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Sorge um "Wikileaks"-Informantin: Polizisten dringen mit gezogenen Waffen in Wohnung von Whistleblowerin Chelsea Manning ein

Nach mehreren Tweets von Chelsea Manning drangen Polizisten in die Wohnung der Whistleblowerin ein - mit ihren Waffen im Anschlag. Der Einsatz löst Kritik aus, die Polizei verteidigt ihr Vorgehen, denn der Hintergrund für den Einsatz ist ernst.

Whistleblowerin Chelsea Manning und der Polizeieinsatz in ihrer Wohnung

Das Video einer Überwachungskamera zeigt den Polizeieinsatz in der Wohnung von Whistleblowerin Chelsea Manning. Das US-Magazin "The Intercept" veröffentlichte die Aufnahmen

Im US-Bundesstaat Maryland sind mindestens vier Polizisten in die Wohnung von "Wikileaks"-Informantin Chelsea Manning eingedrungen - mit ihren Waffen im Anschlag. Überwachungskameras in dem Apartmenthaus hielten den Moment fest, als die Beamten sich Zugang verschafften.

Die 30-jährige Manning war nicht zu Hause. Nachdem daher niemand auf das Klopfen an der Tür reagierte, öffnete eine Polizistin die Tür. Mit Taschenlampen, vorgehaltenen Pistolen und Elektroschockgeräten in den Händen drangen sie und drei ihrer Kollegen in die Wohnung ein und durchkämmten die Räume. Das Magazin "The Intercept" von Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald veröffentlichte die Aufnahmen nach eigenen Angaben mit der Genehmigung der Whistleblowerin.

Hintergrund für den Polizeieinsatz sind offenbar zwei Tweets, die Manning kürzlich absetze und inzwischen wieder gelöscht hat. Darin deutete sie ihren bevorstehenden Suizid an. Ein Polizeisprecher sagte dem Magazin, seine Kollegen seien nach mehreren Hinweisen auf die Tweets ausgerückt, um das Wohlbefinden Mannings zu überprüfen. Zuvor sollen demnnach Kontaktversuche per Telefon erfolglos geblieben sein.

Mit gezückter Waffe in Wohnung von Chelsea Manning

Die Entscheidung, mit vorgehaltener Waffe in die Wohnung einzudringen, hätten die Beamten unter Berücksichtigung der Umstände selbst getroffen. Die Polizei sei für den Umgang mit Menschen, die psychische Probleme haben, speziell ausgebildet. "Die Tatsache, dass eine Waffe gezogen wird, bedeutet nicht, dass auch geschossen wird." Die Beamten hätten nicht gewusst, was sie hinter den geschlossenen Türen erwartet. Eine Freundin bezweifelt das im Gespräch mit "The Intercept": "Wenn Chelsea zu Hause gewesen wäre, als die Polizisten mit gezogenen Waffen ankamen, wäre sie tot."

Kritiker des Vorgehens der Beamten reagierten mit Unverständnis auf den Polizeieinsatz. Sie sagten dem Magazin, dass es nicht zweckmäßig sei, Menschen mit psychischen Problemen mit gezogenen Waffen zu begegnen. Vielmehr sollten in solchen Fällen Therapeuten zu Hilfe kommen. "Wenn ich einen Herzinfarkt habe, erwarte ich auch einen Notarzt und keinen bewaffneten Polizisten", erklärte zum Beispiel ein Anwalt. Allein 2018 habe die US-Polizei 64 Menschen mit psychischen Problemen oder Suizidgedanken erschossen.

"So sieht ein Polizeistaat aus"

Und Chelsea Manning selbst? Sie war zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes nicht zu Hause und will sich im Ausland aufgehalten haben. Sie kommentierte das Eindringen der Beamten in ihre Wohnung laut "The Intercept" mit den Worten: "So sieht ein Polizeistaat aus. Mit gezogener Waffe zum Wohlergehens-Check."

Den Sorgen, dass sie sich das Leben nehmen könnte, begegnete sie mit mehreren Tweets. Darin schreibt sie (in der dritten Person) oder eine andere Person: "Chelsea ist sicher (...) Sie erholt sich in der Gesellschaft von Freunden. Danke für die Genesungswünsche und die Unterstützung."

Chelsea Manning war als Angehörige der US-Streitkräfte nach der Weitergabe von geheimen Dokumenten an die Enthüllungsplattform "Wikileaks" bekannt geworden und wurde 2013 zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Der damalige US-Präsident Barack Obama erließ ihr 2017 die Reststrafe. Kürzlich kündigte sie an, in diesem Jahr als Kandidatin für die Demokraten ins Rennen um einen Sitz im Senat der Vereinigten Staaten zu gehen.

Anfang Mai hatte sie auf der Berliner Digitalkonferenz "Republica" offen über ihre psychischen Probleme geredet. Ihr Leben sei auch in Freiheit ein Kampf, sagte sie. Und manchmal wisse sie nicht, ob sie ihn gewinne. Sie leide an Angstzuständen und Depressionen und fühle sich einsam.

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