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US-Präsidentenwahl 2020: Fünf Gründe, warum nicht Joe Biden, sondern Elizabeth Warren gegen Donald Trump antritt

Ex-Vizepräsident Joe Biden war im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten lange klarer Favorit. Doch Elizabeth Warren hat mächtig aufgeholt und vieles spricht dafür, dass die Senatorin Donald Trump 2020 herausfordern wird.

Treten sie im November 2020 gegeneinander an? Elizabeth Warren und Donald Trump

Kämpfen sie im November 2020 um die Präsidentschaft? Elizabeth Warren und Donald Trump

AFP / Picture Alliance

Die Reihen haben sich etwas gelichtet, doch noch immer kämpfen rund 20 Politiker und Politikerinnen der Demokraten darum, bei den Präsidentschaftswahlen im November nächsten Jahres gegen Donald Trump anzutreten. Lange Zeit galt der frühere Vizepräsident Joe Biden als aussichtsreichster Bewerber um die Kandidatur. Souverän führte er fast alle Meinungsumfragen an. Doch seit einige Zeit scheint sich das Blatt zu wenden. Die Senatorin des US-Bundesstaates Massachussetts, Elizabeth Warren, schickt sich an, Biden vom Favoritenthron zu stürzen.  

Gut vier Monate bevor im ländlichen Iowa traditionsgemäß die Vorwahlen der Demokraten beginnen, hat Warren ihren 76 Jahre alten innerparteilichen Konkurrenten zum ersten Mal in einer landesweiten Umfrage überholt: In der am Mittwoch von der Quinnipiac-Universität veröffentlichten Erhebung kam Warren unter den Anhängern der demokratischen Partei auf 27 Prozent, Biden auf 25 Prozent.

Adam Schiff und Donald Trump.

Zuvor hatte es bereits aus einzelnen Bundesstaaten Hinweise auf einen Meinungsumschwung zugunsten von Warren gegeben. In Iowa war die 70-Jährige in den letzten Tagen mit 22 zu 20 Prozent vor Biden gelandet, in New Hampshire führte sie mit 27 zu 25 Prozent. Und in einer Umfrage der "Los Angeles Times" aus dieser Woche lag Warren in Kalifornien - dem Bundesstaat, der die meisten Delegierten in das Wahlgremium entsendet - sogar mit 29 zu 20 Prozent vor ihrem stärksten Mitbewerber. Es gebe inzwischen ein Bewerberfeld mit "zwei Kandidaten an der Spitze", die den Rest klar hinter sich ließen, kommentierte der Politologe Tim Malloy die Entwicklung.

Das "New York Magazine" hat angesichts von Warrens Aufholjagd fünf Anzeichen zusammengestellt, die darauf hindeuten, dass Elizabeth Warren die Vorwahlen der Demokraten gewinnen wird:

1. Joe Biden wackelt und er könnte fallen

Wenn man sich nur die Ergebnisse der nationalen Umfragen ansieht, scheint Joe Biden in sehr guter Verfassung zu sein. Mit 29 Prozent Unterstützung liegt er nur einen Hauch unter seinen Werten aus den letzten drei Monaten. Die nationalen Daten zeigen also keinen steilen oder stetigen Rückgang von Bidens Ansehen.

Aber in den Bundesstaaten, die als erste Vorwahlen abhalten und in denen die Wahlkämpfer die meisten Ressourcen einsetzen, sieht das Bild für den ehemaligen Vizepräsidenten viel düsterer aus. Anfang Juli lag Bidens durchschnittliche Unterstützung in Iowa bei 26 Prozent, heute sind es nur noch 20. Warren führt das Feld dort nun laut dem Umfragenaggregator "Real Clear Politics" im Durchschnitt mit fast drei Punkten an. Und Zahlen aus New Hampshire zeichnen ein ähnliches Bild: Ab Mitte Juli hatte Biden dort durchschnittlich 22 Prozentpunkte Vorsprung vor Warren, jetzt sind es nur noch durchschnittlich drei.

Derweil könnte sich der landesweite Eindruck dem von Iowa und New Hampshire annähern: In der neuen nationalen Umfrage der Quinnipiac Universität ist die Unterstützung für Biden um 7 Prozent geringer als in der gleichen Erhebung vor einem Monat. Andere Meinungsforscher haben einen Rückgang des Prozentsatzes der Biden-Anhänger dokumentiert, die von ihrem Kandidaten "begeistert" sind.

Und schließlich gibt es auch noch nicht auf Zahlen basierende Gründe anzunehmen, dass Bidens Ansehen weiter abnehmen wird. Bisher hat der vierfache Vater davon profitiert, dass er als außergewöhnlich "wählbarer" Kandidat wahrgenommen wurde. Aber immer deutlicher zutage tretende verbale Schwächen des 76-Jährigen - vor allem wenn er müde wird oder in die Defensive gerät - kombiniert mit dem drohenden Amtsenthebungsverfahren der Demokraten gegen Trump, dass mehr Aufmerksamkeit auf die (völlig unbewiesenen) Korruptionsvorwürfe des US-Präsidenten gegen seinen Rivalen und dessen Sohn Hunter richten wird, könnte Joe Bidens Anspruch, die "sichere" Option der Demokraten zu sein, untergraben.

2. Elizabeth Warrens Basis scheint sich zu diversifizieren

Eine offensichtliche Schwäche von Elizabeth Warren war lange Zeit die demographische Homogenität ihrer Basis. Die Senatorin wurde vor allem von Weißen mit Hochschulabschluss unterstützt, andere Anhänger der Demokraten konnte sie deutlich weniger begeistern. Diese Tatsache ließ zwei konkurrierende Interpretationen zu:

  1. Etwas an Warrens Persönlichkeit oder Programm machte sie zu einer Nischenkandidatin, die bereits ihr Maximum an Unterstützung erreicht hatte und somit verblassen würde (es gibt nur eine bestimmte Anzahl weißer Anhänger der Demokraten mit Hochschulabschluss).
  2. Weiße mit Hochschulabschluss schenken dem Wahlkampf vor den Vorwahlen mehr Aufmerksamkeit als andere Anhänger der Demokraten. Dann wäre Warrens schlechtes Abschneiden bei nicht-weißen und weniger gut ausgebildeten Wählern lediglich der Tatsache geschuldet, dass ihr Name nicht so bekannt ist wie der von Joe Biden. Und wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, könnte ihre starke Unterstützung vonseiten der Weißen bedeuten: Sobald andere Gruppen anfangen, sich dem Rennen zu widmen, erliegen auch sie Warrens Anziehungskraft. 


Während Interpretation Nr. 1 ein wahres Element enthalten kann (Warren scheint besonders beliebt zu sein bei Demokraten, die ihre Hautfarbe und akademische Laufbahn teilen), lassen die neuen Umfragewerte Interpretation Nr. 2 zunehmend plausibel erscheinen. So zeigt die nationale Erhebung der Quinnipiac Universität, dass Warrens Anhängerschaft sich sowohl ethnisch als auch klassenmäßig diversifiziert. Tatsächlich schlägt Warren Biden in der Umfrage bei weißen Wählern ohne Hochschulabschluss mit einem bemerkenswerten Vorsprung von 37 zu 20 Prozent.

Einen noch direkteren Hinweis auf die Plausibilität dieser Interpretation liefert die progressive Denkfabrik Data For Progress: In deren Umfragen schneidet Warren konsequent am besten bei Wählern mit einem großen Interesse an Nachrichten ab - das gilt auch für nichtweiße Nachrichten-Fans und für solche ohne Hochschulabschluss.

3. Kamala Harris 2020 findet (fast sicher) nicht statt

Für einen kurzen Zeitraum Anfang Juli lag die dunkelhäutige Präsidentschaftsbewerberin Kamala Harris in nationalen Umfragen sowohl vor Elizabeth Warren als auch vor dem linken Senatoren Bernie Sanders. Viele Beobachter erwarteten, dass Harris zu Bidens Hauptkonkurrentin wird. Doch sie entpuppte sich als eine Kandidatin mit starker Establishment-Unterstützung, die auf dem Papier sinnvoll erscheint, aber bei den tatsächlichen Wählern nicht ankommt. In der Quinnipiac-Umfrage liegt ihr Zustimmungswert nun bei 3 Prozent; ihr Durchschnitt in nationalen Umfragen liegt bei 5 Prozent. Kritisch ist, dass ihre Zahlen in Iowa und New Hampshire fast identisch mit ihren nationalen Zahlen sind. Sofern ihr nicht ein unwahrscheinliches Comeback in einem dieser frühen Vorwahl-Staaten gelingt, könnte Harris gezwungen werden, ihre Kampagne bis Anfang März zu beenden, so dass Warren die einzige realistische Option für Demokraten wäre, die einen weiblichen Präsidenten wählen wollen.

4. Warren ist für eine breitere Palette demokratischer Wähler akzeptabel als jeder ihrer Rivalen

Sowohl in der landesweiten Quinnipiac-Umfrage als auch in der Erhebung der "Los Angeles Times" in Kalifornien erreicht Warren höhere Beliebtheitswerte bei demokratischen Wählern als Biden oder Sanders. Und laut der Zeitung stufen fast 70 Prozent der kalifornischen Demokraten Warren als ihre erste oder zweite Wahl ein. Diese Ergebnisse stimmen mit nationalen Zahlen überein, die Data For Progress und das Umfrageinstitut Civiqs Anfang dieses Monats veröffentlicht haben, wonach Warren unter den Wählern von Biden, Sanders, Harris und dem Bürgermeister von South Bend, Pete Buttigieg, die beliebteste zweite Wahl ist. Und mehrere andere Umfragen haben ähnliche Resultate erbracht. Für Warren dürfte das sehr hilfreich sein, sobald das demokratische Bewerberfeld zusammenschrumpft, und es deutet darauf hin, dass sie den berechtigten Anspruch erheben könnte, eine Kandidatin zu sein, die die Partei einigt.

5. Bernie Sanders stagniert

Die Wahlkampagne von Bernie Sanders ist sehr lebendig. Der Senator aus Vermont hat beneidenswerte Netzwerke aus Spendern und Freiwilligen aufgebaut und viele aktuellen Umfragen in Bundesstaaten, die als erste Vorwahlen abhalten, angeführt. Dennoch stagniert Sanders' Unterstützung seit Monaten auf nationaler Ebene, während sein durchschnittlicher Stimmenanteil in Iowa von 19 Prozent im Juli auf heute 12 Prozent gesunken ist. Da der Senator bei den demokratischen Wählern bereits sehr bekannt ist, ist unklar, wie viel Raum er noch für Verbesserungen hat. Sanders hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Warren gegenüber seinen anderen Hauptkonkurrenten bevorzugt. So ist ein Szenario zumindest vorstellbar, in dem Sanders' Kampagne bis April nächsten Jahres an Fahrt verliert und seine beträchtlichen Ressourcen dann Warren zugute kommen.

Mehrere prominente Demokraten beschuldigen US-Präsident Donald Trump, er ebne mit seiner Rhetorik den Weg für Hassverbrechen.

Natürlich ist Elizabeth Warrens Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten weit davon entfernt, eine sichere Sache zu sein. Die Umfragewerte von Joe Biden sind immer noch beeindruckend. Und auch Bernie Sanders ist weiterhin in Reichweite. Außerdem es ist noch sehr früh für eine belastbare Prognose. Dennoch gibt es klare Hinweise darauf, dass Warren gute Karten hat, im November 2020 gegen Donald Trump anzutreten.

mad