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Deutsche in Ägypten: Chaos, Aufruhr - ab nach Hause

Viele Deutsche, die in Kairo oder Alexandria leben, wollen nichts wie raus. Für Zehntausende Urlauber gibt es noch keine Evakuierungspläne. Und einige verstehen die ganze Aufregung nicht.

Von G. Drißner, S. Gassel und T. Zick, Kairo

Ihr Gesicht ist fahl, die Augen gerändert, über der Schulter trägt sie nur eine Umhängetasche mit dem Nötigsten: Geld, Pass, Laptop. Katharina Hageleit, 25, aus Bocholt steht unter den alten Eukalyptusbäumen vor der deutschen Botschaft in Kairo. Nach und nach fahren vier Reisebusse vor, sie sollen rund 150 Deutsche zum Flughafen bringen und von dort in die sichere Heimat zurückkehren.

Am Montag gegen 13 Uhr kam die Nachricht: "Wer will, kann ausfliegen. Morgen geht vielleicht eine Maschine." Sofern der Flieger, der aus Deutschland geschickt wird, überhaupt in Kairo landen kann. Die Studentin rief sofort bei der deutschen Botschaft an und registrierte sich für die Evakuierungsflüge. "Vielleicht ist das hier alles in den nächsten zwei, drei Wochen vorbei", sagt sie, "dann würde ich auch wiederkommen." Vor allem fürchtet sie eine Eskalation, wenn die angekündigten Menschenmassen etwa den Präsidentenpalast stürmen würden. "Dann kommt man gar nicht mehr aus dem Land. Ich gehe lieber, solange es noch möglich ist."

Ihre Wohnung hatte die Studentin schon vor Tagen verlassen und im Büro des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes Schutz gesucht. Denn es liegt in unmittelbarer Nähe zum Tahrir-Platz, dem Zentrum der Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. Ihren gepackten Koffer aus ihrer WG abzuholen, daran war in den vergangenen Tagen nicht zu denken. "Vielleicht", sagt sie, "sehe ich die Sachen nie wieder."

"Ich fühle mich nicht bedroht"

Ein paar Meter entfernt vom Einfahrtstor der deutschen Botschaft klettert ein Mitarbeiter auf einen Steinblock. "Wir werden versuchen, Sie aus Kairo herauszukriegen. Ich muss leider im Konjunktiv zu ihnen sprechen, denn wir wissen noch nicht, wie wir durch die Stadt kommen werden", ruft der grauhaarige Mann den Menschen entgegen. Mit gemischten Gefühlen steigen Katharina Hageleit und die anderen Deutschen in die Busse.

"Ich fühle mich noch nicht bedroht", sagt Antje Genth-Wagner. Die Weimarerin lebt seit anderthalb Jahren als Lehrerin an der deutschen Schule in der ägyptischen Hauptstadt. Sie ist zur Botschaft gekommen, um ihre 13-jährige Tochter zum Flugzeug zu begleiten. Das Mädchen will beim Vater in Deutschland bleiben, solange die Lage in Ägypten angespannt ist. "Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass sie außer Landes ist", sagt die Mutter. Sie selbst will aber vorerst da bleiben, sie habe gute Freunde, die keine Möglichkeit hätten, das Land zu verlassen. "Die will ich nicht im Stich lassen."

Viele ihrer Verwandten in der Heimat verstehen die Entscheidung nicht. "Meine Eltern springen im Achteck, weil ich hier nicht weg will", sagt Genth-Wagner. Was, wie sie glaubt, an der sensationslüsternen Berichterstattung im Fernsehe liege. "Im deutschen Fernsehen sieht es so aus, als herrschten in ganz Kairo Anarchie und Chaos. Dabei ist die Situation nur an einigen Punkten der Stadt angespannt." Und seitdem die Polizeigewalt gegen die Demonstranten aufgehört habe, verliefen die Proteste friedlich.

Unternehmen evakuieren Mitarbeiter selbst

Die deutsche Botschaft hat ihre Sicherheitsvorkehrungen trotzdem vorsorglich verstärkt. In den vergangenen Tagen sind zusätzliche Bundespolizisten aus Deutschland angekommen. Sie sollen jetzt den Sicherheitsdienst rund um die Uhr gewährleisten. Auch das konsularische Personal wurde aufgestockt.

Von den rund 5000 Deutschen, die im Großraum Kairo leben, hat die Botschaft bisher rund 300 ausgeflogen. In Ägypten tätige Firmen wie RWE, Thyssen-Krupp und Metrohaben die Ausreise ihrer Mitarbeiter selbst organisiert.

Bedrohlicher als in Kairo ist die Lage für die Deutschen in Alexandria. Schüler und Personal der dortigen deutschen Schule suchen seit Tagen verzweifelt nach einer Möglichkeit, aus der Stadt herauszukommen. "Hier sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet", sagt die Deutsch-Griechin Athanasia Terz. Doch eine Fahrt über den Wüsten-Highway nach Kairo ist den meisten zu gefährlich. Im Zuge der Unruhen sind Häftlinge aus einem Hochsicherheitsgefängnis entlang der Route geflohen und lauern nun Reisenden auf. Der Leiter des Goethe-Instituts in Alexandria ist einer der wenigen, der die zweistündige Fahrt nach Kairo auf sich genommen hat. "Ich bin sofort nach Ende der nächtlichen Ausgangssperre losgefahren und mit 160 Stundenkilometer durch die Wüste gebrettert, damit mich möglichst niemand aufhält", sagt er. Die anderen Deutschen sitzen immer noch in der Stadt fest. Der lokale Flughafen ist geschlossen, ebenso Alexandrias Seehafen. Auch die Zug- und Bahnverbindungen in die Hauptstadt sind unterbrochen.

Genaue Angaben darüber, wie viele deutsche Touristen sich noch in den Feriengebieten am Roten Meer aufhalten, hat die Botschaft nicht. Die Rede ist von mehreren Zehntausend. Weil die Lage in den Urlaubsorten Scharm al Scheik und Hurghada bisher ruhig geblieben ist, hat das Auswärtige Amt lange gezögert, vor Reisen in die Region abzuraten. Erst seit Dienstag warnt es davor, dorthin zu fahren. An der Botschaft hofft man, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzt - denn eine Ausreise für Zehntausende von in Panik geratenen Touristen organisieren zu müssen, wäre der logistische Albtraum für die Diplomaten.