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Dalai Lama: König ohne Reich

Den Tibetern ist er menschgewordener Gott, im Westen gilt er als größte Sehnsuchtsleinwand für Sinnsucher. Eine Begegnung mit dem 14. Dalai Lama, der auszog, sein Land zu befreien und die Welt Weisheiten des Buddhismus lehrte.

Der Gott ist älter geworden. Er ist auch nur ein Mensch. An seinem Gang kann man es sehen. Die Schalmeien röhren, die Tore sind geöffnet, Sarnath, Indien, wo einst Buddha lehrte. Das Volk steht auf, als der Gott in den Saal schreitet. Er geht vornübergebeugt. Das Volk legt die Hände zusammen, führt sie zum Kinn, vorn die roten Mönche, dann die Pilger, dann die Weltlichen. Die Köpfe senken sich nach unten, so verharren sie eine halbe Stunde, den Blick von unten heraus auf ihn gerichtet. Wenn man Ehrfurcht beschreiben will, dann so.

Wenn man einen großen Entertainer beschreiben will, dann so: Setzt sich auf seinen Thron auf der Bühne, harrt im Lotussitz, und während ein Begrüßungsredner eine halbe Stunde langweilt, wippt er da oben vor sich hin, meditiert und lächelt abwechselnd, während alles ehrfurchtsstarr auf ihn blickt, baut zwischendurch einen Kugelschreiber auseinander, schaut ins Röhrchen: eine Mine. Grinst. Spitzbübisch. Dann endlich bekommt er das Wort, nach fünf Minuten folgt vom Gott der erste Witz. Der Gott lacht. Alle lachen, sogar die Rotgewandeten. Ihr Gott, so sagen manche, hat den Mönchen erst das Lachen gelehrt.

Er ist ein Glücksbringer, der 14. Dalai Lama, Gottkönig Tibets. Die Tibeter glauben, dass der Herr des unendlichen Mitgefühls in ihm wieder und wieder Mensch wird, um sein Volk zu Glück und Erlösung zu führen. Als Dalai Lama, was im Deutschen "Ozean der Weisheit" bedeutet, leitet er sie nicht nur auf dem Weg des Buddhismus, sondern regiert auch das Land: als Gott und König, der nie verloren geht, weil er nach dem Tod immer wieder geboren wird. Yeshe Norbu nennen sie ihn auch, das "wunscherfüllende Juwel". Wer besäße nicht gern ein solches Juwel?

Das Juwel

spricht an diesem Tag im "Tibetan Center of Higher Education" in Sarnath über Tibet, China, Bildung, Fortschritt und Glaube. Wirbelt mit den Händen in der Luft, lacht, zwinkert, grollt. Großer Auftritt. Danach empfängt es Delegationen und Presse. Der Gott sitzt breitbeinig im Sessel, hat die Fäuste auf die Knie gestützt. Aus dem ärmellosen Gewand ragen einstmals kräftige Arme, der Nacken ist breit, wie bei einem alten Boxer. Gibt es etwas, was Sie bereuen im Leben, Eure Heiligkeit? Ein Grollen aus tiefer Kehle: "No, no", Tibetan-English, "alle großen Entscheidungen haben sich als richtig erwiesen." Dann blitzt etwas in seinen Augen, ironisch, und noch während er erzählt, ahnt man es: das befreiende Gewitter. "Nur eines bereue ich", Pause, "damals, in den 40ern und 50ern", Pause, "da hab ich mich mehr aufs Spielen als aufs Studieren konzentriert." Die Journalisten lachen, der Übersetzer lacht, der Mönch daneben lacht. Der Auftritt geht weiter. Nicht unbedingt gekünstelt. Eher ein Naturtalent, mit Zauberkraft gefunden.

Die Mönche hatten es fern der Wolken von Lhasa entdeckt. In Amdo, wo der Wind das Land leer gefegt hat zu endloser Steppe. Und war es nicht genau diese Richtung, die der 13. Dalai Lama, tot und einbalsamiert, ihnen als Weg zu seinem Nachfolger gewiesen hatte? Sein Leichnam war ein letztes Mal auf den Thron gesetzt worden, über Nacht hatte er den Kopf gedreht, dann, am Morgen, blickte er genau Richtung Nordost. Und hatte nicht auch Reting, der Regent, im Spiegel des Bergsees Lhamoi Latso ein Bild gesehen, ein Haus mit türkisfarbenen Ziegeln und sonderbarer Rinne? Glaub es oder glaub es nicht. In diesem Haus fanden sie das Kind, so heißt es. Lhamo Thöndup, den die Mutter am 6. Juli 1935 im Stall der Familie entbunden hatte, war die 14. Wiedergeburt des Dalai Lama.

Acht Männer trugen den Jungen auf einer vergoldeten Sänfte durch die Tore der heiligen Stadt, Erde-Hase Jahr, 8. Oktober 1939. Tausende standen stumm da, den Kopf geneigt, die Hände gefaltet, manche weinten. Ungern erzählt sich der Westen, dass es ziemlich gestunken haben dürfte seinerzeit in den Gassen von Lhasa, weil die Menschen darin offen ihre Notdurft verrichteten. Zu schön ist die Geschichte bis hierhin, die Geschichte vom Glück, das in die Welt kam. Und, so schreibt der Dalai Lama heute: "Schon vom Augenblick an, in dem der Mensch in diese Welt eintritt, sehnt er sich nach dem Glück."

Das Glück ist auch im Westen angekommen. 1,2 Millionen Mal haben es allein die Amerikaner gekauft in den Buchgeschäften, in der Variante "The Art of Happiness" vom 14. Dalai Lama. In 138 anderen Varianten kann man es im Internet beim Buchhändler amazon.de bestellen. "The world's No. 1 feel-good-guru" nennt ihn die "New York Times". 65 000 Menschen lauschten voriges Jahr den Worten des Dalai Lama im New Yorker Central Park, für seine Vorlesungen werden bis zu 3000 Dollar gezahlt pro Karte. Und in Übergröße strahlte er schon auf den Times Square hinab als Leuchtreklame.

Damals in Lhasa

erfüllte der Junge sofort die Erwartungen, kannte im Norbulingka-Palast Räume wie aus früheren Leben, fand eine Schachtel, sagte, bevor er sie öffnete, "das sind meine Zähne", und drin lag tatsächlich das künstliche Gebiss des 13. Dalai Lama. So erzählt man sich's noch heute, auch im Westen. Autorin Mary Craig, Britin, aufgeklärtes Abendland, schreibt es mit einem Ausrufezeichen in ihrer Dalai-Lama-Biografie. "Der Mensch", schreibt der Dalai Lama, "braucht spirituelle Nahrung ebenso wie materielle." Von keinem nimmt der Westen sie so gern wie von ihm. Anno 2002, 198 Jahre nach Kant, pilgerten rund 10 000 nach Graz, um, geführt vom Dalai Lama, am Kalachakra-Ritual teilzunehmen, benannt nach einer vielarmigen Gottheit, um spirituelle Energie in sich aufzunehmen. Und bei einer Umfrage in Deutschland nach dem Weisesten der Welt nannte ein Drittel den Dalai Lama, Sieg der Magie.

Vielleicht war es auch schlicht die Ausbildung, die den Mensch zum Gott formte. Der Junge, auf den Mönchsnamen Tenzin Gyatso getauft, wurde hinter den Mauern der Paläste geschult. Im Potala dienten 175 Mönche allein der Aufgabe, den Dalai Lama zu lehren. Meditation, Achtsamkeit, religiöse Texte, die fünf Säulen buddhistischer Wissenschaft und unzählige Nebengänge. Und nicht, dass er ein eifriger Schüler gewesen wäre. Er zog lieber durch die Gänge, träumte, Gott des Mitgefühls, von Panzern, veranstaltete mit Mönchsdienern Schlachten.

Spielgefährte war nur sein älterer Bruder Lobsang. Keine Freunde, im Sommer im Norbulingka, im Winter unter den goldenen Dächern des Potala, wo es kalt und zugig war und Mäuse im kargen Zimmer raschelten. Doch ein Buddhist vernichtet kein Leben, lernte er. Der Junge war gelangweilt von alten Riten, aber gierig nach Neuem, Fremdem. Er begann, sich für Technik zu interessieren, baute Uhren und Spielzeug auseinander und meist auch wieder zusammen. Und durch ein altes Fernrohr blickte der Junge von oben auf sein Volk herab.

Die Welt unten war kein Paradies. Korrupt, machtgierig und unkeusch waren auch im Mönchsapparat einige. Es kam sogar zu einem Putschversuch gegen den Regenten, der den Dalai Lama vertrat. 200 Mönche starben. Und hinter dem Tod des unbeliebten Vaters des Dalai Lama vermuteten manche ein Mordkomplott. Vom Jungen wurde das meiste fern gehalten. Er widmete sich dem Studium. Begann, sich für den Westen zu interessieren, ließ sich von den Ausländern der Stadt in Audienzen von fernen Welten berichten, sah Wochenschauen, blätterte amerikanische Zeitschriften, lauschte BBC. Seine Neugierde würde die Westler noch später erstaunen.

Und die Tibeter verändern. Eben noch im Institut hat er erzählt, wie er am berühmten M.I.T. in Boston vor ausverkaufter Halle gesprochen hat. Und wie wichtig es sei, dass man den Buddhismus mit der Wissenschaft verbinde, Astronomie, Kernphysik, Neurophysiologie. "Wir brauchen Leute, die den Buddhismus international präsentieren können", hat er gesagt, im Lotussitz, mit nackten Armen. Die Mönche haben es andächtig gehört.

Damals versteckte

sich das Volk hinter dem Wall des Himalaya vor negativen ausländischen Einflüssen, seit es 1913 die Unabhängigkeit erklärt hatte. In den 200 Jahren zuvor waren meist chinesische Soldaten in Tibet stationiert. Nun war der Kern von Tibet unabhängig - und isoliert. Dem Sturm, der aufzog, stand man ungeschützt gegenüber.

Die Monate vor dem Sturm waren eine Zeit von Zorn und Zeichen. Mütter warfen Monstren in die Welt, ein Komet zog durch die Nacht, die Erde schüttelte sich. Schreckliches naht, lasen die Tibeter daraus.

Wer nichts auf Zeichen gab, der konnte es daraus schließen, dass am 1. Oktober 1949 Mao die Volksrepublik China ausrief, dass seine Volksbefreiungsarmee noch nicht Volks genug befreit hatte, dass Peking das strategisch wichtige Tibet noch immer als Teil Chinas betrachtete und dass Religion fortan für Opium zu halten war. Es begann der Sturm, der den Jungen in die Welt werfen sollte.

Taktser Rinpoche, Abt von Kumbum, einer der Brüder des Dalai Lama, traf bald nach den ersten Nachrichten aus Amdo ein, stotterte seinem jüngeren Bruder die Geschichte vor: Klöster seien von Maos Truppen entweiht worden, gebrandschatzt, geplündert. Politischer Zwangsunterricht werde abgehalten. Die Kommunisten wollten das Land befreien von den ausländischen Imperialisten. Nun hätten die Chinesen ihm, Taktser, den Posten des Gouverneurs angeboten, wenn er nach Lhasa gehe, den Dalai Lama vom Kommunismus überzeuge - oder ihn, seinen Bruder, notfalls töte. Tibet reagierte auf die Gefahr: Die Regierung befahl dem Volk, mehr zu beten. Im Glauben fest, in der Kampfeskraft schwach, stand das Schneeland, 8500 Soldaten, vor dem Feind. Hilferufe gingen in die Welt. Die britische Regierung versicherte wärmstes Mitgefühl, Indien wollte den Frieden mit China nicht gefährden, und die USA empfingen die Delegation nicht.

Imperialisten waren

in Tibet schwer zu finden. Doch von nichts anderem sprachen die Chinesen. Dabei hätte es in Tibet einiges zu erneuern gegeben. Diebe wurden in Käfigen vorgeführt. Lhasa war verdreckt, aber Krankheiten erklärte man lieber mit Dämonen. Die Macht lag bei adeligen Grundbesitzern und Klöstern. Kleinbauern mussten Frondienste leisten, Leibeigene mussten knechten. Doch eines hatten sie: einen tiefen Glauben, um den der sinnleere Westler sie noch heute beneidet - aus der Ferne. Auch wenn der Glaube bis heute bei einfachen Tibetern tief von Aberglaube durchsetzt ist, Angst vor furchtbaren vorbuddhistischen Dämonen. Sie hatten einen König, auf den sie vertrauten und der nur auf Erden war, um sie vom Leid zu erlösen. Die Tibeter befragten das Staatsorakel. Das Medium taumelte: "Seine Zeit ist gekommen." Mit 15 wurde der Knabe, den die Götter mit zweieinhalb in ihre Welt gehoben hatten, von ihnen auf den Thron gestoßen.

Haben Ihre Heiligkeit jemals bezweifelt, tatsächlich der Auserwählte zu sein, Ihrer Aufgabe gewachsen zu sein? Die berühmte Dalai-Lama-Brille liegt auf der Nase wie ein Fremdkörper, dahinter schauen schmale Augen ins Leere. Dann grollt es wieder: "No, no, es war mir egal. Die Leute setzten mich auf den Thron? Ja gut, da sitz ich. Übernehme meine Verantwortung und habe Spaß." Wieder lacht er. Das berühmte Dalai-Lama-Lachen. Hoch, kehlig, sich spiralförmig steigernd. "Wissen Sie, ich bin nicht jemand, der immer sehr ernst ist."

Wahrscheinlich wäre er kein großer Weiser geworden und auch kein Entertainer, zumindest nicht für die Westler, wenn er langsam in die Zwänge eines korrupten, konservativen Hofstaats hineingewachsen wäre. So war der König ein neugieriger, aber ahnungsloser Junge. Vom Kommunismus wusste er nichts, von den Chinesen hatte er einmal in einer Zeitschrift gelesen. Teufel, glaubte er. Er floh vor ihnen nach Südtibet.

Während eine tibetische Delegation in Peking versuchte, eine friedliche Lösung auszuhandeln, saß das junge Oberhaupt in einem Kloster, hörte "Radio Peking": vom "industriellen Fortschritt" und "Gleichheit für alle". Ist eigentlich nicht schlecht, staunte er. Bis eines Tages eine Stimme knarzte: Die Tibeter haben ein "17-Punkte-Abkommen" unterzeichnet, Tibet kehrt heim ins Mutterland China. Es war, so stellte sich später heraus, unter Druck mit gefälschtem Siegel entstanden. Genehmigt hatte der Gottkönig nichts. Sollte er nach Indien fliehen? Nein. "Ein Feind gibt uns die Chance, Toleranz und Geduld zu üben", ist eine der immer gern gehörten Lektionen, mit denen der Dalai Lama heute den Westen beeindruckt. Lerne, nicht zu hassen. Und lerne immer.

Er machte sich zurück auf den Weg nach Lhasa. Bald danach folgten die Chinesen in die Stadt, 9. September 1951, 20 000 waren es bald, 16 Jahre alt war der Gott, unter die Gebetsfahnen der Stadt mischten sich Mao-Plakate. Der Dalai Lama stimmte zähneknirschend dem Abkommen zu, das Tibet immerhin kulturelle und religiöse Autonomie und die Entscheidungshoheit für Reformen versprach. Und einen Krieg verhinderte. "Frieden muss grundlegend aus uns selbst herauskommen", Dalai Lama, 1984.

Und wie geht

man mit Ohnmacht um? "Wenn ich an Tibet denke, ist natürlich immer Hilflosigkeit da", sagt er. Er rast dabei mit der Stimme hoch und runter in einem Satz, was ihm etwas sehr Präsentes gibt, alle Oktaven dabei, der ganze Mensch. Da spricht es aus der Tiefe einer Seele, denkt man. "Als Buddhist weiß ich: Alles hängt von Dingen ab, die außer unserer Kontrolle liegen. Jedem geht es so. Aber egal welches Problem: Du wirst es lösen, wenn du es ehrlich und mit klarem Geist angehst."

Die Chinesen verletzten bald schon das Abkommen, immer mehr Soldaten kamen, forderten Verpflegung, ohne zu zahlen, Lebensmittel wurden knapp. Der junge Gottkönig munterte seine Regierung auf: Denkt daran, nichts währt ewig! Die Preise für Gerste stiegen um das Zehnfache, eine Hungersnot drohte. Eine Beschwerdeliste wurde den Chinesen überreicht. Die Chinesen überlegten, die Premierminister des Dalai Lama zu erschießen. Der Dalai Lama entließ die beiden rechtzeitig. Die Tibeter beschimpften die Invasoren in den Gassen, gründeten Widerstandsbewegungen. Die Chinesen forderten den Dalai Lama auf zu verkünden, dass jede Kritik als "konterrevolutionär" verboten sei. Der Dalai Lama lernte, sagt er später, "wie man einen falschen Anschein vortäuscht, wenn die Lage schwierig wird".

Er beschloss selbst Reformen durchzuführen: Landrecht, Justiz- und Erziehungsrecht. Die Chinesen verweigerten sich. Sie drängten ihn nach China, den Großen Vorsitzenden zu treffen. So ritt er, 19 Jahre alt, auf Mulis und russischen Jeeps Richtung Peking. Traf Mao, zehnmal. Beeindruckend, dachte der Junge, Ausstrahlung hat er, und ehrlich ist er. Mao sagte: Wir Chinesen wollen euch helfen. Die Industrie imponierte, dieses mächtige Wasserkraftwerk. Gleichheit und Gerechtigkeit für alle - ließen sich Marxismus und Buddhismus nicht verbinden? Anderseits durfte niemand frei mit ihm sprechen, alle wirkten gleich geformt, eingetönt, Maoblau. Er nahm an Staatsempfängen mit offizieller Rolle teil, Chruschtschow, Nehru. Der Dalai Lama, ein Mann Chinas.

Was war der glücklichste Moment in Ihrem Leben? Er überlegt. "Einer davon war, als ich aus China zurückkam. Als ich hinreiste, war ich voller Angst, aber ich bekam einen guten Draht zu Mao. Als ich zurückkehrte war ich voller Erleichterung und Vertrauen." Er lächelt verschmitzt. "Aber dieser glückliche Moment hielt nur ein paar Monate." Der Gott ist ironisch, alle lieben das. Und hat ein Gott nicht dann am meisten Einfluss, wenn er geliebt wird?

Wahrscheinlich hatte er es schon geahnt damals. mit Mao. Zum Abschied saß er in dessen Büro, träumte noch, Buddhismus und Marxismus seien verwandt, da rückte Mao näher: "Sie haben eine gute Einstellung. Aber die Religion ist Gift."

Zurück in Lhasa

waren bereits mächtige Steuern erhoben worden, Grundbesitzer wurden als Verbrecher verurteilt, öffentliche Demütigungen für "Reaktionäre" eingeführt - vor allem Nonnen und Mönche. Aufstände in Kham. Noch mehr chinesische Soldaten. Der Dalai Lama predigte Frieden. Bat Mao um Hilfe. Keine Antwort. Die Rebellen weigerten sich aufzugeben. Die Chinesen zerbombten Klöster, Dörfer. Es gab Vergewaltigungen, Hinrichtungen. Rücktritt? Oder offene Opposition? Der Dalai Lama konzentrierte sich vorerst auf seine anstehenden Prüfungen, wurde Geshe, Doktor in Buddhismuskunde. Wie soll einer sein Volk ins Glück führen, dachte der Gottkönig, ohne am eigenen Geist zu arbeiten?

Wovor haben Sie Angst? "Als Kind hatte ich Angst vor Geistern." Wieder das Dalai-Lama-Lachen, der Gott muss also ein Kind geblieben sein. Und jetzt? "Ich weiß es nicht. Als Buddhist habe ich gelernt, keine Angst vor dem Tod zu haben." Aber vor dem Fliegen fürchte er sich, hat er das nicht mal gesagt? "Yes, yes, yes!", Pause, "stimmt, das ist ein Widerspruch!" Dann ein Lächeln, große Freude. "Ich glaube ein Tod im Bett, friedlich, das wäre no problem! Aber bei einem Flugzeugabsturz?" Er lacht hoch und runter, Selbstironie, man muss ihn wohl lieben.

Von einer Granate zerfetzt, das wäre kein schöner Tod gewesen, 1959 in Lhasa. Die Chinesen luden ihn zu einer Tanzvorführung. Das Volk fürchtete, sein Juwel würde entführt und demonstrierte vor dem Sommerpalast. Die Chinesen drohten, den Norbulingka zu beschießen. Als Soldat verkleidet, schlich sich der Dalai Lama, 24, aus der Stadt, 17. März 1959. Granaten flogen später auf den Palast, die Aufstände hatten ihren Höhepunkt erreicht, 87 000 Tote würden sie insgesamt fordern. Auf der Reise rief der geflohene Gott die Unabhängigkeit wieder aus.

Bald würden die Berge hinter ihm liegen, am 31. März 1959 überschritt er die Grenze, schwer krank, von einem Dzo, einer Yak-Rind-Mischung, getragen. Kaum in Indien gab er eine Pressekonferenz, erklärte erneut die Unabhängigkeit. Tibet sprach zur Welt. Das würde seine größte Aufgabe sein. Der Beginn der Weltkarriere eines Mönchgottpolitikers. Nun musste der Beschützer Tibets seinem Volk helfen, ohne bei ihm zu sein. Als Gast in einem Entwicklungsland, das nichts weniger wollte als einen Konflikt mit China. 100 000 Flüchtlinge folgten in den nächsten Jahrzehnten. Premier Nehru gab den Tibetern Asyl, versprach humanitäre Unterstützung, aber weigerte sich, die Unabhängigkeit Tibets anzuerkennen. Die Lager wurden zu Dörfern, der Dalai Lama bekam ein neues Heim. Einen alten Ferienbungalow in Dharamsala, Nordindien, Schlafzimmer mit Stahlbett, Schrank, ein Blumenposter als Zierde.

War Ihr Leben

erfolgreich? "Alles ist relativ", er baut mit den Händen wild Gedankengebäude in die Luft, sehr energetisch wird man danach denken, "ich habe mein Land verloren. Aber als Flüchtling habe ich mein Bestes gegeben. Ich habe geholfen unsere Identität zu erhalten, unsere Kultur, Spiritualität."

Die Flüchtlinge arbeiteten in Straßenbaukolonnen oder auf dem Feld, viele in Südindien, in ungewohnter Hitze. Manche flehten ihn an, sie woanders hinzuschicken. Er predigte Geduld. Was hatten sie sonst? Den vor den Chinesen geretteten Staatsschatz verspekulierten sie an der Börse, nicht mal ein Achtel blieb. Und doch galt es, im Exil nun das aufzubauen, was in Tibet ausgelöscht wurde. Denn mit den Flüchtlingen kamen die Nachrichten: Massenverhaftungen, Hinrichtungen Unliebsamer und Gläubiger. 1960 kam die Internationale Juristenkommission zu dem Schluss: China mache sich in Tibet schuldig, "eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppierung als solche ganz oder teilweise zu vernichten".

Die Zeit raste. Noch im selben Jahr ließ der Dalai Lama in Indien Institute für Kunst und tibetische Medizin errichten, Schulen und Kinderheime. Finanziert vor allem durch Hilfsgelder. Ließ inoffizielle Botschaften einrichten, New York, Tokio, Genf, Kathmandu. Und erste Flüchtlingsfamilien wurden in den Westen gebracht, in die Schweiz, wo man den "Tibeterli" liebevoll versprach, sie im Sinne ihrer Kultur leben zu lassen. Der Westen lernte langsam, was er an Tibet hatte. Aber wie sollte er ein Volk unterstützen, das ein Oberhaupt wieder einsetzen wollte, das per Vision bestimmt wurde und das per Orakel und Gotteswort regiert?

Vielleicht war es Ausdruck der unglaublichen Weltoffenheit des jungen Dalai Lama, vielleicht waren es die Zwänge der Realität: Im März 1963 setzte er im Exil eine neue Verfassung für Tibet durch, mit der Klausel, dass die Nationalversammlung mit einer Zweidrittelmehrheit den Dalai Lama des Regierungsamtes entheben konnte. Als sich die Exil-Tibeter dagegen wehrten, dass ihr Gott abgesetzt werden kann, befahl der es schlicht: Demokratie. Im Alltag ging er den Weg in kleinen Schritten. Er hielt wöchentlich öffentliche Gebete, richtete Besucher auf, die sich wie einst vor ihm niederwarfen. Noch nie war ein Dalai Lama den Menschen so nah. Reformen, predigte er, braucht unsere Kultur.

Kultur braucht

eine Revolution, sagte Mao, die "Große Proletarische Kulturrevolution", 1966. Religiöse Bilder wurden auch in Tibet verboten, Mönche und Nonnen inhaftiert und gefoltert, Widerstand mit Schüssen gebrochen, Klöster und Tempel zerstört. Am Ende, die Zahlen schwanken, stand von 3800 heiligen Stätten nur noch ein gutes Dutzend.

Was ist schon Erfolg? "Von 14 Dalai Lamas", der Gott lacht, "bin ich der unglücklichste, weil ich die meiste Zeit außerhalb meiner Heimat lebte. Aber anderseits bin ich der erfolgreichste: Ich habe den Namen Tibets und die Bedeutung seines Glaubens verbreitet. War der Dalai Lama jetzt ein Erfolg oder ein Fehlschlag?"

1973 sah erstmals Europa den munteren Mönch im roten Gewand. Er begann mit dem, was die suchenden Seelen der Welt ins nächste Jahrtausend begleiten würde: der Verbreitung der Worte des Dalai Lama. Ein romantischer Auftritt, der vertriebene Gott vom Dach der Welt, das gefiel den Westlern. Vor der Einreise musste er versprechen, nichts Politisches zu sagen, keiner wollte es sich mit China verscherzen. Er sprach Spirituelles: Kleiner sei die Erde geworden, mehr Güte brauche sie. Der Westen lernte: Die Tibeter sind ein friedfertiges Volk. Auch Kommunisten besäßen "die Fähigkeit zu Güte und Brüderlichkeit". Der Westen lernte: Selbst ihre Feinde können von Tibet Liebe lernen.

In den Exilgemeinden sammelte der Dalai Lama nun alte Handwerkskünste unter den Flüchtlingen ein. Die Jüngeren begehrten indes auf, wollten eine härtere Linie als der Dalai Lama. Von Mustang, Nepal, aus kämpfte eine CIA-unterstützte Guerillabewegung gegen die Chinesen. Er musste führen zwischen den Erwartungen der Frommen, der Revolutionäre, des chinafürchtigen Auslands.

Was macht das wunscherfüllende Juwel, wenn es seine Menschen enttäuschen muss? Der Gott spricht etwas auf Tibetisch, wartet, bis der Übersetzer sagt: "Man sagt klar, dass das wunscherfüllende Juwel nicht die Wünsche von allen erfüllen kann!" Nach der Übersetzung lacht er in die Runde, die mitlacht. Wenn man ihn so reden hört und die ehrfürchtigen Blicke der Menschen in der Halle vor Augen hat, denkt man an ein Volk von Kindern, von einem Gottvater geführt und gelehrt. Das alte Tibetklischee. Das natürlich nicht stimmt, etliche Tibeter sind hoch gebildet, aber auch das ist teilweise ihm zu verdanken, hat er doch die Jugend auf westliche Universitäten schicken lassen. "Yeshe Norbu ist nur ein enttäuschender Beiname." Er lacht wieder. Und damals in Nepal, als er den Guerillakämpfern gebot, die Waffen niederzulegen, und sich darauf einige aus Verzweiflung selbst die Kehle durchschnitten? Pause. "Ja, da war ich sehr traurig." Pause. "Aber ich glaube, meine Entscheidung war richtig. Deshalb gab ich die Empfehlung." Klarer Geist, klare Worte. Pause. "Aber natürlich: traurig."

Auch der Westen

hatte sein wunscherfüllendes Juwel gefunden. Die Journalisten gewöhnten sich an den Mönch, der mit naiv-weisem Blick durch seine große Brille auf die Welt schaute. 1979, erstmals in New York, USA, diesem reichen Land: Warum sind die Menschen so gierig, rast- und schlaflos? Materieller Wohlstand, sagte er, bringe allein kein Glück. Er sprach von Verantwortung gegenüber allen Wesen, von Religion als Medizin. Einfache Wahrheiten, wie sie Christen-Pfarrer seit Jahrhunderten predigen. Nur dieser Prediger lachte.

Und weiter reiste er. Begeisterte England, "His Holiness, the laughing Buddha". Besuchte auch Grainau, Oberbayern, sprach dort über Zeit, Glück und brummte zum Abschluss im Bariton bei der Bayernhymne mit. Sagte: "Ich will Wohlbehagen und kein Leid." Etwas einfach scheinen sie manchem, des Gottes Worte. Platt. Kalendersprüche. Gläubige sagen: flexibel. Folgende meditative Übung macht der Dalai Lama in Dharamsala: Er leert ein Säckchen Juwelen aus und baut daraus Weltgebilde, immer neue mit denselben Steinen. Und das mache einen großen Meister aus, sagen Gläubige: dass er aus den Lehren immer neue Gebilde bauen kann, maßgefertigt, dass jeder sie verstehe, nach seinem Bewusstseinsstand. Entsprechend bedarf ein Gros der Deutschen noch 2003 "Ratschläge des Herzens", erteilt über Buch und "Bild"-Zeitung. "An alle, die neidisch sind": "Eifersucht und Neid machen uns unglücklich". Anderseits gab der Dalai Lama auch in Harvard Vorlesungen, Wissenschaftler schwärmen von seiner Intelligenz, er diskutiert mit Professoren über Quantenphysik und fernöstliche Weltsicht.

In jedem Fall lernte der Westen bald: Der Buddhismus bringt zurück, was in der Materialistenwelt verloren ging. Der Dalai Lama ist der Buddhismus. Der Buddhismus darf nicht verloren gehen. Der Dalai Lama ist Tibet. Man klebte sich "Free Tibet"-Aufkleber an das Heck des VW-Busses. Was weder für Tibets Befreiung noch für die Erleuchtung reichte. Immerhin aber begann sich der Westen auch politisch zu öffnen für den Dalai Lama, wenngleich sich bis heute die deutschen Kanzler scheuten, ihn zu treffen, wegen der Kontakte zu China.

Die Volksrepublik startete 1983 eine neue Einwanderungspolitik. Innerhalb eines Jahres fluteten 60 000 Chinesen über Tibet, verdrängten Tibeter aus ihren Arbeitsstätten, und es wurden immer mehr. Die Zeit rannte. Im Juni 1988 stand ein Mönch im roten ärmellosen Gewand mit vier Pockenimpfungsnarben auf dem Oberarm vor dem Europaparlament: Der Dalai Lama erläuterte seinen Friedensplan - Demokratie und Religionsfreiheit in Tibet unter außenpolitischer Führung Pekings. Er gab den Anspruch auf volle Unabhängigkeit auf. Die letzte diplomatische Chance? Oder hatte das wunscherfüllende Juwel die Wünsche seines Volks vergessen? Die jungen Tibeter zürnten wie nie zuvor: Der Dalai Lama habe sein Land verkauft. Die freien Westler ehrten ihn am 10. Dezember 1989 mit dem Friedensnobelpreis.

Was ist schon Erfolg? "Als Buddhist habe ich meinen Beitrag geleistet, religiöse Harmonie zu fördern. Auch zur Achtsamkeit habe ich in der Welt meinen Beitrag geleistet, zur Verbreitung menschlicher Werte." Das Energiebündel sagt es vorsichtig, Meister auch im Understatement. "Unter schwierigen Umständen habe ich doch einen gewissen Nutzen gebracht."

Die Zeit rannte

weiter. China hatte sich geöffnet und zeigt nun westlichen Touristen wiederhergerichtete Klöster, die aber geleitet werden von kommunistisch geschulten Mönchen. Tibetischer Buddhismus wird nur noch in Indien und ausländischen Tibet-Zentern gelehrt, weil die alten tibetischen Lehrer tot oder geflohen sind. Dafür hat nun das leichte Westler-Leben Einzug gehalten in Lhasa, Kinos, Coca-Cola und Karaoke-Bars. Und Bordelle. Dass 2002 von 900 Gefangenen im Drapchi-Gefängnis von Lhasa hundert noch politische Häftlinge sind, interessiert nicht mehr so im Westen. Man macht bessere Geschäfte mit Peking, ein Markt von über einer Milliarde Menschen gegen ein Volk von sechs Millionen und einen Führer, den der Westen vereinnahmt hat. "Wenn ich träume", sagt der Gott im Sessel, "sehe ich mich nie als Dalai Lama, sondern immer nur als buddhistischen Mönch."

Wegen solcher Sätze liebt der Westen den Gott, der bescheidener und gelassener ist als der Papst. Der Gott, der über Sexualität sagt, er habe sich schon mal gefragt, wie die Erfahrung sei, aber es sehe doch alles nach Qual und Schweiß aus. Der predigt: "Hilf anderen, glücklich zu sein, dann wirst du selbst glücklich." Und zu diesem Zweck mit nicht viel mehr im Gepäck als der Wechselwäsche, aufblasbarem Schlafkissen und kleiner Buddhastatue um die Welt reist, um Glück zu bringen.

Das Glück ist einfach, sagt er, und dass unglaublich glücklich zu sein geht, das scheint er zu beweisen mit jedem Lachen trotz Tibet. Und wer denkt da gleich an 64 Jahre Meditation, sechs Stunden am Tag, Schulung in buddhistischer Dialektik, die dieses Lächeln geformt haben? Anfangen kann man mit 181 Seiten "Das kleine Buch vom rechten Leben".

Seine Worte lassen mehr Luft zum Atmen als die Christenkirche, er sagt, "Geburtenkontrolle ist unerlässlich", "viel wichtiger als Monogamie ist der nötige Respekt", dass man seine Kultur nicht aufgeben solle, und Homosexualität sei nichts für Buddhisten, aber für Westler: bitte schön. Bei aller Weisheit ist er eine Projektionsfläche geworden, das wunscherfüllende Juwel für alle Sinnsüchtigen. Kritiker sagen, er sei nur ein Seelenfänger, für Anti-China-Propaganda oder den Büchermarkt. Er selbst fragt sich oft, ob die Tibet-Begeisterung ein Missverständnis sei, "weil die Menschen sich eine Instant-Erleuchtung erhoffen oder gar weil sie von besonderen tantrischen Sexpraktiken gehört haben."

Aber profitiert nicht sein Volk von der Begeisterung? Oder vergessen die westlichen Räucherstäbchen-Junkies vor Seligkeit die Hunderttausende Todesopfer der Besetzung Tibets? Ist der Dalai Lama zu weich gegenüber China mit seinem Verzicht auf vollständige Unabhängigkeit? Manche Jungen demonstrieren deshalb. Die Zeit läuft. Nichts ist sicher. In der Exilhauptstadt Dharamsala wird einerseits über motorradfahrende, frauenbezirzende Mönche geklagt. Andererseits haben radikale Geisteranbeter 1998 Ritualmorde verübt. Und in Tibet lockt der Coca-Cola-Materialismus. Die Chinesen, heißt es, warten nur, dass der Dalai Lama stirbt. Und dann? Kehrt er wieder?

Der alte Gott

sitzt aufrecht in seinem Sessel, blickt geradeaus. Er ist ernst. "Die Frage ist, ob die Institution Dalai Lama bleibt oder nicht. Das kommt auf die Tibeter an. Wenn die Mehrheit sagt: Wir brauchen ihn nicht mehr" - er hebt die Stimme, nun ganz hoch -, "dann ist diese Institution beendet." Die Staatsgeschäfte jedenfalls hat er mittlerweile an die Regierung abgegeben. Aber seine Seele werde wiedergeboren, sagt er, ob als Dalai Lama oder in anderer Funktion. Einmal hat er sogar gesagt, es könnte auch als Stein sein. Er spricht ein Gebet, er sagt, dass er es immer spreche: "Solange es den Kosmos gibt, solange es Lebewesen gibt, solange es Leiden gibt, bleibe ich, um zu helfen." Und es hört sich bei ihm nicht wie eine abgedroschene Predigt an, sondern so, als wäre es ein kluges Argument. Nach dem Gespräch tritt er hinaus unter das Blätterdach der Mangobäume, eine Delegation aus der Mongolei wartet sehnsüchtig, er stellt sich dazwischen für ein Foto, legt den Arm um die Leute, sie lachen, er lacht, er nimmt ein Stück getrockneten Käse vom mitgebrachten Gabenteller, mongolische Schätze, geht gebeugt zu den Reportern und bietet sie ihnen an. Er lacht. Alle lachen. Vielleicht ist er ein Gott, vielleicht nur ein großer menschlicher Meister, vielleicht ein großer Seelenfänger.

Jedenfalls einer, der für seinen Job geboren ist. Yeshe Norbu, wunscherfüllendes Juwel.

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