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Boris Nemzows letztes Interview "Putin hat eine aggressive, todbringende Politik begonnen"


Wenige Stunden vor seiner Ermordung gab der Regierungskritiker Boris Nemzow einem Radiosender ein letztes Interview. Darin formulierte er eine Anklage gegen die Politik von Russlands Staatschef Putin.

Wenige Stunden vor seiner Ermordung hat der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow seine scharfe Kritik an Kremlchef Wladimir Putin bekräftigt. Dem regierungskritischen Radiosender Echo Moskwy gab der 55-Jährige am Freitag sein letztes Interview. Kurz darauf wurde er im Zentrum Moskaus von einem Unbekannten mit vier Schüssen in den Rücken getötet.

Die Bluttat in Kremlnähe löste international Empörung und Trauer aus. Der Radiosender veröffentlichte das Interview in Schriftform. Hier die wichtigsten Aussagen Nemzows.

"Neuwahlen sind erforderlich"

"Ein solches Wirtschaftsmodell, das sich auf Rohstoffexport und Staatskonzerne gründet, kann Russland keinen Fortschritt ermöglichen. Das bedeutet sowohl innen- als auch außenpolitisch eine Sackgasse, aus der es nur einen Ausweg gibt: Sie müssen gehen. Neuwahlen sind erforderlich."

"Die Krise wurzelt hauptsächlich darin, dass Putin eine wahnsinnig aggressive, für unser Land und viele Bürger todbringende Politik eines Krieges gegen die Ukraine begonnen hat. Die Präsenz russischer Truppen dort ist mit Dokumenten belegt."

"Abgeordnete stimmten vor Gewehrläufen für ein Referendum"

"Wenn wir mehr Vielfalt bei den Fernsehsendern gehabt hätten, wenn es bei uns neben den Lügen Putins auch andere Ansichten gegeben hätte, wenn über alle Fragen diskutiert worden wäre, hätten wir die Forderung nach Abschaffung der Zensur und nach Zugang der Opposition zum Fernsehen nicht in Form eines (Protest-)Marsches formuliert."

"Am wichtigsten sind politische Forderungen: sofortiger Stopp des Krieges gegen die Ukraine. Sie wissen, dass Putin vor einem Jahr eine Aggression gegen die Ukraine gestartet hat. Warum sage ich "vor einem Jahr"? Weil bewaffnete Menschen, wie Sie wissen, am 27. Februar vergangenen Jahres das Parlament der Autonomen Republik Krim besetzt haben. Dann stimmten 47 Abgeordnete - ohne beschlussfähige Mehrheit - vor Gewehrläufen für ein Referendum."

"Wenn Sie sich die Medaille "Für die Befreiung der Krim" anschauen, werden Sie die Aufschrift "20.02.14" (als Beginn der Operation) sehen. Ich möchte daran erinnern, dass (der damalige ukrainische Präsident Viktor) Janukowitsch in der Nacht zum 23. Februar (2014) aus Sewastopol geflohen ist. Dafür gibt es Belege. Das heißt, dass Putin mit der Rücknahme der Krim begonnen hat, als Janukowitsch noch in der Ukraine und noch Präsident war. Das ist absoluter Wahnsinn."

jen/DPA DPA

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