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Vorwahlkampf in den USA Unter Feinden


Sie pöbeln, schlagen sich und drohen sogar mit Mord. Der Vorwahlkampf in den USA gebiert vor allem eines: Hass. Und der droht die Parteien der Republikaner und Demokraten zu zerreißen.
Von Norbert Höfler, New York City

Für Amerikaner gilt: Im Restaurant wird gewartet, bis ein Tisch zugewiesen wird. Bei einer Polizeikontrolle lässt man die Hände am Lenkrad. Und beim Smalltalk meidet man Themen wie Religion, Rasse und Sex. Letztere Regel müsste derzeit dringend um das Thema "Politik" ergänzt werden: Nichts spaltet und zerrüttet die Nation gerade so sehr.

In täglichen Scharmützeln beschimpfen sich die Wahlkämpfer als "Lügner", "Hurensohn" oder "leibhaftigen Satan". Gern beleidigt wird auch mit "Hitler", "Nazi" oder "fettes Schwein". Im politischen Straßenkampf gilt der gestreckte Mittelfinger als probate Handfeuerwaffe. Wie neulich in der New Yorker U-Bahn. Sagt ein Anhänger von Bernie Sanders zu einer Frau: "Denk daran, wähl Bernie." Sie: "Ich wähle Hillary." Er macht ein Kotzgeräusch. Sie sagt: "Fuck you!" Er: Finger hoch. Pöbeln wird zum Mittel der Politik. Je länger der Wahlkampf dauert, desto schmutziger. Drei Viertel der 50 Bundesstaaten haben inzwischen gewählt, aber noch immer steht kein Sieger fest. Von den anfänglich 23 Bewerbern (fünf Demokraten, 17 Republikaner) sind noch fünf im Rennen.

Bernie sucht die "Entscheidungsschlacht"

Bei den Demokraten will Bernie Sanders partout seine Niederlage nicht eingestehen, seine Konkurrentin Hillary Clinton führt deutlich. Ohne Rücksicht auf die eigene Partei rüstet der 74-Jährige zur "Entscheidungsschlacht in Kalifornien", der letzten großen Vorwahl am 7. Juni. Bei den Republikanern liegt Donald Trump vor Ted Cruz (sehr religiös) und John Kasich (sehr konservativ). Auch sie wollen bis zum Ende kämpfen.

Seit nunmehr 14 Wochen wird immer irgendwo in Amerika gewählt, meist dienstags. Davor rast dann regelmäßig ein Hass-Tsunami durchs Land. Auf Facebook zerbrechen Freundschaften. Bei Wahlveranstaltungen fliegen Fäuste. Selbst Anhänger aus dem gleichen politischen Lager sind sich inzwischen spinnefeind. Ein Sanders-Mann beschimpfte Hillary Clinton als "Hure der Großkonzerne", weil sie auch von Unternehmen Wahlkampfspenden nimmt. Hillary-Fans riefen während einer TV-Debatte "Sieg heil!", wenn Sanders-Anhänger über einen verbalen Konter ihres Favoriten jubelten. Kaum vorstellbar, dass die so zerstrittenen Parteigänger nach den Vorwahlen wieder Frieden schließen - für den eigentlichen Stimmenkampf um die Präsidentschaft.

In den USA wird mit Mord und Totschlag gedroht

Bei den Republikanern wird sogar mit Mord und Totschlag gedroht. Opfer der Einschüchterungen sind oft Delegierte, die Ende Juli auf dem Nominierungsparteitag den Präsidentschaftskandidaten wählen. Ein Beispiel aus Indiana im Wortlaut: "Wenn du gegen Trump stimmst, ist deine Familie in Gefahr. Wir beobachten dich genau." Die Polizei ermittelt in Dutzenden Fällen. Trump-Berater Roger Stone, der einst Schmutzkampagnen für Richard Nixon steuerte, kündigt "Tage der Rache" an, falls sein Mann mit Tricks beim Wahlparteitag ausgebremst wird. Jugendliche sind offenbar besonders empfänglich für die vergiftete Stimmung im Land. Laut einer Studie sagen zwei Drittel der befragten Lehrer, die Stimmung in ihren Klassen habe sich massiv verschlechtert. Ein Lehrer gibt zu Protokoll: "Viele meiner Schüler äußern Hassgefühle gegen Flüchtlinge, Arme und Behinderte."

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Amerikaner den teuersten Präsidentschaftswahlkampf aller Zeiten erleben werden. Vor allem für sogenannte Attack-Ads werden hunderte Millionen Dollar eingesetzt. Das sind fiese kurze Videoclips, in denen die Konkurrenz verunglimpft wird: Die Nase von Ted Cruz verwandelt sich in eine giftige Schlange, Hillary Clinton bellt wie ein Hund, oder es wird räsoniert über die Länge von Trumps "gruseligem kleinen Finger".

Die zersetzende Kraft des Hasses

David Axelrod, bekannt als kluger und besonnener Stratege der Obama-Wahlkampagne, sagt voraus, dass jene Partei, die sich nicht zusammenraufen könne, im November die Wahl verliere. So wie 1990, als bei den Demokraten Ted Kennedy gegen Jimmy Carter antrat. Auch damals war der innerparteiische Hass auf das jeweils andere Lager riesig. Am Ende gewann der Republikaner Ronald Reagan.
Hillary Clinton erkannte früh die zersetzende Kraft der Hassattacken. Zu Sanders Anhängern sagt sie: "Ihr habt ein Recht, gegen mich zu sein. Wenn ich zur Präsidentin gewählt werde, werde ich eure Interessen trotzdem vertreten." Selbst Donald Trump, der König der Mobber, sprach neulich davon, nach den Vorwahlen ein "großer Versöhner" zu sein.


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