China Willkommen in der Fabrik der Welt!


Wirtschaft und Menschenrechte sind kein Gegensatz, mahnte Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Samstag bei seinem Besuch in Peking. Doch China ist längst nicht mehr allein auf Europa und Amerika als Handelspartner angewiesen.
Von Jan-Philipp Sendker

Sechs Jahre hat U Soe Win darauf gewartet, dass sein Traum in Erfüllung geht. Sechs Jahre hat er in seinem Lädchen in Hsipaw, einer Kleinstadt im Nordosten Myanmars, gesessen, Lebensmittel und Schreibwaren verkauft und jeden Kyat zur Seite gelegt, um sich irgendwann für seine Familie ein kleines Motorrad, eine "Honda Dream", leisten zu können. Es hätte noch mindestens weitere vier Jahre sparen müssen, wenn nicht die "Jinlong" auf den Markt gekommen wäre. Der Honda nicht unähnlich, kaum langsamer, aber "Made in China". Ihr Vorteil: der Preis. Sie kostet ein Viertel von der in Thailand gefertigten Honda. "Die Zahl der Mopeds in Hsipaw hat sich vervielfacht, seit dem die chinesischen importiert werden", sagt U Soe Win. "Sie gehen zwar häufiger kaputt, aber was soll’s. Wir haben nicht die Wahl."

Er hockt in seinem Laden, umgeben von Bergen abgepackter Lebensmittel und Kosmetika, von der Decke hängen in langen Reihen Päckchen mit lösslichem Tee und Kaffee. Ob irgendetwas darunter ist, das nicht aus China kommt? U Soe Win schaut sich um. Nimmt eine Tüte Kekse in die Hand, schüttelt den Kopf. Nudelsuppen? Seife? Shampoo? Zahnpasta? Schulhefte? Kugelschreiber? Nein, alles wurde auf der anderen Seite der Grenze produziert. Plötzlich lacht er und deutet auf Bananen, die auf einer Holzkiste liegen. "Die sind von hier."

"Made in China" überall

China, die Fabrik der Welt, produziert seine Waren nicht nur für Amerika und Europa. Die billigen Produkte haben auch die Märkte der südostasiatischen Nachbarländer in wenigen Jahren erobert. Chinesische Fernseher und Satellitenantennen verbinden Dörfer in Laos oder Kambodscha mit dem Rest der Welt. Stereoanlagen "Made in China" füllen die Straßen mit Musik. In Internetcafes hocken Jugendliche vor chinesischen Computern und surfen im Netz.

Für Länder wie Myanmar, Laos, Thailand, Vietnam und Kambodscha, ist China wichtigster Handelspartner. Der wirtschaftliche und damit auch politische Einfluss des Landes wächst mit jedem Tag. Seit dem 1. Januar 2010 besteht zwischen den zehn Asean Staaten und dem Reich der Mitte eine Freihandelszone, an der Einwohnerzahl gemessen die größte der Welt. Auf 90 Prozent der Waren werden die Zölle entfallen, was den Handel noch intensivieren wird. Viele Südostasiaten sehen das mit gemischten Gefühlen.

"Chinas wirtschaftliche Präsenz in Vietnam ist größer, weitreichender und nimmt schneller zu, als die meisten von uns realisieren," warnt Le Dang Doanh, ein Regierungsberater in Hanoi.

Der Handel bringt den Militärdiktatoren Geld

In Myanmar versorgt der Handel mit China die Bevölkerung nicht nur mit sonst unerschwinglichen Konsumgütern, sondern hält auch die verhassten Militärdiktatoren an der Macht. Der Westen hat über das Regime strenge Wirtschaftssanktionen verhängt, Beijing hingegen kauft Edelhölzer, Gas, Öl und andere Bodenschätze, das Geld finanziert einen Teil des klammen Staatshaushaltes.

Phnom Penh, kurz vor Weihnachten. Überall in der Hauptstadt wehen kambodschanische und chinesische Flaggen, Xi Jinpeng, der stellvertretende chinesische Staatspräsident ist auf Staatsbesuch zu Gast. Einen Tag zuvor hatte die kambodschanische Regierung zwanzig Uighuren, Mitglieder einer in China lebenden ethnischen Minderheit, die um politisches Asyl gebeten hatten, an Beijing ausgeliefert. Zur Belohnung hat Xi Verträge im Wert von über einer Milliarde US-Dollar im Gepäck. China ist der größte ausländische Investor in Kambodscha, das Volumen hat sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht. Man kann sich nicht leisten, den zu verärgern. Zumal sich die Regierung in Beijing finanziell oft großzügig zeigt.

Ob in Afrika oder Asien, Entwicklungsländer bekommen stattliche Bürgschaften und Kredite zu besonders günstigen Konditionen angeboten. Chinesisches Geld baut Brücken, Straßen, Staudämme, Flughäfen, Stromleitungen und Kraftwerke. Im Gegensatz zum Westen, verbindet China seine Unterstützung nicht mit Forderungen nach Transparenz oder der Einhaltung von Menschenrechten. "Chinas Unterstützung und Hilfe war niemals und wird niemals mit politischen Bedingungen verknüpft sein", behauptete Chinas Premierminister Wen Jiabao auf einer Afrikareise. Einzige Bedingung ist oft, dass chinesische Firmen, ausgewählt von Beijing, die Aufträge erhalten. Die freizügige Art der Geldvergabe macht die chinesische Regierung bei autoritären und korrupten Herrschern sehr beliebt, wenn auch nicht immer in der Bevölkerung der betroffenen Länder.

Gastarbeiter aus China überschwemmen den Markt

In Vietnam gab es im vergangenen Jahr mehrfach gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen chinesischen und einheimischen Arbeitern. Chinesische Firmen neigen dazu ihre Arbeiter nicht vor Ort einzustellen, sondern zu tausenden gleich mitzubringen. Auf den Baustellen entstehen dann in kürzester Zeit ganze Dörfer mit chinesischen Restaurants, Läden und Bordellen. "So etwas haben wir bei Unternehmen aus anderen Ländern noch nicht erlebt", wundert sich Pham Chi Lan, von der vietnamesischen Industrie- und Handelskammer. Seine Regierung plant neue Gesetze und Visabestimmungen, um in Zukunft den Import billiger Arbeitskräfte aus dem Nachbarland zu unterbinden.

Auch in Hsipaw tauchen in letzter Zeit immer häufiger Ingenieure aus China auf. Sie arbeiten an einer Pipeline, durch die Erdgas vom Golf von Bengalen in die chinesische Provinz Yunnan fließen soll. U Soe Win sieht es mit Sorge, weil er der chinesischen Regierung nicht traut. Trotzdem will er seine Kinder später auf eine Sprachschule schicken, die Chinesisch unterrichtet. Damit liegt er im Trend.

In Südostasien melden Schulen, die Chinesisch unterrichten, großen Zulauf. Immer mehr Jugendliche lernen als Zweitsprache Mandarin statt Englisch.


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