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Wahlkampf in Großbritannien Die Schlammschlacht um Johnsons Nachfolge geht ins Finale – und die Favoriten bekommen das zu spüren

Penny Mordaunt (l.) lächelt bei der Vorstellung ihrer Kampagne für ihre Bewerbung um den Vorsitz der Konservativen Partei
Penny Mordaunt (l.) lächelt bei der Vorstellung ihrer Kampagne für ihre Bewerbung um den Vorsitz der Konservativen Partei und das Amt der Premierministerin
© Stefan Rousseau/PA Wire / DPA
Der eine sei ein "Verräter", die andere "inkompetent": Je näher die Entscheidung rückt, wer auf Boris Johnson als Premierminister folgt, desto hässlicher wird der Ton unter den Konservativen in Großbritannien.

Nun lassen sie sich noch an einer Hand abzählen, zumindest so viel ist gewiss. Doch wer schließlich als Siegerin oder Sieger über die Ziellinie des sogenannten Leadership Race schreiten wird, ist trotz erster Vorentscheidungen kaum abzusehen. Nur so viel: Das Rennen geht in die heiße Phase – und dürfte noch schmutziger werden. Aber eins nach dem anderen.

Der Wettlauf begann mit einem Regierungschef, dem die Puste ausging. Boris Johnson, dem nach zahlreichen Skandalen das Image eines Pannen-Premierministers anhing, musste sich nach ebenso zahlreichen Protestnoten gegen seine Person geschlagen geben. Er kündigte seinen Rückzug an, wenngleich auf Raten: Er werde den Posten als Chef der konservativen Tory-Partei abgeben, bis zur Kür seiner Nachfolge aber im Amt des Premiers verbleiben. 

Johnson versah seinen bemerkenswerten Fast-Rücktritt mit einem ebenso bemerkenswerten Satz, der als Abrechnung oder Warnung gelesen werden konnte: Niemand sei unersetzlich, sagte Johnson vor seinem Regierungssitz 10 Downing Street, das "darwinistische System" werde schon einen neuen Parteichef oder eine neue Parteichefin hervorbringen.

In anderen Worten: Nur die Stärkeren überleben.

Nun, um bei dem martialischen Sprachbild zu bleiben, haben fünf überlebt. Nach der zweiten Abstimmung der konservativen Fraktion am Donnerstag, die sozusagen nach K.o.-System wählt, ist das Feld um Boris Johnsons Nachfolge von Anfangs acht Bewerberinnen und Bewerbern geschrumpft. Übrig geblieben sind:

  • Rishi Sunak, Ex Finanzminister
  • Penny Mordaunt, Handels-Staatssekretärin
  • Liz Truss, Außenministerin
  • Kimi Badenoch, Ex-Staatssekretärin
  • Tom Tugendhat, Chef des Auswärtigen Ausschusses

Die nächsten Abstimmungen sind kommende Woche geplant. Am Mittwoch soll dann klar sein, zwischen welchen beiden Aspiranten die Parteimitglieder in einer Stichwahl entscheiden. Das Ergebnis – und damit die neue Partei- und Regierungsspitze – soll spätestens am 5. September feststehen.

Wer am Ende die Nase vorn haben wird, ist ungewiss. Dass mit harten Bandagen um den "besten Job der Welt" gerungen wird, wie Johnson dem Amt hinterher trauerte, ist hingegen offenkundig.

"Jeden, nur nicht Rishi"

Nur drei Tage nach Johnsons Rücktrittsrede – und vor Beginn des offiziellen Auswahlverfahrens – berichtete die "Sunday Times" von "schmutzigen Dossiers", die über Bewerber in Westminster kursieren. Darin soll es um fragwürdige finanzielle Arrangements gehen, aber auch "weit verbreitete Gerüchte über Kandidaten" würden ihren Platz finden, zitierte das Blatt einen hochrangigen Tory-Politiker, der von "Sadomasochismus", "Bondage", "unangemessenen Beziehungen" und "expliziten Fotos" sprach.

Überhaupt war in britischen Medien alles Mögliche über die Kandidaten zu lesen, nicht selten unter dem Deckmantel der Anonymität. Etwa in der "Financial Times", wonach Ex-Finanzminister Sunak ein "verräterischer Bastard" sei, der seinen Protest-Rücktritt aus Johnsons Kabinett von langer Bank geplant habe. Oder in der "Daily Mail", wo Handels-Staatssekretärin Mordaunt als so "inkompetent" bezeichnet wurde, dass sie nicht einmal eine Tee-Party organisieren könne. Von wegen: Wie soll sie dann eine Partei anführen?

Das Kalkül hinter dem hässlichen Kommentaren ist offensichtlich: Die rivalisierenden Lager werfen mit Dreck, in der Hoffnung, dass etwas von dem Schmutz hängen bleibt – und die Erfolgschancen der Konkurrenz geschmälert werden. Dabei wurde Premierminister Johnson angeblich wegen Unredlichkeit und mangelnder Noblesse aus dem Amt gedrängt. Die Anwärter um seine Nachfolge haben offenkundig kein Interesse daran, mit besserem Beispiel voranzugehen.

Im Fokus der Schlammschlacht stehen vor diesem Hintergrund auch jene Namen, die in den Umfragen derzeit am heißesten für die Johnson-Nachfolge gehandelt werden. 

Gute Chancen werden etwa Handels-Staatssekretärin Mordaunt zugeschrieben, die laut der aktuellsten Umfrage von  "Convervative Home" bei den Konservativen vorne liegt. Eine Umfrage von YouGov sieht sie im Bewerberfeld sogar um Längen vorne. Entsprechend hart wird die derzeitige Spitzenreiterin angefasst: In der "Sunday Times" wurde sie als "Penny Dormant" verunglimpft, sozusagen als Schlaftablette, die "absolut nichts" in der Regierung bewegt und es auch noch anderen überlassen habe, Johnson abzusägen. Im "Daily Telegraph" wurde ein sogenannter Insider mit den Worten zitiert, Mordaunt würde auf Tauchstation gehen, sobald sie gebraucht werde. Botschaft, also: Mordaunt sei unfähig.

Andere Umfragen, etwa für den "Evening Standard", sehen hingegen Sunak vorne. Der ehemalige Finanzminister gehörte zu den ersten, die aus Protest ihren Rücktritt aus Johnsons Kabinett erklärten und ging aus den ersten beiden Abstimmungen unter den Konservativen als Sieger hervor. Offenkundig zum Unmut des Johnson-Lagers:   Das gesamte Team von 10 Downing Street hasse Sunak dafür, Johnson zu Fall gebracht zu haben, berichtete die "Daily Mail". Seitdem verbreite Johnson selbst das Credo: "Jeden, nur nicht Rishi".

Um nur zwei namentliche Beispiele zu nennen.

Wer wird am Ende der Schlammschlacht noch stehen?

Doch zeigen die unterschiedlichen Umfrageergebnisse auch: Die Tories wissen offenbar (noch) nicht, wen oder was sie wollen sollen. Die turbulenten Johnson-Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, die Tory-Partei hat in der Bevölkerung massiv an Zustimmung verloren. Fragt man alle Briten, wie die "Times" es getan hat, so kommen die meisten zu dem Schluss: Keiner der Bewerberinnen und Bewerber sollte das Amt des Premiers bekleiden. 

Mit Blick auf die nächsten Unterhauswahlen 2024 dürfte das manchen Tories durchaus Sorgen bereiten, entsprechend dürfte sich noch einiges verschieben. Denn die Bewerberinnen und Bewerber liegen bei vielen Themen nicht allzu weit auseinander.

So zweifelt niemand den Brexit an, zu umstrittenen Plänen der Johnson-Regierung herrscht Einigkeit. Alle kündigen, wie vom Gros der Partei gefordert, Steuersenkungen an. Nur wer kann der Partei wieder Auftrieb geben – und einen möglichen Wahlsieg von Labour verhindern?

Ihr Parteichef attestierte der konservativen Tory-Partei, "keinen Sinn" mehr dafür zu haben, "wofür sie steht." Deshalb würden sich die Kandidaten nun "gegenseitig die Augen auskratzen", wie Keir Starmer zum "Guardian" sagte. Vielleicht hat er Recht. So oder so wird das "darwinistische System", von dem Johnson sprach, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hervorbringen. Mal sehen, wer am Ende der Schlammschlacht noch steht.  


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