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Dänemark/Arbeitsmarkt: Null Kündigungsschutz

Viel Geld, viel Hilfe, viel Druck: Mit einem besonderen Politikmix und strengen Regeln haben die Dänen ihre Arbeitslosigkeit halbiert. Das kleine Land praktiziert eines der erfolgreichsten Beschäftigungsmodelle in Europa.

Als Preben Henriksen seinen Job verlor, hatte er 37 Jahre als Setzer gearbeitet, anfangs im Blei, zuletzt am Computer. Setzer gehören auch in Dänemark zur Arbeiterelite, selbstbewusst und gut bezahlt. Preben sieht ein bisschen aus wie Paul Newman, ein schöner, stolzer Mann, nie hätte er geglaubt, dass er wirklich arbeitslos wurde, auch wenn sein Chef ihn gewarnt hatte. Dann brauchte der ihn und 40 Kollegen tatsächlich nicht mehr. Da war Preben Henriksen 58 Jahre alt.

Normalerweise wäre die Geschichte hier zu Ende. 58 Jahre, ein sterbender Beruf, was soll man da schon machen? Aber weil diese Geschichte in Dänemark spielt, hat sie eine Fortsetzung. Heute ist Preben 61 Jahre alt und hat wieder Arbeit: bei Innotek im Gewerbegebiet von Kolding, ein kleiner Betrieb, fünf Mann. Dort montiert er Schaltkästen für Kühlanlagen und Ähnliches.

Gewerkschaft und Arbeitslosenkasse hatten Kurse organisiert, ihm ein wenig Elektrotechnik beibringen lassen und schließlich im ersten halben Jahr einen Teil seines Lohns bezahlt, weil sich der neue Chef verpflichtete, ihn mindestens ein Jahr zu beschäftigen.

Den neuen Chef hat sich Preben selbst gesucht, genau genommen hat er ihn auf einem Fest kennen gelernt. Eine hässliche Pointe hat die Geschichte allerdings: Preben Henriksen verdient heute halb so viel wie früher. Besser, sagt er, als gar kein Job.

Provozierend erfolgreich für die arroganten Nachbarn

Wer durch Dänemark fährt, hört viele solcher Geschichten. Ihre Moral ist oft dieselbe: Wir lassen niemanden fallen. Wir helfen dir, aber du musst mitmachen. Und du musst womöglich verzichten können. Damit sind die Dänen erfolgreich am Arbeitsmarkt, provozierend erfolgreich für die arroganten Nachbarn aus dem Süden. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit heute höher als vor zehn Jahren, im August lag sie bei 10,6 Prozent, nach EU-Standard gerechnet 9,4 Prozent. Die Dänen hingegen drückten ihre Quote seit 1993 von 10,1 Prozent auf 4,3 Prozent (2001), seither ist sie wegen der mauen Konjunktur auf gut 5 Prozent gestiegen.

Provozierend ist aber auch die Art, wie dieser Erfolg zustande kommt. Das dänische Modell ist für deutsche Ideologen aller Lager ausgesprochen sperrig. Die finden zwar jeweils einiges darin, was ihnen gut gefällt, aber auch allerlei Unbegreifliches: So bekommt, wer arbeitslos wird, bis zu 90 Prozent seines letzten Einkommens, und das maximal vier Jahre lang. Das Arbeitslosengeld ist prozentual umso höher, je niedriger das Einkommen war. Den Betroffenen steht eine Vielzahl von privaten und öffentlichen Fortbildungs-, Umschulungs-, Persönlichkeitsfindungs- und Beratungsangeboten offen, was in Deutschland schnell nach einer sich selbst nährenden Arbeitslosenindustrie riecht. Die Gewerkschaften - Organisationsgrad: um die 80 Prozent - sprechen bei alldem ein gewichtiges Wort mit, und die Lohnspreizung, also die Differenz zwischen niedrigen und hohen Einkommen, ist geringer als in Deutschland. So gesehen erscheint Dänemark als postsozialistisches Bullerbü: ein Graus für echte Marktliberale.

Anderes hingegen klingt für traditionelle deutsche Sozialpolitiker nach Arbeitsdienst und Raubtierkapitalismus. Die vielen Bildungsangebote sind kein unverbindlicher Vorschlag einer gutmütigen Obrigkeit, sondern sehr ernst gemeint. Spätestens nach einem Jahr Arbeitslosigkeit beginnt die "Aktivierungsphase". Dann muss der joblose Däne zwingend an einer der Maßnahmen teilnehmen. Viele, zum Beispiel junge Menschen und bestimmte Berufsgruppen, trifft der Zwang schon früher. Wer nicht mitmacht, dem wird umgehend die Stütze gestrichen, und zwar zu 100 Prozent für erst einmal fünf Wochen. Wem eine Stelle angeboten wird, der muss nicht nur weniger Geld und einen schlechteren Job, sondern auch einen Arbeitsweg von t„glich bis zu vier Stunden hinnehmen. In dem eher kleinen Königreich bedeutet dies: Nahezu das ganze Land muss bereist werden, außer vielleicht Grönland und die Färöer.

Kündigungsfristen ja, Kündigungsschutz nein

Und in einem Punkt ist der dänische Arbeitsmarkt in einem Maß flexibel, dass in Deutschland die Barrikaden vor den Gewerkschaftshäusern brennen würden: Es gibt zwar Kündigungsfristen, die von der Dauer der Beschäftigung abhängen, aber keinerlei Kündigungsschutz. Die Unternehmen müssen den Entlassenen die ersten zwei Tage nach dem Beschäftigungsende weiterbezahlen, das ist alles.

"Das Rückgrat unserer Wirtschaft sind viele kleinere Unternehmen. Bei denen entstehen auch deshalb viele Jobs, weil sie wissen, dass sie die im Zweifel auch wieder streichen können", meint Jens Bech Andersen. Wenn ein freundlicher Däne wie der bärtige Regionaldirektor der Arbeitsvermittlung im Kreis Vejle so etwas sagt, klingt es sanft und plausibel. Als der damalige Wirtschaftsminister Günter Rexrodt 1997 bemerkte, "in Deutschland ist es immer noch zu schwierig, Leute zu entlassen", wurde er von einer hell erregten Öffentlichkeit gewissermaßen besitzstandrechtlich erschossen. Rexrodt widerrief sofort.

"Korporative Leistungsgesellschaft"

Die Experten der Bertelsmann Stiftung, die regelmäßig ein "Internationales Beschäftigungs-Ranking" erstellen, zählen Dänemark zu den "korporativen Leistungsgesellschaften", die im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit mindestens ähnlich erfolgreich sind wie die "wettbewerbsorientierten Marktwirtschaften" England und USA. Kaum nötig zu erwähnen, dass die "verteilungsorientierten Wohlfahrtsstaaten", zu denen Deutschland gehört, im Expertenurteil mit Abstand am schlechtesten abschneiden.

Tatsächlich ergibt der dänische Politikmix eine bemerkenswerte Mischung aus Jobmobilität und Sicherheit. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer ist so niedrig wie in kaum einem anderen Industrieland. Zugleich haben die Dänen Umfragen zufolge deutlich weniger Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, als etwa Deutsche und Franzosen. "Von den drei Millionen dänischen Arbeitnehmern sind jährlich 700 000 bis 900 000 betroffen", sagt Esben Krabbe Christiansen vom Arbeitsamt Vejle, "dafür haben wir nicht einmal 20 Prozent Langzeitarbeitslose" - in Deutschland sind es 35 Prozent. In Dänemark entstand der Kunstbegriff "Flexicurity", der längst auch zum Zauberwort deutscher Sozialdemokraten geworden ist - nur will die Umsetzung hier noch nicht recht funktionieren.

Natürlich ist auch in Dänemark Arbeitslosigkeit kein Spaß, oder vielleicht dort erst recht nicht, weil in kaum einem anderen Land so viele Menschen erwerbstätig sind. "Es war ganz furchtbar, ich hatte das Gefühl, zu nichts zu taugen", sagt Bente Abildtrup aus Kolding, die mit 54 für drei Jahre arbeitslos wurde. Sie ging abends einkaufen, wenn das auch die Berufstätigen tun, damit die Nachbarn nichts merkten. Doch die Arbeitsverwaltung steckte sie in "Aktivierungen" und zwang sie, sich weiter zu bemühen. Eine von 150 Bewerbungen war schließlich erfolgreich, in der Buchhaltung eines Krankenhauses. "Du bist die Apfelsine in meinem Turban", sagte die neue Chefin, was in Dänemark heißt, dass jemand ganz genau passt. "Nun beginne ich wieder, an mich selbst zu glauben."

Als Arbeitsloser in die Job-Rotation

Jannie Amdi aus Randers war anderthalb Jahre arbeitslos, als sie in die Job-Rotation geriet. Das ist auch so eine dänische Idee: Räumt ein Beschäftigter vorübergehend seinen Arbeitsplatz, etwa um sich fortbilden zu lassen, rotiert ein Arbeitsloser auf seine Stelle. In Jannies Fall wurden im Jahr 2000 im Kreis Arhus 60 Sekret„rinnen fortgebildet - fit gemacht, mehr Verantwortung zu übernehmen. Die Kurse dauerten 13 Wochen und wurden so gelegt, dass zunächst 16 Arbeitslose ein Jahr lang einen Job hatten. Weil einige zwischendurch eine feste Stelle fanden, nahmen insgesamt sogar 24 an dem Projekt teil.

Jannie war eine von ihnen, und endlich konnte sie sich und anderen beweisen, dass sie es noch kann. "Es geht ja nicht nur darum, Fachliches zu lernen, es geht auch ums Selbstvertrauen", sagt sie. Im ersten halben Jahr legten die Arbeitgeber aufs Arbeitslosengeld so viel drauf, dass Jannie auf ein normales Gehalt kam, dann zahlten die Firmen allein.

Erfolgreicher kann ein Projekt nicht sein: Alle 24 Arbeitslose fanden einen Job. Jannie arbeitet heute im Sekretariat der Schwesternschule von Randers, sie ist zurückrotiert auf den Arbeitsmarkt. Dreimal wurde dieses Projekt durchgeführt, und jedes Mal fanden fast alle Teilnehmer dadurch eine Arbeit.

Seit 1994 sind allein im Kreis Arhus 35 000 Arbeitnehmer und an die 9000 Arbeitslose rotiert, die Erfolgsquote liegt bei 80 bis 90 Prozent. "Die Job-Rotation allein schafft keine neuen Arbeitsplätze, aber sie schafft Bewegung, Qualifizierung, Motivation", sagt Helle Bonde, Projektmanagerin des Kreises. Die Unternehmen bilden ihr Personal fort und testen zugleich neue Bewerber, die Arbeitslosen können sich auf echten Stellen bewähren.

Eigentlich ein schönes System, alle profitieren davon - und dennoch sind zuletzt immer weniger Dänen rotiert. Erst war in einigen Regionen der Arbeitsmarkt so leer geräumt, dass kaum noch geeignete Bewerber zu finden waren und die Firmen ihre Leute nicht hergeben wollten. Nun sind wegen der schlechteren Konjunktur auch die dänischen Unternehmen knauseriger als früher.

"Der kürzeste Weg in die Arbeit ist der beste"

Dänemarks Arbeitsmarktexperten schauen mittlerweile ohnehin genauer hin, welche der "Aktivierungen" wirklich helfen. Nach neueren Untersuchungen schaden einige eher, weil sie die Teilnehmer vom Arbeitsmarkt fernhalten. Also wird nachjustiert. "Das Motto heißt heute: Der kürzeste Weg in die Arbeit ist der beste", sagt Esben Christiansen vom Arbeitsamt in Vejle. Job-Training in den Unternehmen geht vor theoretische Kurse, Bildungsträger werden nach Erfolg bezahlt. "Wir gucken genau hin, was die Firmen brauchen, was unsere Kunden können und wie sich die Lücke am schnellsten schließen lässt." Die Kunden sind übrigens die Arbeitslosen, und es klingt noch nicht einmal antrainiert.

Die "Jobbutik" des Arbeitsamts in Vejle ist ein angenehmer Ort - atmosphärisch halb Internetcafe, halb Bücherhalle. An modernen Flachbildschirmen sitzen die Kunden, fünf freundliche Betreuer stehen bereit, wenn es Fragen gibt. Aber die Kundschaft muss auch ran: Wer arbeitslos wird, muss binnen vier Wochen seinen Lebenslauf und seine wichtigsten Daten auf die Internetseiten der Arbeitsvermittlung stellen, jeder muss aktiv nach Arbeit suchen. Wer das nicht kann, dem wird geholfen. In der "Jobwerkstatt" nebenan wird gerade ein Kursus in Bewerbungstechniken, Motivation, Selbstvertrauen geschult. Ein Däne, der keine Arbeit hat, hat viel zu tun.

Mehr als nur ein Wort: "soziale Verantwortung der Unternehmen"

Natürlich hilft, dass Dänemark ein kleines Land ist, da ist es einfacher, sich zu einigen und den Überblick zu behalten. Im gesamten Königreich gibt es derzeit gut 160 000 Arbeitslose - grob gerechnet halb so viele wie in Berlin. Das Land profitierte in den vergangenen Jahren von niedrigen Zinsen und einer guter Konjunktur, von Nordseeöl und Windkraftboom; und tatsächlich scheint die "soziale Verantwortung der Unternehmen" mehr als nur ein Wort zu sein. Dänemark ist eine Leistungsgesellschaft, aber traditionell wichtig sind auch Konsens und Erwachsenenbildung: Wohlstand, Gleichheit, Volkshochschule. Auch darum funktioniert einiges, was in Deutschland zur blöden Beschäftigungstherapie verkäme, und darum ist auch Platz für manches, was kühlen Marktwirtschaftlern die Tränen in die Augen treiben mag.

Bente Mortensen, 53, aus Horsens verlor 1993 ihre Sekretärinnenstelle, seither war sie öfter arbeitslos. Doch ihr wurde auch immer wieder Zeit gegeben, in den Aktivierungen "mich selbst zu finden". Erst entdeckte sie ihre Ader für die Malerei, später für die Erwachsenenbildung. Sie arbeitete als Zeichenlehrerin, dann in einem Integrationsprojekt für Flüchtlinge. Immer wieder verlor sie ihre Arbeit und damit auch das Selbstvertrauen, doch immer wieder wurde ihr auf die Beine geholfen. Heute arbeitet Bente im "Zentrum für Ressourcenentwicklung" selbst an einem neuen Projekt, das älteren Arbeitslosen jenseits der 58 zeigen soll, was in ihnen steckt und wie sie wieder einen Job finden können. "Die vertrauen mir, weil ich ja weiß, wovon ich rede. Eigentlich habe ich erst durch die Arbeitslosigkeit die Talente in mir entdeckt." Das klingt dann doch ein bisschen nach Bullerbü, aber warum nicht, wenn es funktioniert.

Und noch etwas ist anders als in Deutschland. Weil der Staat traditionell eine starke Rolle spielt, ist auch die Sozialversicherung im Wesentlichen steuerfinanziert: die Krankenversicherung komplett, die Rente weitgehend. Die (freiwilligen) Arbeitslosenkassen werden aus pauschalen Beiträgen der Arbeitnehmer (rund 45 Euro monatlich) bestritten und vom Staat aufgefüllt. Damit haben die Dänen eine Sorge nicht, welche die Deutschen besonders drückt. Weil hier die Sozialversicherungsbeiträge lohnbezogen sind, wird die Arbeit immer teurer, je größer die Probleme der Sozialkassen sind: Der Arbeitsmarkt steht sich sozusagen selbst auf den Füßen. In Dänemark finanzieren alle Steuerzahler die Sozialpolitik.

Hohe Steuern als Kehrseite

Die Kehrseite sind naturgemäß hohe Steuern. Charlotte und Rune Jörgensen - sie Lehrerin, er Physiotherapeut - aus der Nähe von Odense führen beide jeweils gut 40 Prozent ihres zu versteuernden Einkommens an den Fiskus ab. Ein Mehrwertsteuersatz von 25 Prozent auch auf Lebensmittel macht den Alltag zusätzlich teuer, für ihren Renault haben die Jörgensens rund 10 000 Euro mehr bezahlt als in Deutschland, weil beim Autokauf der Staat besonders beherzt zulangt.

Doch beide murren nicht. "Ich zahle gern hohe Steuern, weil ich auch viel dafür bekomme", behauptet Rune Jörgensen, außerdem finde er gut, "dass Direktor und Arbeiter beim Arzt gleich behandelt werden". Für Charlotte zählt vor allem, dass sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Der Erziehungsurlaub ist in Dänemark finanziell komfortabel ausgepolstert, die Söhne Sofus, 3, und Oskar, anderthalb, sind von morgens früh bis in den späten Nachmittag betreut. In kaum einem Land sind so viele Frauen berufstätig wie in Dänemark. Auch daran, ganz nebenbei, können sich die Deutschen ein Beispiel nehmen.

Arne Daniels / print