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Bürgerkrieg im Syrien "Nächstes Mal explodiert die Granate an deinem Körper"


Dem achtjährigen Nassar wurde eine Granate auf die Brust gebunden. Der Mann von Rauda verblutete in ihren Armen. Zwei syrische Flüchtlinge erzählen von einem Krieg, aus dem es kein Entkommen gibt.
Von Joachim Rienhardt

Jusra aus Busra

Meine Heimatstadt liegt nur 30 Kilometer von Dara entfernt, wo die Studenten als erste gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Die Wiege unserer Revolution.

Schon früh hatten die Studenten dann auch bei uns demonstriert. Da haben die Schiiten bei uns in der Stadt ein Schreckensregiment aufgezogen und uns Sunniten terrorisiert. Die Schiiten sind die Stützen der Macht von Assad. Sie haben sich mit Waffen eingedeckt, die sie von der Hisbollah und aus dem Iran bekommen haben. Sie haben Straßensperren eingerichtet und uns verboten, aus dem Haus zu gehen. Unsere Kinder durften nicht mehr zur Schule. Mein Mann kam nicht mehr zu seiner Arbeit in die Bäckerei. Da sind wir auch auf die Straße bei den Freitagsdemonstrationen.

Schon gleich zu Beginn hat die Polizei auf die Demonstranten geschossen. Aber es starben von mal zu mal mehr. Deswegen haben sich mein Mann und seine Freunde Waffen besorgt. Wir sind arm. Aber von den Freunden hat fast jeder in der Familie jemanden, der in Saudi-Arabien oder in anderen Golfstaaten arbeitet. Von da kam das Geld für die Gewehre.

Für das Gewehr meines Mannes haben seine Freunde zusammengelegt. Viele der Waffen haben sie den Soldaten der Regierungstruppen abgekauft. Eine Kalaschnikow für 2000 Dollar. Mein Mann war einer der ersten, der eine Waffe hatte. Mit seinen Freunden ging er in den Untergrund. Nur zu den Freitagsdemonstrationen tauchten sie auf, um die Demonstranten zu beschützen.

Nicht immer, aber manchmal, habe ich ihn dort gesehen. Wir sprachen kurz. Er küsste die Kinder und verschwand wieder. Er wollte die Freiheit und die Ehre verteidigen. Sechs Monate später haben sie die Gründung der Friedensarmee verkündet.

Dein Vater soll aufhören, für die falsche Seite zu kämpfen

Mein Mann wird per Haftbefehl gesucht. Natürlich haben sie ihn nicht gefunden. Aber sie tauchten in der Schule meines Sohnes Nassar auf. Nassar ist jetzt acht Jahre alt. Zehn junge Männer schnappten ihn, schnürten ihm eine Granate auf die Brust. Sie sagten: 'Bestell deinem Vater einen Gruß von uns. Er soll aufhören für die falsche Seite zu kämpfen. Wenn nicht, wird diese Granate das nächste Mal an deinem Körper explodieren.'

Ich bin trotzdem nicht geflüchtet. Ich wollte in der Nähe meines Mannes bleiben und bin mit den Kindern zu meinen Eltern gezogen. Wenig später kamen Schiiten und Militärs. Einer setzte mir den Gewehrlauf ans Kinn. Einer anderer befahl ihm, er solle abdrücken. Das haben sie nicht getan. Aber sie haben das Haus meiner Eltern nieder gebrannt. Ich bin mit den Kindern in das Dorf, in dem mein Mann und die Friedensarmee ihre Basis haben. Wir beschlossen, dass es besser ist, dass ich mit den zwei Kindern gehe. Das war am 20. Februar. Als mein Mann von außen die Türe unseres Fluchtautos schloss, habe ich ihn zuletzt gesehen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Raudas ältester Sohn wurde bei einem Angriff schwer verletzt und ist behindert. Ihr Mann starb ebenfalls nach einem Bombardement und ihre Eltern sind alt und krank.

Rauda aus Damaskus

Mein Mann Achmed hat immer gesagt: 'Der Krieg wird lange dauern und wir werden verhungern, wenn ich nicht arbeite.' Deswegen sind wir zurück in unsere Wohnung nach Damaskus, aus der wir schon nach Kriegsbeginn geflohen waren. Es war unerträglich gewesen dort. Die Menschen flohen wie Ratten in die Keller, wenn Regierungsflugzeuge unser Viertel bombardierten oder Fässer abwarfen, gefüllt mit Sprengstoff und Eisensplittern. Wir hatten zunächst im Haus meines Onkels Unterschlupf gefunden. Dann im Süden Syriens. Aber wir waren Fremde dort, hatten keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Es gab viele Tage, an denen wir nichts zu essen hatten. Ich habe mir gesagt: Lieber zu Hause sterben als hier langsam dahin siechen. Also sind wir mit unseren fünf Kindern zurück nach Damaskus. Das war vor einem Jahr.

Mein Mann war tapfer. Wie vor dem Krieg verkaufte er fast jeden Tag Gemüse vom Großmarkt am Straßenstand. Unser Viertel war wie eine Geisterstadt. Aber die Angriffe gingen weiter. Eines Nachts schlug eine Bombe in unser Haus ein, ein vierstöckiges Gebäude. Wir wohnten im zweiten Stock und schliefen auf dem Boden. Betonteile der einstürzenden Decke haben meinen Sohn Icedin am Kopf verletzt. Seither ist er behindert. Er kann nicht mehr gehen und auch seine Arme kaum noch bewegen. Wir konnten nie mit ihm zu einem Arzt oder ins Krankenhaus. Uns fehlte das Geld. Was mein Mann mit dem Gemüse verdiente, reichte gerade mal zum Überleben.

Aber schon vier Wochen später schlug eine Bombe neben seinem Gemüsestand ein. Sie tötete sämtliche Männer in einem voll besetzten Bus und riss meinem Mann den linken Arm weg. Ich war ganz in der Nähe. Ich habe es gesehen. Wir haben ihn notdürftig verbunden. Aber wir konnten das Blut nicht stoppen. Er lag in meinen Armen und starb vier Stunden später. Als Witwe darf ich unserem Glauben zufolge die ersten vier Monate und zehn Tage nach dem Tod nur die engsten Verwanden sehen. Ich bin zu meinen Eltern in den Norden. Aber dann fielen auch dort die ersten Bomben. Ich floh mit meinen fünf Kindern zu meiner Schwägerin, die in Damaskus in einem Viertel der Regimeanhänger wohnt. Als ich dort war, wurde es von den Israelis angegriffen.

Es ist gut, dass Du gegangen bist

Syrien ist am Boden. Es gibt dort keinen sicheren Fleck mehr. Deswegen habe ich mich zur Flucht entschlossen. Mein Vater ist blind, meine Mutter sitzt im Rollstuhl. Sie konnten nicht mit. Sie wollten lieber dort bleiben, wo der Tod ist. Vermutlich hätten sie die Flucht nicht überlebt. Zwei Nächte haben wir in der Wüste unter freiem Himmel geschlafen. Meine Eltern werde ich wahrscheinlich nie wieder sehen. Ich glaube, es geht ihnen sehr schlecht. Vor drei Wochen haben wir zuletzt telefoniert. Mein Vater sagte: Es ist gut, dass Du gegangen bist".

Rauda, 29, kommt aus Damaskus. Sie hat fünf Kinder im Alter zwischen 4 und 8 Jahren. Sie leben in der jordanischen Hauptstadt Amman.


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