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Top 10 Videos 2020: Platz 5 Bergkarabach: Reise in einen heimtückischen Drohnen-Krieg – "Die Welt schläft und sieht uns nicht"

Sehen Sie im Video: Video-Reportage aus Bergkarabach – Reise in einen heimtückischen Krieg.


Der Kampf um Bergkarabach ist der erste zwischenstaatliche Krieg, in dem Drohnen-Technik massenhaft zum Einsatz kommt – mit fatalen Folgen. stern-Reporter Jonas Breng begleitet zwei Deutsch-Armenier bei ihrer Reise an die Front. Eine Reise, die alle Beteiligten verändern wird.
Seit vier Wochen herrscht Krieg in Bergkarabach. Aserbaidschan und Armenien kämpfen um die Region. 
Die Schlacht wird nicht nur auf dem Boden, sondern auch über Soziale Medien geführt. In Propagandavideos zeigen beide Seiten ihre Stärke und die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der anderen. 
Für Reporter ist es nicht leicht, ausgewogen über den Konflikt zu berichten: Das autokratische System in Aserbaidschan lässt keine Journalisten ins Land. 
Auch in Armenien erhalten Journalisten nur zensierte Informationen.  
Ich fliege ins Land, um mir vor Ort ein Bild zu machen.  


Tag 1 Abflug - Berlin Schönefeld 


Jonas Breng:  
„Ich befinde mich hier am Flughafen in Berlin-Schönefeld, von wo heute unsere Reise nach Armenien beginnen wird.“  


Ich treffe mich mit Ailin Berdud-Merino. Sie ist Vorsitzende eines armenischen Kulturvereins in Köln. Sie ist eine von 8 Millionen Auslandsarmeniern. Im Land selbst wohnen nur 4 Millionen Menschen. In den vergangenen Wochen hat die 44-Jährige Hilfslieferungen aus ganz Deutschland organisiert.  
Zusammen mit dem Hotelier Sarmen Aghakhanian will sie sie diese Pakete nach Armenien und ins Kriegsgebiet bringen.   


Ailin Berdud-Merino: 
„Halb fünf ging's los. Die Reise war natürlich voller Emotionen, weil endlich, nach drei Wochen, können wir aktiv was tun, und ich bin froh, dass ich ganz, ganz viel Unterstützung in Form von Medikamenten und Verbandszeug dabeihabe und hoffe, dass es ganz schnell dorthin bringen kann, wo es auch hinsoll.“  


Sarmen Aghakhanian:  
„Gemischte Gefühle, aufgeregt aber auch viel Trauer, Mitgefühl mit meinen Leuten. Sonst versucht man einfach, abzuschalten und sich auf das Wesentliche zu fokussieren.“  


Tag 2  
Ankunft in Jerewan 
„So ist es ungefähr halb zwei, der Flieger nicht mal halb voll, vielleicht schon gemerkt, dass alle Leute traurig waren und an ihre Familie gedacht haben.  
Neben uns saßen zwei, eine Mutter und ihre Tochter. Die haben die ganze Zeit geweint, und du hast hundert Prozent. Die haben definitiv jemanden verloren. Da hat man schon angefangen, direkt zum ersten Mal Gänsehaut zu bekommen.“  


Am Flughafen der armenischen Hauptstadt erwarten uns Ailin und Sarmens Bekannte. Manche haben die Hilfslieferung von Armenien aus mitorganisiert. Sie zeigen uns Bilder von Angehörigen, die an der Front kämpfen. Offiziell sind 1000 Armenier bereits gefallen – bei uns geht es auf dieser Reise auch darum: Wie viele sind es wirklich.  
Am ersten Tag in Jerewan: Auf den Straßen und Plätzen der Stadt sind nur wenige Menschen unterwegs. Auf großen Bildschirmen werden Propagandafilme gezeigt.  




Ailin Berdud-Merino: 
„Ich bin schockiert darüber, was mich hier erwartet. Die Ankunft in der Hauptstadt ist mit sehr viel Glück und Freude verbunden. Es liegt ein unheimlicher Schleier auf der Stadt. Die Leute sind verängstigt, die Leute sind völlig durcheinander. Es ist ein Chaos, das schwer zu begreifen ist“ 


Viel Zeit in Jerewan haben wir nicht. Ein Tag bleibt uns für die Organisation von Papieren und Stempel: Presseausweise bei der Botschaft.   
Genehmigungen, damit wir in Bergkarabach ein Militärkrankenhaus besuchen können. Dorthin sollen die Medikamente und Hilfslieferungen aus Deutschland gehen.  
  
Tag 3, 4 Uhr morgens: Abfahrt nach Bergkarabach. 
Ailin Berdud-Merino: 
„Wir haben eine knapp 7-Stündige Fahrt vor uns ab der Hauptstadt Jerewan in Richtung Stepanakert. Wir werden die Klinik vor Ort besuchen, die im Moment aus einem Bunker heraus die Soldaten betreut. Wir fahren in Kriegsgebiet. Das wird erst jetzt bewusst, zumindest so richtig.  
Wie ist deine Gefühlsage gerade? 
Bis jetzt haben wir alles darangesetzt, hier anzukommen. Und jetzt geht's los. Es gibt wenige Sachen, die mich si nervös machen, wie das, was ich gerade erlebe. Ich glaube, mein Adrenalinspiegel ist auf Maximum.“  


Während der Fahrt fragen wir uns, was uns erwarten wird: Immer wieder hören wir  
dass dieser Krieg anders sei. Das liegt vor allem an den neuen Waffen.  
Aserbaidschaner haben in den letzten Jahren viel Geld in teure Drohnensysteme  
aus Israel und der Türkei investiert. Die Drohnen sind ausgerüstet mit Kameras und 
Raketen. Es ist der erste zwischenstaatliche Krieg, in dem die Technik massenhaft zum Einsatz kommt.  
Eine lautlose Art des Tötens, die auch für uns äußerst gefährlich ist, denn ein Einschlag kann überall und jederzeit stattfinden.  
Über die Grenze kommen wir ohne Probleme. Doch kurz hinter ihr bekommen wir Schwierigkeiten.    


Jonas Breng:  
„Wir haben jetzt die Region Berg-Karabach erreicht und mussten kleinen Umweg nehmen, über ein winziges Dorf hier in der Nähe der Front befindet. Leider wurde eine Brücke in der Nähe zerstört, die wir umfahren mussten. Jetzt allerdings ist das Auto stecken geblieben, und lokale Helfer vor Ort helfen uns, das Auto wieder freizubekommen.“ 


Wir fahren über eine Schotterstraße an halbverlassen Dörfern vorbei, in denen Artillerie stationiert ist. Einige Kilometer weiter erreichen wir unser erstes Ziel. Die Stadt Schuscha, wo Tage zuvor auch mehrere Journalisten bei einem Raketenangriff verletzt wurden. Der Metallkörper einer Rakete steckt im Asphalt einer Straße. Auf den Stufen der Treppe zu einer Kirche ist noch Blut zu sehen.  


Ailin Berdud-Merino: 
„Wir sind im Moment in der Kirche, das ist der Sitz der Diözese Bergkarabach, sprich der Mutter-Sitz unserer armenisch-apostolischen Kirche. Hier ist es vor einigen Tagen eine Bombe detoniert bzw. ein Angriff hat stattgefunden.  
Wenn man live vor Ort ist und sich das Ausmaß ansieht, auch wie es in der Umgebung aussieht, merkt man richtig das es ein bewusstes Ziel war. Rechts und links ist sehr viel Platz und so wie die Bombe eingeschlagen hat, merkt man, dass das ein gezielter Angriff war.“ 


Sarmen Aghakhanian:  
„Ich war vor 5 Jahren hier drin. Mit einem langjährigen Freund. Wenn man so einen Bezug dazu hat und sich das ganze jetzt anschaut, dann ist es einfach furchtbar“  


Hinter der Kirche sehen wir ein Kulturhaus, von dem nur noch Trümmer übrig sind. Wir fahren weiter zu unserem letzten Ziel: Dem Militärkrankenhaus von Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach. Es wurde in den Keller des Gebäudes verlegt: Noch nie waren internationale Journalisten hier – filmen dürfen wir nicht. 


Jonas Breng:  
„Wir kommen hier gerade aus dem Militärkrankenhaus in Stepanek CERT, der Unterwelt der Stadt, wenn man so will. Wir haben Kellerräume gesehen, die voller Blut waren, in denen gerade unmittelbar Amputationen stattgefunden haben. Die Lage ist unter hygienischen Umständen desolat.“  


Die Medikamente aus Deutschland werden hier dringend gebraucht. Der Chefarzt des Krankenhauses war in den letzten Wochen zu beschäftigt, Leben zu retten, um die offiziellen Opferzählungen der Regierung zu kennen. Er geht von Zahlen aus, die vier Mal so hoch sind, wie die 1000 bestätigten Toten.  


In Stepanakert treffen wir im Keller eines Hauses eine Mutter und ihre Familie. Vier Generationen suchen unter der Erde Schutz vor den Angriffen – die Söhne sind an der Front. Fragt man die ehemalige Kellnerin nach der Zukunft, antwortet sie mit Wut. 




Kurz nach der Begegnung stehen wir vor der Frage: Bleiben wir in der Stadt oder verlasen wir sie aus Sicherheitsgründen? 
Es gibt Gerücht von einer neuen Offensive der Aserbaidschaner. Wenn wir uns nicht beeilen, könnte die einzige Zufahrtsstraße bald geschlossen sein.  


Tag 4: Zurück in Armenien 
Jonas Breng: 
„Die Nacht haben wir in der Stadt Gores verbracht, auf armenischer Seite, an der Grenze zu Berg-Karabach. Im Hintergrund kann man die Stadt erkennen, die hier an den Füßen der Hügel gelegen ist. In den letzten Wochen sind hier extrem viele Flüchtlinge, die aus der Region Berg-Karabach und Formen aus der Hauptstadt geflohen sind, angekommen und haben ihren Weg dann weiter nach Jerewan angetreten.“ 


Die verschärften Gefechte machen es für uns unmöglich wieder in das Gebiet zu fahren. Wir kehren zurück nach Jerewan. Am letzten Tag unserer Reise besuchen wir das Forensische Institut in der Hauptstadt. Hier werden die Toten hingebracht, deren Identität noch unklar ist. Denn nach den Einschlägen der Drohnen ist von den Körpern kaum mehr als Klumpen und in Fleisch gebrannte Erde zu sehen. Nur über einen DNA-Abgleich lässt sich ihre Identität bestimmen. Auch hier dürfen wir in den Leichenhallen nicht filmen.   




Ailin Berdud-Merino: 
„Wir hatten das Glück, den Direktor des Instituts kennenzulernen, der meiner Meinung nach sehr menschlich und sehr objektiv dargestellt hat, was seit Kriegsbeginn bei ihm passiert. Das eine ist es, darüber zu hören, das andere, die Dinge tatsächlich zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt in meinem Leben jemals verdauen werde, was heute vor meinen Augen abgelaufen ist. Aber so langsam begreife ich, was uns in diesen vier Tagen ständig gesagt wurde. Dass diese Form des Krieges eine andere ist.”  


Sarmen Aghakhanian: 
“Ich habe mich gerade in einem Spiegelbild gesehen. Ich musste mich an einen Satz erinnern. Ein Freund von mir in Kabul war in Afghanistan, der über 30 Einsätze hatte.  
Der meinte zu mir: Deine Augen verändern sich, wenn du da bist. Ich habe gerade verstanden, was er meint. Sie sind leer. Sie sagen nichts mehr.” 


Die Stunden im Identifikationszentrum beschäftigen uns noch lange. Sie haben uns gezeigt, welches Ausmaß dieser Krieg hat: ein hochmoderner Krieg, der mit neuer Drohnentechnik geführt wird. Und gleichzeitig ein archaischer Krieg, weil in ihm auf schreckliste Art und Weise gelitten und gestorben wird.  
 Es ist ein Krieg, der fernab der Weltöffentlichkeit stattfindet. Und der in den nächsten Wochen zu eskalieren droht. 
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Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan gehört zu den erschütternden Tiefpunkten des Jahres: stern-Reporter Jonas Breng reiste mit zwei Deutsch-Armeniern an die umkämpfte Front, um die Folgen des Drohnenkriegs zu dokumentieren. Sehen Sie in unserem Jahresrückblick, was sie dort erlebten.

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