: Keine der Entgleisungen, Pöbeleien oder Lügen der vergangene Jahre hatte echte Konsequenzen für ihn. Doch die Ukraine-Affäre könnte jetzt den Wendepunkt markieren. Seine massiven Twitter-Tiraden zeigen: Trump ist nervös – und glaubt anscheinend selbst nicht mehr daran, dass er sich alles rausnehmen kann.