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Corona-Pandemie Jung, ledig, gefährdet – wie das Virus junge Japanerinnen in den Suizid treibt

Corona-Impfstart in Japan: Als Erstes wurden die Angestellten im Gesundheitswesen geimpft
Sehen Sie im Video: Japan startet Impfprogramm gegen Coronavirus. 




Corona-Impfstart in Japan. Als Erstes wurden die Angestellten im Gesundheitswesen mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin geimpft. Hiroshi Yamamoto, Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales am Mittwoch in Tokio: "Dies ist ein großer, hoffnungsvoller erster Schritt in Richtung des Endes dieser neuen Coronavirus-Pandemie. Wir werden nun den rund 40.000 Mitarbeitern des Gesundheitswesens aus etwa 100 Einrichtungen die ersten Impfdosen verabreichen. Es sind Personen, die der Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums und der nationalen Krankenhausorganisation unterstehen." Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wurde als erstes zugelassen. Hintergrund für den verhältnismäßig späten Impfstart ist, dass die japanische Regierung vor der Zulassung darum gebeten hatte, Sonderstudien über die Wirksamkeit des Mittels bei Japanern durchzuführen. In rund fünf Monaten sind Olympische Spiele in Tokio geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurden die Spiele bereits um ein Jahr verschoben.
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Seit zehn Jahren schafft es Japan, die hohe Zahl an Suiziden zu senken. Doch dann kam die Pandemie und die Selbsttötungen nahmen wieder zu. Aber nicht bei der "typischen" Gruppe mittelalter Männer, sondern bei Frauen. Jungen Frauen.

Nur sehr langsam lüftet sich der alles umwabernde Nebel, in den das Coronavirus die Welt gehüllt hat: Wer ist wie lange ansteckend? Warum erkranken manche schwer und andere kaum. Werden die Mutationen eine dritte, vierte und gar fünfte Welle auslösen? Und natürlich: Wie heftig sind die Auswirkungen der Schutzmaßnahmen und wen treffen sie besonders schlimm? Letzteres ist bereits gut dokumentiert – es sind, wie so oft, diejenigen, die ohnehin schon wenig haben: Menschen in Minijobs, Sozialhilfeempfänger, Alte.

Das ist in Japan nicht viel anders als in Deutschland oder Argentinien. Doch in Japan ist eine weitere Opfergruppe dazugekommen: Frauen. Junge Frauen. Und nicht, weil sie häufiger körperlich erkranken, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern psychisch. Im Oktober vergangenen Jahres haben sich 70 Prozent mehr Japanerinnen das Leben genommen als 2019. "Dieses Muster ist sehr, sehr ungewöhnlich", sagte Michiko Ueda, die führende Suizid-Forscherin des Landes dem britischen Sender "BBC".

Zahl der Suizide sank zehn Jahre lang

Kein anderes Land der Welt erfasst die Zahl der Selbsttötungen so akribisch wie Japan. Der Grund ist simpel wie erschütternd, denn kaum ein anderes Industrieland hat eine höhere Suizidrate – auch wenn sie zuletzt deutlich gesunken ist. Das Corona-Jahr 2020 aber war das erste seit zehn Jahren, in dem die Zahl der Suizide wieder zugenommen hat. 21.000 Fälle wurden gezählt, ein Plus von 3,7 Prozent, wie das Gesundheitsministerium im Januar mitteilte.

Das vor allem junge Frauen, Studentinnen und Schülerinnen betroffen sind, "muss mit Covid 19 im Zusammenhang stehen", schreibt Haruka Sakamoto von der Tokioter Universität in einer Studie über Selbsttötungen während der Corona-Pandemie. Denn wenn die Zahl der Suizide ansteigt, liegt das vor allem an mittelalten Männern, so Sakamoto. Besonders auffällig sei das beim "Lehman-Schock" 2008 gewesen, als die Finanzkrise ausbrach und Männer in ihren 50ern in Depressionen verfielen.

Die Gründe für die starke Zunahme unter jungen Frauen sind zahlreich. Die BBC berichtet etwa von einer 19-jährigen Prostituierten aus Yokohama, die von ihrem eigenen Bruder missbraucht wurde und irgendwann von zu Hause geflohen ist. Sie erzählt, dass sie im letzten Jahr mehrere Suizidversuche unternommen hat. "Ich war aber nicht erfolgreich, also habe ich aufgegeben zu sterben." Geholfen hat ihr das Bond-Projekt, das Suizidgefährdete unterstützt. Deren Gründerin Jun Tachibana sagte, dass Covid diejenigen weiter an den Rand dränge, die ohnehin schon verwundbar sind.

Frauen in prekären Jobs betroffen

Betroffen sind aber im Grunde alle Frauen, vor allem solche in Dienstleistungsjobs. Die Pandemie trifft besonders hart den Tourismus und Einzelhandel sowie  die Gastronomie, alles Wirtschaftsbereiche mit überdurchschnittlich vielen prekären Arbeitsverhältnissen. Schon zu Zeiten brummender Konjunktur haben die mehr schlecht als recht für ein ausreichendes Auskommen gesorgt, aber "wenn etwas passiert, trifft es Menschen mit unregelmäßiger Beschäftigung besonders hart", so Michiko Ueda.

Eine Besonderheit in Japan ist die langsame aber spürbare Auflösung traditioneller Geschlechterrollen. War die Ehe mit einem alleinverdienendem Mann bis vor nicht allzu langer Zeit das übliche vor allem aber das gesellschaftlich erwartete Lebensmodell, entscheiden sich Frauen immer häufiger gegen diesen Weg. Das bedeutet aber auch: "Sie sind auf sich allein gestellt, sie haben keine feste Arbeit", so Ueda. Diese Situation werfe nicht wenige aus der Bahn, zumal jüngere Frauen oft nicht wüssten, an wen sie sich wenden können, schreibt Sakamoto in seiner Studie. Denn diese Art sozialen Abstiegs werde in Japan immer noch oft mit gesellschaftlicher Ächtung "bestraft".

Die Gesellschaft fängt an, zuzuhören

Besonders bitter ist auch, dass Suizide bei jungen Menschen in Vor-Corona-Zeiten oft mit dem Eintritt in neue Lebensphasen einhergingen. Studienbeginn, Jobeinstieg oder -wechsel. Zwar endet die Ära langsam, in der sich die Japaner buchstäblich zu Tode gearbeitet haben, aber die immer noch hohe Anzahl an Suiziden sei weiterhin eng mit Stress am Arbeitsplatz verbunden, heißt es bei Haruka Sakamoto.

Aber Hilfe ist in Sicht. Denn obwohl die Zahl der Selbsttötungen pandemiebedingt wieder zunimmt, ist das grundsätzliche Problem ins Bewusstsein von Arbeitgebern und Öffentlichkeit gesickert. "Angestellte etwa können ihre Chefs um eine Auszeit bitten", wie Sakamoto schreibt. Und Organisationen wie das Bond Project kümmern sich um suizidgefährdete Frauen. "Wir sind hier, wir hören zu und machen ihnen klar, dass wir für sie da sind", sagte Bond-Chefin Jun Tachibana.

Quellen: "Japan Times", BBC, Open Access Goverment, AK Leben, "Financial Times", "Neue Osnabrücker Zeitung"

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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