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Machtwechsel: Der Trumpel: Boris Johnson, Großbritanniens neuer Premierminister

Clown oder Politiker? Diese Frage stellt man sich bei Boris Johnson häufiger. Jetzt ist er neuer Parteichef der Konservativen und zieht als Regierungschef in die Londoner Downing Street ein. Ein Porträt über den Mann, der mit Donald Trump recht viel gemeinsam hat. 

Umstrittener Politiker: Boris Johnson – das ist der Mann, der die Briten aus dem Brexit-Chaos führen will

Seit Dienstagmittag ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson am Ziel seiner Wünsche: Premierminister. Rund 160.000 Parteimitglieder der Konservativen waren aufgerufen, per Briefwahl den Nachfolger von Theresa May zu bestimmen, und Johnson hat die Abstimmung klar gegen seinem Konkurrenten Jeremy Hunt gewonnen. Er wird vermutlich einer der schillerndsten und gewiss einer der umstrittensten Premiers der britischen Geschichte. Der "Economist" etwa fragte auf dem Titel, welchen Boris das Land bekomme: einen Clown oder einen Politiker?

Das ist eine gute Frage.

Als Bürgermeister von London war er beides in Personalunion, bespaßte in dieser Funktion jahrelang auf Parteitagen die Tory-Mitglieder, und ja: Johnson lieferte verlässlich. Das ist seine Kernkompetenz – Menschen umgarnen mit Charme und Witz, selbst wenn die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. So erklärt sich in Teilen auch der Brexit.

Boris Johnson - doller Entertainer, aber völlig ungeeignet

Leute, die ihm nahestehen, halten ihn für eine fatale Fehlbesetzung. Max Hastings, sein früherer Chefredakteur, als er noch als Journalist beim "Daily Telegraph" arbeitete, schrieb, Boris sei zwar ein doller Entertainer, aber vollkommen ungeeignet für das höchste Amt. Das erfordere ein gewisses Maß an Würde, die dieser Mensch schlicht nicht besitze.

Hastings kennt ihn noch aus jenen Tagen, als Johnson in Brüssel Korrespondent war, sich damit in Stimmung brachte, die Yuccapalme in seinem Büro zu beschimpfen, und sodann Geschichten ersann und teilweise erfand, die die Leserschaft amüsierten und die Kollegen zur Verzweiflung trieben.

Später in der Politik war das kaum anders. Im Sommer 2016, nachdem er erst beleidigt seine Kandidatur zum Premier zurückgezogen hatte und kurz darauf überraschend zum Außenminister berufen wurde, beglückte der "Independent" seine Onlineleserschaft mit einer interaktiven Boris-Beleidigungs-Weltkarte. Jede Nation, über die Johnson irgendwann mal in irgendeiner Form gelästert hatte, war darin rot eingefärbt. Die Welt according to Boris sah ziemlich rot aus.

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Beleidigungen sind Johnsons Spezialität

Er brachte einst das Kunststück fertig, sämtliche Commonwealth-Staaten und obendrein auch die Queen zu verunglimpfen mit der Preziose, die Königin möge die ehemaligen Kolonien gern, weil die bei ihren Staatsbesuchen regelmäßig "eine jubelnde Menge fähnchenschwingender Negerlein" zur Begrüßung der Monarchin abstellten. Er verglich Burkaträgerinnen mit Briefkästen und räumte Brexit-Bedenken der Wirtschaft mit einem zackigen "Fuck Business" aus dem Weg. Die Liste seiner Entgleisungen ist etwa so umfangreich wie Tolstois "Krieg und Frieden".

In diesen Dingen ähnelt Johnson seinem Geistesverwandten Donald Trump. Es kommt nicht von ungefähr, dass er vergangene Woche im Doppelpass mit seinem amerikanischen Freund für den ersten personellen Kollateralschaden sorgte. Nachdem wenig schmeichelhafte Depeschen des britischen Botschafters in den USA, Kim Darroch, über das dysfunktionale Weiße Haus an die Öffentlichkeit gelangt waren und Trump darüber auf Twitter schäumte, hielt sich Johnson auffällig zurück – bis Darroch wegen mangelnder Unterstützung hinwarf.

Johnson: Berechnend und machtgetrieben

Johnson mag ein Trumpel sein. Er ist zugleich aber ungeheuer berechnend und machtgetrieben. Das war er schon als Student in Oxford, das war er als Journalist, und das ist er auch als Politiker. Er überlässt nichts dem Zufall, lässt es aber gern wie Zufall aussehen. Eine Episode, vor Kurzem verbreitet vom bekannten BBC-Journalisten Jeremy Vine, illustriert das besonders schön. Vine schildert, wie vor Jahren einmal ein ganzer Saal auf Johnson wartete, der eine Rede halten sollte. Vier Minuten vor Beginn stürmte er in den Raum, erkundigte sich bei Vine, um was für eine Art von Veranstaltung es sich handele, scribbelte die Wörter Schaf und Hai auf einen Zettel, vergaß den am Tisch – und hielt aus dem Stegreif eine Rede, in der sein schafzüchtender Onkel und der Film "Der Weiße Hai" auftauchten, die die Leute von den Stühlen riss. Stehende Ovationen. Auch Vine war beeindruckt.

Jahre später wiederholte sich das Spektakel. Wieder ein Saal voller Menschen, wieder krachte Johnson Minuten vor Beginn in den Raum, wieder kritzelte er Schaf und Hai auf einen Zettel und hielt die gleiche, alles andere als improvisierte Rede. Seine vermeintliche Strubbeligkeit ist inszeniertes Theater.

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Dieser Boris Johnson also wird nun in die Downing Street ziehen. Vor ihm liegt eine Herkulesaufgabe. Er muss einerseits seine konservative Partei befrieden, was auf einen veritablen Rechtsruck hinauslaufen dürfte. Während des Wahlkampfs versprach er auch deshalb, Großbritannien am 31. Oktober aus der EU zu führen – mit oder ohne Deal. Für diese Option allerdings gibt es im Parlament keine Mehrheit, und die Zeit drängt immens. Erst mal ist Sommerpause, danach beginnen die Parteitage, und dann verbleiben bis zum angekündigten Austritt gerade mal vier Wochen. Es ist die Quadratur des Kreises, und natürlich weiß er das. Mit den Fakten aber hatte er es noch nie so richtig. Dafür ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson weit gekommen.