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Bürgerkrieg in Syrien: Der Westen wird nicht mehr lange zuschauen können

Das syrische Regime missbraucht selbst Kinder für seinen Feldzug gegen die Rebellen. Der Punkt für eine Intervention des Westens rückt näher. Niemand will das, aber es scheint unvermeidlich.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Sie verfolgen Oppositionelle im Ausland, sie setzen Wälder in Brand, um Fluchtrouten zu blockieren, sie metzeln ganze Dörfer nieder. Aber damit nicht genug: Laut UN nehmen die Schergen des syrischen Regimes sogar Kinder gefangen, foltern sie und missbrauchen gerade einmal Zehnjährige als menschliche Schutzschilder. Das Ausmaß der Gewalt schockiert selbst die hartgesottenen Sondergesandten für bewaffnete Konflikte: "Das ist sehr außergewöhnlich, das haben wir woanders wirklich noch nicht gesehen", sagte die zuständige UN-Mitarbeiterin Radhika Coomaraswamy über die nun vorgestellte "Liste der Schande".

Vor den Augen der Welt terrorisiert der Baschar al Assad, der Diktator von Damaskussein Volk. Mehr noch: Er lässt systematisch massakrieren, töten und hinrichten. Er scheint einem maßlosen Rachefeldzug gegen seinen eigenen Leute verfallen zu sein. Und selbst diejenigen, die vor dem Horror einfach nur fliehen wollen, werden systematisch daran gehindert, Syrien zu verlassen. Was für eine barbarische Anmaßung des Regimes, sich selbst an denjenigen zu vergehen, die nicht einmal gegen die Herrschenden aufbegehren. Es war der israelische Vize-Regierungschef Schaul Mofas, der jüngst erstmals von einem Völkermord in Syrien sprach. Es ist ein fürchterlicher Vorwurf, doch je mehr Syrien im Bürgerkrieg versinkt, desto mehr scheint er sich zu bewahrheiten.

Gewalt gegen Aufständische und Rebellen, auch exzessive, gehört leider bei allen anderen Revolten dazu, auch denen des arabischen Frühlings. Und nicht immer durch nur skrupellose Vollstrecker wankender Despoten, sondern auch durch Revolutionäre und oppositionelle Milizen. Und offenbar bringt auch die "Freie Syrische Armee" Kinder in Gefahr, indem sie sie für Arbeiten an der Front einsetzt, wie die UN beklagt. Es ist die mörderische Logik jedes Krieges, dass er irgendwann in der Gewaltspirale endet.

Doch die Erbarmungslosigkeit Assads ist beispiellos. Dass er so ungehemmt gegen sein Volk zu Felde zieht, kann eigentlich nur bedeuten, dass er aus den zurückliegenden Aufständen eine einzige und zynische Botschaft gelernt hat. Sie lautet: Jeden noch so kleinen Widerstandskeim gewissenlos zu zerquetschen; gegen das Aufbegehren der Straße hilft nur Terror und brutalste Gewalt. Die Niederschlagung der Grünen Revolution im mit Syrien verpartnerten Iran war dafür die Blaupause. Als abschreckendes Beispiel dient Assad dagegen Tunesien und Ägypten. Deren Führer hatten sich Schwächen erlaubt und waren schnell weg vom Fenster. In Libyen dagegen war es Gaddafi mit Hilfe seiner und gekaufter Krieger immerhin gelungen, ein paar Monate Zeit zu gewinnen, bevor die Intervention des Westens und ihrer arabischen Partner den Oberst aus Tripolis in die Knie zu zwingen.

Wie oft kann sich die UN noch über die Gewalt empören?

Syrien ist allerdings weit davon entfernt, zu einem zweiten Libyen zu werden. Noch immer halten viele Syrier der Herrscherfamilie die Treue. Sei es aus Überzeugung oder sei es, weil die Opposition keine Linie für die Zeit nach dem Regimewechsel hat. Auch von einem massenhaften Überlaufen von Soldaten und Generälen Libyen ist nur vereinzelt zu hören. Assad kann sein hochgerüstetes Militär also weiterhin und ungeniert gegen das eigene Volk hetzen.

"Wie oft müssen wir noch die Gewalt verurteilen? Wie oft sollen wir noch sagen, dass wir empört sind?", sagte ein hilfloser UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nach dem Massaker in Kobeir Anfang Juni. Es wird nicht seine letzte Klage sein. Aber angesichts immer unvorstellbarerer Gräueltaten durch syrische Kräfte rückt der Punkt näher, an dem es sich der Westen moralisch nicht mehr wird leisten können, auf eine friedliche Lösung zu hoffen. Niemand will Nato-Panzer durch Syrien rollen sehen. Aber Assad, der der zivilisierten Welt jeden Tag aufs Neue zeigt, wie ohnmächtig sie ist, provoziert geradezu einen Militäreinsatz von außen. Und so gefährlich er für die Region mittel- und langfristig auch seien mag, deutet viel daraufhin, dass sich die Wut ihren Weg bahnt und die Entscheidungsschlacht im Nahen Osten bevorsteht. Die Frage ist nur, wann.