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EU-Austritt Britanniens: Regel von 1604 beeinflusst Brexit-Entscheidung: So sah die Welt vor 415 Jahren aus

Wenn das nicht bestens zum Brexit-Chaos passt: Da muss eine über 400 Jahre alte Regel herhalten, damit im britischen Unterhaus nicht eine weitere sinnlose Abstimmung abgehalten wird. Thank you, Mr. Speaker!

Speaker Sir Edward Phelips - 1604 Regel stoppt Brexit-Abstimmung

Seine im Jahr 1604 niedergeschriebene Regel verhindert eine dritte Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus: Sir Edward Phelips, Speaker des House of Commons von 1604 bis 1611.

Wer hätte gedacht, dass Sir Edward Phelips einmal wichtig für den Brexit sein würde? Er selbst ganz sicher nicht, denn der Mann hatte nicht einmal eine entfernte Ahnung davon, was eine Europäische Union sein könnte. Aber Sir Edward war vor mehr als 400 Jahren (!) einmal das, was John Bercow heute ist: der "Speaker" des britischen Unterhauses, des House of Commons. Vermutlich wird Phelips die Abgeordneten damals ähnlich wie Bercow heute während der Debatten mit einem markanten "Order!" zur Ordnung gerufen haben. Ganz sicher aber ist, dass Sir Edward nichts davon hielt, über ein und dieselbe Sache immer wieder abstimmen zu lassen. Denn das schrieb er am 2. April 1604 nieder, was nun ziemlich genau 415 Jahre oder noch genauer 151.461 Tage später, am 20. März 2019, eine dritte Abstimmung über einen Deal von Premierministerin Theresa May zum Austritt Großbritanniens aus der EU verhindern wird - mit allem, was daraus folgen mag.

Die Briten kommen ohne geschriebene Verfassung aus. Umso wichtiger ist, was Würdenträger und Amtsinhaber in den vergangenen Jahrhunderten an Vorgaben und Regeln schriftlich festgehalten haben. Was Sir Edward einst schrieb, ist in einem Standardwerk zur "parlamentarischen Praxis" festgehalten (nach seinem ursprünglichen Verfasser kurz "Erskine May" genannt): "Ein Antrag oder ein Änderungsantrag, der im Wesentlichen derselbe ist wie eine Frage, die während einer Sitzung entschieden wurde, kann in derselben Sitzung nicht erneut vorgebracht werden." Und weiter: "Ob der zweite Antrag im Wesentlichen derselbe ist wie der erste, ist Sache des Stuhls (englisch: "for the chair", womit der Speaker gemeint sein dürfte, der auf dem "chair" am Kopfende des Parlamentssaales sitzt). So also lautet die "1604 Regel", auf die sich John Bercow jetzt bezieht, wenn er eine erneute Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus absagt.

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1604 - eine völlig andere Welt

1604. Das war wirklich noch eine andere Welt. Die Errungenschaften (und Probleme) der Industrialisierung und Technisierung, die unser Leben heute bestimmen, waren noch weit weg. Die meisten Menschen in Europa lebten in bäuerlichen Großfamilien, die sich selbst versorgten, aber auch Leibeigene waren. Die wenigen adeligen Familien beherrschten den Rest der Bevölkerung. Diese war zumeist ungebildet, so dass Aberglaube und Angst vor allem Unbekannten herrschten. Die katholische Kirche befeuerte dies zusätzlich, indem sie in Predigten die Angst vor dem Teufel und Hexen schürte und so die Menschen an die Institution und den Glauben band. Mit durchschlagendem Erfolg: Im Allgemeinen wurde der Teufel als real existierende Person angesehen.

Gleichzeitig dienten Teufel und Hexen als Sündenböcke. Die wurden gebraucht, denn die Zeiten für die auf Landwirtschaft angewiesenen Menschen waren besonders hart. Nicht zuletzt wegen der klimatischen Bedingungen. Man befand sich inmitten einer Periode, die heute als "kleine Eiszeit" bezeichnet wird. Es kam sehr häufig zu Missernten, die die Lebensmittel verteuerten. Außerdem forderten die Lehensherren zusätzliche Zahlungen, um ihren Reichtum zu sichern. Das verfestigte die große Armut, in der die meisten Menschen ihr Leben fristeten - immer bedroht durch Krankheiten und Seuchen, die sich angesichts mangelnder Hygiene schnell ausbreiteten - von einer meist hilflosen Medizin kaum zu stoppen, die wegen fehlender Sterilität und wirkungsloser Behandlungsmethoden vieles eher noch verschlimmerte.

King Jacob und das Parlament

Und politisch? Als Sir Edward Phelips seine parlamentarische Regel niederschrieb, war Königin Elisabeth I. gerade ein Jahr tot. Noch ging es dem Königreich sehr gut, gilt das von der "jungfräulichen Königin" geprägte elisabethanische Zeitalter doch als eine wirtschaftliche, kulturelle und politische Blütezeit in der Geschichte Englands. Die Macht hatte Jakob I. übernommen, ein Sohn von Maria Stuart, die unter dem Verdacht, an einem Attentat auf Elisabeth I. beteiligt gewesen zu sein, wegen Hochverrats hingerichtet worden war. King Jacob wird nachgesagt, im anhaltenden Konflikt mit dem Parlament gestanden zu haben - vielleicht waren es ja seine Ansinnen, die Sir Edward dazu trieben, die "1604 Regel" zu verfassen. Beide, Jacob und das Parlament, waren übrigens 1605 Ziel des Attentats durch Guy Fawkes - dessen Antlitz für die Masken der heutigen Web-Guerilla Anonymous herhält.

In Europa tobte damals der 80-jährige Krieg, in dem ein Vorläufer der heutigen Niederlande ("Republik der sieben vereinigten Provinzen") die Unabhängigkeit von Spanien erkämpfte (bis 1648). Am 19. August zog sich England aus dem Konflikt zurück, indem es im Vertrag von London seine Unterstützung für die Niederländer aufgab. Damit endete auch der seit 19 Jahren tobende Teilkrieg mit Spanien. Noch ein weitere bedeutende Episode des 80-jährigen Krieges endete 1604 - und zwar am 20. September: Spanische Truppen gewährten einer niederländischen Garnison den Abzug aus dem heute belgischen Ostende - nach drei Jahren Belagerung! Zehntausende waren zuvor im heutigen Seebad ums Leben gekommen.

Ereignis des Jahres: Keplers Supernova

Ein Ereignis aber überstrahlte 1604 buchstäblich alle anderen - und obwohl es ein Himmelsereignis war, gibt es einen engen Bezug zu Deutschland. Am 9. Oktober schien urplötzlich ein neuer Stern auf, der fast ein Jahr lang - für jeden sichtbar - den Himmel auf seltsame Weise erhellte. Bekannt ist er heute als "Keplers Stern", benannt nach dem berühmten deutschen Astronomen Johannes Kepler, der als erster die Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne richtig beschrieben hat ("Keplersches Gesetz"). Zwar hatte Kepler den "neuen Stern" nicht entdeckt, sondern erst acht Tage später beobachtet, doch verfasste er umgehend als erster eine korrekte Beschreibung des Phänomens in deutscher Sprache. Astronomen sprechen inzwischen treffender von "Keplers Supernova", denn das war es, was damals aufblitzte: eine Sternexplosion in 20.000 Lichtjahren Entfernung von der Erde. Bis heute ist in der Milchstraße kein weitere Supernova beobachtet worden.

Die "1604 Regel" für das britische Unterhaus dagegen ist in der Zwischenzeit durchaus angewendet wordem. Zuletzt vor fast einem Jahrhundert von John Bercows Amtsvorgänger James Lowther, den späteren Viscount Ullswater. Er soll die Regel sogar ein rundes Dutzend Mal verwendet haben. Offenbar hatte der Mann allen Grund, im hohen Hause für Ordnung zu sorgen. Denn Lowther ist auch als der "Speaker" bekannt geworden, der die drei goldenen Regeln für Parlamentarier etabliert hat: "Stand up! Speak up! Shut up!" (in etwa: "Aufstehen! Laut und deutlich sprechen! Klappe halten!")

Die britische Premierministerin Theresa May spricht im Unterhaus

Quellen: "The National", "The Guardian", "parliament.uk", "Youtube, Stadt Bamberg", "was-war-wann.de"

tkr