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Boris Johnson kämpft um sein Leben: Die Briten erleben den größten Härtetest seit dem Zweiten Weltkrieg

Der am Corona-Virus erkrankte Premierminister Boris Johnson kämpft auf der Intensivstation um sein Leben, der blasse Dominic Raab soll ihn vertreten – ausgerechnet in der schwersten Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Bericht zu Lage der Nation.

Britischer Premier: Boris Johnson wegen Corona-Virus ins Krankenhaus eingeliefert

Am Dienstag wachten die Briten bei strahlender Sonne aus einem nun schon zwei Wochen währenden Alptraum auf, der in den Stunden zuvor – sofern überhaupt möglich – noch alptraumhafter geworden war. Ihr Premier Boris Johnson kämpft auf der Intensivstation des St Thomas Hospital um sein Leben, das Bild des von der Krankheit gezeichneten Premierministers auf allen Zeitungstiteln, die Haare noch strubbeliger als sonst, die Augen rot und in tiefen Höhlen. Anteilnahme und Genesungswünsche aus aller Welt und quer durch das politische Spektrum.

Das alles fühlte sich an wie ein verfrühter Nachruf. Und also meldete sich früh morgens der Kabinetts-Minister Michael Gove im Radio zu Wort, um die tief verunsicherte Nation ein ganz klein wenig zu beruhigen. Johnson bekomme zwar Sauerstoff, werde aber nicht künstlich beatmet. Immerhin das. Kaum hatte Gove gesprochen, begab auch er sich in Selbst-Isolation. Ein Familienmitglied war erkrankt.

Ein Schild weist auf das St Thomas Hospital in London hin

Das St Thomas Hospital in London: In dieser Klinik kämpft Premierminister Boris Johnson auf der Intensivstation um sein Leben

AFP

Die Lage der Briten erinnert an den Aphorismus "Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer".

Am späten Montagabend, nach der Eilmeldung von Johnsons rapide verschlechtertem Zustand, sahen Millionen in den BBC-Nachrichten einen Beitrag aus einer Intensivstation in London. Er zeigte Ärzte am Rande der körperlichen Erschöpfung, Patienten im künstlichen Koma, alles beengt. Es waren bedrückende und verstörende Bilder und ein weiterer Beweis dafür, dass der schon in normalen Zeiten am Limit operierende National Health Service (NHS) jetzt über dieses Limit hinweg ist.

Dominic Raab muss Boris Johnson nun vertreten

Einer der vielen Patienten, die auf solchen Stationen überall im Land ums Überleben kämpfen, ist nunmehr der Premierminister. Der hatte schon zu Beginn seiner Isolation Außenminister Dominic Raab damit beauftragt, die Kabinettsgeschäfte in seinem Namen vorerst weiter zu führen, falls das notwendig werden sollte. Vermutlich auch in dem Glauben, es würde nicht notwendig. Wurde es dann doch.

Bei allen Unwägbarkeiten, die diese Krankheit und die Krise birgt, steht eines mit Sicherheit fest: Auf den Interims-Verantwortlichen Raab kommt der größte Härtetest der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Die Zahlen der Covid-Erkrankten steigen nach wie vor rasant, die der Toten ebenso. Und ähnlich wie in Deutschland beginnt auch auf der Insel, wenn auch nicht ganz so scharf, die Diskussion nach einer Exit-Strategie und der Öffnung der Schulen – obschon der Höhepunkt der Infektionswelle längst noch nicht erreicht ist.

Damit nicht genug. Leicht vergessen in dieser immensen globalen Krise, dass auch der Brexit noch immer auf dem Zettel steht und Johnson fest entschlossen war, am engen Zeitplan festzuhalten und die Übergangsperiode tatsächlich im Dezember zu beenden. Ob das unter den neuen Prämissen haltbar ist, wird sich in den kommenden Wochen weisen.

Der neue Labour-Boss signalisiert Kooperation

Raab, auch das ist klar, wird nun Unterstützung brauchen, im eigenen Kabinett, aber auch von der Opposition unter dem neuen Labour-Boss Keir Starmer, der Kooperation signalisierte. Gerade jetzt. 

Sehen Sie im Video: "Schadenfreude ist das Allerletzte" – Twitter-User verurteilen Häme gegen Boris Johnson

Der britische Premier ist am Coronavirus erkrankt

"Standing in", sagen die Briten, wenn jemand zeitweise die Rolle eines anderen übernimmt. Es ist auch ein Ausdruck aus der Filmindustrie und beschreibt die Rolle von Stuntleuten – und Komparsen. "Standing in for Boris", sagen die Kommentatoren jetzt über Raab. Ein Ersatz für den zwar populistischen, aber charismatischen Johnson kann dieser Raab nicht sein. Dazu fehlt es ihm an politischer Statur.

Der Sohn eines jüdischen Einwanderers aus der Tschechoslowakei ist ein politischer Spätstarter. Er hatte in Oxford Jura studiert, zeitweise für die auf Menschenrechte spezialisierte NGO Liberty gearbeitet, zeitweise in Palästina und Brüssel gelebt und Ende der 90-er Jahre bei den Osloer Friedensverhandlungen zwischen PLO und Israel eine Beraterrolle eingenommen. Im Jahr 2000 wechselte er ins Foreign Office, das Außenministerium, weitere zehn Jahre später schaffte er den Sprung als Tory-Abgeordneter nach Westminster.

Der Öffentlichkeit bekannt wurde er aber erst als Brexit-Minister unter Theresa May, und man kann nicht eben behaupten, dass er einen bleibenden Eindruck hinterließ. Bestenfalls mit mittelschwer verunglückten Auftritten wie jenem, als er sich coram publico darüber wunderte, welch große Rolle die Verbindung von Dover nach Calais hatte, "das volle Ausmaß war mir gar nicht klar".

Boris Johnson. Dieses Foto stammt aus einer Videoaufnahme des britischen Premiers Anfang April aus der Downing Street

Boris Johnson. Dieses Foto stammt aus einer Videoaufnahme des britischen Premiers Anfang April aus der Downing Street

AFP

Raab ist nicht gerade ein Liebling der Medien

Damals, vor der gefühlten Ewigkeit von nicht einmal eineinhalb Jahren, geriet Raab zum Gespött der Medien. Was ihn aber nicht davon abhielt, nach Theresa Mays Rücktritt und in grober Verkennung der Realitäten um den Parteivorsitz zu kandidieren. Auch das: keine gute Idee. In den Fernsehdebatten vor der Kür wurde er von den übrigen Kandidaten regelrecht vorgeführt. Und doch, Johnson beförderte den überzeugten Brexiteer auf den Posten des Außenministers. Das sorgte für leichte Verwunderung, versendete sich aber insofern, weil jeder zugleich wusste, dass der Chef höchst selbst den außenpolitischen Kurs bestimmt. Zu der Zeit war das: erstens Brexit, zweitens Brexit und drittens Brexit.

Das Top-Thema der vergangenen Jahre ist jetzt merkwürdig fern und fade.

Am Montagabend stand nun Raab in neuer Funktion erstmals vor den Kameras. Er erklärte, dass das Kabinett voll handlungsfähig sei. Er wirkte auf eine sehr menschliche und sympathische Art erschüttert. Wer ihn sah und hörte, wusste spätestens in diesem Moment, dass der Zustand von Johnson deutlich ernster ist als die offiziellen Mitteilungen aus der Downing Street. Noch am Nachmittag gegen fünf habe Johnson im St Thomas-Krankenhaus Regierungsgeschäfte erledigt, kaum zwei Stunden später wurde er auf die Intensivstation verlegt, aus – wie es zunächst hieß – reiner Vorsichtsmaßnahme. Und nun ist alles offen. 

Raab, das Kabinett und Großbritannien stehen vor stürmischen Tagen. Bereits während Johnsons Quarantäne in Downing Street hatte sich die Stimmung massiv gedreht, und selbst die den Tories üblicherweise wohlgesonnene konservative Presse drosch mit nie erlebter Vehemenz auf die Regierung ein. Inkompetent, spät, chaotisch, unkoordiniert – das Gesamturteil von links bis rechts vernichtend. Der liberale "New Statesman" fragte stellvertretend: Warum sind wir nicht vorbereitet? Und in allen, wirklich allen Blättern und auf allen Kanälen wurde das deutsche Modell als Referenzgröße bemüht. Es sind in der Tat außergewöhnliche Zeiten.

Carrie Symonds geht es wieder besser

Johnson, schon erkennbar zermürbt von der Krankheit, erlebte diesen Shitstorm in seinem Appartement mit seiner hochschwangeren Freundin Carrie Symonds, die – fast 24 Jahre jünger als ihr prominenter Partner – auch erkrankte, allerdings mit milderen Symptomen und mittlerweile wohlauf ist.

Die Fernsehansprache der Queen am Sonntag war auch deshalb ein PR-Stunt. Die alte Dame schwor die Briten mit milder Blitzkriegsrhetorik auf Zusammenhalt ein. Das wäre an sich Johnsons Job gewesen. Aber während sie noch sprach, wurde der Premier aus der Downing Street ins Krankenhaus gebracht.