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Krieg im Kaukasus Dem Himmel ist nicht mehr zu trauen: In Bergkarabach erlebt man das Sterben der Zukunft

Sehen Sie im Video: Video-Reportage aus Bergkarabach – Reise in einen heimtückischen Krieg.


Der Kampf um Bergkarabach ist der erste zwischenstaatliche Krieg, in dem Drohnen-Technik massenhaft zum Einsatz kommt – mit fatalen Folgen. stern-Reporter Jonas Breng begleitet zwei Deutsch-Armenier bei ihrer Reise an die Front. Eine Reise, die alle Beteiligten verändern wird.
Seit vier Wochen herrscht Krieg in Bergkarabach. Aserbaidschan und Armenien kämpfen um die Region. 
Die Schlacht wird nicht nur auf dem Boden, sondern auch über Soziale Medien geführt. In Propagandavideos zeigen beide Seiten ihre Stärke und die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der anderen. 
Für Reporter ist es nicht leicht, ausgewogen über den Konflikt zu berichten: Das autokratische System in Aserbaidschan lässt keine Journalisten ins Land. 
Auch in Armenien erhalten Journalisten nur zensierte Informationen.  
Ich fliege ins Land, um mir vor Ort ein Bild zu machen.  


Tag 1 Abflug - Berlin Schönefeld 


Jonas Breng:  
„Ich befinde mich hier am Flughafen in Berlin-Schönefeld, von wo heute unsere Reise nach Armenien beginnen wird.“  


Ich treffe mich mit Ailin Berdud-Merino. Sie ist Vorsitzende eines armenischen Kulturvereins in Köln. Sie ist eine von 8 Millionen Auslandsarmeniern. Im Land selbst wohnen nur 4 Millionen Menschen. In den vergangenen Wochen hat die 44-Jährige Hilfslieferungen aus ganz Deutschland organisiert.  
Zusammen mit dem Hotelier Sarmen Aghakhanian will sie sie diese Pakete nach Armenien und ins Kriegsgebiet bringen.   


Ailin Berdud-Merino: 
„Halb fünf ging's los. Die Reise war natürlich voller Emotionen, weil endlich, nach drei Wochen, können wir aktiv was tun, und ich bin froh, dass ich ganz, ganz viel Unterstützung in Form von Medikamenten und Verbandszeug dabeihabe und hoffe, dass es ganz schnell dorthin bringen kann, wo es auch hinsoll.“  


Sarmen Aghakhanian:  
„Gemischte Gefühle, aufgeregt aber auch viel Trauer, Mitgefühl mit meinen Leuten. Sonst versucht man einfach, abzuschalten und sich auf das Wesentliche zu fokussieren.“  


Tag 2  
Ankunft in Jerewan 
„So ist es ungefähr halb zwei, der Flieger nicht mal halb voll, vielleicht schon gemerkt, dass alle Leute traurig waren und an ihre Familie gedacht haben.  
Neben uns saßen zwei, eine Mutter und ihre Tochter. Die haben die ganze Zeit geweint, und du hast hundert Prozent. Die haben definitiv jemanden verloren. Da hat man schon angefangen, direkt zum ersten Mal Gänsehaut zu bekommen.“  


Am Flughafen der armenischen Hauptstadt erwarten uns Ailin und Sarmens Bekannte. Manche haben die Hilfslieferung von Armenien aus mitorganisiert. Sie zeigen uns Bilder von Angehörigen, die an der Front kämpfen. Offiziell sind 1000 Armenier bereits gefallen – bei uns geht es auf dieser Reise auch darum: Wie viele sind es wirklich.  
Am ersten Tag in Jerewan: Auf den Straßen und Plätzen der Stadt sind nur wenige Menschen unterwegs. Auf großen Bildschirmen werden Propagandafilme gezeigt.  




Ailin Berdud-Merino: 
„Ich bin schockiert darüber, was mich hier erwartet. Die Ankunft in der Hauptstadt ist mit sehr viel Glück und Freude verbunden. Es liegt ein unheimlicher Schleier auf der Stadt. Die Leute sind verängstigt, die Leute sind völlig durcheinander. Es ist ein Chaos, das schwer zu begreifen ist“ 


Viel Zeit in Jerewan haben wir nicht. Ein Tag bleibt uns für die Organisation von Papieren und Stempel: Presseausweise bei der Botschaft.   
Genehmigungen, damit wir in Bergkarabach ein Militärkrankenhaus besuchen können. Dorthin sollen die Medikamente und Hilfslieferungen aus Deutschland gehen.  
  
Tag 3, 4 Uhr morgens: Abfahrt nach Bergkarabach. 
Ailin Berdud-Merino: 
„Wir haben eine knapp 7-Stündige Fahrt vor uns ab der Hauptstadt Jerewan in Richtung Stepanakert. Wir werden die Klinik vor Ort besuchen, die im Moment aus einem Bunker heraus die Soldaten betreut. Wir fahren in Kriegsgebiet. Das wird erst jetzt bewusst, zumindest so richtig.  
Wie ist deine Gefühlsage gerade? 
Bis jetzt haben wir alles darangesetzt, hier anzukommen. Und jetzt geht's los. Es gibt wenige Sachen, die mich si nervös machen, wie das, was ich gerade erlebe. Ich glaube, mein Adrenalinspiegel ist auf Maximum.“  


Während der Fahrt fragen wir uns, was uns erwarten wird: Immer wieder hören wir  
dass dieser Krieg anders sei. Das liegt vor allem an den neuen Waffen.  
Aserbaidschaner haben in den letzten Jahren viel Geld in teure Drohnensysteme  
aus Israel und der Türkei investiert. Die Drohnen sind ausgerüstet mit Kameras und 
Raketen. Es ist der erste zwischenstaatliche Krieg, in dem die Technik massenhaft zum Einsatz kommt.  
Eine lautlose Art des Tötens, die auch für uns äußerst gefährlich ist, denn ein Einschlag kann überall und jederzeit stattfinden.  
Über die Grenze kommen wir ohne Probleme. Doch kurz hinter ihr bekommen wir Schwierigkeiten.    


Jonas Breng:  
„Wir haben jetzt die Region Berg-Karabach erreicht und mussten kleinen Umweg nehmen, über ein winziges Dorf hier in der Nähe der Front befindet. Leider wurde eine Brücke in der Nähe zerstört, die wir umfahren mussten. Jetzt allerdings ist das Auto stecken geblieben, und lokale Helfer vor Ort helfen uns, das Auto wieder freizubekommen.“ 


Wir fahren über eine Schotterstraße an halbverlassen Dörfern vorbei, in denen Artillerie stationiert ist. Einige Kilometer weiter erreichen wir unser erstes Ziel. Die Stadt Schuscha, wo Tage zuvor auch mehrere Journalisten bei einem Raketenangriff verletzt wurden. Der Metallkörper einer Rakete steckt im Asphalt einer Straße. Auf den Stufen der Treppe zu einer Kirche ist noch Blut zu sehen.  


Ailin Berdud-Merino: 
„Wir sind im Moment in der Kirche, das ist der Sitz der Diözese Bergkarabach, sprich der Mutter-Sitz unserer armenisch-apostolischen Kirche. Hier ist es vor einigen Tagen eine Bombe detoniert bzw. ein Angriff hat stattgefunden.  
Wenn man live vor Ort ist und sich das Ausmaß ansieht, auch wie es in der Umgebung aussieht, merkt man richtig das es ein bewusstes Ziel war. Rechts und links ist sehr viel Platz und so wie die Bombe eingeschlagen hat, merkt man, dass das ein gezielter Angriff war.“ 


Sarmen Aghakhanian:  
„Ich war vor 5 Jahren hier drin. Mit einem langjährigen Freund. Wenn man so einen Bezug dazu hat und sich das ganze jetzt anschaut, dann ist es einfach furchtbar“  


Hinter der Kirche sehen wir ein Kulturhaus, von dem nur noch Trümmer übrig sind. Wir fahren weiter zu unserem letzten Ziel: Dem Militärkrankenhaus von Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach. Es wurde in den Keller des Gebäudes verlegt: Noch nie waren internationale Journalisten hier – filmen dürfen wir nicht. 


Jonas Breng:  
„Wir kommen hier gerade aus dem Militärkrankenhaus in Stepanek CERT, der Unterwelt der Stadt, wenn man so will. Wir haben Kellerräume gesehen, die voller Blut waren, in denen gerade unmittelbar Amputationen stattgefunden haben. Die Lage ist unter hygienischen Umständen desolat.“  


Die Medikamente aus Deutschland werden hier dringend gebraucht. Der Chefarzt des Krankenhauses war in den letzten Wochen zu beschäftigt, Leben zu retten, um die offiziellen Opferzählungen der Regierung zu kennen. Er geht von Zahlen aus, die vier Mal so hoch sind, wie die 1000 bestätigten Toten.  


In Stepanakert treffen wir im Keller eines Hauses eine Mutter und ihre Familie. Vier Generationen suchen unter der Erde Schutz vor den Angriffen – die Söhne sind an der Front. Fragt man die ehemalige Kellnerin nach der Zukunft, antwortet sie mit Wut. 




Kurz nach der Begegnung stehen wir vor der Frage: Bleiben wir in der Stadt oder verlasen wir sie aus Sicherheitsgründen? 
Es gibt Gerücht von einer neuen Offensive der Aserbaidschaner. Wenn wir uns nicht beeilen, könnte die einzige Zufahrtsstraße bald geschlossen sein.  


Tag 4: Zurück in Armenien 
Jonas Breng: 
„Die Nacht haben wir in der Stadt Gores verbracht, auf armenischer Seite, an der Grenze zu Berg-Karabach. Im Hintergrund kann man die Stadt erkennen, die hier an den Füßen der Hügel gelegen ist. In den letzten Wochen sind hier extrem viele Flüchtlinge, die aus der Region Berg-Karabach und Formen aus der Hauptstadt geflohen sind, angekommen und haben ihren Weg dann weiter nach Jerewan angetreten.“ 


Die verschärften Gefechte machen es für uns unmöglich wieder in das Gebiet zu fahren. Wir kehren zurück nach Jerewan. Am letzten Tag unserer Reise besuchen wir das Forensische Institut in der Hauptstadt. Hier werden die Toten hingebracht, deren Identität noch unklar ist. Denn nach den Einschlägen der Drohnen ist von den Körpern kaum mehr als Klumpen und in Fleisch gebrannte Erde zu sehen. Nur über einen DNA-Abgleich lässt sich ihre Identität bestimmen. Auch hier dürfen wir in den Leichenhallen nicht filmen.   




Ailin Berdud-Merino: 
„Wir hatten das Glück, den Direktor des Instituts kennenzulernen, der meiner Meinung nach sehr menschlich und sehr objektiv dargestellt hat, was seit Kriegsbeginn bei ihm passiert. Das eine ist es, darüber zu hören, das andere, die Dinge tatsächlich zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt in meinem Leben jemals verdauen werde, was heute vor meinen Augen abgelaufen ist. Aber so langsam begreife ich, was uns in diesen vier Tagen ständig gesagt wurde. Dass diese Form des Krieges eine andere ist.”  


Sarmen Aghakhanian: 
“Ich habe mich gerade in einem Spiegelbild gesehen. Ich musste mich an einen Satz erinnern. Ein Freund von mir in Kabul war in Afghanistan, der über 30 Einsätze hatte.  
Der meinte zu mir: Deine Augen verändern sich, wenn du da bist. Ich habe gerade verstanden, was er meint. Sie sind leer. Sie sagen nichts mehr.” 


Die Stunden im Identifikationszentrum beschäftigen uns noch lange. Sie haben uns gezeigt, welches Ausmaß dieser Krieg hat: ein hochmoderner Krieg, der mit neuer Drohnentechnik geführt wird. Und gleichzeitig ein archaischer Krieg, weil in ihm auf schreckliste Art und Weise gelitten und gestorben wird.  
 Es ist ein Krieg, der fernab der Weltöffentlichkeit stattfindet. Und der in den nächsten Wochen zu eskalieren droht. 
Mehr
Die Wahrheit über den Konflikt um die Region Bergkarabach ­findet sich auf den Friedhöfen, in den Leichenhallen und Krankenhäusern. Eine Reise an die Front.
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Am dunkelsten Ort Jerewans wächst ein Honigapfelbaum im Garten. Knorrig und aufrecht steht er da. Wie einer, den nichts erschüttern kann. Dr. Harutyunyan kann den Baum aus dem Fenster seines Büros nicht sehen. Doch er sieht ihn jeden Morgen, wenn er ins Büro kommt. Und jeden Abend, wenn er nach Hause geht. Dazwischen liegen meist 16 Stunden Arbeit und im Fall von Dr. Harutyunyan der Tod.

Harutyunyan, ein feiner Herr im karierten Sakko, der die Oper und Aprikosen-Cognac liebt, ist Armeniens oberster Forensiker, und seit dem Krieg, sagt er, hat er keine Zeit mehr, sich an der Natur zu freuen. Denn in den Gängen seines Instituts stapeln sich die Aufträge. Sie liegen in Plastiksäcken verpackt, teilweise auf dem Boden, weil sein Team mit den Identifizierungen der Toten kaum hinterherkommt. Wie viele es genau sind, das darf Dr. Harutyunyan allerdings nicht sagen. Der Staat hat es ihm verboten. Man könnte sagen, der 58-Jährige hütet nicht nur den Tod. Sondern auch ein Geheimnis. Es spinnt sich um eine Frage: Wie schlimm ist der Krieg von Bergkarabach wirklich?

Gekommen, um zu sehen

An einem Freitag im Oktober, dem 27. Tag des Konfliktes, sitzt Dr. Harutyunyan in seinem schmalen Büro im Stadtzentrum von Armeniens Hauptstadt und blickt in das Gesicht zweier Menschen aus Deutschland. "Ich kann Ihnen nicht alles sagen, was ich will, aber ich werde Ihnen zeigen, was dieser Krieg mit den Menschen anstellt", sagt Dr. Harutyunyan höflich zu den beiden Gästen. Vor ihm sitzt eine Frau in hochhackigen Schuhen, an deren Arm eine Louis-Vuitton-Handtasche baumelt. Ihr Name ist Ailin Berdud-Merino, vierfache Mutter aus Köln. Daneben hockt Sarmen Aghakhanian, ein Hotelier und Geschäftsmann, ebenfalls aus Köln. Die beiden Deutschen mit armenischen Wurzeln sind nach Jerewan gekommen, um Hilfslieferungen ins Land zu bringen.

Ailin Berdud-Merino und Sarmen Aghakhanian organisieren in Jerewan die nötigen Papiere, um an die Front nach bergkarabach zu fahren
Ailin Berdud-Merino und Sarmen Aghakhanian organisieren in Jerewan die nötigen Papiere, um an die Front nach bergkarabach zu fahren
© Eric Grigorian / Polaris / DDP

Bevor sie an den gebückten Menschen vorbeiliefen, die in die Identifizierungshalle von Dr. Harutyunyan kommen, um an den zerfetzten Körpern nach etwas Vertrautem zu suchen, sagte Sarmen: "Mann, ich habe ganz zittrige Beine." Und Ailin: "Ich auch. Aber wir müssen es sehen. Das ganze Ausmaß des Krieges." Für Ailin und Sarmen ist dies der letzte Termin ihrer Reise. Begonnen hat sie vier Tage zuvor. In Berlin.

Logistikerin des Krieges

An diesem Tag stehen die beiden mit neun Koffern voller Medikamente an der Sicherheitskontrolle des Flughafens Berlin-Schönefeld. Ailin hat gerade den armenischen Botschafter am Telefon. "Jaja, Herr Botschafter, die Sachen werden wir rüberschaffen", sagt sie und streicht sich die Locken aus dem Gesicht.

Dabei ist Ailin Berdud-Merino, 40, die bis vor Kurzem noch die Buchhaltung im Fuhrunternehmen des Vaters machte und ihre Kinder zum Klavierunterricht fuhr, kein sonderlich politischer Mensch. Mit diesem Zirkus habe man sie immer jagen können, sagt sie. Doch die vergangenen Wochen, so Ailin, haben sie verändert. Praktisch jede freie Minute hat sie am Handy verbracht, so wie jetzt mit dem Botschafter. Zusammen mit Sarmen und einigen anderen sorgt Ailin dafür, dass Hilfslieferungen aus ganz Deutschland nach Armenien kommen: Medikamente, Prothesen, Schlafsäcke. Aus der Mutter aus Köln ist eine Logistikerin des Krieges geworden. "Natürlich habe ich Angst, aber wir müssen sehen, ob unsere Sachen gut ankommen. Ich will wissen, wo wir noch helfen können", sagt sie kurz vor dem Abflug nach Jerewan.

Gestern Abend schrieb ihre elfjährige Tochter Ailin einen kleinen Zettel: "Ich will das Beste für Dich und für unsere Familie. Aber im Augenblick ist Krieg und, was soll ich sagen, jetzt sind die Menschen in Armenien auch wichtig. Deshalb rette Armenien, und komm unversehrt zu uns zurück. Deine Lia." Auch Sarmen, 35, Ailins Begleiter, hängt kurz vor dem Abflug seinen eigenen Gedanken nach: "Ich weiß nicht, was diese Reise mit uns machen wird, aber wir sind alte Freunde und müssen zusammenhalten."

Ein Krieg mit zwei Seiten und vielen Wahrheiten

Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, zu dem die beiden fliegen, tobt seit knapp vier Wochen. Es ist ein Konflikt mit zwei Seiten und vielen Wahrheiten. Im Kern geht es um die hügelige Landschaft von Bergkarabach, ein Territorium, um das sich Armenier und Aserbaidschaner seit über 100 Jahren streiten. Völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbaidschan, das die Region nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zugesprochen bekommen hat. Dabei lebten dort schon damals vor allem Armenier. In der Endphase der Sowjetunion flammten die Kämpfe wieder auf. Es gab Pogrome an der armenischen Bevölkerung und 1991 einen Krieg, der drei Jahre dauerte und den Armenien schließlich gewann. Die Gewinner vertrieben die Aserbaidschaner und riefen die unabhängige Republik "Arzach" aus, die international nicht anerkannt wird. Immer wieder kam es seitdem zu Auseinandersetzungen an der Front, die Ende September, mitten in der Coronakrise, endgültig eskalierten.

Für Reporter ist es nicht leicht, ausgewogen über den Konflikt von Bergkarabach zu berichten. Das autokratische System in Aserbaidschan lässt derzeit so gut wie keine Journalisten ins Land. Die Geschichte von Ailin und Sarmen kann deshalb nur von einer Seite erzählt werden, von der armenischen. Es gibt auch noch die andere Seite, die der Aserbaidschaner. Auch dort wird gestorben, gelitten, getrauert und gebangt. Es gibt kein Schwarz oder Weiß in diesem Konflikt. Aber unendlich viel Grau.

Als das Flugzeug in Jerewan landet, ist es mitten in der Nacht. Ailin und Sarmen werden von einem Bekannten abgeholt, der ihnen in den vergangenen Wochen mit den Spenden geholfen hat. Während der Geländewagen durch die leeren Straßen der Hauptstadt rast, erzählt Ailin von dem seltsamen Gefühl, das sie seit Wochen begleitet. Sie beschreibt es wie eine schwarze Wolke, ein Unterdruck, etwas, das sich nachts in die Träume schleicht und sie in den vergangenen Wochen vor sich hergetrieben hat. Es ist das Gefühl einer Bedrohung, die älter ist als sie. "Wir Armenier tragen wegen des Genozids an unserem Volk durch die Türken während des Ersten Weltkrieges alle diese Urangst in uns. Das kommt gerade bei extrem vielen hoch", sagt Ailin. Es sei kurios – wildfremde Armenier aus den USA würden ihr von ähnlichen Albträumen berichten. Schuld daran sei der türkische Präsident Erdogan, der die Aserbaidschaner heute im Krieg um Bergkarabach mit Milizen aus Syrien sowie Waffen unterstütze.

Auf seinem Handy zeigt Sarmen ein Video, das Erdogan im Juli im Gespräch mit Ministern zeigt. In dem Video sagt Erdogan sinngemäß und etwas uneindeutig, dass er das Projekt seiner Vorfahren zu Ende bringen wolle. "Siehst du! Er meint den Genozid. Er will uns auslöschen, darum geht es in Bergkarabach", sagt Sarmen mit sich überschlagender Stimme.

Auf den Stufen einer Kirche klebt noch nasses Blut

Am ersten Tag geht es für ihn und Ailin allerdings erst einmal darum, Genehmigungen für Bergkarabach einzuholen. Der Krieg folgt klaren Regeln. Zumindest auf dem Papier. In Jerewan laufen auf einer großen Leinwand am "Platz der Republik" unablässig Propagandavideos von startenden Kampfjets. Ansonsten erreicht der Konflikt die Stadt vor allem in Form von Leichen und Verletzten. Sie kommen in Lastwagen und Krankenwagen. Am Abend vor ihrer Abreise nach Bergkarabach, als Ailin und Sarmen auf dem Balkon die Nervosität mit Bier und Zigaretten bekämpfen, jagt ein Blaulicht nach dem anderen am Hotel vorbei.

Morgens um vier, über Armenien hängt noch schwarze Nacht, geht es los. Krumme, bergige Landstraßen mit Checkpoints führen nach Süden. Auf dem Weg nach Stepanakert, Bergkarabachs Hauptstadt, macht das Auto zweimal halt. Stopp Nummer eins ist eine zerstörte Kirche, auf deren Stufen noch nasses Blut klebt. Halt Nummer zwei ein Theater, das aussieht, als hätte ein Riese es mit einem gewaltigen Hammer zertrümmert.

Einwohner von Stepanakert fliehen vor einschlagenden Raketen
Einwohner von Stepanakert fliehen vor einschlagenden Raketen
© Polaris / ddp

Ailin springt aus dem Auto und steht kurz darauf auf dem Gehweg, wo noch der Metallkopf einer Rakete im Boden steckt. Wie eine Zigarette durch Papier hat sie sich in den Asphalt gebrannt. "Mann, ich habe total Gänsehaut, wir sollten hier nicht so lange bleiben, es ist nicht sicher hier", sagt Ailin und blickt nach oben in den trüben Himmel, dorthin, wo das wahre Schlachtfeld dieses Krieges liegt. Dort oben müssen die aserbaidschanischen Drohnen sein. Wie Greifvögel schweben sie am Himmel, kilometerhoch in der Luft. Ausgerüstet mit Kameras und teilweise mit Raketen.

Sie sind der Grund, warum Armenien den Krieg um Bergkarabach zu verlieren droht. Denn die Aserbaidschaner haben zuletzt viel Geld in teure Drohnensysteme aus Israel und der Türkei investiert. Auch deutsche Komponenten sind darin verbaut. Den armenischen Stellungen und weit verzweigten Schützengräben, die lange für Aserbaidschan als uneinnehmbar galten, setzen diese Kampf- und Kamikazedrohnen schwer zu. Nur bedingt gelingt es den Armeniern, sie mit ihren russischen Abwehrsystemen auszuschalten. Auf Videos des aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums explodieren zu martialischer Musik reihenweise armenische Gebäude, Panzer und Stellungen. Die Drohnen liefern die Bilder für den Propagandakrieg gleich mit.

In Bergkarabach erlebt man das Sterben der Zukunft

Zwar verfügen auch die Armenier über Drohnen, die allerdings sind aus eigener Fabrikation und weniger modern. Für Militärstrategen ist der Konflikt um Bergkarabach deshalb so interessant. Es ist der erste zwischenstaatliche Krieg, in dem die vergleichsweise günstige Drohnentechnik entscheidend sein könnte. In Bergkarabach lässt sich gerade etwas über das Sterben der Zukunft lernen.

Aus Stepanakert haben die Drohnen einen Ort der Schatten gemacht. Als das Auto etwas später durch die Hauptstadt von Bergkarabach rollt, ist kaum ein Mensch zu sehen. Nur ein paar Alte huschen an den verriegelten Geschäften und Läden vorbei. Von den einstmals 55000 Einwohnern sind die meisten geflohen. Geblieben sind nur die, die nicht gehen können. Oder nicht wollen.

So wie Saria. Ihr Haus befindet sich im Stadtzentrum von Stepanakert, gegenüber dem alten Kulturhaus. Für Saria steht das Gebäude mit den Steinmauern in gewisser Hinsicht für den Fluch und den Segen ihres Lebens. Ein Segen ist es, weil sich darunter der Keller befindet, der ihre Familie in den vergangenen Jahren immer wieder vor dem Tod bewahrt hat. Ein Fluch, weil Krieg ist, wenn Saria in den Keller muss. Der jetzige ist schon ihr dritter.

Ein Radio gegen die Angst

Wenn die Sirenen schrillen, läuft sie los. Knapp fünf Minuten braucht sie mit dem Gehstock für die etwa 40 Meter und die 16 Treppenstufen, die den Bunker von der Wohnung trennen. Meist hilft ihre Tochter dabei. Denn Saria ist nicht mehr die Jüngste. In diesem Jahr wurde sie 91 Jahre alt.

Als der Krieg begann, sagten die Verwandten zu Saria, sie müsse fliehen. Doch sie hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. "Das ist meine Heimat. Ich bin zu alt, ich gehöre hierher", hatte sie gesagt. Und so waren sie alle geblieben, vier Generationen, versteckt in einem feuchten Verlies ohne Fenster mit Campingbetten und Wasserkochern. Wärme spendet nur das Heizgestänge, das die Regierung gestellt hat. Aus einem Radio dudelt ein armenischer Sänger gegen die Stille an. Das Radio, so erzählen es die Verwandten Ailin und Sarmen im Bunker, würden sie manchmal auch nachts laufen lassen. Wenn die Wände von den Raketen wieder zittern und Sarias Urenkel, acht und zehn, vor lauter Angst nicht schlafen können. Auch Saria machen die Bomben zu schaffen. Weil sie all die Bilder aus den anderen Kriegen zurückbringen. Vor allem von der Zeit, als sie hungerten, damals, in den Neunzigern.

Saria, 91, hat sich mit Tochter und Enkeln in Stepanakert in einen Keller geflüchtet
Saria, 91, hat sich mit Tochter und Enkeln in Stepanakert in einen Keller geflüchtet
© Stanislav Krupar

Gott sei Dank ist das dieses Mal besser, sagt die Familie. Denn noch schaffe es die Regierung, die Übriggebliebenen in Stepanakert mit Lebensmitteln zu versorgen. Was die Familie mehr umtreibt, ist die Sorge um die Männer an der Front. Sarias Schwiegersohn und ihr Enkel kämpfen seit Wochen. Morgens lassen sie manchmal das Handy klingeln. Einmal klingeln heißt Leben. Keinmal klingeln Angst. Die Verwandten haben Saria erklärt, dass der Krieg durch Drohnen gefährlicher geworden ist. Dem Himmel, in den sie ihre Gebete richtet, ist nicht mehr zu trauen.

Wie verzweifelt diese Angst machen kann, sieht man an Sarias Tochter, 56, der Frau und Mutter der beiden Männer. Ihre Stimme schwillt vor Wut an, wenn man sie nach Wünschen für die Zukunft fragt. "Was soll das für eine Zukunft sein? Vielleicht der nächste Krieg? Das nächste Sterben? Diese Teufel bringen uns um, aber die Welt interessiert es nicht." Doch aufgeben, sagt die ehemalige Kellnerin, werden die Armenier nicht. Lieber kämpfen. Bis zum letzten Tropfen Blut.

Die Klinik der Unterwelt

Ähnliche Töne sind auch im Militärkrankenhaus von Stepanakert zu hören. Der wahren Unterwelt der Stadt. Regiert wird sie von einem blassen Mann mit prallen Wangen, der an einer Elektrozigarette saugt. Sein Name ist Arthur Javilyan, 31. Javilyan ist Chefarzt der Klinik, die er wegen der Drohnen in die dreckigen Kellerräume des Krankenhauses verfrachten musste.

Javilyan ist etwas überrascht, als Ailin und Sarmen an diesem Nachmittag plötzlich mit Taschen voller Medikamente in seinem Keller auftauchen. Zivilisten ist der Zutritt eigentlich streng verboten. "Schauen Sie, was wir alles dabeihaben", sagt Ailin und deutet freudig auf Antibiotika und Schmerzmittel. Javilyan, der nachts auf einer Matratze im Vorratsraum schläft, schaut sie erschöpft an. Der Arzt hat seit Beginn des Krieges im Akkord operiert, Menschen mit herausgerissenen Organen und Splittern im Kopf, Soldaten mit schweren Verbrennungen und abgetrennten Gliedmaßen. Bestimmt 150 Operationen, sagt er. Javilyan, das merkt man schnell, hat so viel geflickt und genäht, geschnitten und beatmet, dass er keine Zeit hatte, sich mit den offiziellen Verlustmeldungen der armenischen Regierung auseinanderzusetzen. Die nennt eine Zahl von knapp 900 gefallenen Soldaten bisher, er schätzt die Toten drei- bis viermal so hoch.

Traumatisierte Soldaten warten auf Behandlung im Krankenhaus von Stepanakert
Traumatisierte Soldaten warten auf Behandlung im Krankenhaus von Stepanakert
© Stanislav Krupar

In der Klinik, durch die er Ailin und Sarmen führt, herrscht Chaos. Bestimmt 200 Soldaten und Pfleger drängen sich in dem schummrigen Gewölbe, in dem es nach Urin und Blut stinkt. Ein Kämpfer mit bandagiertem Kopf hat das Gesicht in die Hände gestützt. Überall wird gehustet und gestöhnt. Eine Corona-Maske trägt keiner. Das Virus sei wirklich sein geringstes Problem, sagt Javilyan: "Das haben ohnehin alle hier." Während er das sagt, kann man über seine Schulter in den OP schauen. Ein Team von Ärzten ist gerade dabei, einem Soldaten ein Bein zu amputieren.

Kurz darauf stehen der Chefarzt und Ailin im Hof, um noch eine Zigarette zum Abschied zu rauchen. Die Deutsche, die ihre Medikamente endlich dorthin gebracht hat, wo sie gebraucht werden, sieht zufrieden aus. "Ich bin so geflasht, wie positiv hier alle trotz der Umstände sind", sagt sie. Dann erschüttert ein lauter Knall den Hof. Eine Detonation, ein paar Kilometer entfernt. Die Fenster der Klinik zittern. "Oh Gott, was war das?", fragt Ailin und blickt sich hektisch um. Der Chefarzt hat noch nicht einmal gezuckt, aber Ailin läuft jetzt in schnellen Schritten zum Auto zurück. "Das wird mir hier alles zu krass", sagt sie.

Auf dem Weg heraus aus Bergkarabach hat es angefangen zu regnen. Das Auto schiebt sich in den Serpentinen vorbei an Panzern und Raketenwerfern, die Richtung Front verlegt werden. Diese Nacht soll eine gegnerische Offensive beginnen. Bald schon könnte die Straße gesperrt sein. Für den Weg raus bleibt nicht viel Zeit.

"Mann, das macht doch alles keinen Sinn

Für die Nacht haben Ailin und Sarmen ein Hotel organisiert, in Goris, einer armenischen Stadt direkt an der Grenze zu Bergkarabach. Neben Soldaten, die auf Handys Youtube-Videos schauen, kauert dort wie versteinert eine Frau im Aufenthaltsraum. Die Hände hat sie im Schoß gefaltet, den Mund zusammengepresst, als würde er sich gegen die Worte wehren.

Vor einer Woche wurde ihr Sohn in einem Laster an der Front von einer Drohne getroffen. Doch weil das zerstörte Fahrzeug mittlerweile auf aserbaidschanischem Territorium steht, konnte Annahit Lalayan ihn noch nicht begraben. "Können Sie mir nicht helfen, ihn herauszubekommen?", fragt Lalayan mit einer Stimme, dünn wie eine Seifenblase.

In den vergangenen Wochen hat es mehrere Versuche gegeben, gefallene Soldaten auf beiden Seiten auszutauschen. Geklappt hat es nur einmal. Die ausgehandelten Waffenstillstände halten nie lange genug.

Dennoch gibt es für die Bagger auf dem Soldatenfriedhof von Jerewan immer neue Arbeit. Während Trauerzüge im Halbstundentakt über das Gelände geschleust werden, stehen sie niemals still. Begraben werden vor allem die Jungen. Soldaten zwischen 18 und 20, die freiwillig in den Krieg gezogen sind. Am Tag, als der Präsident alle Armenier, auch die acht Millionen im Ausland, aufruft, zum Kampf nach Bergkarabach zu kommen, laufen Ailin und Sarmen über den Friedhof. "Mann, das macht doch alles keinen Sinn. Die rennen da blind hin, um zu sterben. Und das alles wegen eines Stückchen Lands", sagt Sarmen und blickt auf die frischen Gräber. Es ist nicht das erste Mal, dass ihm in diesen Tagen Zweifel kommen. Ailin schaut ihn durch die Gläser ihrer Fliegerbrille an. "Aber was sollen wir denn tun? Wir müssen uns doch verteidigen. Diese Jungs sind Helden", sagt sie.

Klumpen aus Erde, Fleisch, Uniform

Vor ihrer Rückreise haben die beiden nur noch einen Besuch vor sich, das Institut des Forensikers Dr. Harutyunyan. Der führt sie in die Pathologie, schwer und süßlich hängt der Geruch von Verwesung in der Luft. Sarmen bringt dies fast zum Würgen. Harutyunyan zeigt auf zwei Soldatenleichen, die nackt vor ihm auf den Metalltischen liegen. Auf dem Körper des einen, über dem ein Schwarm von Fliegen kreist, sprenkeln rote Flecken die weiße Haut. Eine Krankenschwester ist dabei, Metallkugeln aus dem Körper zu entfernen.

Garik Harutjunjan erklärt Ailin Berdud-Merion, dass viele Leichen nur noch durch DNA-Abgleiche identitfiziert werden können
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© Stanislav Krupar

Das ist illegale Streumunition, die an der Front eingesetzt wird, sagt Dr. Harutyunyan: "Unzählige Fälle haben wir davon momentan." Das Schlimmste aber seien die vielen anderen Körper, die im nächsten Raum in Plastiksäcken liegen. Das Resultat der Drohnen und Raketen. Als Menschen sind diese Körper kaum noch zu erkennen. Zusammengeknüllt wie Autos in einer Schrottpresse. Nur noch Klumpen aus Erde, verkohltem Fleisch und Uniform. Den Familien dieser Soldaten müssen DNA-Tests reichen, sagt Dr. Harutyunyan. "Verstehen Sie jetzt, warum dieser Krieg anders ist und endlich aufhören muss?"

Dr. Harutyunyan fährt sich durch sein weißes Haar, das ihm schon mit 25 Jahren ergraute. Im Institut, so erzählt er, geht das vielen Mitarbeitern so. "Ich habe oft darüber nachgedacht, warum das so ist", sagt der Doktor, und in seinem Gesicht zeigt sich die Antwort. Es ist Krieg in Bergkarabach. Grau und ungesehen geht er weiter.

Erschienen in stern 46/2020

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