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Bürgerkrieg gegen Gaddafi: Tripolis ist noch weit

Die Rebellen in Ost-Libyen feiern ihre Erfolge, als stünde der Sieg über Machthaber Gaddafi kurz bevor. Doch das ist ein Trugschluss.

Eine Analyse von Steffen Gassel

Adschdabija ist befreit. Adschdabija ist befreit." Am Tag acht nach Beginn der Luftangriffe der Alliierten auf die Truppen des Machthabers Muammar al Gaddafi feiern die Rebellen Ost-Libyens die Eroberung der 140.000 Einwohner-Stadt wie eine Verheißung - und am Abend verkünden sie sogar die Rückeroberung der Stadt Brega. So als seien Adschdabija und Brega die entscheidendene Dominosteine im Machtkampf mit dem Diktator. Und als sei es nun nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre wilden Einheiten auf den Flak-bewehrten, mit Grafitti überzogenen Toyota-Pick-Ups die Befreiung via Brega, Ras Lanuf, Sirte und Misrata bis in die Hauptstadt Tripolis tragen.

Die Freude über die Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt 160 Kilometer südlich von Bengasi ist zum Teil berechtigt. Denn Adschdabija ist ein wichtiger Knotenpunkt für die Öl- und Verkehrsinfrastruktur im Osten des Landes. Wer die Stadt kontrolliert, kontrolliert einen Großteil der Pipelines. Und er kontrolliert das Hinterland. Solange Gaddafis Truppen die Gegend um Adschdabija hielten, drohte Bengasi die Einkesselung. Das ist nun vorbei, zweifelsfrei ein großer Fortschritt.

Sieg nur durch Unterstützung der Alliierten

Doch was dieser "Sieg" für den weiteren Verlauf von Libyens Machtkampf bedeutet, ist völlig offen. Denn so gern die Rebellen ihn als ihren Erfolg darstellen möchten: Jeder in Bengasi weiß, dass die Truppen der Aufständischen noch immer vor den Toren der Adschdabija im Artillerie-Feuer festhängen würden, wenn nicht vergangene Nacht britische Kampfflugzeuge die Stellungen der Regierungstruppen in Grund und Boden bombardiert hätten. Die ersten Journalisten in der zurückeroberten Stadt zählten etwa 20 zerstörte Panzer, außerdem einige Raketenwerfer und Haubitzen - mehr brauchte Gaddafi nicht, um die Zufahrten nach Adschdabija sieben Tage lang gegen den Ansturm der hoffnungslos unterlegenen Rebellen zu verteidigen. Die Schlacht um die Stadt war auch ein Test ihrer militärischen Stärke und Disziplin. Sie haben ihn krachend verloren.

Damit diese Blamage nicht zu offensichtlich wird, hat der Westen mit seinen Kampfflugzeugen eingegriffen. Die Generäle von US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Premier David Cameron sind sich längst bewusst, dass Gaddafis Sturz für ihre Chefs politisch alternativlos ist. Und müssen sich darum zähneknirschend in die Allianz mit einer Lumpenarmee fügen, von der man im Prinzip nichts weiß, außer: Dass ihre militärischen Fähigkeiten vernachlässigbar sind.

Kaum Spuren von Gaddafis Truppen

In Bengasi bemühen sich zwar Tag um Tag Militärsprecher der Rebellen in chaotischen Pressebriefings, Zuversicht zu streuen: Neue, schwere Waffen seien angekommen. Der aus dem Exil in den USA zurückgekehrte ehemalige Gaddafi-General Khalifa Heftar werde Disziplin in die Truppen der Aufständischen bringen. Doch sichtbare Fortschritte lassen auf sich warten. Und die durchaus fähigen, zivilen Mitglieder des Rebellenrats müssen sich Kritik von Menschenrechtlern und vom Internationalen Roten Kreuz anhören, weil irgendein Befehlshaber ein paar Dutzend jämmerliche Gaddafi-Söldner aus dem Tschad und dem Niger, die ihnen in die Hände gefallen sind, der Weltpresse vorgeführt hat - eine grobe Verletzung des Internationalen Kriegsrechts.

Aus Adschdabija, 160 Kilometer südlich von Bengasi, dringen derweil neue ungute Nachrichten in die Rebellenhochburg Bengasi. Die eroberte Stadt sei menschenleer, die meisten Bewohner schon vor Wochen geflohen. Neue Munition für die Debatte im Westen, ob das Eingreifen der Nato-Jets in Adschdabija von der UN-Resolution 1973 überhaupt gedeckt war. Außerdem sei bis auf den Panzerschrott von Gaddafis Truppen keine Spur zu entdecken. Gefallene oder Verletzte hat es auf der Seite der Regierungstruppen bei der Eroberung der Stadt kaum gegeben. Gaddafi hat seine Leute offenbar rechtzeitig abgezogen, als er merkte, dass die Lage aussichtslos wurde. Selbst von Brega - die Stadt, deren Rückeroberung die Rebellen am Abend verkündet haben - sind es immer noch mehr als 800 Kilometer bis nach Tripolis.

Der Krieg um die Macht in Libyen - er könnte noch Wochen dauern.

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