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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären: Bürgerkrieg in Frankreich? Was wirklich hinter den Unruhen steckt

Immer wieder ist in Foren und rechten Medien von einem "Bürgerkrieg" in Frankreich die Rede. Tatsächlich zeigen aktuelle Bilder brennende Autos und wütende Demonstranten. Doch wie schlimm sind die Unruhen wirklich?

Polizisten patrouillieren während eines Protestes in Paris

Polizisten patrouillieren während eines Protestes in Paris

Es sind Artikel, die gerne mit einem "Was die Mainstreammedien verschweigen" garniert werden: Seit Tagen geistern durch Foren und sogenannte Alternativmedien Berichte über einen Bürgerkrieg in Frankreich. Tausende gewalttätige Migranten rotteten sich da zusammen, heißt es, und gingen auf Sicherheitskräfte und Touristen los.

Immer wieder werden auch wir vom stern von Lesern gefragt, warum wir nicht darüber berichten, dass Frankreich vor einer Explosion der Gewalt stehe. Mehr noch: Dieser Bürgerkrieg sei bereits in Gang, schließlich würden gerade wieder Autos in den Vororten von Paris brennen. Die Antwort: Ja, es gibt Krawalle und Unruhen in Frankreich. Doch es handelt sich dabei um Proteste gegen übermäßige Polizeigewalt. Ein Bürgerkrieg ist ein bewaffneter Kampf unterschiedlicher Gruppen innerhalb eines Staates. Das gibt es in Frankreich nicht.

Die Unruhen haben andere Ursachen

Dass sich die Frage überhaupt stellt, liegt auch daran, dass Patrick Calvar, Chef der Diréction générale de la sécurité intérieure (DGSI), der Direktion für innere Sicherheit, im Mai des vergangenen Jahres vor einer Versammlung von Abgeordneten davor warnte, dass sich eine Art Bürgerkrieg anbahnen könne - seine Warnung zielte jedoch vor allem auf die Aktivitäten ultrarechter Extremisten in Frankreich, die jede Gelegenheit zur Konfrontation mit Migranten, Muslimen, Andersdenkenden und Andersglaubenden nutzten und jedes möglicherweise noch kommende Attentat für ihre Ziele instrumentalisieren würden. In Frankreich gibt es diverse rechtsnationalistische Gruppen, die stärker ins Visier der Geheimdienstler gerückt sind.

Die Unruhen in der Pariser Banlieue haben andere Ursachen. Bei den Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei in den Vororten geht es nicht um eine Konfrontation zwischen Rechts und Links; auch nicht um Konflikte zwischen Kindern von Eingewanderten und den sogenannten "français de souche", den "Stamm-Franzosen". Es geht um die Wut von Jugendlichen in- und außerhalb der Banlieue, die sich mit Théo L. solidarisieren.


Unruhen haben nichts mit Terroranschlägen oder Islamismus zu tun

Théo L., 22 Jahre alt, wurde im Rahmen einer Polizeikontrolle am 2. Februar beleidigt und körperlich misshandelt. Unter anderem soll ihm der Schlagstock eines Polizisten anal eingeführt worden sein, seine Verletzungen sind entsprechend und wie es dazu kommen konnte, ist noch nicht vollständig geklärt. Théo L. liegt im Krankenhaus, Präsident François Holland hat ihn besucht. Der Geschädigte appellierte an die Jugendlichen in der Banlieue, Ruhe zu bewahren und friedlich zu bleiben.

Der Fall Théo L. ist in seiner Brutalität ungewöhnlich. Aber dass Jugendliche, vor allem in den sozial schwachen Hochhaussiedlungen der Vorstädte, zurzeit bei Polizeikontrollen drangsaliert werden, ist kein Einzelfall. Inzwischen haben sich in einigen Siedlungen die verängstigten Mütter zusammengeschlossen, um zwischen kontrollierender Polizei und den Jugendlichen des Viertels zu vermitteln und angespannte Situationen zu deeskalieren.

Solche Vorfälle sind in Frankreich leider nicht neu

Dass es zu solchen Vorfällen kommt, ist in Frankreich leider nicht neu. Es hat nichts mit den Terroranschlägen der letzten Jahre zu tun, nichts mit Islamisten, nichts mit Dschihad. Auf den Demonstrationen rufen sie die Namen von Adama, Zyed oder Bouna - allesamt unschuldige Jugendliche oder junge Erwachsene aus den Vororten, die im Zusammenhang mit Polizeikontrollen ums Leben kamen. Im Fall von Zyed und Bouna ist das allerdings schon zwölf Jahre her. Die beiden Teenager, 15 und 17 Jahre alt, versteckten sich vor der Polizei in einem Generatorkasten und starben an den Stromschlägen. Die Tatsache, dass zwei Jugendliche, die nichts verbrochen haben, keine Drogen, keine Vorstrafen, beim Anblick von kontrollierenden Polizisten in ihrem Viertel derart in Panik gerieten, löste damals landesweit eine Diskussion über Polizeigewalt aus.

Derzeit herrscht aufgrund der andauernden Terrorwarnung in Frankreich ein Ausnahmezustand, der der Polizei zusätzliche Rechte gewährt. Im Zuge dessen lege die Polizei insgesamt ein härteres Auftreten an den Tag, so der Vorwurf - etwa bei den Demonstrationen gegen die Arbeitsrechtsreformen im vergangenen Sommer. Die Mütter aus den Banlieues wünschen sich darum den vermehrten Einsatz Viertel-naher Beamter, die sich mit den Strukturen und Bewohnern der Vorstädte auskennen.